FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1969 » No. 192
Jean-Paul Sartre

Der Narr mit dem Tonband
oder
Die psychoanalysierte Psychoanalyse

Mit der Niederschrift eines Tonbandes von A.

Brief von A. an J.-P. Sartre

Nun bin ich aus der psychiatrischen Klinik entkommen, mit einer gebrochenen Hand und der Polizei auf den Fersen ... Aber so arg ist das mit der Hand gar nicht, wenn man den angeschlossenen Text liest, der auch ein paar harte Schläge enthält. Leider ist ein beträchtlicher Teil davon durch Geräusche bei der Tonbandaufnahme verlorengegangenen. Kann man das veröffentlichen? Ist das interessant? Es ist leicht, amüsant und schnell zu lesen. Wenn Sie sich entschließen, es zu veröffentlichen, müßte man einige nähere Angaben machen: Ich bin 33 Jahre alt, habe meine Analyse bei Doktor X. mit 14 Jahren begonnen. Es gab mehrere Unterbrechungen, aber erst mit 28 Jahren habe ich mich entschlossen, mit der Behandlung endgültig aufzuhören, gegen den Willen von Doktor X. Drei Jahre später habe ich Doktor X. die Begegnung vorgeschlagen, die hier aufgezeichnet wurde. Ich glaubte ihm das Resultat meiner in der Zwischenzeit angestellten Überlegungen mitteilen zu müssen. Als Titel schlage ich vor „Psychoanalytischer Dialog“.

J.-P. Sartre rechtfertigt die Veröffentlichung

Ich bin kein „falscher Freund“ der Psychoanalyse, sondern ihr kritischer Weggefährte, ich habe keine Lust und auch keine Mittel, sie lächerlich zu machen. Das nachfolgende Dokument zwingt aber zum Lachen: man hat es immer gern, wenn der Kasperl den Polizisten verprügelt.

Im Grunde ist der Text gar nicht komisch: weder für den Analytiker noch für den Analysierten. Sicher hat dieser die schönere Rolle, doch hat sich jener, alles in allem, zwar nicht gerade ruhmreich, aber auch ohne Katastrophe aus der Affäre gezogen. Wem würde es besser ergehen, wenn er nicht gerade Judo kann?

Warum also hat mich dieser Dialog fasziniert? Weil er mit verblüffender Deutlichkeit den Einbruch des Subjekts in das Zimmer des Analytikers, mehr noch: die Umkehrung der Subjekt-Objekt-Beziehung zeigt. Unter Subjekt verstehe ich hier nicht das Ich als Quasiobjekt der Reflexion, sondern den Handelnden: in diesem seinem kurzen Abenteuer ist Patient A. Subjekt in dem gleichen Sinn, in dem Marx vom Proletariat als dem Subjekt der Geschichte spricht.

A. sieht sich selbst nicht als vollkommen freies und gesundes Subjekt — wer ist das schon? —, wohl aber als Subjekt einer Verletzung, als einen von schweren, unfaßbaren Problemen Gequälten, der bei einem anderen vergeblich um Hilfe gebeten hat.

A. verweist uns auf eine tiefgreifende Erfahrung: der Analytiker als unsichtbarer und schweigsamer Zeuge verwandelt schon im Mund des Patienten das Wort und diesen selbst in ein Objekt; aus dem einfachen Grund, weil es zwischen dem Mann mit abgewandtem Rücken und dem auf der Couch liegenden Patienten keine Wechselwirkung gibt.

Ich weiß: der Kranke muß sich selbst emanzipieren, er muß sich selbst nach und nach entdecken. Aber die Schwierigkeit, sagt A., liegt darin, daß er sich als etwas Passives entdeckt — durch diesen Blick des Analytikers, den er nicht einfangen kann und der ihn doch beobachtet.

Der Patient mit dem Tonband ist überzeugt, daß der Weg, der ihn zur Unabhängigkeit führen soll: dahin, seinen Phantasien und den Menschen ins Gesicht zu sehen, nicht über die absolute Abhängigkeit führen kann, über ein zumindest stillschweigendes Versprechen: „Ich werde Sie heilen, warten Sie auf meine Erlaubnis, gesund zu sein.“

Was soll man antworten, wenn Patient A. uns sagt, daß die Heilung des Kranken damit beginnen muß, sich gegenseitig ins Gesicht zu sehen, daß die Heilung ein gemeinsames Werk sein muß, bei dem jeder, Patient wie Arzt, Gefahr und Verantwortung übernimmt?

Man soll dem Patienten sagen, worum es geht, aber ihm dabei in die Augen schauen. Die Heilung kann nur geschehen im Lauf eines langen Abenteuers zu zweit, in der Intimität menschlicher Wechselbeziehung, nicht anonym, unpersönlich, mit Worten wie aus Stein. Das Subjekt will als verletztes, fehlgeleitetes Subjekt verstanden werden.

Da es für den Patienten A. zu keiner Zusammenarbeit zwischen Subjekten kommt, schreitet er zur Tat: er stößt die Behandlung und mit einem Schlag auch die Situation um: in seinem „psychoanalytischen Dialog“ verkehren sich die Rollen: der Analytiker wird zum Objekt. Zum zweitenmal wird die Begegnung von Mensch zu Mensch versäumt. Diese Geschichte des Patienten A, die manche als Burleske ansehen werden, ist eine Tragödie der unmöglichen Wechselbeziehungen.

Hier liegt Gewalt vor, sagt Doktor X., und das steht außer Zweifel. Aber ist es nicht Gegengewalt?

A. stellt die Frage in bewundernswerter Klarheit: Diese „endlose psychoanalytische Beziehung“, diese Abhängigkeit, dieses Untertänigkeitsverhältnis, dieses lange Liegen auf einer Couch, wo der Mensch quasi nackt ist und in das Gestammel der Kindheit zurückfällt, ist das nicht die primäre Gewalt?

Doktor X. würde antworten: „Wir wenden niemals Zwang an, jeder kommt und geht, wann er will; wenn ein Patient uns verlassen will, dann kommt es zwar vor, daß wir versuchen, ihn davon abzuhalten — denn wir wissen, daß dieser Abbruch der Behandlung ihm schadet —, aber wenn er darauf beharrt, geben wir nach; daß ich Sie vor drei Jahren gehen ließ, ist der Beweis dafür.“

Das stimmt, und für mich sind die Analytiker damit außer Obligo. Aber A. gibt sich nicht geschlagen: Solange die Analyse dauert, dauert auch die wöchentliche oder zweimal wöchentliche Abdankung des Analysierten zugunsten des Analytikers. In dieser Situation ist die Gewalt latent vorhanden, damit auch die Unterwerfung des Patienten: Subjekt zu sein ist anstrengend, und auf der Couch lädt alles dazu ein, die beklemmende Verantwortung, einer allein zu sein, zu ersetzen durch die anonyme Summe der Triebe.

Patienten sind machtlos

Die Umkehrung der Behandlung durch den Patienten A. zeigt, daß die analytische Beziehung an sich gewalttätig ist, unabhängig vom Arzt und vom Patienten, den wir gerade ins Auge fassen. Wenn Gewalt die Situation umkehrt, wird der Analytiker auf der Stelle zum Analysierten oder vielmehr zu einem der Analysebedürftigen: Die Gewalt des anderen und seine eigene Ohnmacht versetzen ihn künstlich in die Situation der Neurose.

Die Reaktion des Analytikers beweist, daß er mit einem Schlag zum Patienten geworden ist. Seine Worte müssen von da ab erst dechiffriert werden. Ich will diese Worte, in Momenten begreiflicher Verwirrung gesprochen, nicht überinterpretieren, ich will nur verständlich machen, daß Gewalt die Sprache verfälscht; daß dann jedes Wort entweder zuviel oder zuwenig aussagt.

Die plötzliche Verwandlung des Dr. X., des Subjekts der Analyse, zum Objekt löst bei ihm eine Identitätskrise aus: Wie soll er sich erkennen? Er empfindet die plötzliche Fremdheit, die Freudsche „Unheimlichkeit“, und das ist der Grund des verzweifelten Widerstandes, den er A. entgegensetzt: Solange das Tonband läuft, spricht er nicht.

Wie erklärt sich der Horror vor dem Tonband? Er entdeckt, wie eben das Objekt einer Analyse, daß seine Worte, die ihm in der Stille des Behandlungsraumes so leicht von den Lippen flossen — ein „Kranker“ ist kein Zeuge —, nun festgehalten werden: das Tonband entspricht der Warnung der englischen Justiz an den Angeklagten: Von diesem Augenblick an kann alles, was Sie sagen, gegen sie verwendet werden.

Dr. X. versucht ein letztes Mal, seinen Expatienten einzuschüchtern, ihn als Objekt zu behandeln, ihn an seine Abhängigkeit zu erinnern: „Sie sind gefährlich, weil sie die Realität verkennen.“ Aber er erhält die geniale Antwort: „Was ist die Realität?“ Ja, was ist die Realität, wenn sich Analytiker und Patient gleichberechtigt gegenüberstehen, wenn der Analytiker nicht mehr allein und souverän darüber entscheiden kann, was das Wirkliche ist oder, anders gesagt: wenn er nicht mehr seiner bestimmten Konzeption der Welt den Vorzug geben kann? Was ist die Realität, wenn sich der Patient weigert zu tun, was ihm der Doktor anschafft?

In einer burlesken Wendung, in einer Umkehr der antagonistischen Beziehungen zwischen Analytiker und Patient analysiert nun jeder der beiden den anderen, wendet einer auf den anderen das gleiche Schema an: Sie ahmen Ihren Vater nach; nein, Sie ahmen Ihren Vater nach; Sie reagieren wie ein Kind; nein, Sie tun das. Die Sprache des Analytikers wird wie ein Echo verdoppelt und erscheint wie verrückt.

Muß man wählen zwischen dem Subjektsein des „Kranken“ und der Psychoanalyse als Objektsein? Der Mann mit dem Tonband hat drei Jahre lang überlegt (ob er sich geirrt hat oder nicht, darauf kommt es mir nicht an), sein Plan ist langsam gereift, er hat seinen Coup sorgsam vorbereitet und ausgeführt. Hören Sie ihm zu, wie er spricht, hören Sie seine Ironie und auch seine Angst, merken Sie, wie er sich wohl fühlt, wenn er mit den Begriffen spielt, die man so lange auf ihn angewandt hat. Ich frage Sie, wer ist er? Wer ist dieser A., der hier spricht? Ein automatischer, blind ablaufender Prozeß oder die Überwindung dieses Prozesses durch eine bewußt gesetzte Tat?

Ich zweifle nicht daran, daß jedes seiner Worte und jede seiner Handlungen psychoanalytisch interpretiert werden können: aber nur unter der Bedingung, daß man ihn wieder auf den Status eines Objekts reduziert. Was dann, mit dem Subjekt, wieder verschwindet, ist der unnachahmliche und einzigartige Charakter der ganzen Szene: ihr bewußter Aufbau, das heißt die Aktion als solche.

Man wende nicht ein, daß hier ein „Kranker“ eine Szene herbeiführt: Ich gebe ja zu, daß er sie als Kranker herbeiführt; was nichts an der Tatsache ändert, daß er sie herbeiführt. Analytiker können die Motive anführen, warum jemand zur Tat schreitet. Aber die Tat selbst, die die vergänglichen Motive überwindet, bewahrt, verinnerlicht, die Tat, die dem, was uns geschieht, Sinn gibt — die haben die Analytiker damit nicht erklärt. Sie müßten hier eben den Begriff des Subjekts wieder einführen.

In England oder in Italien würde A., das unbestreitbare Subjekt dieser kurzen Geschichte, echte Gesprächspartner finden: eine neue Generation von Psychiatern versucht, zwischen sich und den Personen, die sie behandeln, eine wechselseitige Beziehung herzustellen. Ohne von den gewaltigen Errungenschaften der Psychoanalyse etwas aufzugeben, respektieren sie in jedem Kranken zunächst die Freiheit des Handelns, den Handelnden, das Subjekt.

Ich verkenne nicht die Schwierigkeiten, auf die dies stößt: die Tiefenpsychologie erfordert Entspannung und eine gewisse Lockerung, daher die Couch; das persönliche Gegenüber hingegen Wachsamkeit, Souveränität, eine gewisse Anspannung. Aber man wird in der Psychiatrie nicht weiterkommen, wenn man diese Schwierigkeiten nicht meistert.

Es scheint mir nicht unmöglich, daß eines Tages auch die Psychoanalytiker im klassischen Wortsinn den gleichen Standpunkt einnehmen. Bis dahin präsentiere ich diesen „Dialog“ als heilsamen Skandal.

Die Tonbandaufzeichnung von A.

A.: Ich will, daß endlich einmal irgend etwas klar wird. Bis jetzt habe ich Ihre Regeln befolgt, nun müssen Sie einmal versuchen ...

Dr. X.: Wir können ja aufhören, aber das ist für Sie sehr schade.

A.: Haben Sie vor diesem Tonband Angst?

Dr. X.: Ich will das nicht; ich mache da nicht mit.

A.: Aber warum? Erklären Sie mir das wenigstens. Warum haben Sie Angst vor diesem Tonband?

Dr. X.: Ich breche die Behandlung ab. Ich schneide Ihnen das Wort ab.

A.: Sie schneiden ab. Das ist ja interessant. Schon wieder reden Sie vom Abschneiden. Eben haben Sie mir vom Abschneiden des Penis gesprochen.

Dr. X.: Hören Sie, jetzt ist Schluß mit diesem Tonband.

A.: Ich glaube, Sie haben Angst. Aber das brauchen Sie nicht, denn das, was ich tue, liegt in Ihrem Interesse. Ich tue es für Sie und für viele andere. Ich will dieser Sache auf den Grund gehen ...

Dr. X.: Gut, dann gehe ich eben ...

A.: Sie bleiben, Doktor! Sie bleiben und rühren diesen Apparat nicht an.

Dr. X.: Wir können die Behandlung später fortsetzen, wenn Sie jetzt den Raum verlassen ...

A.: Ich verlasse diesen Raum nicht ... Sie werden sehen ..., es wird nicht weh tun ... Also beruhigen Sie sich, setzen Sie sich ... Es geht also um das Abschneiden des Penis, nicht wahr? Mein Vater wollte mir ...

Dr. X.: Im Augenblick sind Sie nicht in der Lage, mit mir zu diskutieren.

A.: Oh, ja, Sie wollen nicht diskutieren ...

Dr. X.: Ich habe Sie gebeten, diesen Apparat zu entfernen.

A.: Aber ich tue Ihnen ja nichts damit ... Da ist etwas, was Sie mir seit Jahren einreden wollen. Ich möchte aber, daß Sie sich nicht um das Eigentliche herumdrücken, nämlich um Ihre Verantwortung.

Dr. X.: Es ist Ihre Verantwortung!

A.: Ich bin verantwortlich! Ich leiste jetzt wissenschaftliche Arbeit! Sie wissen, daß es viel besser ist, wissenschaftliche Arbeiten auf Tonband aufzunehmen. Wir sind dann freier und müssen keine Notizen machen. Wir werden weiterkommen.

Dr. X.: Hier geht es nicht um wissenschaftliche Arbeit!

A.: Doch! Ich habe geglaubt, bei einem Wissenschafter zu sein. Jedenfalls habe ich mich einem Wissenschafter anvertraut, und ich möchte wissen, um welche Wissenschaft es sich da handelt ...

Dr. X.: Ich habe das Recht, nicht zu sprechen, wenn das Tonband läuft.

A.: Aha. Sie fühlen sich angeklagt. Sie wollen wie ein Amerikaner nur in Anwesenheit Ihres Anwalts aussagen ...

Dr. X.: Dann geben Sie diesen Apparat weg.

A.: Jetzt unterhalten wir uns schon sehr gut; aber ich möchte, daß Sie aufhören, Angst zu haben ...

Dr. X.: Ich unterhalte mich nicht.

A.: Sie haben Angst. Wie ist das mit Ihrer Libido? Glauben Sie wirklich, daß ich Ihnen Ihren Dingsda abschneiden will? Aber nein. Ich will Ihnen einen richtigen geben! Wunderbar! Endlich! Lange haben Sie auf dieses kleine Fest gewartet! Doktor! Ich will Ihr Bestes, aber Sie, Sie wollen es nicht.

Dr. X.: Sie sind nur im Augenblick ...

A.: Ich will Ihr Bestes, aber ich finde, daß Sie mich mißbraucht haben; ja, ich möchte sagen, daß Sie mich sogar betrogen haben, wenn man die Sache juristisch fassen will. Sie haben Ihre ärztliche Pflicht nicht erfüllt, Sie haben mich nicht geheilt; Sie sind gar nicht bereit, Ihre Pflicht zu erfüllen, Sie können die Leute gar nicht heilen, Sie können sie nur noch verrückter machen ... Man braucht nur Ihre anderen Kranken zu fragen, das heißt die Leute, von denen Sie behaupten, daß sie krank sind, und die zu Ihnen um Hilfe kommen und keine finden ... Also, setzen Sie sich! Bleiben Sie ruhig! Sind Sie ein Mann oder ein Waschlappen?

Dr. X.: Ich habe Ihnen schon gesagt, daß Sie hier einen Apparat haben und daß ich das nicht wünsche.

A.: Es tut mir leid, ich habe diesen Apparat herausgezogen, weil es mir nicht gefällt, wie Sie plötzlich dem Problem der Kastration aus dem Weg gehen.

Dr. X.: Ich will gerne vom Problem der Kastration sprechen, wenn das Ihr eigentliches Problem ist, aber ich will diesen Apparat nicht.

A.: Sie haben Angst! ... Reiß Dich doch zusammen, Burschi!

Dr. X.: Glauben Sie nicht, daß dies eine ernste Situation ist?

A.: Schrecklich ernst. Deswegen ist es besser, wenn du ein anderes Gesicht machst, Burschi. Du siehst, ich muß schon die Hosen anhaben, daß ich mir so etwas leisten kann! Ich muß schon sehr sicher sein, gelt?

Dr. X.: Aber nein, Sie sind nicht sehr sicher. Wenn Sie sicher wären, würden Sie nicht so handeln! Lassen Sie mich jetzt gehen, die Situation ist sehr gefährlich.

Der Arzt als Kind

A.: Gefährlich?

Dr. X.: Ja, Sie sind gefährlich!

A.: Aber nein, ich bin überhaupt nicht gefährlich.

Dr. X.: Sie sind gefährlich, weil Sie die Realität verkennen.

A.: Was ist die Realität?

Dr. X.: Sie sind gefährlich, weil Sie die Realität verkennen.

A.: Aber was ist die Realität? Darüber müssen wir uns erst einigen. Eines weiß ich: vom Standpunkt Ihrer Realität sind Sie sehr zornig, es fällt Ihnen verflixt schwer, sich zu beherrschen, Sie werden gleich explodieren. Sie regen sich furchtbar auf, weil Sie Angst haben, aber Sie haben keinen Grund, ich bin nicht Ihr Vater!

Dr. X.: Aber Sie haben diesen Apparat!

A.: Ich bin nicht Ihr Vater.

Dr. X.: Sie haben diesen Apparat.

A.: Na und?

Dr. X.: Hören wir jetzt auf.

A.: Aber es tut doch nicht weh! Wovor haben Sie denn Angst? Es ist kein Revolver.

Dr. X.: Hören wir jetzt auf.

A.: Sie haben Angst.

Dr. X.: Hören wir auf.

A.: Hören Sie, wollen Sie eine Tracht Prügel?

Dr. X.: Sehen Sie, Sie sind gefährlich.

A.: Aber nein, ich stellte Ihnen die Frage, ob Sie nicht aufhören wollen, ein kleines Kind zu spielen.

Dr. X.: Sie sind gefährlich.

A.: Sie sind kindisch.

Dr. X.: Sie sind gefährlich. Ich habe Ihnen nichts zu sagen.

A.: Sie haben mir nichts zu sagen? Aber Sie sind mir Rechenschaft schuldig.

Dr. X.: Ich habe Sie aufgefordert, den Raum zu verlassen.

A.: Sie sind mir Rechenschaft schuldig.

Dr. X.: Sie sehen, daß Sie gefährlich sind.

A.: Ich bin nicht gefährlich; ich rede nur laut, und das ertragen Sie nicht. Wenn man schreit, dann haben Sie Angst. Sie hören einen brüllenden Vater. Aber ich meine es nicht ernst, mein Sohn. Siehst du, jetzt hast du keine Angst mehr, jetzt geht es schon viel besser, du gewöhnst dich daran, großartig. Es ist wirklich nicht so arg: ich bin nicht dein Vater. Ich könnte noch weiterschreien, aber ich höre jetzt auf.

Dr. X.: Machen Sie jetzt Ihren Vater nach?

A.: Aber nein, Ihren Vater. Ich wollte Sie nur von Ihren Ängsten befreien. Sie haben ja in die Hose gemacht. Haben Sie wirklich geglaubt, daß ich Sie schlagen will? Dazu ist dein Vati viel zu lieb. Wenn ich gefährlich bin, dann doch nicht für meinen kleinen Burschi, gefährlich bin ich für den Arzt, für den sadistischen Arzt, nicht für den kleinen Burschi. Der hat selbst schon genug durchgemacht, warum soll ich ihn auch noch schlagen? Aber der Arzt, der Psychiater, der den Platz des Vaters eingenommen hat, der verdient einen Tritt in den Hintern. Also jetzt werde ich Sie einmal analysieren.

Die Polizei als Ersatzvater

Dr. X.: Sie können ruhig weiterreden. Ich werde nichts reden ...

A.: Gut, ich werde reden. Wir nehmen es auf. Ich lasse auch Ihnen eine Kopie machen, wenn Sie wollen. Das müßte Sie eigentlich interessieren ... Ich hoffe es für Sie. Gut ... also darauf kann man niemanden heilen (zeigt auf die Couch), das ist unmöglich. Und Sie selbst sind nicht geheilt, weil Sie zu viele Jahre darauf verbracht haben. Sie wagen nicht, den Leuten ins Gesicht zu schauen. Sie haben vorhin davon gesprochen, daß ich „meinen Phantasien“ ins Gesicht schauen muß. Aber Sie selbst haben mich gezwungen, Ihnen den Rücken zuzuwenden. So kann man die Leute nicht heilen. Das ist unmöglich. Mit anderen leben, heißt ihnen ins Gesicht schauen. Was soll ich daraus lernen? Sie haben mir im Gegenteil die Freude vertrieben, ein Leben mit den anderen zu versuchen, einer Sache direkt gegenüberzutreten. Das ist Ihr Problem. Sie bringen die Leute in diese Lage, weil Sie ihnen nicht ins Gesicht schauen können, Sie können sie nicht heilen, Sie können ihnen nur Ihre Vaterprobleme immer wieder vorkäuen, weil Sie davon nicht loskommen. Von Sitzung zu Sitzung traktieren Sie Ihre Opfer mit Ihrem Vaterproblem. Verstehen Sie ein bißchen, was ich sagen will? Ich habe große Mühe gehabt, das zu verstehen, davon loszukommen, mich davon abzuwenden.

Sie haben mir ein bißchen geistige Gymnastik beigebracht, aber geben Sie zu, daß das Ganze ein wenig teuer war, wenn das alles war. Durch Sie habe ich verlernt, jemandem ins Gesicht zu schauen, ich habe Ihren Versprechungen vertraut, und da ich Sie nicht sehen konnte, konnte ich mir nicht vorstellen, wann Sie mir endlich das geben würden, was ich bei Ihnen suchte. Ich wartete auf die Erlaubnis. Ja, das war es. Sie wären ja dumm gewesen, wenn Sie sie mir gegeben hätten, wenn Sie mich freigegeben hätten, da ich Sie ja ernährte, Sie lebten auf meine Kosten, Sie haben mein Geld genommen. Ich war der Kranke, Sie waren der Arzt. Sie hatten endlich Ihr Kindheitsproblem gelöst. Sie waren der Vater, ich war das Kind.

Dr. X.: Ich rufe jetzt die Polizei an, daß man Sie wegbringt.

A.: Die Polizei? Den Vater! Ihr Vater ist der Polizist! Sie telephonieren Ihrem Vater, das er mich abführt. Das müssen wir jetzt analysieren.

Dr. X.: Aber nein, Sie hören sich dann alles auf Ihrem Tonband an.

A.: Wollen Sie mir nicht wenigstens sagen, warum Sie das so ärgert? Ich sage es Ihnen: Weil auf einmal ich das Steuer in die Hand nahm. Bis jetzt waren Sie gewohnt, die Situation völlig zu kontrollieren, und nun bricht plötzlich das Unheimliche bei Ihnen ein.

Dr. X.: Ich bin physische Gewalt nicht gewohnt.

A.: Wieso physische Gewalt?

Dr. X.: Es ist Gewalt, plötzlich diesen Apparat herauszuziehen.

A.: Schauen Sie sich doch die Situation an! Das ist doch lächerlich! Man nimmt ein Tonbandgerät heraus, und schon verschlägt es Ihnen die Sprache! Sie haben sich selber das Wort abgeschnitten. Ich habe Ihnen nichts abgeschnitten ...

Dr. X.: Die Zeit, die ich für Sie vorgemerkt habe, ist abgelaufen, Sie müssen gehen.

A.: Die Zeit existiert nicht.

Dr. X.: Doch, sie existiert.

A.: Nein, sie existiert nicht. Jetzt erst beginnt die richtige Zeit, glauben Sie mir ...

Dr. X.: Hören Sie, ich werde jetzt von einem anderen Patienten erwartet.

A.: Das nächste Opfer hat es nicht eilig. Wir werden diesen Raum nicht verlassen, solange das, was sich hier ereignet hat, solange das Problem Ihrer Pflichten und der Nichterfüllung dieser Pflichten nicht klargeworden ist. Sprechen Sie nicht von physischer Gewalt. Sie haben mit der Anwendung der physischen Gewalt begonnen, als Sie mich gezwungen haben, mich auf der Couch umzudrehen, den Kopf von Ihnen wegzudrehen. Sie haben die Bedingungen verfälscht, sind Sie sich dessen nicht bewußt? Und jetzt: Merken Sie nicht, daß Sie auf einmal lächerlich sind?

Dr. X.: Ich habe Ihnen gesagt, daß Sie gefährlich sind.

A.: Herr Doktor, Sie sind ein Trottel! Ich bin jahrelang zwei- oder dreimal in der Woche zu Ihnen gekommen: Was habe ich dafür bekommen? Wenn ich verrückt und gefährlich bin, wie Sie sagen, dann ernten Sie nur, was Sie gesät haben ... Die Psychoanalyse verdient, daß man darüber nachdenkt, daß wir versuchen, uns frei auszusprechen und zu verstehen, was zwischen uns vorgefallen ist, weil wir daraus vielleicht auch für andere eine Lehre ziehen können. Ich bin nicht gefährlich, sagen Sie das nicht die ganze Zeit, damit versuchen Sie nur, uns vom Weg abzubringen. Sie sind nach Freud gekommen, man hat Ihnen Ihr Studium bezahlt, und Sie haben es geschafft, ein Schild an Ihre Tür zu heften. Und nun belästigen Sie eine Reihe von Leuten; Sie haben ja das Recht, das zu tun, und damit glauben Sie, sich aus allem herauszuhalten. Sie sind ein Versager, Sie machen aus Ihrem Leben nichts anderes, als Ihre eigenen Probleme anderen Leuten aufzuladen. Ich möchte, daß Sie jetzt sitzenbleiben.

Dr. X.: Physische Gewalt!

A.: Ich möchte nur, daß Sie sich setzen.

Dr. X.: Physische Gewalt! Physische Gewalt!

A.: Aber nein, das ist doch Theater!

Dr. X.: Sie wenden physische Gewalt an! Ich habe Ihnen Gelegenheit gegeben, sich auszusprechen, und Sie ...

A.: Ich möchte jetzt, daß Sie sich aussprechen.

Dr. X.: Die Unterredung ist beendet.

A.: Aber gar nicht, ich fühle mich hier sehr wohl. Ich bin wie ein Senator aus dem Süden, der das Rednerpult nicht verläßt.

Dr. X.: Sie sind wirklich sehr gefährlich. (Der Doktor geht zum Fenster, das Öffnen der Läden macht starken Lärm.)

A.: Wollen Sie beim Fenster hinausspringen? Das geht zu weit! (Schließt die Läden.)

Dr. X.: Es wird schlecht ausgehen.

A.: Es wird in einer Tragödie enden! In einer blutigen Tragödie! Es wird blutig enden!

Dr. X.: Es wird Blut fließen.

A.: Aber nein, es wird kein Blut fließen, alles wird ganz freundlich ausgehen. Wir unterhalten uns gut.

Dr. X.: Es wird zur Gewalt kommen.

A.: Fangen Sie wieder an?

Dr. X.: Sie üben physischen Druck aus, indem Sie hierbleiben.

A.: Und die psychische Folter, die Sie auf mich ausübten? Was sagen Sie dazu?

Dr. X.: Sie agieren auf der physischen Ebene.

A.: Hören Sie, wenn Sklaven revoltieren, kann manchmal Blut fließen. Trotzdem sehen Sie, daß hier noch niemand blutet.

Dr. X.: Sie agieren auf der Ebene der physischen Gewalt.

A.: Sie machen sich ja an vor Angst.

Dr. X.: Sie möchten wohl, daß ich das tue.

A.: Aber gar nicht, ich stelle nur fest, daß Sie in die Hosen machen.

Dr. X.: Sie glauben, daß Sie mich herumkriegen.

A.: Ich möchte nur, daß Sie ernsthaft mit mir reden.

Dr. X.: Also gut, ich spreche ernsthaft mit Ihnen: es ist Zeit, daß Sie gehen.

A.: Es ist Zeit zur Rechenschaft! Jetzt ist Ihre Stunde da!

Dr. X.: Es tut mir sehr leid.

A.: Was tut Ihnen sehr leid? Erlauben Sie, mir tut es sehr leid, Sie haben mich jahrelang verrückt gemacht! Durch Jahre! Und Sie wollen, daß es dabei bleibt!

Dr.: Hilfe! Hilfe! Zu Hilfe, Mörder, zu Hilfe, zu Hilfe, zu Hilfe!

A.: Ruhig, setzen Sie sich!

Dr. X.: Hilfe! Zu Hilfe! Hiiiiiilfe! (Langes Heulen.)

A.: Armes Schwein! Setzen Sie sich doch!

Dr. X.: Zu Hilfe! (Gemurmel.)

A.: Wovor haben Sie Angst?

Dr. X.: Zu Hiiiiiiiilfe! (Neuerliches Heulen.)

A.: Haben Sie Angst, daß ich Ihnen Ihren Dingsda abschneide?

Dr. X.: Zu Hiiiiiilfe! (Dieser Schrei ist der längste und schönste.)

A.: Was für eine komische Aufzeichnung!

Dr. X.: Zu Hilfe! Zu Hilfe! Zu Hilfe! (Pause.)

A.: Sie sind ja ein Kind! Sie haben ja den Streit begonnen. Setzen Sie sich. Du willst ein Wissenschafter sein! Eine schöne Wissenschaft! Freud wäre entzückt davon! Niemals ist er in eine solche verrückte Situation geraten.

Dr. X.: Wenn Sie wollen, hören wir jetzt auf. Die Leute draußen haben mich gehört, es ist vielleicht besser, wenn Sie gehen. Sie riskieren, festgenommen zu werden, aber das wird nicht meine Schuld sein.

A.: Wunderbar, ich warte auf diese Festnahme. Wir sind im Begriff, ein wichtiges Kapitel der Psychoanalyse zu schreiben. Setzen wir uns und warten wir auf die Polizei. Warten wir, bis Ihr Vater kommt. Beruhigen Sie sich, Sie sind ja schrecklich aufgeregt.

Dr. X.: Heute werde ich nicht mehr sprechen. Ich will natürlich noch mit Ihnen sprechen, aber nur in Anwesenheit von Personen, die Ihre Gewalttaten bremsen können.

A.: Sehr gut.

Dr. X.: Aber ich bin bereit, mich mit Ihnen ohne Tonband auszusprechen, in Anwesenheit von Personen, die Sie zurückhalten können.

A.: Sehr gut! Haben Sie nichts mehr zu sagen? Hören wir auf.

(Die Polizei kommt.)

Dieser Beitrag erscheint in Kooperation mit den uns befreundeten Zeitschriften „Les Temps Modernes“, Paris, und „Ramparts“, San Franzisko.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1969
, Seite 705
Autor/inn/en:

Jean-Paul Sartre:

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