FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1974 » No. 247/248
Friedrich Geyrhofer
David S. Landes:

Der entfesselte Prometheus

Technologischer Wandel und industrielle Entwicklung in Westeuropa von 1750 bis zur Gegenwart

David S. Landes: Der entfesselte Prometheus. Technologischer Wandel und industrielle Entwicklung in Westeuropa von 1750 bis zur Gegenwart, Kiepenheuer und Witsch, Köln 1973, 597 Seiten, DM 58, öS 452

Der exorbitant hohe Preis dieses Buches muß eben jene Interessenten abschrecken, für die es einen echten Gebrauchswert darstellt. David S. Landes gibt eine gedanklich selbständige, empirisch detaillierte und übersichtlich geschriebene Geschichte des industriellen Kapitalismus seit dem 18. Jahrhundert, für die in der einschlägigen deutschen Literatur kein Gegenstück existiert. Anders als die klassische Studie Hobsbawms („Industrie und Empire“) beschränkt sich Landes nicht auf Großbritannien, sondern bezieht auch Frankreich, Deutschland und die Schweiz in seine historische Darstellung ein. Süd- und Osteuropa sowie Rußland und die USA werden kursorisch gestreift. Landes widmet ein aufschlußreiches Kapitel dem wirtschaftlichen Konkurrenzkampf des englischen mit dem deutschen Kapital seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Paradoxerweise liegt der Wert dieses Wälzers gerade darin, daß Landes von einem ausgesprochen bürgerlichen, ja antimarxistischen Standpunkt aus schreibt. Landes stellt klar, daß die Parameter des wirtschaftlichen Wachstums keineswegs eindeutig sind. Sogar bei Zahlen über die Produktionsentwicklung so simpler Güter wie Kohle und Stahl muß die sich verändernde technische Qualität berücksichtigt werden: folglich führen quantitative Vergleiche über längere Zeiträume in die Irre. Die babylonischen Türme der mathematischen Wachstumstheorie sind auf Sand gebaut. Es gibt nichts Fragwürdigeres als Behauptungen wie: „... stieg die Produktion allein in den letzten vierzig Jahren des 19. Jahrhunderts um das Zehnfache.“ Vor solchen Dummheiten warnt Landes seine Leser.

Landes ist vom sogenannten „kritischen Rationalismus“ eines Karl Popper und Friedrich Hayek geprägt, der unter Vernunft bloß die Kalkulationen der Unternehmer versteht. Unter diesem bornierten Blickwinkel kommt Landes allerdings zu frappierenden Erkenntnissen: etwa über die Disziplinierungsfunktionen, die von Fabrik, Schule und Technologie auf das Proletariat ausgeübt wurden. Landes ist kein Ökonomist: ausführlich geht er auf die institutionellen Voraussetzungen der Wirtschaftsgeschichte, auf die technische Entwicklung, auf die Rolle der Banken und Kreditsysteme und auf die Kämpfe zwischen den verschiedenen Kapitalfraktionen ein. Diese Verquickung des Politischen mit dem Ökonomischen bewährt Landes in seiner Darstellung der großen Depression und der ökonomischen Grundlagen des Nationalsozialismus.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juli
1974
, Seite 58
Autor/inn/en:

Friedrich Geyrhofer:

Geboren am 03.09.1943 in Wien, gestorben am 16.07.2014 ebenda, studierte Jus an der Wiener Universität, war Schriftsteller und Publizist sowie ständiger Mitarbeiter des FORVM.

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