MOZ » Jahrgang 1990 » Nummer 48
Wolfgang Beyer
Boris Vian

Das Leben eines Deserteurs

Vor kurzem war die sensible Verfilmung seiner Erzählung „Die Toten Fische“ bei uns zu sehen. Im Hannibal-Verlag erscheinen seine „Gesammelten Schriften über Jazz“. Und im „Theater Brett“ in Wien hat im März Vians Drama „Die Reichsgründer“ Premiere. Grund genug, einige der vielen Leben Boris Vians zu schildern.

Bild: Wagenbach-Verlag

„In den neununddreißig Jahren seines Lebens, von 1920 bis 1959, hat Boris Vian alles daran gesetzt, mehr als nur ein Leben zu leben“, schreibt Klaus Völker in einer vor kurzem erschienenen Biographie). [1] Vian war Trompeter und Jazz-Experte, Romancier und Librettist, Skandalautor und sensibler Lyriker, Filmemacher und Kulturkritiker wider Willen, Enfant terrible der existentialistischen Szene, wütender Antimilitarist und anarchischer Rundfunkpionier, Satiriker, Pataphysiker und innovativer Querdenker. Viel zu viel für ein Leben, so mag es scheinen, zumal für solch ein kurzes.

„Donnerwetter ... beachtlich ... aber wie sagt man ... wer viel anpackt, packt nichts gründlich an“, läßt Vian aus diesem Grund auch einen Uniformierten in seiner „Unterredung mit einem Adjutanten“ sagen.

Was er alles — und durchaus gründlich — angepackt hat, das dokumentiert der Verlag 2001 seit nunmehr zehn Jahren in einer inzwischen auf siebzehn Einzelbände angewachsenen Werkausgabe, deren Lektüre — vorausgesetzt, sie wird auf dem Rücken liegend absolviert [2] — folgende erstaunliche Ergebnisse zeitigen könnte: „Ich bin zuhause, endlich in der Falle, und kurz vor dem Einschlafen habe ich mich noch in eine Ente verwandelt.“ [3]

Das erste Leben: Der Jazz

Für den „Prinzen von Saint-Germain“ war der Jazz authentisches Ausdrucksmittel einer kulturellen Opposition: von den Deutschen als „entartete Kunst“ verpönt und — fern der Heimat — doch irgendwie geduldet, vom Großteil der französischen Bevölkerung als Musik jener Völker verstanden, die man — aus eigenen kolonialen Interessen — nicht allzusehr verstehen darf und soll, war diese Kunst der Schwarzen dazu angetan, Vian eine Identität zu geben, lange bevor er sich literarisch profilieren konnte. In den vierziger Jahren spielte Vian im Orchester von Claude Abadie, das zu den führenden französischen Bands der Zeit zählte. Er begrüßte die Erneuerung des Jazz durch den Bebop und bekämpfte die Verflachung „seiner“ Musik durch Kommerz und Filmschnulzen.

Aus gesundheitlichen Gründen trat er immer seltener auf. „Jeder Puster in meine Trompete verkürzt mein Leben“, schrieb Vian, der schon sehr früh wußte, daß er höchstens vierzig Jahre alt werden würde. Dafür schrieb er Kritiken und Polemiken für die Zeitschriften „Jazz hot“ und „Combat“, organisierte Auftritte von internationalen Größen wie Charlie Parker, Max Roach und Erroll Garner und arbeitete später als Herausgeber einer Jazz-Edition bei Philips. Als Philips eines Tages das unsittliche Ansinnen an Vian richtete, doch auch Dave Brubeck zu publizieren, antwortete er mit einer energischen Polemik: „Je mehr Brubeck ich höre / Desto mehr finde ich, daß das ein unglaublicher Scheißdreck ist / Ich lehne es ab, mich als Verantwortlicher für dieses scheußliche Zeug zu engagieren, das keinerlei Ähnlichkeit mit Jazz hat ...“

Bild: Wagenbach-Verlag
Miles Davis und Boris Vian, 1949
Bild: Wagenbach-Verlag

Das zweite Leben: Der Existentialismus

„Ist Existentialismus heilbar?“ fragt Erich Kästner in einer seiner Satiren und kommt zu dem Schluß, daß es sich dabei wohl um eine Art Idiosynkrasie handeln könnte. Vian geht — ungefähr zur selben Zeit — einen Schritt weiter: für ihn ist er eine krankhafte Sucht nach Idiosynkrasien aller Art. Da ersteht ein Sartre-Fan (in „Der Schaum der Tage“) „eine Ausgabe von ‚Ohnmacht und Übelkeit‘ auf unperforiertem Toilettenpapier“, da gibt es des Meisters Werk „Erbrechen“ in „Stinktierleder“ und einen „goldenen Ring in Form des Ekels“ als Gastgeschenk. Nicht zu vergessen die bahnbrechende Abhandlung „Über das Angewidertsein“.

Sartre tritt in diesem Roman als Jean-Sol Partre auf, eine ebenso einfache wie geniale Alliteration, die sowohl die Verehrung des Philosophen als „Sonnenkönig“ als auch dessen patriarchalisches Verhalten auf einen gültigen satirischen Nenner bringt. „Partre hatte sich inzwischen erhoben und führte dem Publikum Proben von strohdummem Erbrochenen vor. Die schöne Probe, unreifer Apfel mit Rotwein, versetzte das Publikum in helles Entzücken.“ Der Roman erschien übrigens als Vorabdruck in Sartres legendärer Zeitschrift „Les Temps modernes“ — allerdings ohne jene Kapitel mit den beziehungsvollen Anspielungen auf Sartre und Beauvoir ...

In den „Beiträgen des Lügners“, ebenfalls in diesem Magazin veröffentlicht, mokiert sich Vian über die Selbstherrlichkeit seines Chefredakteurs, amalgamiert die Namen dreier führender ExistentialistInnen zu Wortungeheuern wie „Merloir de Beauvatre“, „Pontbeaumerle de Savoirtre“ oder „Merboitre des Ponteau-savoir“. All das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß Boris Vian Beauvoir, Sartre und Merleau-Ponty näherstand als etwa Camus, für dessen „Mensch in der Revolte“ er zwar gewisses Interesse aufbrachte, der ihm aber als Künstler fremd blieb. Vians Satire richtete sich auch weniger gegen Werk und Wirken des allseits verehrten „Partre“ als vielmehr gegen die modische Vermarktung seiner Ideen.

Und so ist auch jenes Kapitel im „Schaum der Tage“ zu verstehen, das die Ereignisse rund um Sartres Vortrag „Der Existentialismus ist ein Humanismus“ vom 29. Oktober 1945 beschreibt: „Einige kamen in Leichenwagen an und die Polizisten stocherten mit langen Eisenstangen in den Särgen herum und spießten die Leute für alle Ewigkeit auf das Eichenholz ... Aber da näherte sich Jean-Sol. Auf der Straße trompetete ein Elefant, und Chick beugte sich aus dem Fenster der Pförtnerloge. Er erkannte die Gestalt Jean-Sols in seiner gepanzerten Sänfte auf dem runzligen Elefantenrücken ... An beiden Seiten hielt sich ein Scharfschütze mit seiner Axt bereit. Der Elefant bahnte sich mit schweren Schritten seinen Weg durch die Menge, und das dumpfe Stampfen seiner vier Säulenbeine, die in den zerquetschten Leichen wühlten, kam unaufhaltsam näher ...“

All das hat Simone de Beauvoir übrigens nicht daran gehindert, Boris Vian als „außerordentlich zartsinnigen“ und „eigensinnig-aufrechten“ Menschen zu charakterisieren ...

Der Kinonarr, der in mehreren Filmen spielte und viele Drehbücher schrieb
Bild: Wagenbach-Verlag

Das dritte Leben: Der Prinz von Saint-Germain

Hübsche Mädchen, lange Haare (womöglich blond, eh klar!), tolle Kurven, fester Arsch und großer Busen — davon wimmelt es nur so in vielen Vian-Texten, die sich diesbezüglich lesen wie literarische Vorläufer mancher Beach Boys-Nummern. Da gibt es die — damals ungeheuer chicen — „Surprise-Parties“, bei denen Frauen Freiwild sind, da gibt es starke Burschen, die Mädels reihenweise umlegen können, und da trieft es nur so von Schilderungen, die Vian nicht müde wurde, als „erotisch“ zu verteidigen, selbst wenn sie großteils nichts anderes waren als klassische Männerphantasien. „Vians eigene Romane“, schreibt Klaus Völker, „zeugen trotz ihrer Beschwingtheit mehr von seiner Sehnsucht nach Liebesfähigkeit als nach uneingeschränkter Liebesbetätigung; im wesentlichen sind sie ein beredtes Zeugnis seiner Ängste, Obsessionen und Projektionen.

So sehr Vian die Liebe preist und auch immer wieder betont, wie sehr er „Frauen mag“, fast in allen Texten, die er von 1944 bis zu seinem Tode geschrieben hat, stellt er Frauen negativ dar: sie hindern den Mann, sein Glück zu finden, sie verstehen nicht die Probleme des Mannes, sie können ihm so gut wie gar nicht beim Lösen seiner Schwierigkeiten helfen.“ Das gilt vor allem für jene Prosa, in der Vian seine gescheiterte Beziehung zu Michelle Léglise aufarbeitete. „Frauen und Männer leben nicht auf derselben Ebene“, heißt es in dem eigenwilligen, fast kafkaesken Roman „Der Herzausreißer“, und auch „Das rote Gras“ ist durchzogen von der bitteren Erkenntnis, die „geliebte“ Frau nicht lieben zu können, weil immer andere Männer herbeiphantasiert werden, die den Protagonisten daran hindern — und die er glaubt, ermorden zu müssen. „Sie haben keine Phantasie“, resümiert Anne in „Herbst in Peking“ ihre Probleme mit den Männern, „und sie glauben, daß sie ausreichen, um ein Leben zu erfüllen.“ — Der Märchenprinz von Saint-Germain und sein zurecht- (zu Recht) gestutztes Zepter — auch das war ein Leben des Boris Vian.

Boris Vian in Andacht vor der Portraitbüste Vernon Sullivans
Bild: Wagenbach-Verlag

Das vierte Leben: Der Sittenwidrige

Die literarische Methode Vians bestand darin, „daß eine Realität bei feuchtwarmer Atmosphäre auf eine unregelmäßig gewellte, Verzerrungen erzeugende Fläche projiziert wurde.“ Meisterhaft angewandt hat er sie in dem Kriminalroman „Ich werde auf eure Gräber spucken“, in jenem Werk, dem Vian den größten literarischen Skandal — und damit den größten kommerziellen Erfolg — verdankt. Das Buch erschien unter dem Pseudonym „Vernon Sullivan“ (zusammengesetzt aus den Nachnamen der Jazz-Musiker Paul Vernon und Joe Sullivan), Vian selbst fungierte nur als „Übersetzer“ des vorgeblich amerikanischen Originals. Die Story — eine beißende Satire auf den Rassismus des weißen Mittelstands im Gewande eines Sex and Crime-Romans — entstand in nur zwei Wochen auf Grund einer Wette.

1947 wurde Klage gegen Vian erhoben, da das Buch dazu angetan sei, „Jugendliche zur Ausschweifung zu verleiten“. Als ein Exemplar am Tatort eines Gewaltverbrechens aufgefunden wurde, war der Skandal perfekt. Der Prozeß gegen Boris Vian zog sich bis 1953, der Autor wurde letztendlich zu zwei Wochen Haft verurteilt. Ergebnis: „Ich werde auf eure Gräber spucken“ wurde mehr als hunderttausend Mal verkauft und — Ironie der Geschichte — als erstes Werk Vians ins Englische übersetzt.

Skandale hat auch Vians berühmtestes Chanson „Der Deserteur“ erregt. Das Lied, in dem Vian schlicht und logisch begründet, warum er einem Einberufungsbefehl nicht Folge leisten wird, hat immer wieder Protestaktionen ausgelöst. Als mehrere Sänger den „Deserteur“ in ihr Repertoire aufnahmen und Philips eine Version als Platte herausbrachte, wurde das Chanson verboten — wie auch der Roman „Tote haben alle dieselbe Haut“. Später wurde der „Deserteur“ — in deutscher Übersetzung — zu einer Hymne der Ostermarsch-Bewegung, und wer unbedingt will, kann sich das Chanson sogar in einer Fassung von Esther und Abi Ofarim anhören — das muß aber nicht unbedingt sein.

Empfehlenswerter ist da schon die Lektüre von Erzählungen wie „Die Ameisen“ und „Die guten Schüler“, blutige Satiren auf Kadavergehorsam und uniformierte Brutalität; die Aufsätze „Kleiner Leitfaden zur Vernichtung des Militärs“ und „Brief über die Kriegsschwindler“, in dem Vian die Overkill-Phantasien diverser Tellers und Reagans vorwegnimmt und überhöht. Nicht zu vergessen natürlich die Dramatik Vians, von der bis jetzt nur das antimilitaristische Spektakel „Der Nachmittag der Generäle“ in einer nicht besonders gelungenen Inszenierung bei uns zu sehen war.

Aber Vian zu inszenieren, das ist auch nicht leicht: die Verfilmung seines Erfolges „Ich werde auf eure Gräber spucken“ wurde zum Gegenstand heftiger Kontroversen zwischen Vian und der Produktionsfirma, weil letztere eine Sozialschnulze aus Vians tiefschwarzer Satire machen wollte. Der Film wurde dennoch gedreht. Am 23. Juni 1959 gab es eine Probevorführung im Kino „Marbeuf“. Vian ging hin, um noch einmal zu protestieren — er kam nicht mehr dazu. Nach wenigen Minuten brach er in seinem Sessel zusammen. Im Krankenhaus konnte nur noch sein Tod festgestellt werden.

[1Völker, Klaus: Boris Vian. Der Prinz von Saint-Germain. Berlin 1989.

[2Vian war Anhänger der von Alfred Jarry gegründeten „Pataphysik“, und Teil dieser „Lehre“ ist es, daß manche literarischen Werke eben „auf dem Rücken liegend gelesen werden“ sollen.

[3„Martin hat mich angerufen.“ Erzählung, erschienen in: „Liebe ist blind“ Erzählungen II. Frankfurt am Main 1983.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
1990
, Seite 53
Autor/inn/en:

Wolfgang Beyer:

Geboren 1958, Autor von Drehbüchern für Dokus und Spielfilme sowie von satirischen und kulturkritischen Beiträgen, Gestalter zahlreicher TV-Dokumentationen für ORF u. a.

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