FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1974 » No. 251
Mary Jo Warth

Der LSD-Magnat und sein Agent

Wie der Mellon-Erbe und Timothy Leary Millionen Pillen drehten

Die Feinde der psychedelischen Bewegung haben Learys Botschaft von der Reise ins innere Wunderland nie gern zugehört und immer schon gesagt, wer zahlt’s und das ist was für reiche Nichtstuer. Beides stimmt: es gab den psychischen Aufschwung der sechziger jahre, und die Drogenhersteller haben davon profitiert (die Studie von Mary Jo Warth beweist es). Im Katzenjammer der Drogenwelle, verursacht von der Wirtschaftsdepression, schwimmt auch Leary wieder auf dem neuen Medienschwall von Reue & Sühne (Stromsparen & Bravsein!). Er hat bereits einem ehemaligen Freund, der auch bei den „Fednarcs“ (US-Drogenbehörde) arbeitet, ein zweistündiges Interview auf Video-Tape gesprochen, wo er bereut und bekennt, daß er von den linken Gruppen nur ausgenützt worden ist. Leary arbeitet jetzt mit den Strafverfolgungsbehörden zusammen und wird für seine Aussagen, durch die man die kleinen Fische zu fangen hofft, in Freiheit gesetzt. Man kann erwarten, daß er nach der großen Widerrufs-Show (demnächst vor einer Grand Jury in Chicago) in den nächsten Jahren häufiger Gast in TV-Talk Shows sein wird.

1 Ein ideales Produkt: klein, schnell, billig

Eines schönen Tages im Sommer 1968 fuhren in dem nordkalifornischen Dorf Cupertino drei junge Männer mit einem gemieteten Lastauto vor einem Schuppen vor. Vorsichtig luden sie große Metallbehälter und hölzerne Kisten auf den Wagen und waren sehr erfreut, als Nachbarn ihnen dabei zur Hand gingen. Die Arbeit dauerte nicht lang, und als sie beendet war, stiegen die Männer in die Kabine des Lkw und fuhren nach San José, einer großen Industriestadt etwa 40 Kilometer südlich von San Francisco. Dort wurden die Kisten und Behälter abgeladen und in einem gemieteten Vorstadthaus gelagert.

Einige Wochen später wurde die Fracht an einen anderen Ort gebracht. Diesmal wählten die Männer ein Haus weiter im Norden, in Santa Rosa. Nachdem sie sich überzeugt hatten, daß ihr wertvolles Gut nicht überwacht wurde, fuhren sie weiter, wieder in nördlicher Richtung, zu einem Bauernhaus in Windsor, einer kleinen Ortschaft, die 100 Kilometer von San Francisco entfernt ist.

Dort öffneten sie die Kisten und Behälter; sie waren gefüllt mit Lysergsäure, Ergotamintatrat, Gläsern und Flaschen, Destillierapparaten, Bunsenbrennern und anderer chemischer Laboratoriumsausrüstung. Die drei Männer trugen das Zeug ins Haus, und als sie fertig waren, konnten sie auf ihr Werk stolz sein: das größte LSD-Erzeugungslabor, das es je in den USA gab.

Die Chemikalien aus dem Schuppen in Cupertino wurden sodann verarbeitet und orange gefärbt. Große Mengen von „Orange Sunshine“, der vielleicht berühmtesten LSD-Sorte, wurden von Windsor nach Idyllwild Ranch bei Laguna Beach geschafft. Dort wurde der Stoff von der „Bruderschaft der Ewigen Liebe“ (Brotherhood of Eternal Love) übernommen, einer vorgeblich religiösen Hippie-Organisation, die unter der Leitung von Dr. Timothy Leary den Vertrieb von „Orange Sunshine“ besorgte.

Sobald der Stoff eintraf, verwandelten sich die Hippies von Idyllwild auf magische Weise in Reisende, Verkäufer, Schmuggler und Reklameagenten der „Orange-Sunshine“-Abteilung der psychedelischen Bewegung. Die „Bruderschaft der Ewigen Liebe“ war in Wirklichkeit eine kapitalistische Organiisation, die hinter dem bisher größten LSD-Erzeugungs- und -Vertriebstrust stand.

Heute, sechs Jahre später, ist LSD schon so lange „out“, daß manche Leute glauben, es werde bald ein nostalgisches Comeback feiern; das Bild der „psychedelischen Bewegung“ hat sich retrospektiv verschoben: Tausende Seiten Prozeßakten beim Bundesgericht San Francisco, die Ergebnisse der Senatsuntersuchung über die „Bruderschaft“ und die Erzählungen einiger gewöhnlicher Denunzianten beleuchten die häßliche, korrupte Kehrseite der Bewegung.

Der LSD-Rummel der sechziger Jahre ist genauso künstlich erzeugt worden wie jede andere kurzlebige Modetorheit von einer hierarchischen Organisation, die, unterstützt vom Großkapital, ein Produkt auf den Markt warf, dessen Zeit gekommen war. Kommerziell war LSD ein Traumprodukt. Es konnte leicht, schnell und billig hergestellt und mit großem Profit verkauft werden, es galt als todschick und erfreute sich großer Publizität in den Massenmedien.

Die Attraktivität des LSD bestand zum Teil in dem Glauben, daß niemand daran verdiene. Im ganzen Land ging das Gerücht um, jedermann könne LSD im eigenen Keller erzeugen.

Der niedrige Handelspreis ließ die Selbsterzeugung vom wirtschaftlichen und vom rechtlichen Standpunkt als lächerlich erscheinen. Eine orangefarbene Pille = zwölf Stunden high = zwei Dollar waren jahrelang der Inbegriff eines guten Geschäftes für den Kunden.

Timothy Leary

2 Billys Mellon-Million

Von allem Anfang an wurde die LSD-Kultur gefördert von einem lose geknüpften Trust, einer Art Gegenkultur-Mischkonzern von Harvard-Juristen, kleinen Chicagoer Gangstern, Schweizer Bankiers, New Yorker „Jet-Set“-Leuten, Wall-Street-Maklern, Grundstückspekulanten und Bankiers auf den Bahamas, Universitätsprofessoren, internationalen Finanzmännern, Winkeladvokaten, brillanten Chemikern, „Hell’s Angels“ und jungen Erben alter Vermögen.

Anfang der sechziger Jahre konnte man die Ausgangsstoffe für die Herstellung von LSD noch ganz legal beziehen — von der Pharmazie-Firma Sandoz in Basel. Die LSD-Unternehmer jener Zeit arbeiteten noch unabhängig, und obgleich sie große Profite machten, waren ihre Labors nur kleine improvisierte Werkstätten.

Als die LSD-Mode sich ausbteitete, wurden die Rohstoffe schwerer erhältlich und stiegen im Preis. Die selbständigen Chemiker hatten weder die nötigen Verbindungen noch das nötige Geld, um sich Lysergsäure und Ergotamintatrat zu beschaffen. Zugleich stieg die Nachfrage nach LSD (= Lysergsäurediäthylamid) so schnell an, daß ein verfeinertes Vertriebssystem notwendig wurde.

Im psychedelischen Sturm zeigte sich ein Wirbel. Sein Name war William Mellon Hitchcock. Als Stämmling der reichsten Familie Amerikas (oder der zweitreichsten, wenn die Rockefellers die Reichsten sind) hatte er sowohl das Kapital. als auch die internationalen Beziehungen, die notwendig waren, um die LSD-Erzeugung aus einer dezentralisierten Heimindustrie zu einem Großunternehmen zu machen. „Billy“, wie er allgemein genannt wird, ist groß, fesch, charmant, intelligent und ein Mellon-Erbe. Fast alle mögen den schlanken Vierunddreißigjährigen, von den Dienstmädchen, die ihn „Mr. Billy“ nennen, bis zu den Bullen und Staatsanwälten, die ihn vor Gericht brachten. Billy ist ein Enkel von William Larimer Mellon, dem Mitbegründer und Präsidenten der Gulf-Oil bis 1945, und ein Neffe der Pittsburgher Financiers Richard B. und Andrew W. Mellon. Sein Vater, Tom Hitchcock, ein Berufsoffizier, galt als einer der besten amerikanischen Polospieler aller Zeiten. Er kam bei einem Flugzeugabsturz im Jahre 1944 ums Leben; Billly und sein Zwillingsbruder Tom, heute Rennfahrer, waren damals noch kleine Kinder. Seine Mutter, die heute 73 Jahre alte Margaret Mellon Laughlin Hitchcock, lebt in New York, Gracie Square 10 und hält angeblich die Hand auf dem Hitchcock-Hinterlassenschaftsfonds im Wert von 160 Millionen Dollar; Billy schätzt seine Einkünfte aus den Zinsen dieses Fonds auf fünf bis sieben Millionen Dollar jährlich. Die Familie kontrolliert nach wie vor die Gulf Oil und andere große Konzerne (Westinghouse Electric, Bethlehem Steel ...).

Hitchcock hat in Wien und an der Universität von Texas studiert, aber ebenso wie die berühmten Söhne des Vermögensgründers Thomas Mellon, die es eilig hatten, hinauszukommen und Geld zu verdienen, nie seinen Doktor gemacht. Einmal hatte er den romantischen Einfall, von der Pike auf zu dienen, und versuchte sich als Arbeiter bei einer Ölquelle in Texas und dann als Werkmeister. Er hatte jedoch bald genug und kehrte wieder in die reineren Sphären der Hochfinanz zurück.

3 Reklameagent Leary

1963 flog Dr. Timothy Leary wegen seiner LSD-Experimente von der Harvard-Universität. Er landete in einem Landhaus mit 55 Räumen in Millbrook, Staat New York — das waren um 44 Räume mehr, als er auf dem Höhepunkt seiner akademischen Karriere besessen hatte. Das Landhaus verdankte er Billy Hitchcock, der nur einen nominellen Mietzins verlangte (und auch den zahlte Leary nicht immer). Der Hausherr begnügte sich mit den vier Zimmern des Gärtnerhäuschens. Seinen Düsenhubschrauber stellte er im Schuppen ein.

Bald wurde Millbrook ein Informationszentrum für LSD, wo Tips über Chemikalienlieferanten gehandelt und Rezepte ausgegeben wurden. Leary und Hitchcock, die behaupteten, „Experimente“ auf dem Gebiet der Drogen zu machen, waren fünf Jahre lang Gastgeber einer gemischten, LSD-getränkten Gesellschaft von 50 bis 60 Hippies.

Der Journalist Don McNeill, der Millbrook Mitte 1968 besuchte und dort ein Wochenende verbrachte, berichtete, Leary selbst nehme selten Drogen, sondern ziehe es vor, die Party zu leiten, die „Trips“ der Leute zu manipulieren, sexuelle Verbindungen zu arrangieren und das ganze Haus wie ein psychedelisches Orchester zu dirigieren.

Die meisten der späteren Hauptakteure im LSD-Geschäft waren Gäste in Millbrook gewesen. Einige von Learys „Experimenten“ verursachten einen Wirbel, der über das 1.000 Hektar große Gut hinausdrang. Der damalige Bezirksstaatsanwalt C. Gordon Liddy (der jetzige Watergate-Angeklagte!) führte eine Untersuchung über illegalen Drogengebrauch auf dem Gelände der Hitchcock-Viehverwertungsgesellschaft. Hitchcock wurde festgenommen, aber nicht angeklagt; statt seiner mußte die Firma eine Nominalstrafe zahlen.

Leary hielt sich bis 1966 die meiste Zeit in Millbrook auf und ging erst 1968 endgültig von dort weg, zwei Jahre nachdem die „Bruderschaft der Ewigen Liebe“ in Kalifornien als steuerfreie Corporation gegründet worden war. Um sich ein Taschengeld zu verdienen und seinen Ruf zu stärken, fuhr Leary gelegentlich die 140 Kilometer nach New York und inszenierte leichte Shows im Village Theatre, zum Entzücken der Teenager von Long Island und New Jersey. Manchmal zog er nach der Show seinen weißen Pyjama aus, warf sich in Schale und begab sich in den Playboy Club, wo er den „Häschen“ als starker Trinker und Arschbackenkneifer bekannt wurde.

Ende 1966 lernte Hitchcock in Millbrook Nick Sand kennen, einen der drei Männer, die später das mit Chemikalien beladene Lastauto zu dem Labor in Windsor lenkten. Sand, ein Chemiker aus Brooklyn, verstand es, andere zu manipulieren. Er hatte irgendwo im Staat New York ein kleines LSD-Labor. Gegen Jahresende 1966 besuchte er Hitchcock in dessen protziger New Yorker Wohnung. Sie nahmen gemeinsam DET. Damals hatte Hitchcock etwa 25 LSDTrips hinter sich.

1967 traf Hitchcock eine weitere Hauptperson des psychedelischen Geschäfts: Augustus Owsley Stanley III., den Enkel eines früheren Senators und Gouverneurs von Kentucky. Schon damals wurde Stanley „LSD-König“ genannt. Er soll eine Million Dollar an LSD verdient haben, bevor die Droge verboten wurde, und auch danach noch ansehnliche Summen. Er erschien in Hitchcocks New Yorker Wohnung mit Robert „Tim“ Scully, der später der beste Freund des jungen Millionärs werden sollte.

Learys Freund Dr. Richard Alpert (genannt Baba Ram Dass) hatte das Treffen arrangiert, weil Owsley ein Problem hatte. Er war auf dem Weg in die Stadt wegen eines Verkehrsdelikts angehalten worden; man hatte Haschisch bei ihm gefunden und ihn verhaftet. Er wurde zwar gegen Kaution freigelassen, erhielt aber nicht alle seine Sachen zurück; unter diesen befand sich der Schlüssel zu einem Safe in der Manufacturers Hanover Trust Company. Inhalt: 225.000 Dollar Profit aus dem illegalen Drogenhandel. Eine Partnerin Owlsleys hatte zwar einen zweiten Schlüssel, aber sie trauten sich nicht, das Geld selbst zu holen, sie suchten einen Mittelsmann.

Wann immer Hitchcock in einer heiklen Angelegenheit eines Rates bedurfte, rief er einen Anwalt. Diesmal war es ein guter Jugendfreund, Charles Cary Rumsey jr., ein Neffe Averell Harrimans, der 1960 sein Jusdoktorat in Harvard gemacht, aber nie als Rechtsanwalt praktiziert hatte. Gemeinsam telefonierten sie mit einem anderen Freund Hitchcocks, Bill Sayad jr., ebenfalls ein Harvard-Jurist, der die Wall Street wegen der grüneren Weiden des Bankwesens auf den Bahamas verlassen hatte. Sayad war Generaldirektor der Fiduciary Trust Company, einer Bank in Nassau, geworden; er trieb Finanzgeschäfte mit Billy Hitchcock.

Nach der Konsultierung Sayads holten Hitchcock und Rumsey das Geld aus dem Safe und gaben es Owsley. Sayad flog von Nassau nach New York und übernahm am folgenden Tag in Hitchcocks Wohnung die 250.000 Dollar. Hitchcocks Beziehungen zu Sayads Bank waren so gut, daß er die Eröffnung des Kontos nicht, wie üblich, mit seiner Unterschrift bestätigen mußte; und natürlich gab es keinen Steuerbeleg.

Einige Monate später, im Frühjahr 1967, schmiedeten Sand und Hitchcock Pläne, nach Nordkalifornien zu übersiedeln und ins LSD-Geschäft einzusteigen. Hitchcock entschloß sich, seine Investitionsgeschäfte weiterhin telefonisch zu erledigen. Scully, Owsley und andere ständige Millbrook-Besucher waren bereits in Kalifornien.

Die Westküste war inzwischen zum Mekka der Gegenkultur geworden. Eine Gruppe Gleichgesinnter, die zusammenlebten, Hasch rauchten und LSD-Trips warfen, hatte bereits in Laguna Beach die „Bruderschaft der Ewigen Liebe“ gegründet. Diese vereinigte sich allmählich mit Timothy Learys „Bund der spirituellen Entdecker“ (League for Spiritual Discovery). Leary und die Hippies pendelten zwischen Millbrook und Laguna Beach hin und her, und bald war Leary der Schurzheilige und Wortführer der „Bruderschaft der Ewigen Liebe“.

Die Millbrook-Gesellschaft zog nach Nordkalifornien, während die Bruderschaft im Süden eine neue Tätigkeit entfaltete: Drogenhandel in großem Stil. Das Zentrum ihrer kommerziellen Bemühungen war „Mystic Arts World“, ein Laden in Laguna Beach, der als legales Geschäft begonnen hatte, sich aber bald auf den Handel mit Marihuana aus Mexiko und LSD aus der Schweiz verlegt hatte. Die Millbrook-Leute wußten, daß die Drogengesetze ständig verschärft wurden und daß die Schweiz als LSD-Lieferant bald ausfallen würde.

Leary war der Wegbereiter für die Chemiker und Geldgeber, die aus Millbrook kamen. Er war auch eine Last für die Finanzen der Bruderschaft. Stets war er auf Reisen und schien doch keinerlei Einkommen zu haben. Seine Aufgaben in der Organisation waren Public Relations und Werbung, und seine Methoden entsprachen den besten Traditionen der New Yorker Madison Avenue.

William Mellon („Billy“) Hitchcock
in einem Atrium der Millbrook-Villa

4 Die LSD-Chemiker

Hitchcock, der Frau und Kinder in New York zurückgelassen hatte, war kaum in sein neues Quartier in Sausalito eingezogen, als Scully ihn aufsuchte und sagte, er arbeite in einem Labor, das synthetische Drogen herstelle, und er brauche Geld, um die Ausstattung der Werkstatt zu vervollkommnen. „Wir sprachen über Philosophie“, erzählt Hitchcock. „Ideologisch gelangten Scully und ich zu einer Harmonie, wie sie nur in dem von psychedelischen Drogen bewirkten veränderten Bewußtseinszustand möglich ist. Wir wurden gute Freunde. Er verlangte 10.000 Dollar. Ich erklärte mich bereit, ihm die Summe auf Zinsen zu leihen. Er zahlte sie mit beträchtlichen Zinsen innerhalb von sechs Monaten zurück.“

1969 gewährte Hitchcock Scully eine monatliche Rente von 1.000 Dollar und außerdem Spesenvergütung, so daß Scully in seinem Labor mit Drogen experimentieren konnte. Dafür sollte er die Drogen Hitchcock liefern.

Scully, jetzt 29 Jahre alt, ist ein technisches Genie, dessen Intelligenz die IQ-Skala sprengt. Er fiel den Wissenschaftlern im Bay-Gebiet auf, als er in der siebenten Klasse einen Computer baute und damit auf einer technischen Messe einen Preis gewann. Der Preis beinhaltete auch eine Besichtigung des Lawrence-Strahlenlaboratoriums in Berkeley. Den dort beschäftigten Wissenschaftlern gefiel Scully so gut, daß sie ihn einluden, bei ihnen zu arbeiten. An der Obermittelschule verbrachte Scully fast seine ganze Zeit mit der Arbeit an einem Teilchenbeschleuniger, der Quecksilber in Gold verwandeln sollte. Dieses Projekt nahm ihn so in Anspruch, daß er wenig Zeit für Freunde und für andere Unterrichtsgegenstände hatte. Seine Lehrer bekamen Angst, sie könnten wegen Duldung von Strahlengefahr in der Schule zur Rechenschaft gezogen werden, und relegierten Scully von der Schule.

Er inskribierte dann an der Universität Kalifornien, wo er mathematische Physik studierte; zugleich arbeitete er weiter im Strahlenlabor. Bald betätigte er sich als Konsulent, was ihm gute Einkünfte brachte, und baute auf dem Dachboden seiner Großeltern Strahlungsdetektoren. Damit war er so sehr beschäftigt, daß er das Studium und die Laborarbeit aufgab. Er ging dazu über, Instrumente für parapsychologische Forschung zu konstrüieren, was ihn zu den psychedelischen Drogen führte.

1965 lernte Owsley Scully kennen. Owsley war nicht nur „LSD-König“, sondern auch ein Medium für die Musikergruppe Grateful Dead. Er bot Scully an, Spezialinstrumente für Rock-Bands zu entwickeln, und nahm das magere, schweigsame Genie auf eine Tournee seiner Band mit.

Ungefähr sieben Monate später erzeugte Scully, der zwar keine chemischen Erfahrungen, aber dafür großes Geschick in Bibliotheks-Research besaß, in der Nähe von Berkeley LSD für Owsley.

Als das Rohmaterial zur Neige ging, gewann Owsley Scully für ein anderes Labor, das er in Denver errichten wollte. Jetzt stellte Scully STP her, das Owsley en gros an die Hell’s Angels verkaufte.

Als Owsley und Hitchcock einander in New York begegneten, war auch Scully dabei, der von Denver gekommen war, um Geld zu holen, „Owsley“, so erklärte er später, „hat mich finanziell kurz gehalten.“

STP war eine wilde, üble Droge, die sich nicht gut verkaufte, und Scully erzeugte sie nicht gern. Er suchte Owsley zu einer Europareise zu überreden, um Rohstoff zu beschaffen, und wurde an Hitchcock verwiesen.

Die geistige Harmonie zwischen dem Millionär und dem Genie war perfekt, bis auf eine kleine Meinungsverschiedenheit. Scully meinte, sein neuer Freund sollte die Rohstoffe und die Ausrüstung der „Bewegung“ spenden und die Drogen verschenken. Hitchcock belehrte ihn, daß die Menschen Dinge, die sie kostenlos bekommen, nicht schätzen.

Inzwischen hatte Nick Sand, der extrovertierte Chemiker, in San Francisco eine faule Firma mit dem Namen „D&H Research“ gegründet, unter deren Deckmantel er verschiedene Drogen erzeugte; allerdings fehlte ihm Rohstoff für LSD. Gleich Scully erhielt er 12.000 Dollar Jahresrente von Hitchcock. Er ließ sich mit anderen Mitgliedern der Bruderschaft auf einer Ranch in Cloverdale, 150 Kilometer nördlich von San Francisco, nieder. Sands Fähigkeit, sich in fast jedem Milieu zu bewegen, ermöglichte es ihm, sich mit Typen wie John T. Tracy, genannt „Terry the Tramp“, wohl zu fühlen; Tracy war ein Hell’s Angel, der auf der Ranch herumstreunte und zum Spaß die Türschlösser zerschoß.

Die Roverdale Ranch, in der Nähe eines kleinen Flughafens gelegen, war um 150.000 Dollar im Namen von Peter Buchanan, einen von Hitchcocks fragwürdigen Anwälten in San Francisco, erworben worden. Laut Scully war die Ranch ein Geschenk Hitchcocks an eine Gruppe seiner Partner, die dort leben konnten, solange es ihnen gefiel. Hitchcock hoffte außerdem, sie würde sich als gute Investition erweisen.

5 Spekulanten, IOS, Bahamas

Außer daß er Geld verlieh, bei Bankproblemen half und Chemikern Renten aussetzte, betätigte sich Hitchcock auch als Rechtshelfer der Bruderschaft. 1965 war Leary wegen Marihuanaschmuggels an der mexikanischen Grenze verhaftet worden; vier Jahre später entschied der Oberste Gerichtshof zu seinen Gunsten, doch hatte dies eine große Menge juristischer Arbeit und einen schweren Batzen von Hitchcocks Geld gekostet. Bruderschaftsmitglieder niedrigeren Ranges erhielten von Hitchcocks Anwalt Al Matthews telefonisch Rechtsauskünfte, ohne ihren Namen nennen zu müssen. Matthews soll einen Code benutzt haben, um mit den Bruderschaftsleuten und ihren Rechtsproblemen Fühlung zu halten. Er stellte nötigenfalls auch Kautionen und verteidigte Laborassistenten, die bei Razzien geschnappt worden waren. Er hatte einen Verteidigungsfonds zur Verfügung, den Hitchcock von Zeit zu Zeit auffüllte. Hitchcock gab auch für Scullys Verteidigung 10.000 Dollar, obwohl er gegen seinen Freund aussagte.

In Sausalito setzte Hitchcock seine Tätigkeit als Börsenmakler für die New Yorker Firma Delafield & Delafield fort. Er hatte vier oder fünf Klienten — alles Freunde oder Verwandte. Seiner eigenen Aussage nach hatte seine Maklertätigkeit vornehmlich die Lançierung von Aktien der Mary Carter Paint Company, jetzt als Resorts International Inc. bekannt, zum Gegenstand. Dieses anrüchige Unternehmen ist Eigentümer von Spielkasinos, Hotels, Restaurants, Realitätenbüros und sonstigen Einrichtungen auf Paradise Island und anderen Bahama-Inseln. Hitchcocks Arbeit für Mary Carter-Resorts International umfaßte die Initialfinanzierung der Ferieninsel, und großen Investoren wurden Anteile angeboten, die nicht auf den Markt kamen. In den Jahren 1966, 1967 und 1968 verbrachte Hitchcock eine Menge Zeit auf den Bahamas.

Von seinem neuen Sitz in Sausalito aus kontaktierte Hitchcock Charles Druce, einen britischen Chemikalienhändler, der die nötigen Verbindungen besaß, um die Ausgangsstoffe für LSD zu beschaffen. Gegen Ende 1967 kam Druce nach Sausalito, um über die Preise zu verhandeln. Druce, zur Zeit flüchtig, kann man als betrügerischen Schuft bezeichnen. Hitchcock erklärte, Druce hätte ihn gedrängt, in ein Geflügelmastunternehmen zu investieren, das er in Persien gründen wollte. Obwohl Hitchcock erkannte, daß es ein Schwindelunternehmen war, investierte er 5.000 Pfund, nur um Druce günstig zu stimmen.

Druce flog nach London zurück, während Hitchcock sich auf die Bahamas begab, um an der Eröffnung des neuen Kasinos auf Paradise Island teilzunehmen. Es war ein rauschendes Neujahrsfest, bei dem so exklusive Persönlichkeiten wie Richard Milhous Nixon und sein Busenfreund Charles „Bebe“ Rebozo aufkreuzten. Hitchcock behauptet, er hätte damals weder mit Nixon noch mit Rebozo gesprochen; es ist aber bekannt, daß er von der Watergate-Jury im Zusammenhang mit den Bahamas einvernommen wurde.

Im Frühjahr 1968 war Hitchcock wieder auf den Bahamas, diesmal in Begleitung seines LSD-Partners Nick Sand, Er wohnte bei seinem Bankier, Sam Feranis Clapp, einem Harvard-Absolventen, der Präsident der von IOS (Investors Overseas Services) kontrollierten Fiduciary Trust Company war. Hitchcock kannte Clapp seit 1964 und hatte bei dessen Bank mehrere Konten. Die Filialen, die an jeder Straßenecke der Bahama-Hauptstadt Nassau stehen, sind schon lange beliebte Depots für schmutziges Geld aus den USA wie auch bequeme Vorposten für Schweizer Banken.

Hitchcock wurde 1965 vor ein Senatskomitee zitiert, um über seine Beziehungen zur Fiduciary Trust Company auszusagen. Er log in seiner Aussage mehrmals und behauptete, es bestünde keine Verbindung zwischen der Fiduciary Trust Company und Investors Overseas Services. Später im gleichen Frühjahr, als Sand eine Stelle suchte, wo er 70.000 unredlich erworbene Dollar anlegen konnte, war die Fiduciary Trust Company nur zu glücklich, für Hitchcocks Kumpel ein Konto zu eröffnen.

Hitchcocks Verbindungen auf den Bahamas waren so gut, daß er erwog, dort ein LSD-Laboratorium einzurichten. Beteiligt an dem Plan war Lester Friedman, ein Chemieprofessor von der Case Western Reserve University in Cleveland, der an einer Vereinfachung der LSD-Synthese arbeitete.

Im Juli 1968 wurde Hitchcock von Clapp informiert, daß die Fiduciary Trust Company liquidiert würde und daß Hitchcocks dortige Konten transferiert werden müßten. Damals wurden gerade die Bankgesetze auf den Bahamas novelliert, vor allem in bezug auf das Bankgeheimnis. Hitchcock beschloß, sein Geld in die Schweiz zu verlegen. Im August flog er nach Zürich und ging zu einer Privatbank, J. Vontobel & Co, um mit 25.000 Dollar in Liechtenstein eine Firma, genannt „Vier-Sterne-Anstalt“, zu gründen, die als Mittler für Landkäufe auf den Bahamas fungieren sollte.

Während seines Aufenthalts in der Schweiz ließ Hitchcock von dem Nummernkonto 1315 bei der Paravicini-Bank in Bern 32.000 Dollar als „Darlehen“ für den Ankauf von Ergotamintatrat transferieren. Von da an wurden die Finanztransaktionen immer komplizierter, aber Hitchcock sagt, er hätte im Oktober des gleichen Jahres 98.000 Dollar in bar im Büro von T. Mellon & Sons in Pittsburgh an einen seiner Schweizer Bankiers, Freddie Paravicini, ausgezahlt. (T. Mellon & Sons, im 39. Stock des Mellon-US Steel Building, tätigen keine eigenen Geschäfte und besitzen kein Vermögen. Die Firma besteht aus Büro- und Wohnräumen für die Mitglieder der weitverzweigten Familie und wurde als Deckmantel für Informations- und Koordinationsoperationen innerhalb der Familie gegründet. Wächter kontrollieren einen jeden, der aus den Aufzügen aussteigt.)

Der Eigentümer der Paravicini-Bank, Freddie Paravicini, war Hitchcock auf mehrere Weisen nützlich. Durch seine Bank half er Hitchcock, die Gelder zu verstecken, die aus dem LSD-Geschäft stammten, und verhüllte die Quelle durch falsche Verbuchung. So wurden die Beträge auch der Einkommensteuer entzogen. Hitchcocks Bindung zu Pararvicini hatte ihre Grundlage darin, daß die beiden gemeinsam den größten Verstoß gegen die „Regulation T“ der amerikanischen Regierung begangen hatten.

„Regulation T“ setzt eine Höchstgrenze für die Kredite fest, die Börsenmakler ihren Kunden gewähren dürfen. Der Zweck der Verordnung ist, einem Börsenkrach wie dem von 1929 vorzubeugen. Die gesetzliche Höchstgrenze schwankt zwischen 20 und 30 Prozent, während Hitchcock und sein Partner 1969 Aktien im Wert von mehr als 40 Millionen Dollar mit 100 Prozent Kredit kauften und verkauften. Sie ließen die Bank für sich Sicherheiten kaufen und verkaufen — um Geld, das faktisch nicht existierte. Anfangs war es eine hochprofitable Operation, dann aber verspekulierte sich Hitchcock und ging baden. Manche seiner Freunde sehen in diesem Verlust den Anstoß zu seinem späteren Engagement im LSD-Geschäft Jahre später.

Timothy Leary
vor der Millbrook-Villa

6 Die LSD-Fabriken

In der Zwischenzeit beauftragte Hitchcock einen renommierten New Yorker Anwalt, Michael Standard von der Firma Rabinowitz, Boudin & Standard, herauszufinden, welche psychedelischen Mittel illegal und welche noch nicht von der sich schnell ändernden amerikanischen Drogengesetzgebung betroffen wären. Von Scully verlangte er, er möge herausfinden, welche Staaten und Inseln es unterlassen hätten, die Herstellung psychedelischer Drogen gesetzlich zu verbieten.

Schließlich errichtete die Bruderschaft in Costa Rica LSD- und Haschisch-Labors. Mitglieder des LSD-Zweiges der Bruderschaft trafen dort George Grant Hoag, den jungen Erben des J. C. Penney-Vermögens, der eine Villa mit Blick aufs Meer besaß. Er stand im Begriff, in die Staaten zurückzukehren, und lud seine neuen Hippie-Freunde ein, sein Haus zu bewohnen. Sie zogen prompt ein und installierten ein Labor.

Einige Wochen darauf kamen Beamte des amerikanischen Bundesrauschgiftdezernats ins Konsulat, um eine Bewilligung für eine Razzia auf das Labor zu bekommen. Sie waren noch nicht draußen, als die Kunde von den bevorstehenden Verhaftungen sich schon wie ein Lauffeuer verbreitete. Arme Einheimische stürmten Hoags Villa, plünderten sie aus und schlachteten das Vieh an Ort und Stelle. Hoag erklärte später, er hätte keine Ahnung gehabt, daß die Bruderschaft mit der LSD-Herstellung zu tun hatte. Der Zwischenfall habe ihn eine halbe Million Dollar gekostet.

Hitchcock, der schwere Zeiten kommen sah, rief Rumsey nach Kalifornien, um ihm die Erledigung gewisser Angelegenheiten zu übergeben — Besorgung von Geldgeschäften und Abholung von psychedelischen Stoffen aus diversen Safes. Obwohl Hitchcock Rumsey stets seinen „Anwalt“ nennt, war dieser offenbar eher sein Assistent und Laufbursche. Rumsey hatte frühzeitig sein Erbteil vertan, und Hitchcock hatte ihm so viel Geld geliehen, daß er zu einer Art verschuldetem Diener herabgesunken war. Rumsey vermasselte sogar halblegale Aufträge oder führte sie überhaupt nicht aus.

Während Hitchcock in Sausalito lebte; wurden er, Sand, Scully und andere, die mit dem Labor in Windsor zu tun hatten, bereits von der Polizei überwacht. Sie fuhren aber so viel herum, daß es einer Armee bedurft hätte, sie zu beschatten. Die Bullen fanden das Labor in Windsor nicht, solange es in Betrieb war. Die Vereinbarungen über das Labor in Windsor enthielten eine von Scully verlangte Klausel, wonach Sand, der ein überhebliches Großmaul war, den Ort so lange nicht kennen durfte, bis er bereit war, selbst hinzugehen und dort zu bleiben. Scully wollte den Vertrieb zurückhalten, bis alle Rohstoffe verarbeitet waren — er wußte aus Erfahrung, daß dies das sicherste war.

Scully war ein chemischer Autodidakt, Sand hatte Chemie an der Hochschule studiert. Beide verstanden es, eine Vielzahl psychedelischer Drogen herzustellen, doch arbeiteten sie nie zusammen, weil sie verschiedene Methoden verwendeten. Scully führte gewissenhaft Buch über alles, und als Hitchcock und Owsley ihm das untersagten, ließ er stets ein Blatt Papier in der Schreibmaschine eingespannt, um Stunde für Stunde genau den Werdegang jeder Portion LSD zu registrieren, damit jeder Irrtum ausgeschlossen wäre.

Sand, der „gelernte“ Chemiker, war da viel großzügiger. Er tat bald von dem, bald von jenem etwas mehr dazu und verschnitt die Drogen mit allem Möglichen, einschließlich Strychnin. Er machte nichts zweimal auf die gleiche Weise und konnte überall ein Labor einrichten — selbst in einem fahrenden Anhänger. LSD-Herstellung ist ein Vierundzwanzig-Stunden-Prozeß, der vom Chemiker fast ununterbrochene Anwesenheit verlangt. Die Luft ist voll von LSD-Staub, so daß alle ringsum automatisch eingetript sind. LSD wird auch durch die Haut aufgenommen, deshalb kann das händische Formen von Tabletten immer nur kurze Zeit gemacht werden. Die sicherste Art und Weise, LSD herzustellen, ist, es so schnell und mit soviel Hilfskräften wie möglich zu machen. Sowohl Scully als auch Sand arbeiteten in vielen Labors und erzeugten im Auftrag Hitchcocks LSD, STP („blue levis“), DMT und Meskalin. Selbst ein so kleines Labor wie das in Port Richmond, Kalifornien, konnte eine Million Tabletten herstellen, was beim Verkauf an die Vertriebsabteilung der Bruderschaft mindestens 300.000 Dollar einbrachte.

Das Labor in Windsor zeichnete sich durch große Produktionsmengen aus. Im Dezember 1968 nahm es den Betrieb auf, und zu Neujahr 1969 war der erste Schub LSD — unter dem schönen Namen „Orange Sunshine“ — fertig. Als das Labor im Frühsommer 1969 den Betrieb einstellte, hatte es mindestens zehn Millionen Tabletten produziert. Im März hatte Scully seinen Teil des Rohmaterials präpariert. Dann kam die Reihe an Sand, der in einem Marathon-Arbeitsgang 30 Tage lang ohne Unterbrechung schuftete.

7 Die Handelsgeschäfte der „Bruderschaft der Ewigen Liebe“

Schließlich wurde Sand ein Sicherheitsrisiko, und Hitchcock beschloß, zu verschwinden. Er verzog sich mit Scully nach Palm Springs, wo er für einen Monat ein Haus mietete. Von Palm Springs ging Hitchcock auf zwei Monate nach New York, wo er wartete, bis die Dinge sich beruhigt hätten. Sand übergab einem anderen die Arbeit im Labor und besuchte seinen Boß in New York. Sie kamen zu dem Schluß, daß eine neue Tablettierungsmaschine anzuschaffen sei. Man arrangierte Reisen zu Mead Johnson und Eli Lilly, und Hitchcock fuhr mit, um mit den Firmenmanagern zu verhandeln. Schließlich wurde eine Maschine gekauft und im Schlafzimmer eines Bruderschaftsangehörigen aufgestellt, der in Berkeley lebte. Sie wurde dann noch jahrelang in verschiedenen Labors zur LSD-Tablettenherstellung verwendet.

Angeregt von Learys Betrachtungen über die Notwendigkeit einer regelmäßigen LSD-Versorgung, stattete Sand der Idyllwild Ranch einen Besuch ab. Viele Gründungsmitglieder der Bruderschaft hielten ihn irrtümlich für einen Neuling im LSD-Geschäft. Kenntnis über die Erwerbung und Erzeugung von Drogen war einer kleinen, schichtenweise organisierten Gruppe vorbehalten. So hatte der Chef des LSD-Vertriebs, Michael Boyd Randall, derselbe, der 1970 den Weathermen 25.000 Dollar zahlte, um Leary aus dem Gefängnis von San Luis Abispo herauszuhelfen, einen anderen mit dem Großhandel betraut. Hitchcock hatte nur mit diesen beiden Männern, oder besser gesagt, mit diesen beiden Funktionen, zu tun. Ebenso waren die Beziehungen mit den Hell’s Angels und der STP-Vertrieb arrangiert. Wenige Leute in der losen Organisation wußten, wie die anderen Teile des Apparates, in denen sie nicht selbst tätig waren, operierten. Als daher einige Wochen nach Sands Besuch auf der Bruderschaftsranch eine Million Tabletten „Orange Sunshine“ auftauchten, ahnte kaum jemand, daß zwischen dem Mann und dem LSD ein Zusammenhang bestand.

Die Bruderschaft verschenkte häufig Werbemuster von „Orange Sunshine“, weil sie auf Mundpropaganda für ihr Produkt angewiesen war. Sie gaben sich die Mühe, sicherzustellen, daß die Tabletten in Farbe, Größe und Dosierung möglichst gleich waren („Standardisierung“ des Produkts). Sie verkauften nicht irgendein LSD, sondern eine bestimmte Sorte, die Leary, sooft er konnte, empfahl. Die Leute, die Muster verschenkten, waren besonders ausgesucht, und die Verkäufer folgten ihnen auf dem Fuß. Sowohl in der Produktion als auch im Einzelhandel war die Bruderschaft sorgsam darauf bedacht, den Markt nicht zu übersättigen. Monate nachdem das Labor in Windsor den Betrieb aufgenommen hatte, begann „Orange Sunshine“ im drogenhungrigen New York und in New England aufzutauchen. In den folgenden Jahren wurden Tausende Tabletten in allen Bundesstaaten der USA und in 20 anderen Ländern beschlagnahmt.

Die Bruderschaft legte einen Teil ihrer Gewinne in Immobilien an. Sie erwarb Grundstücke auf Hawaii und einige hundert Hektar in Kalifornien. Bargeld aus dem Drogenhandel wurde manchmal im Wert von Hunderttausenden Dollar in Barschecks eingewechselt, die dem Anwalt Peter Buchanan übergeben wurden. Dieser gründete in Hitchcocks Auftrag mehrere Scheinfirmen, um das Geld unterzubringen und für die Einrichtung eines weiteren Labors in Arizona oder New Mexico bereitzuhalten.

1969 entsandte Hitchcock seinen Laufburschen Ramsey in die Schweiz, um dort von drei Konten bei der Paravicini-Bank 100.000 Dollar abzuheben. Das war ein Fehler. Rumsey wurde beim Zoll in Los Angeles mit dem Geld erwischt. Er erklärte den Beamten, das Geld gehöre Hitchcock, und die Beamten meldeten es der Finanzbehörde. Um die Herkunft des Geldes zu verschleiern, schrieb Paravicini an die Finanzbehörde und versicherte, es handle sich um ein Darlehen seiner Bank. In Wahrheit stammte es größtenteils aus Drogenptrofiten. Paravicinis Brief diente später als Beweisstück in einem finanzrechtlichen Verfahren gegen Hitchcock. Vor allem hatte der versuchte Schmuggel eines so großen Geldbetrages in Verbindung mit Hitchcocks Namen bei der Finanzbehörde und anderen Exekutivorganen den Verdacht erweckt, daß mit dem jungen Mellonerben nicht alles ganz koscher sei. Der Zwischenfall beim Zoll in Los Angeles war der Anfang vom Ende Billy Hitchcocks.

Als das Labor in Windsor geschlossen wurde, flog Hitchcock nach New York. Dort traf er einen gewissen Ron Stark, einen Chemiker, der früher ein enger Mitarbeiter Nick Sands gewesen war. Stark ist eine zwielichtige Figur; er behauptet abwechselnd, Arzt, ehemaliger CIA-Agent, Beamter des Verteidigungsministeriums und Oxford-Absolvent zu sein. 1964 besaß er höchstens 1.000 Dollar, 1968 war er mehr als eine Million Dollar wert. Vielleicht hatte der Umstand, daß er das Haschisch-Öl erfunden hat, etwas mit seinem plötzlichen Reichtum zu tun.

Starks Operationsbasis war Europa, das der Quelle der LSD-Rohstoffe näher liegt. Er verfügte über hervorragendes Material und ein großes Produktionspotential, aber es fehlte ihm eine fertige Vertriebsorganisation wie die Bruderschaft. Aus offenkundigen Gründen blickte er mit Neid auf Hitchcocks Position im Drogengeschäft. Und Hitchcock, der spürte, daß es brenzlig wurde, war gern bereit, mit dem ehrgeizigen neuen Konkurrenten einen Handel zu schließen. Die beiden aßen zusammen in dem New Yorker Restaurant La Brasserie, wo sie Starks Angebot, Hitchcocks Anteil am LSD-Geschäft aufzukaufen, erörterten. Sie gebrauchten Ausdrücke wie „schwarzes Gold“ und „weißes Geld“. Zuerst verkaufte Stark rohes LSD an Hitchcock, der es tablettierte und vertrieb. Dann verkaufte Hitchcock alles an Stark, mit der Cloverdale Ranch als Draufgabe. Seine Partner, Scully und Sand, lagen auf dem trockenen.

Aber der alte Hitchcock-Charme wirkte immer noch Wunder. Um seinem Freund einen Gefallen zu tun, erklärte sich Scully bereit, in den Mittelwesten zu reisen und eine neue Tablettierungsmaschine aufzutreiben. Der Lastwagen, auf dem er die Maschine transportierte, brach zusammen, und Scully wurde beim Autostoppen mitgenommen — von einem Beamten des Bundesrauschgiftdezernats, der ihm auf dem Weg nach Kalifornien gefolgt war. Während das Lastauto repariert wurde, hatten Scully und der Beamte beim Frühstück ein freundschaftliches Gespräch, und zum Erstaunen des Beamten nannte Scully ihm seinen richtigen Namen, seine Adresse und seine Telefonnummer, ja er lud ihn sogar ein, ihn zu besuchen, wenn er nach Kalifornien kommen sollte.

Dann trennten sie sich. Scully bemerkte, daß der Mann ihm folgte, und er begriff, daß es ein Agent war. Nachdem er kreuz und quer durch die Stadt Pocatello, Idaho, gefahren war, wie verrückt gehupt und allen Polizisten zugewinkt hatte, ließ Scully den Lastwagen beim örtlichen Flughafen stehen. Schließlich landeten Wagen und Maschine bei Rechtsanwalt Matthews, dem die Aufgabe zuteil wurde, die Tablettierungsmaschine möglichst günstig zu verkaufen. Er stellte sie auf einem Parkplatz in Los Angeles ab und hängte daran eine Tafel mit der Aufschrift „Staatseigentum — nicht berühren!“ Schließlich vereinbarte er mit einer Firma für zahnärztliche Instrumente, die Maschine, die 15.000 Dollar wert war, mit Verlust an die ursprünglichen Eigentümer zurückzuverkaufen; den Erlös überwies er an Stark.

Inzwischen hatte Hitchcock Unannehmlichkeiten mit der Familie. Während er mit Freundin und Bruderschaft in der Welt herumgondelte, beschloß Mrs. Aurora Tracones Hitchcock, die er mit den Kindern allein in New York zurückgelassen hatte, die Scheidungsklage einzureichen. Es war ein klassischer Fall ehelicher Rache. Frau Hitchcock gab 1969 in ihrem Scheidungsantrag an, ihr Mann habe in der Schweiz Bankkonten, auf denen er seine Profite aus der illegalen Drogenerzeugung deponiere, er lasse zu Hause Drogen herumliegen, die jederzeit von den Kindern geschluckt werden könnten, und vergeude das Familienvermögen. Das war der Todesstoß für Hitchcocks Karriere als LSD-Magnat.

Frau Hitchcocks Anwalt erzählte dem Steuerberater ihres Mannes von den Schweizer Konten. Der Steuerberater empfahl Hitchcock, die Angelegenheit sofort den Behörden zu melden, sonst käme er ins Gefängnis. Hitchcocks bunte Beraterschar setzte sich in Bewegung. Paravicini flog nach New York, der Steuerberater flog nach New York, aus allen Himmelsrichtungen kamen Anwälte angeflogen. Das Konsilium entschied, Hitchcock solle sein Scheckbuch zücken. Er sandte augenblicks einen Scheck über eine halbe Million Dollar ans Finanzamt zur Deckung seiner Steuerschulden und allfälliger Strafen. Um seine Steuerschulden zahlen zu können, verkaufte er sogar einen Teil seines Besitzes in Millbrook an seine Mutter.

Aber Hitchcock hatte noch ein weiteres Problem: Charles Druce, der ihn seinerzeit mit Drogenrohstoff versorgt hatte. Der brave Engländer erpreßte Hitchcock durch eine Londoner Bank und drohte, ihn Scotland Yard auszuliefern, wenn er nicht gleich 20.000 Dollar bleche. Hitchcock wat empört. Natürlich engagierte er einen fähigen Anwalt, der ihn von dem lästigen Erpresser befreien sollte.

Im Frühjahr 1971 übersiedelte Hitchcock aus unbekannten Gründen nach Tucson. Paravicini sperrte seine Bank zu (die ohnedies schon in Schwierigkeiten war) und flüchtete an die Costa del Sol, wo er heute noch ist, von Zeit zu Zeit zitternd, man könnte ihn ausliefern. Im Sommer 1972 trat in Nord- und in Südkalifornien je eine Grand Jury zusammen, und Hitchcock hielt sich die meiste Zeit auf dem Gut seiner Mutter in Kanada auf, um einer Zwangsvorführung zu entgehen.

Aus begreiflichen Gründen war Hitchcock daran interessiert, daß auch Scully nicht vors Untersuchungsgericht kam. Also begann er eine sechsmonatige Kampagne, um Scully in die Tasche zu kriegen; er bot ihm Geld und eine Reise nach Europa an, um ihn außer Reichweite des Gesetzes zu bringen. In Hitchcocks Auftrag gab Michael Boyd Randall an Scully 5.000 Dollar und die Weisung, nach Madrid zu fliegen. Aber nach einigen Monaten hielt Scully es in Europa nicht mehr aus und kehrte zurück. Daraufhin verbannte Hitchcock ihn nach Kanada; wieder war Scullys Heimweh nach der kalifornischen Sonne größer als seine Angst vor der Grand Jury. Schließlich konnte Hitchcock ihn überreden, wenigstens aus seiner Wohnung auszuziehen und unterzutauchen. Allwöchentlich rief er Scully in dessen Versteck an, um sicherzugehen, daß jener sich nicht in Gefahr begab.

Im Februar 1972 wurden Hitchcocks fein ausgeklügelte Ausweichmanöver durchkreuzt: Aufgrund des erwähnten Zollzwischenfalls in Los Angeles und der Entdeckung seiner Schweizer Bankkonten wurde er wegen Steuerhinterziehung angeklagt. Da fiel Hitchcock um. Er traf sich mit Scully in Kalifornien und sagte ihm, er werde sich der Staatsanwaltschaft als Zeuge zur Verfügung stellen. Seine Familie sei wütend auf ihn, denn seine Tätigkeit und eine weitere Bloßstellung des Mellon-Clans oder eine Verurteilung wegen Drogenhandels könnte den Verlust seines Hinterlassenschaftsfonds in der Höhe von 160 Millionen Dollar bedeuten. Vergeblich bat er Scully, ebenfalls als Kronzeuge zu gehen.

Timothy Leary
im Dezember 1972 bei einem Interview mit dem „Wiener Filmkollektiv“ im Volksgarten. Nachdem Leary mit Hilfe der „Weathermen“ (und einer Spende von 25.000 Dollar der „Brotherhood of Eternal Love“) 1970 aus dem kalifornischen San-Luis-Abispo-Gefängnis ausgebrochen war, ging er zunächst nach Algerien, dann in die Schweiz; nach einem Zwischenaufenthalt in Österreich wurde er Anfang Jänner 1973 in Afghanistan amerikanischen Agenten übergeben und in die USA zurückgebracht. — Was er in Wien äußerte, war schon einigermaßen zerfasert und allgemein-vage, um nicht zu sagen wirr. Er schien abgebaut zu haben und machte einen total ausgeflippten Eindruck.

8 Das Mellon-Vermögen gerettet — Fußvolk in den Knast

Sodann flogen Hitchcock und Scully nach San Francisco, um sich mit Randall zu beraten. Dieser meinte, wenn Hitchcock die Aussage verweigere, gäbe es nicht genügend Beweise für einen Schuldspruch. Wie sich zeigte, hatte Randall recht. Der Fall kam im November 1973 vor Gericht, und Hitchcock fiel seinen Freunden in den Rücken, in der Hoffnung, wenn er sie belastete, würde ihm das Gefängnis erspart bleiben. Seine Aussagen widersprachen in vielen Punkten denen Scullys.

Tim Scully, der behauptet, im Zeugenstand die Wahrheit gesagt zu haben, bekam zwanzig Jahre.

Nick Sand wurde zu fünfzehn Jahren verurteilt.

Lester Friedman, der Chemiker von der Universität Cleveland, kam mit zwei Jahren davon.

Owsley Stanley, der bereits zwei Jahre gesessen hatte, mußte 142.276 Dollar Steuern nachzahlen, plus einer Geldstrafe von 5.000 Dollar.

Peter Buchanan, der Anwalt Hitchcocks, der immer noch in Berkeley lebt und nicht angeklagt wurde, erhielt für seine Zeugenaussage Straffreiheit zugesichert, litt jedoch im Zeugenstand unter Gedächtnisschwund. Weder er noch Rumsey wurden bisher von der Anwaltschaft ausgeschlossen oder sonstwie gemaßregelt.

Ronald Hadley Stark, Michael Boyd Randall und Charles Druce wurden unter Anklage gestellt, sind jedoch flüchtig.

Billy Hitchcock bekam fünf Jahre bedingt und 20.000 Dollar Geldstrafe, unter der Bedingung, daß er mit den Behörden zusammenarbeitet.

Timothy Leary befindet sich in Haft beim FBI in Chicago. Um auf freien Fuß zu kommen, hat er vor kurzem beschlossen, in der Untersuchung gegen die Weathermen, die Bruderschaft und ihn selbst — betreffend seine Verbindungen mit Radikalen und dem Drogengeschäft — den Behörden seine Mitarbeit anzubieten. Er sitzt in Einzelhaft, weil die Behörden fürchten, seine von ihm verratenen Freunde könnten ein Attentat auf ihn verüben.

© the village voice, New York

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Erstveröffentlichung im FORVM:
November
1974
, Seite 31
Autor/inn/en:

Mary Jo Warth:

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