FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1982 » No. 344-346
Ernst Bloch

Der Maulwurf bohrt

Vor Fünf Jahren starb Ernst Bloch, 92 (geb. Ludwigshafen 8. Juli 1885, gestorben Tübingen 4. August 1977), Mitglied unseres Redaktionsbeirates. Es ist viel länger her. Es ist viel kürzer her. Zum Beweis der nachfolgende unveröffentlichte Text, gesprochen auf einem internen Symposion der christlich-marxistischen Paulus-Gesellschaft, als sie noch blühte, 1965. Er gab diesem Referat den Titel „Der Mensch des utopischen Realismus“.

I. Geist hat Vorrang

Es ist mir an der bisher geführten Diskussion aufgefallen, daß, sowohl was die Materie angeht wie was den Geist angeht, eine Beschränkung auf physische, chemische und biologische Erscheinungen stattfand. Dialektischer Materialismus hat damit selbstverständlich auch etwas zu tun, aber sein Zentrum liegt woanders. Sein Zentrum liegt in Ökonomie, in Geschichte und der Lehre von der Ideologie oder von dem Überbau. Unser Thema „Mensch und dialektischer Realismus“ kann auf physische, physikalische, chemische und organische Zusammenhänge nur begrenzt werden innerhalb des mechanischen Materialismus und zwischen mechanischem und dialektischem Materialismus ist ein ganz ungeheurer, fast grundlegender Unterschied.

Die „Stoffklötzchen“, von denen gesprochen wurde, gibt es in der Lehre vom dialektischen Materialismus überhaupt nicht und der Geist ist nicht das, was nach dem mechanischen Materialismus von unserer Gehirnrinde produziert wird, sondern der Unterbau — das ist wohl der klassische Ausdruck — die reale Grundlage ist hier ökonomisch-gesellschaftlich. Das ist das Ensemble der Produktivkräfte und der Produktionsverhältnisse in jeweils einer Epoche. Ackerbaugesellschaft, Feudalgesellschaft, kapitalistische Gesellschaft, das ist hier die Materie.

Wir haben das Wort „materiell“. Im Kaufmannsdeutsch: materielle Gesinnung, materielle Realitäten. „Res“, das sind hier nur die geschäftlichen, materiellen Verhältnisse. Der ökonomisch-historische Materialismus legt seinen Hauptakzent auf die ökonomische Grundlage, auf das Interesse und versucht von hier aus, mit Recht oder Unrecht, die Schuppen von den Augen fallen zu lassen, gemäß einem Satz von Marx: „Wenn eine Idee mit einem Interesse zusammenstößt, ist es allemal die Idee, welche sich blamiert.“

Also, der Akzent — und in diesem Fall nicht etwa ein jubelnder oder zustimmender Akzent, sondern ein detektivischer Akzent, ein diagnostisch-detektivischer Akzent, detektivisch im Sinn von Aufdecken, nicht nur im Sinn des Verfolgens eines Verbrechens oder einer Untat — liegt hier auf der soliden ökonomisch-gesellschaftlichen Grundlage. Wissenschaftlich ausgedrückt: auf dem Zustand der Produktivkräfte in ihrer mehr oder minder gespannten oder harmonischen Beziehung zum Produktionsverhältnis.

Produktionsverhältnisse sind die Verhältnisse, die sozial innerhalb einer Gesellschaft bestehen. Die Handmühle entspricht der feudalen Gesellschaft, die Dampfmühle ist der Beginn der kapitalistischen Gesellschaft. Das Prius ist auf der ökonomisch-gesellschaftlichen Seite. Ein Prius, das nicht zu verwechseln ist mit Primat. Der Primat kann durchaus im dialektischen Materialismus auf Seiten des Überbaues, also des hier zuständigen Geistes stehen. Zwischen Prius und Primat ist ein exakter Unterschied.

Nun also der Überbau, der als Reflex gedacht wird, mit zum Teil mechanistischen Anklängen bei Marx und auch bei Engels. Da ist mechanischer Materialismus insofern als dabei die Entzauberungsformel „nichts-als“ hier regiert. Eine sehr stupide und verarmende Formel, aber auch eine, die Nebel vertreiben kann: Die Interessen werden detektivisch festgestellt.

Aber „nichts-als“ als einzige Formel ist selbstverständlich völlig verwüstend. Da wird die Seifenblase in Seifenwasser aufgelöst: es werden Phänomene im Seifenwasser aufgelöst, die gegen das Seifenwasser, aus dem sie vielleicht als ihre Bedingung entstanden sind, ein ungeheures Mehr darstellen — ein Plus, das im Umschlag von der Quantität zur Qualität überhaupt keine Ähnlichkeit mehr mit Seifenwasser hat.

Ein grotesker Satz von Kautsky zeigt die verwüstende Wirkung der Formel „nichts-als“: „So war denn die Reformation nichts anderes als der ideologische Ausdruck tiefgehender Veränderungen auf dem damaligen europäischen Wollmarkt.“ Hier ist von Reformation wirklich nichts mehr übrig geblieben. Das ist keine Erklärung, sondern eine Vernichtung des Gegenstandes.

In dieser Diskussion hier wurde Geist immer nur im Zusammenhang mit Biologischem behandelt, eben mit der grauen Hirnrinde. Es wurde von Empfindungen, Bewußtseinsphänomenen gesprochen, aber im individuellen Menschen. Die gleichen Bewußtseinsphänomene in einer Gesellschaft wurden nicht behandelt, und also hat Hegel umsonst gelebt.

Geist ist nicht nur der Geist in einem Individuum. Hegel bezeichnete als objektiven Geist, mit Recht oder Unrecht, den Staat und als absoluten Geist den Logos. Die Einheit von Staatsraison und Weltgeist hat bei Hegel stattgefunden.

Ein Mann, der doch auf die andere Seite gehören sollte, auf die Seite der Mechanisierung und Austilgung oder doch Herabsetzung des Ideellen, Stalin, hat die wahrhaft revolutionistische Lehre vorgebracht und mit Feuer und Schwert einpflanzen wollen, daß der Überbau den Unterbau aktivieren kann. Das ist von einem Reflex sehr weit weg. Statt ein bloß passiver Reflex ökonomisch-gesellschaftlicher Verhältnisse zu sein, haben Ideen ungeheure revolutionäre Kraft in der Geschichte gehabt; sie haben die Veränderungen in der ökonomisch-gesellschaftlichen Sphäre erst geschaffen. Die Französische Revolution haben die Enzyklopädisten schon hundert Jahre vorher ideologisch vorbereitet.

Überbau kann Unterbau aktivieren, so ungefähr wie der Geist nach dem Schiller’schen Satz biologisch den Körper baut, so besteht hier eine Wechselwirkung, die vom mechanischen Materialismus weit entfernt ist.

Weiter fehlte in der Diskussion das Wort „Dialektik“: die Spannung, die Tendenz, der Motor des Geschehens durch aufbrechende Widersprüche, die es bei sich nicht aushalten und die bisherigen Zustände zersetzen. Dialektik, im Sinne von Hegel, ist der Maulwurf gleichsam, der unter der Kruste bohrt, der Puls der Lebendigkeit, oder, bei Alexander Hertzen: „die Algebra der Revolution“.

Wenn nun, vom ökonomischen Stoff her gesehen, die Produktivkräfte sich so entwickelt haben, daß die sie fördernden Produktionsverhältnisse zur Fessel werden, wenn Wohltat zur Plage wird, wenn etwa der geschlossene Markt der mittelalterlichen feudalen Gesellschaft mit dem Aufsteigen der bürgerlichen Klasse zur Fessel wird — so wird sie gesprengt. Ausdruck dessen ist die Französische Revolution, die 100 oder 80 Jahre später kommt: ein Überbau, der einen Unterbau aktiviert. Nicht der Unterbau hat den Überbau nach sich gezogen. Der Unterbau ist in solchen Fällen, ontologisch gesehen, ein Prius, nicht ein Primat, wertmäßig gesehen.

II. Augustinus, stark verbilligt

Wenn über den Menschen im Rahmen des dialektischen Realismus (Materialismus) gesprochen wird, ist das nicht der organische Mensch, der ins Schlachthaus geliefert werden kann oder in Auschwitz umkommt, sondern es ist der Mensch als ganzes Ensemble gesellschaftlicher, religiöser, künstlerischer, philosophischer, wissenschaftlicher Verhältnisse. Es ist der Mensch an der Front des Weltprozesses. Es ist der Mensch der Arbeit. Wie ist der nun beleuchtet oder wie wird er verdunkelt, wie wird er gehemmt, wie wird er gefördert?

Fallen auch hier Schuppen von den Augen innerhalb des dialektischen Materialismus, der, quasi dialektisch, natürlich in gar keiner Weise abgeschlossen ist? Wenn er abgeschlossen, kultifiziert wird, dann wird er banalisiert. Den Zustand haben wir im Osten. Und doch sehen wir, wie überall, aufgrund veränderter Produktionsverhältnisse, trotz allem was da passiert, trotz der Starre und Kruste und dem Zuchthaus der Ideen, „der Maulwurf bohrt“.

Dialektischer Materialismus ist hier ein Plus. Es ist ihm nicht der Grabgesang zu singen. Der Grabstein hat eine Aufschrift im Imperfekt. Es gibt eine Verwandtschaft, mindestens per analogiam, mit den Bewegungen in der Kirche, wo ebenfalls immer wieder und auch jetzt eine Erneuerung stattfindet. Modernismus ist kein Schimpfwort und keine Katastrophe mehr. Was ich heute hier gehört habe, hat mich sehr an Diskussionen im Osten erinnert. Nur wird man hier nicht mehr wegen Ketzerei verbrannt.

Drüben ist ein solches Gespräch nicht ganz ungefährlich. Es ist natürlich Zersetzung des zu einer Kruste gewordenen dialektischen Materialismus, der sich immer mehr aus dem mechanischen Materialismus, also aus der Banalität, zurückbildet. Das ist der Fluß, in einer großen Bewegung, die der Bewegung und der restlichen Christenheit formal entsprechen mag. Und die Einheit dieses Sich-in-Bewegung-Befindens macht ja erst ein Gespräch möglich.

Umso mehr, da, wie hier richtig gesagt wurde, eine Wiedergutmachungskonferenz stattfindet für das, was man ausgelassen hat und was dann zu Gift wurde, indem man es nicht assimilierte, nicht die Frucht daraus zog. Dasselbe gilt für die Entwertung des Geistigen, des Tiefen und des angestammten Religiösen im Sozialismus, der Theologie war, bevor er politische Ökonomie wurde. Er hat das nicht vergessen — bis zur Beschimpfung herab, daß der ganze Sozialismus säkularisierte Heilslehre wäre: Augustinus zu sehr herabgesetztem Preis! Wenn das möglich ist, sind also die Prämissen noch vorhanden, und schon gibt es Gegengaben zwischen beiden, dergestalt, daß sich oft trotz eines ernsthaft trennenden verschiedenen sozialen Auftrages Gesichter zu tauschen scheinen in einer nicht zu fernen Zukunft.

Es ist wichtig — nicht nur zwecks Adäquation des Menschen an die Welt, sondern der Welt an den Menschen —, daß dem Menschen eine adäquate Welt erscheinen kann: ein Reich der Freiheit. Der „Sprung aus dem Reich der Notwendigkeit ins Reich der Freiheit“ bei Marx, kommt von Hegel und geht zurück auf die „Freiheit der Kinder Gottes“ bei Paulus. Weil „Kinder Gottes“ gestrichen wurden, ist doch das Thema und die Substanz nicht verschwunden.

III. Franz von Assisi bleibt

Am Anfang gab es keine Arbeitsteilung. Als die Menschen nur Sammler und Jäger waren und später Nomaden, hatten ja Eigentum oder gar Privateigentum gar keinen Sinn. Da gehörte alles der Horde gemeinsam. Das änderte sich mit der Ackerbaugesellschaft. Die Teilung der Menschen in zwei Arten von Menschen, in Herren und Knechte, erfolgte. Die erste Klasseneinteilung war da. In der urdemokratischen, urkommunistischen Gesellschaft gab es nicht deshalb kein Eigentum und keine Arbeitsteilung, weil die Menschen damals so brav gewesen wären, so christlich, sondern weil die Produktivkräfte es nicht verlangten.

In der Urgesellschaft gab es kein Mein und Dein, keinen Nimrod, keine Unterjochten, keine Häuptlinge, aber es gab den Medizinmann. Die Menschen der Urgesellschaft waren ertrunken in fürchterlicher Unwissenheit. In ihrem Aberglauben war der Medizinmann der Heilende, der Retter, der Wissende. Elemente der Dichtung erschienen hier. Die Merseburger Zaubersprüche sind eine sehr späte Erscheinung davon. Ähnliche Erscheinungen kommen bei allen Völkern vor.

Später erst gab es den König und den Sänger: „Es soll der Sänger mit dem König gehen, sie beide wohnen auf der Menschheit Höhen.“ Leider gingen die Sänger sehr oft und sehr gern mit dem König. Das gehört zum Kapitel Überbau und Ideologie. Sie haben die besseren Gassenhauer gesungen für die Herren. Sie haben sich aber auch von den Herren getrennt; die großartigen Reste, mehr als das: die Berggipfel aus dem untergegangenen Land, sind die alten israelischen Propheten. Sie treten gegen den König auf. In höherem Auftrag!

Wie ist es nun, wenn der König, das Könighafte und vielleicht auch das Klassenhafte in einer republikanischen oder gar konsequent demokratischen Gesellschaft zurücktritt? Dann tritt nicht auch das Medizin- oder Prophetenhafte zurück. Denn es gilt, was die Tschechen früher sagten: Wir waren vor Österreich und wir werden nach Österreich sein. Es gilt: wir waren vor dem König und dem Häuptling. Ihr Rücktritt trifft uns gar nicht, obwohl wir unterwegs oft verraten haben und Ideologen der Herrschaftsformen geworden sind.

So trennen sich nun zwei Kategorien: Macht und geistig-sittliche Autorität, die durchaus verschieden sind. Das Gebietende der geistig-sittlichen Autorität hat mit Blut und Terror nichts zu tun, während Blut und Terror im Gebiet der Staatsmacht selbstverständlich sind. Es kann also das Könighafte, der Herr im Haus, das Unternehmerhafte, wegfallen; das Staatshafte kann sogar wegfallen oder sehr mildern: eine Regierung über Personen bleibt. Der Zar ist verschwunden; Tolstoi nicht.

Große Dämonen und Herrschergiganten des Mittelalters und der Neuzeit sind verschwunden; Franz von Assisi nicht. Er gehört gar nicht in diesen Bereich. Eine andere Welt taucht hier auf, die mit Macht nicht zusammenfällt. Es ist die Welt der Richtförmigkeit, die rebelliert und zwar nicht mit Waffen, sondern mit der Gewalt des Vorbildes, der Einleuchtung und des Eingedenkens gegen die bloße auf Fäuste und Waffen gestellte Machtsphäre. Wir haben hier also ein Topos für das Gemeindehafte, das nicht zusammenfällt mit dem Staatshaften.

Ecclesia heißt Gemeinde im griechischen Ursinn. Wir haben also einen Topos für etwas, was mit dem Staat nicht vergeht. Im ökonomischen Materialismus gibt es seltsamerweise genau diese Staatslehre. Engels hat sie so formuliert, daß der Staat, der mit der ackerbautreibenden Gesellschaft begonnen hat, auf dem Höhepunkt der kapitalistischen Gesellschaft nachlassen muß. In der sozialistischen Gesellschaft relativiert sich der Unterschied von arm und reich, wenn wir genügende Entwicklung der Produktivkräfte haben. Konsequenz ist die Demokratie, die hier zu einer realen, nämlich sozialen Demokratie wird, in der die Gleichheit nicht mehr nur Gleichheit vor dem Gesetz ist. Sie kennen den ironischen Satz von Anatole France: „Oh über die erhabene Majestät des Gesetzes, die den Armen wie den Reichen gleichmäßig verbietet, Holz zu stehlen oder unter Brücken zu schlafen.“

Wenn statt dieser formalen eine reale Gleichheit eintritt, dann verwandelt sich der Staat aus einer Regierung über Personen in eine Verwaltung von Sachen, — so sagt Engels. Herrschaft, Macht verschwinden. Sie sind überflüssig, wie heute schon bei der Post oder Straßenbahn. Der Staat wird also mindestens pathoslos: Die Aureole von Gottes Gnadentum ist ohnehin schon verschwunden. Der Staat stirbt möglicherweise ab.

Die Realität im Osten sieht, Gott sei es geklagt, nicht ganz so aus. Im Gegenteil: wir haben dort Staatsomnipotenz, wie sie selten in der Geschichte vorgekommen ist. Aber: der Zustand wird auch dort als eine Vorläufigkeit empfunden. Die Prämissen sind nicht so. Es ist nur die Bedrohung vom Westen, so sagt man dort, die uns zwingt, so zu sein, sonst würden wir die Rote Armee gerne aufgeben, denn wir kämpfen ja gegen Kriege. Die Prämissen sind zweifellos so, daß sie auf ein stufenweises Absterben oder Rückbilden der Staatsmacht als einer Überflüssigkeit ausgehen.

Erhalten bleibt aber das Sängerhafte, das Medizinmannhafte, das Prophetenhafte. Wir haben also einen eigenen Topos und zwar einen, dessen Besorgung immer wichtiger wird. Innerhalb des ökonomisch durchgeführten Materialismus, innerhalb seiner Praxis, verwandelt sich das Gesellschaftliche und Staatshafte in eine Organisation des Unwesentlichen. Es entsteht nicht, wie in der Französischen Revolution: Freiheit zum Erwerb, sondern: Freiheit vom Erwerb. Durch die Technik, durch die Produktivkräfte selbst kommt eine ungeheure Entlastung vom Unwesentlichen. Das bedeutet Freiwerdung zum Wesentlichen. Das bedeutet: Sprung aus dem Reich der Notwendigkeit in das mögliche Reich der Freiheit.

Aber: die Menschen bekommen die Sorgen geschenkt, die sie sonst nur in der Todesstunde haben. Die zwischenmenschlichen Beziehungen werden wirklich zwischenmenschlich. Der Mensch hört auf — nicht, weil er so gut geworden wäre —, der Formel „homo homini lupus“ zu gehorchen. Die Wölfe regieren sich nicht mehr. Es entsteht das „Unglück der Freizeit“ in unserer Gesellschaft, die dafür überhaupt keine Kultur hat. „Es ist nichts schwerer zu ertragen, als eine Reihe von schönen Tagen“, sagt Goethe. Oder: „Ich wäre froh, wenn nur der Sonntag und die Feiertage herum wären“, sagt ein normaler Geschäftsmann. Die Menschen bekommen ihre eigene Langeweile und Nichtigkeit geschenkt.

Eine Seelsorge ist notwendig gegen das Gift des psychologischen und moralischen Nihilismus. Ein Topos ist gegeben für die Besorgung des freigelegten Wesentlichen: des Menschen und dessen, was des Menschen ist. Der Staat selbst wird wie die Frau, von der gesagt wird: das ist die beste, von der man am wenigsten spricht. Vom Staat wird nicht mehr gesprochen. Wir sprechen auch nicht mehr vom Helm Alexanders des Großen. Wir gehen auf der Straße ohne Harnisch und sind ziemlich sicher, daß wir nicht hinterrücks von einem Dolch getroffen werden. Im 14. Jahrhundert konnte man dessen nicht so sicher sein.

Das wäre also der Topos. Wie verhält sich nun die Kirche dazu? Die Luther-Kirche nicht sehr gut (die calvinistische Kirche besser). Indem Luther gerade das Soziale als völlig gleichgültig und vom Sündenfall her bis auf den Grund verdorben betrachtet, indem er das Leben im Sozialen als Arbeit „in des Teufels Wirtshaus“ bezeichnet, entsteht das Paradoxe: eine Oppression tritt ein, die Spiritualisierung in der Sola-Fides-Lehre mit purer Inwendigkeit, mit Vertrauen auf die Gnade, ohne jede Spur des Synergismus von Mensch und Gnade. Passivität, die umso mehr harte Zucht in der Staatssphäre verlangt, mit einem Naturrecht, das schlechthin Zwang ist.

In der katholischen Staatstheorie, im thomistischen Naturrecht, ist das gemildert. Bekanntlich ist ja nach dem katholischen Dogma der Mensch im Sündenfall nicht völlig gefallen wie bei Luther. Die Welt ist nicht „des Teufels Wirtshaus“; die Welt ist nur geschwächt. Es kann Hilfe geben durch den Menschen selbst, einen Synergismus zwischen Freiheit und Gnade, der im Tridentinum sozusagen bis auf seine Prozentsätze festgestellt wurde: wo ist hier Individuum, Freiheit; wo ist hier Gnade, die von oben kommt; wo ist Kirche, die diese Gnade verwaltet? Dadurch ergibt sich ein relatives Naturrecht, in dem der Staat nicht mehr allmächtig ist.

Aber Gottesgnadentum besteht und die Kirche. Hier komme ich wieder zum Überbau, denn die Kirche gehört auch zum Überbau. Sie gehörte zum Überbau. Der Topos selbst verlangt es nicht, aber die historische Entwicklung. Die feudalmittelalterliche und dann die absolutistische, barocke Gesellschaft im 17. Jahrhundert ist sehr stark eingedrungen, so daß die Kirche ohne Zweifel heute im Blick eines nicht dazugehörenden, aber nicht unbedingt übelwollenden Laien den Eindruck eines Museums macht, eines Anachronismus von sonst im gesellschaftlichen Leben nicht mehr vorkommenden Hierarchien. Das war im 17., 18. und auch zum Teil noch im 19. Jahrhundert nicht im mindesten der Fall.

Thomas von Aquin kannte nur ein relatives Naturrecht. Zum Unterschied vom absoluten setzt es als kanonisch den Dekalog, mehr nicht. Selbstverständlich Eigentum: „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Acker ...“ Das Gesetz ist feindselig. Die Sünde wird auf ein erträgliches Maß des Zusammenlebens reduziert, wozu Obrigkeit mit dem Schwert nötig ist. Die Kirche, die kein Blut vergießt, übergibt der Obrigkeit ihre Ketzer. Sie hat das Schwert und zwar von Gott.

Anders das protestantische, absolute Naturrecht. Da gab es die Schwierigkeiten des Bischof Dibelius mit dem Satz: Jeder Obrigkeit muß der Christ gehorchen. Der Christ muß also auch Herrn Ulbrich gehorchen, obwohl er ihn bekämpft. Theologisch ist das nicht zu lösen. Ulbrich ist von Gott eingesetzt. Das ist kirchlich katholisch nicht der Fall. Das Postulat eines Absterbens des Staates stößt hier nicht auf solche Widerstände, ist aber doch ein Einbruch aus einer anderen Sphäre.

IV. Eine religiöse Internationale

Das absolute Naturrecht haben die mittelalterlichen Sekten in den Bauernkriegen ausgebildet. Die englischen, die italienischen, die französischen und die deutschen Bauern gingen psychologisch nicht auf den Sündenfall zurück, sondern auf den Zustand vor dem Sündenfall. Die Unterdrückung der Sünde ist nicht die Legitimierung des Staates. Es gibt einen Vers aus den englischen Bauernkriegen, der von den deutschen Bauern im Anfang des 16. Jahrhunderts leidenschaftlich gesungen wurde: Als Adam grub und Eva spann, wo war denn da der Edelmann? Das soll heißen: da gab es die Klassenscheidung nicht. Wir haben hier eine mythologische Erinnerung an die urkommunistischen gentes vor der Arbeitsteilung, einen Zustand, der zum Teil in der Paradiesvorstellung reflektiert wird.

Die Pointierung, die Friedrich Engels dem gibt: Sozialismus ist Wiederherstellung der Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit der urkommunistischen Gentes.

Dies zu der Frage des Verhältnisses des Topos Kirche zu dem verschwindenden Topos Staat: Tolstoi bleibt, der Zar verschwindet. Die Probleme der Menschenleitung bleiben, ja, sie werden stärker als je. Die funktionale Ordnung und Leitung auf dem Weg, die Antwort auf die Frage, wohin und wozu man lebt, kann ein Amt sein im Topos der Kirche und von allem Staatshaften völlig verschieden.

Dieser Topos bleibt. Er wird wahrscheinlich erst recht aktuell werden. Das wäre eine lehrreiche Nutzung der ökonomischen Geschichtsauffassung und der soziologischen Prognose der Entwicklung unserer Gesellschaft vom Staat weg. Dabei bekommt Kritik ihr Instrument: die Reflexe der jeweiligen Gesellschaftsordnung — der feudalmittelalterlichen, der absolutistischen des 17. und 18. Jahrhunderts, die heute abgestorben sind — werden in der Restaurationszeit im Anfang des 19. Jahrhunderts wieder pointiert. Ökonomische Geschichtsauffassung kann hier vorzügliche und leitende Dienste geben — Dienste zu dem Ziel, ein reines, von niederen ökonomischen Interessen freies Eingedenken der Leitung des Wohin und Wozu der menschlichen Gesellschaft zu haben.

Dazu gehört auch das Absterben der vielen Staaten. Eine religiöse Internationale, eine sittliche oder humane Internationale, wird frei mit Überzeitlichkeit mitten in einer endlich erlangten Gleichzeitigkeit.

Ein großer Anfang war die Aufklärung. „Aufklärung“, sagt Kant, „ist Ausgang des Menschen aus selbstverschuldeter Unmündigkeit.“ Das ist etwas, was mindestens in der katholischen Theologie nicht schlecht in Kurs steht: die Würde der Person, der aufrechte Gang. Die Gnade erscheint hier zugleich mit lumen naturale, mit dem natürlichen Licht, das wir haben: mit dem Verstand, der die Welt durchdringt, der die große bürgerliche Wirtschaft und Gesellschaft im 17. Jahrhundert gemacht hat und der sich nun nicht mit Pendelgesetzen allein zufriedengibt oder mit der Erfindung von Maschinen, sondern der in die Welt geht mit neuen Kategorien, mit dem Sieg der mathematischen Naturwissenschaft. Im Mittelalter kam Mathematik bloß in Rechenbüchern von Kaufleuten vor.

Ich spreche hier von Vorstellungen, von Himmels- und Gottesvorstellungen, die Reflexe menschlicher Verhältnisse sind. Ich spreche nicht von Himmel und von Gott. Wir haben in den Vorstellungen je nach den veränderten gesellschaftlichen Verhältnissen eine ungeheure Sublimierung der biblischen Gottesvorstellung. Von dem feuerspeienden Sinai-Gott bis zu dem Gott Christi ist ein ungeheurer Weg, vermittelt durch die Propheten.

Bei den Propheten spielt die Weltschöpfung, die Genesis, der Deus creator, kaum eine Rolle. Er kommt bei Isaias kaum vor. Wichtig ist: Deus salvator am Ende. Wichtig ist das Reich der Gerechtigkeit, das die Welt überfluten wird. Wichtig ist, daß alles neu wird am Ende. „Einen neuen Himmel und eine neue Erde will ich schaffen“, so spricht der Herr, „daß man der alten nicht mehr gedenke.“ Das klingt anders als: „Siehe, es ist alles gut!“ Das drückt sich aus in dem großartigen Satz von Augustinus gegenüber einer fertig abgeschlossenen Schöpfung. „Und am siebenten Tage ruhte der Herr“; dann sind Dämonen in die Schöpfung eingedrungen, haben sie verteufelt und das Elend gebracht. Das ist auch die Lehre von Augustinus. Aber die Fertigkeit der Welt ist nicht die Lehre von Augustinus, sondern er sagt über den siebenten Tag: „Dies septimus nos ipsi erimus“: der jüngste Tag werden wir selbst sein. Homo absconditus bricht auf mit Hilfe des Deus absconditus ...

Wie ist es mit dem human-theologischen Ernst des Satzes: Aut Christus aut Caesar? — In den Gottesvorstellungen heidnischer Art bis zu Zeus und Jupiter und Amon-Re gibt es eine Einheit des schlechthinnigen Herrn, des gebietenden Despoten. Das Caesarische hat in der Bibel sehr oft seinen Platz als Reflex des Häuptlingshaften im Himmel. Bei den Propheten hört das auf. Der Satz Jesu: „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder tut, habt ihr mir getan.“ Oder: „Wo zwei versammelt sind in meinem Namen, bin ich mitten unter ihnen“, ist äußerster Abschied von allem Despotenhaften. Da ist kein Despot mehr da.

Es tritt, wie Max Scheler das in seiner frommen Zeit genannt hat, eine Bewegungsumkehr der Liebe ein. Es ist nicht mehr ein Wettrennen zu einem strahlenden Ziel am Ende, hoch über uns, sondern es findet eine Umkehrung der Liebe, des Eros zur Agape, zur Umarmung des Niederen statt. Mit dem Wort: „Wo zwei versammelt sind in meinem Namen, bin ich mitten unter ihnen“, löst sich die Jahwe-Vorstellung transzendent-autoritärer Art in geheimnisvoll menschlichste Menschensohn-Vorstellung auf, in die Gemeinde.

Jahwe hat sich in Jesus aufgelöst, besser: eingelöst, und Jesus in der Gemeinde. Das freie Priestertum der Laien tritt auf.

Nun wird der arianisch-athanasische Streit wieder interessant: Gottgleichheit oder Gottähnlichkeit? Orthodox wurde die Gottgleichheit pointiert, gemäß dem Satz Christi: „Ich und der Vater sind eins“. Christus sagt nicht: „Wir sind ähnlich“. Da käme bloß ein Religionsstifter heraus. Moses ist Jahwe ähnlich, vielleicht, und Mohammed Allah. Aber hier ist etwas anderes. Hier setzt sich Jesus Gott gleich.

Die Frage: Aut Caesar, aut Christus?, ist hier begrifflich gelöst. Das Caesarische ist völlig aufgelöst. Das ist kein Hominismus, wie das katholische Wort dafür lautet, sondern das ist echter Humanismus mit allen Geheimnissen des Humanen, nicht mit banaler Aufklärung oder Vermenschlichung, sondern das ist mystischer Humanismus.

V. Nur Christen sind gute Atheisten

Atheismus fällt nicht zusammen mit Schwindel, Unsinn, Blödheit. Es gibt einen Atheismus, der alles auf den Affen bringt und auch selbst auf den Affen gekommen ist. Da ist nichts als das kahle, dürre Nein. Es gibt aber auch den höchst aufregenden philosophisch relevanten Atheismusstret um Johann Gottlieb Fichte, der Gott als reine Handlung, als actus ordo ordinans, einsetzte. Das ist schon etwas anderes. Es geht hier um die Frage: Ist die Gottesvorstellung, die das Caesarische ausgeschaltet und im Menschensohn eingelöst hat, nicht so, daß die Römer nicht ganz unrecht hatten, wenn sie die ersten Christen atheoi, „gottlos“, nannten? Die Ersterscheinung dieses Wortes meint die römischen Urchristen.

Es wurde der Satz gewagt: Nur ein Atheist kann ein guter Christ sein. Ein protestantischer Theologe stimmte dem Satz unter der Bedingung zu, daß er umgekehrt werde: Nur ein Christ kann ein guter Atheist sein. Es handelt sich bei dem Gott Christi um jene „Humanisierung“, die in der deutschen Mystik bis Angelus Silesius dauernd vorkommt: ohne Hybris, oder mit einer frommen Hybris, der Identität, des Ernstnehmens der Ebenbildlichkeit.

Prof. Rahner sagt, daß der Geist zu spät entstanden sei; als ob die Materie lange Zeit ganz allein gewesen wäre. Das ist eine Schwierigkeit, die durch den Gedanken der Schöpfung entsteht, durch den Gedanken der Entwicklung einer gärenden Materie, die selbst voller Chiffren und Zielbilder ist, die ein Mutterschoß ist. Das Wort „Materie“ kommt von dem lateinischen Wort „mater“. Es ist etwas Historisches darin, Mutterrecht, die Mutter Natur. Es gebiert sich aus, was gar nicht an der Wiege gesungen worden ist, in einem Experimentum von Licht, in einem Laboratorium von Möglichkeiten.

Hier ist der Schöpfungsgedanke des ersten Buches der Bibel zweifellos eine Schwierigkeit. Aber vielleicht hilft hier der Rat des großen Scholastikers: Die Prinzipien sind nicht ohne Notwendigkeit zu vermehren. Unangefochten bleibt Deus salvator. Neuer Himmel, neue Erde!

Wir nun leben in einer Zeit, in der das Obere erloschen ist und zweifellos sich Dunkelheit und Leere ausbreitet. Wir haben im Westen eine gönnerische pluralistische Langeweile, und wir haben im Osten eine befohlene, verordnete, gedrückte, monolithische Langeweile. Beides Ausdruck dafür, daß die Hormornproduktion nicht stimmt.

Es sieht aus wie bei einer partiellen Sonnenfinsternis. Alles ist so merkwürdig grau. Die Vögel singen nicht oder anders. Irgendetwas ist los. Das transzendierende Wesen ist schwach. Die Langeweile ist davon ein Ausdruck. Es kann Verzweiflung werden. Es könnte ein Zustand eintreten wie in den ersten christlichen Jahrhunderten oder in den vorchristlichen Jahrhunderten: ein Zustand von rasender Todesangst. Jesus hat ja nicht wegen der Bergpredigt und auch nicht wegen der Offenbarung Johannes’ gesiegt. Christus hat allein mit dem Satz gesiegt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben.“

Langeweile ist ein kleiner Vorbote von Nihilismus. Ein Nihilismus der Verzweiflung, dergestalt, daß die Welt völlig zu uns disparat ist, daß sie uns nicht einmal die kalte Schulter zeigt. Denn die kalte Schulter wäre auch noch etwas Anthropomorphes. Nein, es liegen überhaupt keine Beziehungen zu unserem zweckreinen Kosmos vor. Die Kosmologie liegt in diesem Sinn sehr im argen, mit der Soteriologie gibt es überhaupt keinen Zusammenhang. Das erscheint als blanker Aberglaube in der üblichen Wissenschaft. Es tritt ein, was Nietzsche für das 20. Jahrhundert prophezeit: Wir gehen einer Epoche namenlosen Elends entgegen. Mit Unterproduktion von Transzendenz.

Aber, gerade wenn das stark pointiert und nicht verschwiegen wird: wir spüren es noch und wo es gespürt wird, gibt es Bewegung, die dagegen angeht, gibt es verschieden benannte Auftriebe. Hegel sagt im ersten Teil seiner Logik, daß eine Schranke nicht wahrgenommen werden könne, wenn sie nicht bereits überschritten sei. Wenn also ein Tier in einem Gehäuse umherläuft und nicht an die Wand stößt, ist für es keine Schranke präsent. Wenn ein Tier oder ein Gefangener an die Mauer stößt, hat er sie schon durchbrochen, denn sonst könnte er sie nicht als Schranke wahrnehmen. Indem wir also merken, daß Schranken sind, haben wir sie bereits transzendiert. Dieses Transzendieren erscheint als Langeweile, als Unheiles, als etwas, was nicht stimmt.

Descartes verweist auf die Idee der Vollkommenheit, die wir haben; er sagt: wenn sie nicht in uns eingeboren wäre, könnten wir Unvollkommenes gar nicht ermessen. Nun ist aber alles um uns unvollkommen. Woher haben wir die Idee der Vollkommenheit? Wir können sie nicht empirisch haben. Sie ist eine Stellvertretung von etwas, was noch gar nicht da ist.

Das ist nicht mehr Descartes, sondern schließt an die Hegel’sche Überschreitung der Schranke an. In meinem Buch „Das Prinzip Hoffnung“ steht in diesem Zusammenhang der Satz: „Wo Hoffnung ist, ist Religion.“ Über den Inhalt der Hoffnung, auch über die Mittel gibt es großen Streit und große Unterschiede der Meinungen. Aber es gärt und treibt auf dem Grund eines noch nicht vereitelten Prozesses. Er ist noch nicht entschieden, erst recht nicht gewonnen, aber er ist auch noch nicht veritelt. Wir sind umgeben von einem Ozean von objektiv realer Möglichkeit. Das vorhanden Wirkliche ist ein kleiner Teil von der objektiv realen Möglichkeit, die uns umgibt. Das ist eine sehr stiefmütterlich behandelte Kategorie, die dabei im einfachsten Geschäftsleben vorkommt. Die Versicherungsgesellschaften haben doch die Messungen nach Möglichkeit und ein Soldat, der sich in Gefahr begibt, hat Möglichkeit.

Wir sind von einem solchen, noch nicht Verwirklichten, noch nicht Erledigten, noch nicht Abgeschlossenen und unmöglich Gemachten ringsum umgeben. Wir sind umgeben von einem non-dum, von einem Noch-nicht, aufgetragen auf dem Hintergrund Möglichkeit, bewegt von Tendenz und Latenz. Prof. Rahner sagte in seiner blockschriftartigen Ausdrucksweise in Bezug auf Tendenz: „Aufgrund dieser jeweiligen Möglichkeit kann jedes endliche Sein durchaus mehr erwirken als es ist“.

VI. Prometheus und Christus tauschen Platz

Dieses Mehr, dieser Überschuß, wäre nicht möglich, wenn der Fundus Möglichkeit nicht wäre, in den Verwirklichendes einbrechen kann, wenn also die Welt bereits abgeschlossen wäre, wenn es die Statik gäbe mit einer fertigen Transzendenz und mit uns, mit beschränktem Untertanenverstand, Wanderern, die zu einem fertigen, riesig gebauten Schloß kommen. Die Möglichkeit hingegen bedeutet: es hängt von dir ab, ob das Schloß sich aus der Möglichkeit hebt, die noch nicht vereitelt ist. Du bist Wanderer und Kompaß und Land zusammen. Das ist die Gnade.

Der Mensch an der Front. Er hat die Weichen zu stellen mit Gesichtertausch von Prometheus und Christus. Marx nennt Prometheus den vornehmsten Heiligen im philosophischen Kalender.

Utopie besteht nicht aus Faktengeschwätz und auch nicht aus Sozialromanen allein, obwohl dies das Stammhaus ist, sondern aus einer Unmenge von medizinischen, technischen, sozialen, architektonischen, biographischen und religiösen Utopien, aufgebaut als Experiment in realer Möglichkeit. Mit dem mechanischen Realismus, mit dem der dialektische fast überall noch aus rätselhafter Leichtfertigkeit und Unbildung verwechselt wird, hat dies nicht das mindeste zu tun.

Das Kennzeichen des mechanischen Realismus gibt Chesterton, einer der gescheitesten Menschen, die je gelebt haben: „Da ist die Welt unendlich groß geworden: Stoffhaufen, Lehmschollen, die Feuerkugeln Karussel fahren. Und dieses ungeheure Universum des mechanischen Materialismus ist auf der anderen Seite so klein, daß nicht einmal ein menschlicher Kopf darin Platz hat.“ Zum dialektischen Materialismus aber gehört, daß vor allem der menschliche Kopf darin Platz hat.

Es gibt eine Lehre, daß auch die Engel einen Leib haben, daß die Materie hinaufreicht bis zum Thron Gottes, wie eine einzige Stufenleiter. Der Krieg gegen ihre Verteufelung wäre zu führen in einer heiteren Weise, mit einer versuchten Abschaffung der Furcht, mit einer Pointierung der Lust, des Vergnügens, der Wohltätigkeit, Vertiefung, Sublimierung und auch, wenn es nötig ist, Hymnisierung ihres Wesens. Dem sind in der Moral des dialektischen Materialismus, der ja nicht mehr die Weltanschauung einer Unterdrückungsgesellschaft ist, gar keine Grenzen gesetzt.

Ein Studium der vorsokratischen Naturphilosophen, die eine Trennung von Materie und Geist noch nicht kannten, ist sehr wünschenswert, um Vergessenes an der Materie wieder einzubringen. Ein englischer Naturforscher des 19. Jahrhunderts sagte dazu: „Die Jakobe der Theologie haben der Materie das Erstgeburtsrecht geraubt. So wurde die Materie zu Esau.“

Das Problem wäre, die Materie nicht zu enteignen und die Kostbarkeit und Tiefsinnigkeit darin zu entdecken; von materia, die von Mutter herkommt, kann nicht groß genug gedacht werden.

Marx hat die Dialektik in den Materialismus eingeführt. Das ist eine abenteuerliche und ganz paradoxe Sache. Die Dialektik ist die Tochter aus einem sehr vornehmen idealistischen Haus (Heraklit, Jakob Böhme, Schelling, Hegel). Dieses Mädchen wird mit dem stämmigen, etwas plebejischen Burschen Materialismus verheiratet, eine große, glückliche Heirat. Bei Aristoteles ist Materie dynameia, Möglichkeit. Diese Möglichkeit ist passiv, sie ist Wachs. Der actus, die ideia, drückt den Stempel darauf. Ohne Wachs gibt es den Stempel nicht. So entstehen Zedern, Urgestalten, Tannen und Löwen und Raben und athenische Republik und alles mögliche. Es kann aus dem gleichbleibenden Wachs der Materie entstehen. Es gibt eine aristotelische Linke; ich habe den Ausdruck einzuführen versucht in Parallele zur Hegel’schen Linken. Sie hat bei den arabischen Philosophen dergestalt kulminiert, daß die Kraft, die bei Aristoteles nur die Form, die Idee hat, in der Materie selbst ist, so daß natura naturans entsteht, ein Schoß sich ausgebärender Weltgeburten. Und dem Reichtum sind keine Grenzen gesetzt. Die Karriere ist nicht abgeschlossen.

Prof. Rahner hat sehr stark, auch theoretisch, die Diesseitigkeit pointiert, die der Bewegungsumkehr der Liebe entspricht. Er sprach von der Auferstehung des Fleisches. Er zitierte „neuen Himmel und neue Erde“. In der Offenbarung des Johannes führt Jerusalem nieder auf die Erde, geschmückt wie eine Braut, und nichts mehr ist als Menschen. Mond und Sterne und Sonne sind weg. Alles ist inkarniert im Humanum. Neuer Himmel und neue Erde ist Himmel auf Erden, wurde in diesem Fall pointiert; der Geist findet seine Kondensierung in der Materie.

Nun aber nennt Prof. Rahner die Materie wieder geronnenen Geist, so daß er seine Reserve gegen Materie aufgibt wie gegen Geist; auch Geist ist keine zusätzliche Bestimmung in der Gottesvorstellung. Es wird also eine Parallele zur Architektur herbeigeführt: Hegel nannte die Architektur gefrorene Musik. Aber es gibt Tauwetter. Dann löst sich diese Materie auf und das Material ist dasselbe; der gefrorene Geist war schon vorher da.

Soweit also über das Dasein des Logos im Materiellen, das darin sein Auge aufschlägt; über, wie Schelling sagt, die Ilias der Natur und die Odyssee des Geistes; die Rückkehr des in der Welt gefangenen und sich suchenden Wesens der Essenz, die nicht da ist, die in reiner Immanenz nur gedacht werden kann, bis es den neuen Himmel und die neue Erde gibt. Wobei von allem Glanz, allem Heiligen und bedeutend Numinosen nicht ein Gramm verloren geht, sondern es wird etwas auf die Füße gestellt und kann gehen und zwar zu seiner Heimat und zu unserer Heimat. Materie kann bestimmt werden als ultima materia, als die sich selbst noch nicht enthüllte und identifizierte. Sie ist das, was uns in dem großen Schweigen der Steine anspricht, in dem großen Schweigen der Natur, der vorhandenen physischen Natur, die ein Verschlossenes in sich enthält, das nicht notwendig wieder Geist zu sein braucht.

Der Weltprozeß ist keine Spiritusfabrik mit bekanntem Spiritus, sondern eben ein Unbekanntes, das in Chiffren und Symbolen sich überall andeutet, wohlvertraut ist in Parabeln und Gleichnissen. So etwa wären die Horizonte, die immanent im dialektischen Materialismus ebenso wie im ökonomisch-historischen Materialismus gesetzt sind, mit dem Ergebnis, daß nichts ohne Zusammenhang mit den Propheten steht.

Die wirkliche Schöpfung der Welt steht nicht am Anfang, sondern am Ende.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1982
, Seite 10
Autor/inn/en:

Ernst Bloch:

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