FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1975 » No. 259/260
Ernest Mandel

Das Lächeln im Koma

Kurzfristiger Aufschwung ab Herbst 1975! Mitte 1976 wieder langsame Talfahrt? Oder 1978 rasend bergab?!

Im ersten Quartal 1975 hat sich die internationale Wirtschaftsrezession weiter vertieft — nach dem klassischen Schema einer Überproduktionskrise. Der Rückgang des Welthandels, am Beginn der Rezession noch nicht sichtbar, scheint mit dem ersten Quartal 1975 eingesetzt zu haben.

Angesichts der Gleichzeitigkeit der staatlichen Wirtschaftsinjektionen in allen großen imperialistischen Ländern ist eine Vertiefung der Rezession heuer und Anfang nächsten Jahres unwahrscheinlich. Die zaghafte Aufwärtsbewegung, die in Japan bereits sichtbar ist, und die Wahrscheinlichkeit eines Aufschwungs in den USA während der nächsten Monate erlauben uns die Voraussage, daß der Abwärtstrend von Produktion, Beschäftigung und Einkommen entweder im letzten Quartal 1975 oder im ersten Quartal 1976 beendet sein wird. Die bürgerlichen Experten stellen diesen Aufschwung in den Rahmen zweier radikal unterschiedlicher mittelfristiger Vorhersagen.

Die eine Gruppe (dazu gehört die Redaktion der britischen Wochenzeitung The Economist) erwartet, daß die Rezession in einen ebenso starken Boom übergeht, in einen inflationär gefärbten jedenfalls. In ihrer Ausgabe vom 12. April 1975 sagt die Redaktion des Economist eine rasche Expansion der imperialistischen Länder mit einer Jahresrate von 5,5 Prozent ab Ende 1976 voraus, wobei die Inflation überall fünf bis zehn Prozent betragen würde, was zu einer noch schwereren Rezession 1978/79 führt.

Die andere Gruppe (vor allem bürgerliche Ökonomen in den USA) ist sich überhaupt nicht sicher, ob der sanfte Aufschwung, den sie sich für Ende dieses bzw. Anfang nächsten Jahres erwarten, automatisch in einen Boom übergehen wird. Man fürchtet, daß die Aufwärtsbewegung Mitte 1976 zusammenbrechen könnte, sei es wegen weiterer Exportrückgänge, sei es wegen eines schweren politischen oder Bank-Zwischenfalls, der das „Vertrauen“ zerstört (eine Bank-Panik, ein neuer Krieg im Mittleren Osten, eine neuerliche starke Ölpreiserhöhung, eine revolutionäre Krise auf der Iberischen Halbinsel usw.).

Beide Scenarios — sowohl das optimistische, das einen Boom für 1977 erwartet, wie auch das pessimistische, das mittelfristig keinen erhofft — lassen das Vertrauen in die Zukunft des Systems jenseits der mittleren Erwartung vermissen. Diejenigen, die an einen baldigen Aufschwung glauben, sehen darin nur ein Vorspiel für eine noch stärkere Rezession als 1974/75. Andere erwarten „bloß“ eine sich hinziehende Stagnation. Alle Beobachter stimmen überein, daß eine neue beschleunigte Inflation das mittelfristige Wachstum bremsen wird.

Die Rezession 1974/75 hat nicht zu einer explosionsartigen Entwertung von Kapital geführt, wie das in einer Überproduktionskrise normalerweise geschieht, um die Realisierungsbedingungen des Kapitals zu verbessern, indem kurzfristig eine hohe Profitrate ermöglicht wird. Es gab allerdings einige spektakuläre Bankrotts und etliche Fusionen. Aber die wichtigeren Firmen, die durchkamen, wurden durch massive Staatshilfe herausgehauen. Überall wurden Steuerbegünstigungen für Investitionen gewährt.

Eine Steigerung der Mehrwertrate im Prozeß der Produktion ist ein Effekt jeder Überproduktionskrise und jeder Arbeitslosigkeit. Eben das geschieht jetzt. Arbeitslosigkeit bzw. Furcht davor steigern die Arbeitsdisziplin, reduzieren die „Abwesenheiten“ und andere Fluktuationserscheinungen der Arbeitskraft und ermöglichen somit die Beschleunigung des Arbeitstempos und der Intensivierung des Arbeitsprozesses.

Die westdeutsche und die japanische Arbeiterklasse haben heuer Nominallohnsteigerungen akzeptiert, die den inflationsbedingten Verlust an Kaufkraft nicht ausgleichen. Die Verschlechterung der Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt dieser Länder hat also Rückwirkungen auf die Einkommensverteilung — was aber nicht automatisch geht, sondern mit der Klassenkollaboration der Gewerkschaftsbürokraten zusammenhängt und mit der Kontrolle, welche diese Bürokratie noch über die geplagten Massen ausübt.

Aber das sind nur Randerscheinungen bei der Einkommensverteilung, die bei einem neuen Ausbruch der Arbeiterkämpfe leicht aufgeholt werden können, und diese werden sicherlich nicht lange auf sich warten lassen.

Auf der anderen Seite kämpft die Arbeiterklasse in Spanien, Italien, Großbritannien, Frankreich, Belgien, Australien und Dänemark scharf in Verteidigung aller Fortschritte, die sie in der Aufschwungsphase erreicht hat. Dort ist es den Arbeitern bis jetzt gelungen, die Kosten der Rezession von sich abzuwälzen. Es gibt kein Anzeichen dafür, daß sich diese Situation ändern wird.

aus: Inprecor/Brüssel, 5. Juni 1975 (Auszug)

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juli
1975
, Seite 36
Autor/inn/en:

Ernest Mandel:

Nationalökonom, u.a. Autor einer zweibändigen marxistischen Wirtschaftstheorie, Mitglied der IV. Internationale (Trotzkisten), Chefredakteur von „La Gauche“, Brüssel.

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