FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1982 » No. 344-346

Der Revisor kommt!

Bericht eines Psychologen von seinem Besuch in Jürg Jegges Schule

Unterwegs im Auto, durch den Nebel dieses düsteren Novembertages hadere ich mit mir, ob ich mich nicht besser abgemeldet hätte für meinen ersten Besuch in der Kleingruppe Lufingen. Nachdem mein Seelenheil am Tag zuvor durch private Unstimmigkeiten arg aus den Fugen geraten war, scheint mir mein Vorhaben wenig aussichtsreich, einen Bericht über die Art des Lernens in dieser Gruppe des Schulversuchs zu schreiben. So ist es denn fast nur noch Pflichtgefühl, das mich hinfahren läßt, zu meinem Ärger übrigens, habe ich mich doch aus eigenem Interesse um diese Arbeit bemüht.

Am runden Tisch bereiten einige Jugendliche das Frühstück zu. Mit unaufdringlicher Herzlichkeit werde ich eingeladen, mich zu beteiligen. Herr Jegge werde demnächst vom Gipfeli-Einkauf zurückkommen. Die Selbstverständlichkeit dieser Begrüßung läßt meinen inneren Nebel etwas lichter werden, meine Lebensgeister beginnen sich zu regen. Es verunsichert mich zwar einigermaßen, auf das Wohlwollen dieser „Problemschüler“ angewiesen zu sein, doch bin ich ganz einfach froh darüber. Nachdem sich auch Jürg zu uns gesetzt hat, lernen wir uns im zwanglosen Gespräch beim Morgenkaffee etwas kennen. Ich erzähle kurz von meiner Absicht, einzelne Schüler berichten vom vergangenen Abend zu Hause, andere genießen es sichtlich, dabei zu sein, in ihrer Schweigsamkeit in Ruhe gelassen zu werden.

Nach und nach löst sich die Runde auf. Ein Mädchen hockt in einer Ecke der Stube, vertieft in ein Gespräch mit einem Kollegen. Einer der Schweigsamen von vorhin sucht sich im Büchergestell eine Lektüre, während Jürg für zwei Buben den Einkauf von Ersatzteilen für die Reparatur einer Dampfmaschine organisiert. Nach zehn Uhr treffen in kurzer Folge vier ehemalige Schüler ein. Inzwischen hat sich in der Stube ein lebhafter Betrieb entwickelt. Zwei der jüngeren Schüler handeln mit viel Getöse die Regeln für ein Tischtennis-Turnier aus, ein anderer hat sich den Lehrer geangelt, weil er wieder einmal ein Diktat versuchen möchte. Jürg macht ihn dabei auf orthographische Klippen aufmerksam, die dann jeweils gemeinsam kurz geklärt werden, so daß der Bub beruhigt weiterschreiben kann.

Nachdem die Neuankömmlinge sich umgesehen und den einen oder andern begrüßt haben, stellen sie Tisch und Stühle in den Gang, brauen sich einen Kaffee und sind dann bald in ein Gespräch über ihre Arbeitsplätze, über ihre „Aufsteller“ und ihre „Ablöscher“ vertieft. Als ich mich zu ihnen setze, ist eine heftige Diskussion über einen aktuellen Film in Gang, der kürzlich auch bei mir zwiespältige Eindrücke hinterlassen hat. Ich genieße es, mich mit ihnen über unsere Auffassungen von Film und Theater zu raufen. Schließlich ufern wir aus bis hin zu „Gott und die Welt im Atomzeitalter“, landen dann bei Nestroys „Talisman“ und damit in unmittelbarer Hautnähe.

Im Gegensatz zu meinen Gesprächspartnern habe ich die nun im Zentrum der Aufmerksamkeit stehende kürzliche Aufführung dieses Stückes nicht gesehen. Beim Zuhören entferne ich mich in meinen Gedanken, kehre zurück zu meiner ursprünglichen Frage, was und wie denn diese Schüler in Lufingen lernen. Hilflosigkeit macht sich breit, wenn ich daran denke, über die „Lufinger-Pädagogik“ berichten zu müssen. Eigentlich bleibt mir nur die ausdrückliche Gewißheit meiner eigenen Erfahrung, mich in dieser Schule wohlgefühlt zu haben, angeregt worden zu sein, obwohl mir zuvor der Himmel auf den Kopf gefallen war. Offensichtlich kann an diesem Ort jeder so erscheinen wie es ihm eben zu Mute ist, ohne sogleich formalen Kriterien genügen zu müssen. Vertrauen ist spürbar, daß sich die positiven Kräfte im Menschen schon regen werden, wenn er nur erst einmal davon befreit wird, seine persönlichen Stimmungen und Gefühle zugunsten allerlei vorgeplanter Wichtigkeiten unter den Tisch kehren zu müssen.

Gewiß, ich habe bei diesem einen Besuch nicht erfahren, ob die Schüler Bruchrechnen lernen oder ob sie die Flüsse und Berge der Schweiz bezeichnen können, von meßbaren Schulleistungen weiß ich nicht viel zu berichten. Ich bin aber beeindruckt vom Gespräch mit den ehemaligen Sonderschülern, von ihrer Fähigkeit ihr Leben als etwas aktiv zu Gestaltendes zu begreifen, auch über die Notwendigkeiten des Alltags hinaus.

So oder ähnlich äußerte ich mich auch gegenüber Jürg bei meinem Abschied. Dabei erwähnte ich noch, nur in einem der vier Besucher hätte ich vermutet, einen ehemaligen Sonderschüler zu erkennen. Mein Lehrerblick hatte mir aber übel mitgespielt, der gehemmte Blonde mit den traurigen Augen war kein ehemaliger „Lufinger“, als Absolvent der Realschule offenbar vergleichsweise kein Problemschüler ...

Während der Rückfahrt kommt mir Bloch in den Sinn: „konkrete Utopie“. Utopie als zukunftsorientierter Begriff scheint im Zusammenhang mit der Schule auch in die Vergangenheit zu weisen. Sicher nicht im Sinne von: „Ja, ja früher, da war alles noch besser.“ Mir scheint aber, daß sich im Laufe dieses Jahrhunderts wesentliche ursprüngliche Absichten der Gesetzgeber in ihr Gegenteil verkehrt haben. Peter Bichsel schreibt dazu: „Man hat vergessen, daß die Einführung der Schulpflicht nicht als Bildungszwang gedacht war, sondern als Garantie für das Bildungsrecht. Man wollte mit der Schulpflicht die Kinder vor uneinsichtigen Eltern und Behörden in Schutz nehmen. Die Schule muß sich bewußt werden, daß sie ein Recht (das Recht auf Bildung) zu vertreten hat und nicht einen Zwang.“

Dazu Jürg Jegge:

Die Kontakte, die zwischen Ehemaligen, Schülern, Besuchern und mir hin und her gehen, sind vielfältig, manchmal recht unübersichtlich, nicht zu vergleichen mit dem einfachen Lehrer-Schüler-Gefälle in einer herkömmlichen, hauptsächlich im Frontalunterricht geführten Schulklasse. Ein verzweifelter Visitator, der unbedingt bei uns noch so etwas wie „Schule“ entdecken wollte, verlangte schließlich, daß ihm ein Schüler die selbstgebaute Dampfmaschine erläutern solle. Der begann. Aber sobald der Visitator ihn bei eine unbedeutenden Kleinigkeit verbesserte, sagte der Bub fast enttäuscht: „Sie wissen es ja. Warum fragen Sie dann?“ Er ließ den Besucher stehen und wandte sich wieder der Arbeit zu, an der er gerade war.

Aus: Jürg Jegge, „8424 Embrach — unser Versuch, dort zu leben.“ Zytglogge/Kösel 1982.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1982
, Seite 21
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