FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1988 » No. 411/412
Josef F. Maletschek

Der ewige Antisemit

Klopfzeichen aus der Wiener Polizei

Fernschreiben mit der Vorrangstufe „ssd“ sind, der offiziellen polizeiinternen Definition nach, Nachrichten, die den Empfänger möglichst schnell erreichen müssen. Das ssd-Fernschreiben PWPR Nr. 9275 kam am Samstag, dem 27. Juni 1987, um 10.05 Uhr, es war ein Fernschreiben des Präsidialjournaldienstes. Auf antisemitische Umtriebe, stand sinngemäß darin, ist im Zuge des Streifendienstes besonders Bedacht zu nehmen. Ich diene seit zwölf Jahren bei der Wiener Polizei. Ein Fernschreiben, so blauäugig, so verlogen, so vordergründig opportun, habe ich noch nie gelesen und noch nie zuvor habe ich die Buchstabengruppe „ssd“ so mißbraucht gesehen. Das will etwas heißen.

Am Abend, nach der Ablöse, schloß ich mich einer Runde ebenso dienstfreier Kollegen an. Leuten zwischen zwanzig und dreißig, durchaus intelligent, durchschnittlich gebildet, berufsbedingt aber wenig abgeklärt und in keiner denkbaren Hinsicht fanatisch. Habt’s das Nazi-Fernschreiben gelesen, fragte ganz unvermittelt einer aus eben dieser Runde, das uns der Josef am Vormittag runterg’worfen hat? Die Bandbreite der Reaktionen reichte von schallendem Gelächter über süffisantes Grinsen bis zur bekannten, gleichgültigen Handbewegung. Da bahnt sich eine interessante Diskussion an, dachte ich, aber dem war nicht so.

Was heißt Sauna auf hebräisch?

Wie viele Juden braucht man für eine Aschenbahn?

Warum hat eine israelische Dusche elf Löcher?

Warum seid ihr so deppert, fragte ich und rauchte eine Zigarette, die mir nicht schmeckte, und trank mein Weinglas viel rascher leer, als ich das hatte tun wollen. Das ist doch kein Kasperltheater, das ist doch alles erst zweiundvierzig Jahre her, und wenn ich daran denke, daß ich gerade einunddreißig bin, könnte mir schlecht werden.

Keine Diskussion. Nur ein gelangweiltes Mein Gott, der Lange ist schon wieder so verdammt intellektuell, und ein übergangsloser Themenwechsel.

Am selben Abend, zwei oder drei Stunden später, saß ich in meinem Stammwirtshaus. Ein Ottakringer Vorstadtbeisl, der Wirt ist ein Schulkollege aus meiner Gymnasialzeit, Leute aller Berufe treffen und verstehen einander dort. Laufkundschaft wird fast scheel angesehen.

An meinem Tisch ein anderer Schulkollege, Historiker, ein Taxifahrer und ein Maurergeselle, beide natürlich Stammgäste. Gegen zehn kommt ein anschlußsuchender Besoffener herein, setzt sich an unseren Tisch, das Gespräch verstummt sofort. Irgendwie lag es schon in der Luft, was er sagen wollte, wir sahen einander an, da ging es auch schon los:

Burschen, was sagt’s ihr, dö Scheißjuden glaub’n, sö können alles mit uns Österreicha auffiarn. Da Hitla hätt’ alle vergasen müssen ...

Schleich dich, sagte der Historiker.

Glasiges, saudummes Glotzen.

Schleich dich, mahnte der Taxler, ich mein’s dir nur gut.

Ah, glaubte der Kretin bemerken zu müssen, ihr seid’s also a solche. Dö für die Jud’n san, für ...

Josef, sagte der Maurer sehr laut und sah mich dabei nicht an, sag’ diesem Stück Dreck, daß es das Wirtshaus verlassen soll, weil ich es sonst manu propria raushau’. Ich grinste wie ein Wald voll Nibelungenzwerge, weil lateinische Floskeln sich aus seinem Mund immer so eigenartig anhören.

Unser Volksgenosse ging erst, als ich meine stattlichen 1,95 stehend erkennen ließ und meine Entschlossenheit auf diese Weise eben unmißverständlich demonstrierte. Als er weg war, war auch meine Eloquenz weg, kein einziges Wort brachte ich heraus, und meine Wut steigerte sich ob meiner Wortlosigkeit ins Unendliche.

Glaubst du, sagte einer aus der Runde — und ich vermag mit Gewißheit nicht mehr zu sagen, ob es der Historiker, der Taxler oder der Maurer war —, daß dieses Arschloch eine Einzelerscheinung ist?

Ich antwortete nicht.

Glaubst du an diese Lippenbekenntnisse, diese Heuchelei, diese vordergründigen Wiedergutmachungsversuche? In tausend Jahren glaube ich nicht daran! Aufgeschlossen und tolerant sind ein paar Intellektuelle und ein paar intelligente, gebildete Arbeiter, den Rest kannst du vergessen. Die Kleingewerbetreibenden, der g’schissene Mittelstand, und die Beamten kannst du vergessen, ich weiß schon, du bist auch einer, aber in der Gesamtheit haben die die Gaskammern nie gestört, im Gegenteil, die vergasen selbst jederzeit wieder.

Ich fühle mich elend, weil er die Wahrheit sagte. Die unglaubliche Wahrheit, die Wahrheit, die im Grunde alle Attribute armselig macht, und ich trank rasch ein paar Gläser Wein hintereinander und beteiligte mich nicht mehr an dem Gespräch und sagte dann irgendwann nicht ohne Selbstgefälligkeit, Himmel, wir sind doch nichts anderes als die belogene Generation, die in den Fünfzigern geborenen Depperten, denen man das Märchen von der Stunde Null im fünfundvierziger Jahr erzählt und der man eingeimpft hat, daß alles Vergangene eigentlich nur eine Folge von Verwirrungen war, die zu einem idealen status quo geführt haben. Ein Achselzucken, die Resignation war körperlich spürbar.

Ich beschloß, keinem diesbezüglichen Gespräch in der nächsten Zeit auszuweichen. Ich tat es auch nicht. Wenn ich mich recht erinnere, war ich zu der Zeit, in der ich die 7. Klasse Mittelschule hinter mich zu bringen versuchte, zum letzten Mal im KL Mauthausen. Die Öfen waren mir damals kalt vorgekommen. Führe ich jetzt hin, ich könnte mich an ihnen wärmen. Ich bin kein Philosemit. Kein Philosemit und kein Antisemit, ich stehe ziemlich unverständig vor dem Faktum, daß einer meiner besten Freunde getaufter Jude ist und selbst antisemitische Witze erzählt, und ich habe einem ehemaligen Schulkollegen, der ein glühender Zionist ist, schon ungezählte Male gesagt, o.k., geh doch endlich nach Israel und reiß’ dort die Papp’n auf.

Ich bringe so schweren Herzens Verständnis für Leute auf, deren primitivem Naturell eben jedwede Andersartigkeit suspekt ist.

Und ich selbst habe noch nie das Bedürfnis verspürt, einen orthodoxen Juden mit Kaftan, Kapperl und Haarlocken vor Begeisterung abzubusseln, und wenn der Torberg dem Weigl insinuiert hat, er kröche am liebsten in jeden arischen Arsch, so kann ich für meinen Teil nur sagen, daß ich als sogenannter Arier und als Mischung fast aller k.-u.-k.-Nationalitäten noch nie das Verlangen gehabt habe, einem Juden zu hofieren, nur weil er Jude ist.

Nur: genau das wird gegenwärtig seitens der sogenannten offiziellen Stellen versucht. Die Scheiße des allgemeinen Judenhasses — das Wort „Antisemitismus“ klingt ja im Grunde so, als wäre da eine Spur vernunftmäßig Begründbares darın — wird mit dem Schlagobers der per Dekret verordneten Judenliebe zu überdecken versucht. Das beginnt bei der bewußten Vermeidung des Wortes „Jude“ überhaupt — schließlich spricht man ja verschämt von den jüdischen Mitbürgern — und endet bei Kniefällen vor wirklich unangenehmen Menschen, nur weil diese Juden sind.

Nein, ich meine niemanden speziell, sicher nicht den Herrn Singer. Ich sage Singer, wenn ich Singer meine. Den verstehe ich sogar. Wenn meinem Vater das widerfahren wäre, was Herrn Singers Vater widerfahren ist, wäre ich ebenso voll Haß wie er. Vielleicht würde ich mich dann auch auf eine Symbolfigur einschießen, eine Symbolfigur wie Herrn Waldheim, einen schlauen Opportunisten, einen Mann, der kaum expressis verbis gelogen hat, dessen Lügen im wesentlichen aus dem Verschweigen der Wahrheit bestehen.

Im Radio wurde gesagt, daß die Mahnwache für den österreichischen Widerstand vor dem „O5“-Zeichen am Eingang des Stephansdoms bereits zu Ende gegangen ist. Schade, ich habe vorgehabt, auch zwei Stunden abzudienen, unzählbare Dinge sind mir dazwischengekommen, Dienst, Überstunden, die schier endlosen Besprechungen wegen unserer Zeitung, deren Nullnummer im November erscheinen soll, die sich im Kreis drehenden Gespräche mit den Freunden über die aktuelle Lage in diesem Land.

Gut, daß du nicht dort gestanden bist, Alter, sagte einer aus unserer Gasthausrunde. Wirklich gut. Ich sah ihn verständnislos an. Warum? Warum ist das gut?

Wo lebst du, du Depp, fragte er mich.

Na, immer noch in Wien. In Österreich, gell?

Er nickte und ließ eine Art Grunzen hören. Also. Also. Wo’s mehr Judenhasser und Nazis gibt als Einwohner, brauchst nicht Mahnwache stehen.

Ich wollte lachen. Ich konnte es nicht.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1988
, Seite 30
Autor/inn/en:

Josef F. Maletschek:

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