FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1971 » No. 209/I/II
Walter Navratil

Der Mensch als Ente

Grobian Gans: Die Ducks. Moos Verlag München

Eines Tages werden wir nicht mehr gewohnt sein, unbebilderte Literatur zu lesen. Fernsehen, illustrierte Zeitschriften usw. fördern diese Tendenz, Comic Strips sind zugleich ihre Nutznießer. Zu den Bestsellern unter den Comics zählen die Geschichten um Donald Duck (wöchentliche Auflage allein in Deutschland um 500.000), die keineswegs nur von Kindern gelesen werden und eine Institution der Volksaufklärung sind. Der Autor dieses Buches richtet sich nun vor allem an jene, die durch zu vordergründige Lektüre zu vorschnellen Urteilen über die Entenfamilie gekommen sind.

Bevor Grobian Gans die Enten einzeln analysiert, untersucht er ihre Ahnenreihe und gelangt bis „Sir Daunenstert Duck, gefallen im Kampf gegen die Angelsachsen anno 1174“. Doch der Stammbaum bleibt trotz höchster wissenschaftlicher Akribie lückenhaft, da Gans (der Autor) immer wieder auf Elternschwund und Veronkelung stößt, was er mit dem gebrochenen Verhältnis der Ducks zur eigenen Geschlechtlichkeit erklärt.

Selbst den Kenner Duckscher Charaktere, der zum kapitalistischen Geizling Dagobert längst die richtige Einstellung hat und den glücklosen Sozialdemokraten Donald nicht mehr bemitleidet, muß es schockieren, wenn der „Glückspilz“ Gustav Gans als CIA-Agent entlarvt wird, „denn wer sonst sollte in der Lage sein, Gustav bei einer überraschend hereinbrechenden Springflut mit einem Gummielefanten zu versorgen“.

Unter den Sexualpsychologen muß dem Autor eine Vorrangstellung eingeräumt werden: Anette Duck, besser bekannt als Oma Duck, entpuppt sich als Lady Chatterley ihres Knechtes Franz Gans, Donald Duck in seinem ewigen Matrosenanzug als Ödipuskomplexler. Gegenüber Daisy, mit der er sich seit jeher im Vorfeld einer Intimbeziehung befindet, verhält sich Donald nach Art der Amerikaner, die Nelson Algren so beschreibt: „Wenn du mich einen kleinen Jungen bleiben läßt, laß ich dich ein kleines Mädchen bleiben.“

Eine Illusion linker Träumer, oder besser eine Illusion der Träumer unter den Linken, wird herb genommen: Die Panzerknacker, die „markantesten Außenseiter von Entenhausen“, haben mit guten Kommunisten nichts gemeinsam. Ihr Platz ist nicht „bei den Entrechteten in Kummersdorf, dem Slum von Entenhausen“. Anstatt das Wirtschaftsimperium Onkel Dagoberts zerstören zu wollen, wollen sie „Nichts, als soviel Geld zusammenkratzen, daß ich in Pension gehen kann“. Eine Million Taler ist der Plafond ihrer Vorstellungskraft, Dagobert aber, „das Lehrbeispiel freien Unternehmertums ... verfügt in Zeiten einer ausgeglichenen Konjunktur über ein ruhendes Privatvermögen von beiläufig 13 Trillionen Ententalern. ... Das entspricht einer Kaufkraft von zirka 23.790.000.000.000.000 DM“.

Das gesamte Psychogramm ist mit Auszügen aus den Originaltexten dokumentarisch belegt — das macht denen, die sonst ausschließlich Comics konsumieren, das Lesen leichter. Des Autors Schlüsse sind oft verblüffend, kaum einer ist zu widerlegen. Kann er die hintergründige Wahrheit einmal nicht aufhellen, dann hält er es mit Wittgenstein: „Wovon man nicht reden kann, darüber muß man schweigen.“ Mit den kleinen Enten springt er nicht gerade sanft um. Bei aller Stichhaltigkeit der Argumentation muß man doch um die völlige Objektivität besorgt sein. Etwa wenn er über das Liebesverhältnis zwischen Oma Duck und ihrem Knecht Franz Gans sagt: „Eine Legalisierung dieses Verhältnisses verbietet sich selbstverständlich bei dem übersteigerten Sippenstolz der Ducks, die der Verbindung mit einer Gans niemals zustimmen würden“: Hier zeigt der Autor, selbst eine Gans, die Aggressivität des Diskriminierten.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1971
, Seite 57
Autor/inn/en:

Walter Navratil:

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