FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1972 » No. 224
Bernd Schüngel

Das große Rohstoffgeschäft

Zur politischen Ökonomie der 3. und 1. Welt, II. Teil

VII. Profitstrategie

Im Kapitalismus werden aber Gebrauchswerte nicht um ihrer selbst willen, sondern allein zum Zweck der Kapitalverwertung produziert. Ein kapitalistisches Unternehmen fördert und verarbeitet nur insoweit Rohstoffe, wie es die kaufkräftige Nachfrage zuläßt, und bietet sie nur dort an, wo diese Nachfrage vorhanden ist. Nur dann investiert der Besitzer von Kapital im Rohstoffsektor, wenn der zu erwartende Gewinn nicht unter dem liegt, der mit dem gleichen Einsatz in anderen Sektoren erzielt werden kann. Andererseits ist er nur dann bereit, einen Rohstoff aus der 3. Welt durch die Produktion von synthetischem Material zu substituieren, wenn seine Profitrate dadurch zumindest nicht verringert wird. Wir müssen deshalb prüfen, welche Funktion die Rohstoffe der 3. Welt als Träger von Tauschwert in der Profitstrategie der an ihrer Gewinnung, ihrem Handel und ihrer Verarbeitung beteiligten Konzerne erfüllen und wie sie den gesamtgesellschaftlichen Reproduktionsprozeß der kapitalistischen Industrieländer beeinflussen, der eben nicht in erster Linie Arbeits- und Verteilungsprozeß sondern seinem Wesen nach Verwertungsprozeß ist.

Die Beherrschung des kapitalistischen Weltmarkts durch immer weniger und immer größere Monopole hat zwar die freie Konkurrenz beseitigt, nicht aber die Konkurrenz schlechthin. Wie gerade die gegenwärtige Weltwährungskrise beweist, führen die nationalen wie internationalen Grundkonzerne untereinander einen erbitterten Kampf zur Erhaltung und Ausdehnung ihrer Weltmarktanteile, der sie allerdings nicht daran hindert, gegebenenfalls gemeinsam gegen einen gemeinsamen Feind vorzugehen.

Das Rohstoffgeschäft wird zunehmend von „vollintegrierten“ Konzernen betrieben, die von der Förderung bis zum Verkauf des Enderzeugnisses alle Produktions-, Handels- und Transportstufen kontrollieren. Der Konzern, der über die zugänglichsten, ergiebigsten und besten Vorkommen verfügt, ist seinen Konkurrenten gegenüber im Vorteil, da er zu niedrigeren Kosten produziert: Entweder, er verlangt den gleichen Preis wie seine Konkurrenten und erzielt so einen Extraprofit, oder er senkt den Preis und dehnt auf diese Weise seinen Marktanteil aus. Vergleicht man etwa die Förderkosten der Rohölablagerungen des Nahen und Mittleren Ostens mit denen der nordamerikanischen Vorkommen (von den europäischen ganz zu schweigen), so ist verständlich, daß die Jagd auf die Erdölquellen zwischen Persien und Algerien unter Einsatz aller ökonomischen, politischen und militärischen Druckmittel betrieben wird:

Erschließungskosten je Barrel in US-$
Kanada 3,10
USA 1,73
Ferner Osten 0,82
Venezuela 0,51
Naher Osten 0,16
Förderleistung je Bohrturm und Tag (Barrels)
USA 12
Venezuela 295
Kuweit 4400
Saudi-Arabien 6400
Gesamtkosten der Rohölförderung ohne Fiskalbelastung in US-$ je Tonne
USA 18-21
Venezuela 5,5-7,5
Naher Osten 2,3-2,5
Quelle: s. Das Argument, Nr. 53, 1969

Ebenso gravierend ist die qualitative Überlegenheit der aus der 3. Welt importierten Eisenerze. Der Eisengehalt des 1969 in der BRD verbrauchten Erzes betrug bei Übersee-Erzen 61 Prozent, bei den aus Frankreich importierten 30 Prozent und bei den Erzen aus der Inlandförderung 32 Prozent. Hinzu kommt, daß die europäischen Vorkommen nur im Tiefbau gefördert werden können, während in den wichtigen eisenerzreichen Entwicklungsländern die Gewinnung in wesentlich kostengünstigeren Tagebaubetrieben möglich ist. Wie sich die Unterschiede auf die Profitrate auswirken, wird deutlich, wenn man bedenkt, daß 44 Prozent der Produktionskosten von Rohstahl auf Eisenerz und 36 Prozent auf andere Rohstoffe entfallen. [9]

Die Kosten der Rohstoffe und damit die Profitrate hängen aber nicht allein von den Ablagerungsverhältnissen ab. Sie werden ganz entscheidend bestimmt durch die Lohnkosten, die gesetzlich vorgeschriebenen Sozialleistungen und die Sicherheitsvorschriften — die Produktion der meisten Rohstoffe weist eine hohe Arbeitsintensität auf — sowie durch die Steuerbelastung und die Höhe der ausgehandelten Gewinnabführungen an das Förderland (sog. Royalties). Von Bedeutung ist auch die Möglichkeit, Teile der Produktionskosten zu „externalisieren“, also der Gesellschaft aufzuhalsen, etwa in der Form von Umweltverschmutzung und sonstigem Raubbau an der Natur. Bekanntlich sind diese Produktionsbedingungen für die Konzerne in den Entwicklungsländern im allgemeinen wesentlich günstiger als in den Industrieländern. Das Kapital hat daher ein Interesse daran, sich diese Vorteile durch die Unterstützung von ihm wohlgesonnenen und entwicklungsfeindlichen Regimen in der 3. Welt zu erhalten. Die Politik des Großkapitals in den rohstoffreichen Ländern Südafrika, Nambia, Rhodesien, Mozambique und Angola ist ein besonders deutlicher Ausdruck dieses Interesses.

VIII. Run auf Rohstoffquellen

Die Außenwirtschaft eines kapitalistischen Industrielandes ist in mehrfacher Hinsicht geeignet, dem Fallen der durchschnittlichen Profitrate entgegenzuwirken und damit konjunkturelle Krisen abzuschwächen. Die Einfuhr von billigen industriellen Rohstoffen erhöht die Profitrate, der Export von Waren erhöht die Gesamtnachfrage und trägt damit zur Abschwächung von Absatzkrisen bei (so in der westdeutschen Rezession von 1966/67). In doppelter Hinsicht wirkt der Kapitalexport der Krise entgegen, einmal, indem er im Inland zur Verwertung drängendes und damit auf die Durchschnittsprofitrate drückendes Kapital absorbiert, zum anderen, da dem Kapitalexport in der Regel der Export von Waren folgt.

In den vergangenen Jahrzehnten hat der private Kapitalexport in die ökonomisch schwach entwickelten Gebiete immer mehr die Form von Direktinvestitionen angenommen, die überwiegend der Erschließung, Förderung und groben Aufbereitung von Bodenschätzen dienen. Lediglich die BRD und Japan bildeten bislang Ausnahmen, jedoch zeichnet sich auch in diesen Ländern seit einigen Jahren ein verstärktes Interesse an der unmittelbaren Beherrschung von Bodenschätzen der 3. Welt ab. Die verschärfte internationale Konkurrenz zwingt auch die westdeutschen und japanischen Konzerne, sich durch eigene Direktinvestitionen von der Mengen- und Preispolitik vor allem der amerikanischen und britischen Rohstoffmonopole unabhängig zu machen.

So galten im Jahre 1969 etwa 30% der gesamten japanischen Auslandsinvestitionen dem Ankauf und der Erschließung von Rohstoffquellen. [11]

So haben mit staatlicher Hilfe vor ca. 3 Jahren die noch nicht vom anglo-amerikanischen Kapital beherrschten westdeutschen Erdölgesellschaften die DEMINEX gegründet, die durch die Erschließung von Vorkommen in der 3. Welt die Sicherheit der Versorgung und die Konkurrenzfähigkeit der erdölverarbeitenden Industrie erhöhen soll.

Bei den metallischen Rohstoffen ist man schon weiter: „Durch die großen Anstrengungen unserer Hüttenwerke kamen 1969 14% der gekauften Übersee-Erze aus eigenen Gruben.“ [12] Die August Thyssen-Hütte bezieht heute bereits 20% ihrer Erze aus eigenen Beteiligungen in Liberia, Mauretanien und Brasilien. [13]

Der Run der Monopole auf die Rohstoffquellen der 3. Welt ist gleichzeitig ein Run auf extrem hohe Profitraten, die weit über dem Durchschnitt der kapitalistischen Industrieländer liegen. Von allen Produktionsstufen der Metallwirtschaft weist der Bergbau mit Abstand die höchste Gewinnspanne auf, die meist ein Vielfaches der Spannen in den einzelnen Verarbeitungsstufen beträgt. [14]

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Westberlin untersuchte kürzlich das Verhältnis von Gewinnen zu ausländischen Direktinvestitionen in 31 Entwicklungsländern: „Insgeamt betrugen 1960-1968 die Einkommen aus Direktinvestitionen das 2½-fache der Direktinvestitionen. Selbst wenn man die vier in dieser Gruppe einbezogenen „Ölländer“ (Venezuela, Iran, Irak und Nigeria) unberücksichtigt läßt, in denen die meisten Gewinne erzielt werden (12,1 Mrd. $ bei Direktinvestitionen in Höhe von 0,8 Mrd. $), waren die Relationen von Gewinn zu Investitionsbetrag immer noch hoch: Bei den 16 (in die Gruppe einbezogenen) lateinamerikanischen Ländern standen Direktinvestitionen von 4,2 Mrd. $ Gewinne von 5,8 Mrd. $ gegenüber, d.h. die Gewinne übertrafen die Direktinvestitionen um 40%.“ [15]

Der amerikanische Konzern Anaconda erzielte im größten Kupfertagbau der Welt in Chile im Jahr vor der Nationalisierung fast 80% seiner gesamten Gewinne, nahm dort jedoch nur 17% seiner Investitionen vor. [16]

Der weitaus größte Teil der von den Rohstoffkonzernen in der 3. Welt erzielten Gewinne fließt in die kapitalistischen Industrieländer. Ein weiterer Abfluß des Mehrprodukts vollzieht sich in der Form der sogenannten Kapitalflucht, womit der Transfer des der einheimischen Oberschicht überlassenen Gewinnanteils zu den Banken der Industrieländer gemeint ist.

IX. Druck der Monopole

Um Druck auf das einzelne Förderland ausüben zu können, wenn dieses versucht, seine Rohstoffwirtschaft in den Dienst der eigenen Entwicklung zu stellen, und sei es lediglich durch die Forderung höherer Preise, Steuern oder Royalties, verteilen die Großkonzerne die Produktion eines Rohstoffes auf möglichst viele Entwicklungsländer und bauen die Kapazitäten in einem Umfang aus, der ein tendenzielles Überangebot auf dem kapitalistischen Weltmarkt zur Folge hat. So ist es möglich, auf die Nationalisierung der Rohstoffproduktion mit einem Abnahmeboykott zu antworten, der das Entwicklungsland hart trifft, da es vor allem in der ersten Phase seiner planmäßigen, an der Notwendigkeit des Ausgleichs von gesellschaftlichen Bedürfnissen und Güterproduktion orientierten Entwicklung auf den Export von Rohstoffen angewiesen ist.

Mit dieser Politik kann ein Konzern umso erfolgreicher sein, je größer der Anteil an der kapitalistischen Weltproduktion des jeweiligen Rohstoffes ist, den er unmittelbar kontrolliert. Hierin liegt eine starke Triebkraft für das Entstehen von Weltmonopolen: die langfristige Sicherung hoher Profite aus der Rohstoffausbeutung drängt zur Beherrschung der gesamten Produktion und sämtlicher Vorkommen. Ein Teilen der Verfügungsmacht mit Entwicklungsländern, wie es von den Erdölländern angestrebt wird, entspricht grundsätzlich nicht den Profitinteressen des internationalen Großkapitals.

Die Profitinteressen des Kapitals veranlassen dieses, zu verhindern, daß die Entwicklungsländer ihre natürliche Monopolstellung, die sie insgesamt als alleiniger Produzent einer Fülle von wichtigen Rohstoffen besitzen, in wirtschaftliche Gleichberechtigung umsetzen und das in ihrem Rohstoffsektor erzielte Mehrprodukt dem eigenen wirtschaftlichen Aufbau zuführen.

Die Tendenz zum Weltmonopol bedeutet aber auch eine Existenzbedrohung der Konzerne und kapitalistischen Volkswirtschaften, die von der Verfügungsmacht über Rohstoffquellen ausgeschlossen bleiben: Preis- und Mengendiktat sowie Liefersperren sind die Instrumente, die über die reinen marktwirtschaftlichen Mechanismen hinaus zur Ausschaltung der Konkurrenz auch in den der Rohstoffproduktion nachgelagerten Stufen eingesetzt werden können.

So wurde die westdeutsche Edelstahlindustrie drei Jahre lang von den internationalen Nickelmonopolen nur mit bestimmten Kontingenten beliefert, die erheblich unter dem tatsächlichen Bedarf lagen. [10] Um der doppelten Bedrohung durch Verfügungsmacht über die eigenen Ressourcen strebenden Entwicklungsländer und durch ausländische Großkonzerne auszuweichen, fordern die westdeutschen Produzenten und industriellen Großverbraucher von Rohstoffen für die BRD eine langfristige, von Kapital und Staat gemeinsam getragene nationale Planung und Finanzierung der Versorgung nach dem Vorbild der USA, Japans, Großbritanniens und Frankreichs, die in Ansätzen bereits besteht (DEMINEX, Uran-Programm, 5-Punkte-Programm für die Versorgung mit mineralischen Rohstoffen) und die neben der technologischen Sicherheit der Rohstoffversorgung vor allem die Konkurrenzfähigkeit des westdeutschen Kapitals gegenüber den ausländischen Konzernen garntieren soll.

X. Rohstoffe als Konjunkturpuffer

Eine Reihe von Rohstoffen wird sowohl in der 3. Welt als auch in den Insutrieländern gefördert bzw. angebaut, die Gebrauchswerte anderer können industriell zu vertretbaren Kosten substituiert werden, wie etwa bei Naturkautschuk. Vor allem dann, wenn die Gewinnung der Rohstoffe in der Hand von einheimischen Produzenten liegt, wie das bei vielen agrarischen Rohstoffen der Fall ist, können die kapitalistischen Industrieländer die Rohstoffimporte als Konjunkturpuffer einsetzen. Geht z.B. der Absatz von Automobilen und damit von Reifen zurück, so besteht für die Hersteller von synthetischem Kautschuk keine Notwendigkeit zur Produktionsdrosselung, solange der Nachfragerückgang auf die Einfuhren von Naturkautschuk abgewälzt werden kann.

Überhaupt ist die Abhängigkeit der Entwicklungsländer in ihrer Planung und Wachstumspolitik von den konjunkturellen Schwankungen in den Industrieländern, die sich auf die Preise und die abzusetzenden Mengen auswirken, besonders groß, da die Mittel, die den Entwicklungsprozeß finanzieren sollen, überwiegend durch die Ausfuhr von Rohstoffen erwirtschaftet werden müssen.

XI. Wachstum durch Rohstoffausplünderung?

Die Übernahme der Produktion und Verarbeitung von Rohstoffen durch das Entwicklungsland selbst bedeutet für das Großkapital eine beträchtliche unmittelbare Profiteinbuße, von der daraus resultierenden Verknappung wichtiger Rohstoffe in den Industrieländern ganz abgesehen. Dem entspricht die Einfuhrpolitik aller kapitalistischen Industrieländer: niedrige, zum Teil vollständig fehlende Zollbelastung der Rohstoffe; mit steigendem Verarbeitungsgrad zunehmende Belastung sowie Quoten und Kontingente für viele Fertig- und Halbfertigerzeugnisse der Entwicklungsländer.

Könnte eine Industrialisierung der Rohstoffe im Förderland in der Regie der Konzerne für diese profitabel und gleichzeitig für das Entwicklungsland von Nutzen sein?

Der kapitalistische Rohstoffproduzent und -verarbeiter muß sich an der kaufkräftigen Nachfrage nach seinen Produkten orientieren. Da diese Nachfrage nach Rohstoffen sowie nach den Erzeugnissen vor allem der ersten Verarbeitungsstufen in den Entwicklungsländern nicht oder nur in geringem Ausmaß vorliegt, wäre der die Verarbeitung im Förderland betreibende Konzern gezwungen, seine Produkte weiterhin auf den traditionellen Märkten in den kapitalistischen Industrieländern abzusetzen. Das bedeutet aber auch, daß sich eine umfassende Industrialisierung der Rohstoffe in der 3. Welt nur als Verlagerung der entsprechenden Produktionszweige aus den kapitalistischen Industrieländern vollziehen kann. Der rohstoffverarbeitende Konzern kann bei gleichbleibender Nachfrage dann seine Profitrate erhöhen, wenn es ihm gelingt, mit der Verlagerung mehr an Kosten einzusparen als ihm zusätzlich entstehen. Das ist jedoch nur dann möglich, wenn das Entwicklungsland auf die Realisierung seiner eigenen entwicklungspolitischen Ziele verzichtet, indem es dem Konzern niedrige Lohnkosten, Sozialleistungen und Steuern sowie Freiheit von sonstigen Belastungen, etwa zum Schutze der Umwelt, zugesteht. Vor allem muß das Entwicklungsland den freien Transfer der Gewinne ins Ausland sowie die uneingeschränkte Verfügungsmacht über die vom Konzern errichteten Industrieanlagen, also Sicherheit vor einer Nationalisierung, garantieren.

Die von kapitalistischen Unternehmen durchgeführte Verarbeitung der Rohstoffe im Förderland würde also mindestens gegen drei Bedingungen verstoßen, die erfüllt sein müssen, soll in den Entwicklungsländern die Mobilisierung der Wachstumsreserven Arbeitskraft und Naturreichtum zugunsten einer Hebung des Lebensniveaus der breiten Massen gelingen:

  • Die Verfügungsmacht über Arbeitskräfte, Rohstoffe und Produktionsmittel verbleibt bei ausländischen Konzernen;
  • ein beträchtlicher Teil des Mehrprodukts fließt in die kapitalistischen Industrieländer;
  • es werden solche Güter hergestellt, für die in den Zentren der kapitalistischen Welt ein Markt vorhanden ist und nicht solche Güter, die als Produktions- oder Lebensmittel (im weiten Sinne) den Entwicklungsprozeß im Rohstoffland unmittelbar beschleunigen würden.

Da in den Entwicklungsländern heute dank der zunehmenden Attraktivität des Sozialismus und der Stärke der nationalen Befreiungsbewegungen kein Regime mehr dem ausländischen Kapital Sicherheit vor Enteignung garantieren kann, ist das Interesse der Monopole an solchen Großinvestitionen gering. Lediglich die grobe Aufbereitung vor allem von Erzen wird im Förderland vorgenommen, insoweit dadurch hohe Transportkosten eingespart werden.

Die umfassende Verarbeitung der Rohstoffe durch kapitalistische Konzerne in der 3. Welt hätte zudem verheerende Auswirkungen auf den Konjunkturverlauf in den kapitalistischen Industrieländern, da dort Stillegungen und Entlassungen vorgenommen werden müßten, die sich über die Verringerung der Gesamtnachfrage kumulativ fortsetzen würden. Man stelle sich etwa die Folgen einer Verlagerung der Stahlindustrie in die erzreichen Entwicklungsländer vor. Einer begrenzten Verlagerung steht vor allem die in der gesamten Metallindustrie bereits weit entwickelte „Vorwärtsintegration“ entgegen, also die Konzentration von immer mehr Verarbeitungsstufen in einer Großanlage. [17]

Von dem Rückgang der Gesamtnachfrage ist langfristig auch der verlagernde Konzern betroffen, da die negativen Nachfragewirkungen der Verlagerung im Industrieland größer sind als die positiven im Entwicklungsland. Zwar hat die von den Monopolen betriebene Rohstoffproduktion und -verarbeitung auch im Entwicklungsland gewisse Einkommenseffekte, die sich jedoch nicht in eine Nachfrage nach Rohstoffen und Erzeugnissen der verarbeitenden Industrie umsetzen: Die ohnehin geringen Löhne, die ja gerade ein wesentliches Motiv für die Verlagerung waren, werden zu einem großen Teil für aus den Industrieländern eingeführte Konsumgüter verausgabt (Coca-Cola, Konserven, Transistorgeräte usw.), deren Verkauf häufig von den Rohstoffkonzernen selbst betrieben wird, so daß im Entwicklungsland über die Verausgabung von Löhnen keine Gewinne entstehen, die zur Industrialisierung auf der Basis der eigenen Naturreichtümer eingesetzt werden könnten.

Aber auch der Teil des im Rohstoffsektor erwirtschafteten Mehrprodukts, der in der Form von Steuern, Royalties, Erträgen aus Grundstücksverkäufen oder -verpachtungen usw. von den Konzernen an Staat und Oberschicht des Entwicklungslandes abgeführt wird, trägt nicht automatisch zum Wirtschaftswachstum bei: Die Oberschicht einschließlich ihrer Agenten im Regierungsapparat des Entwicklungslandes neigt aus ökonomischen und politischen Gründen dazu, diese Gelder, soweit sie nicht für den Luxuskonsum verausgabt werden, zur weiteren individuellen Bereicherung ins Ausland zu transferieren.

Darüber hinaus verlieren die Länder der 3. Welt einen wachsenden Teil ihrer Exporterlöse durch den Zwang zur Verzinsung und Tilgung der Schulden, die ihnen meist durch die verschiedenen Formen der „Entwicklungshilfe“ erwachsen sind — durch eine „Hilfe“, deren wichtigste Funktion es ist, den Konzernen den Aufbau der für die Ausplünderung der Rohstoffquellen notwendigen Infrastruktur abzunehmen.

Jede für die kapitalistischen Märkte bestimmte Produktion von Halbfertig- und Fertigerzeugnissen in der 3. Welt bedroht die Existenz von Unternehmen und Arbeitsplätzen in den Industrieländern. Das scheinbare Paradoxon, daß mit zunehmender Güterproduktion in der kapitalistischen Welt deren wirtschaftliche Probleme zu- und nicht abnehmen, ist Ausdruck des dem Kapitalismus eigenen Widerspruchs von rascher Entfaltung der Produktivkräfte und damit den Produktionsmöglichkeiten und dem Zurückbleiben der kaufkräftigen Endnachfrage.

Aus dieser — hier leider nur skizzenhaft möglichen — Analyse ergibt sich ein fundamentaler, antagonistischer Interessengegensatz von kapitalistischen Industrieländern und den fortschrittlichen Kräften in der 3. Welt hinsichtlich der Nutzung der Wachstumsreserve Naturreichtum. Der auch von kapitalistischer Seite kaum geleugnete vollständige Mißerfolg der ersten Entwicklungsdekade ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, daß sich bisher in der kapitalistischen Weltwirtschaft das Verwertungsinteresse des Großkapitals gegenüber dem Entwicklungsinteresse der armen Völker weitgehend durchzusetzen vermochte.

[9Ebenda, S. 83.

[11Mineralische Rohstoffwirtschaft, a.a.O., S. 67.

[12Ebenda, S. 92.

[13Wirtschaftswoche Nr. 22 vom 28.5.1971, S. 29.

[14Mineralische Rohstoffwirtschaft, a.a.O., S. 79.

[15DIW-Wochenbericht 45/71 vom 4.11.1971, S. 330.

[16Die Wahrheit vom 15.7.1971.

[10Ebenda, S. 24; s.a. Diekhof, Rolf: Anschlag auf ein Monopol. Das Preisdiktat für Nickel soll gebrochen werden, Die Zeit vom 7.8.1970.

[17Vgl. Mineralische Rohstoffwirtschaft, a.a.O., S. 75.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
September
1972
, Seite 46
Autor/inn/en:

Bernd Schüngel:

Kaufmann und Dozent. Früher Redakteur bei Das Argument. Schwerpunkte: Ökonomie, Kommunalwirtschaft, Wirtschaft und Nationalsozialismus.

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