FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1969 » No. 185
Jérôme Pietrasik

Das große Antiraketengeschäft

Der Senator war dagegen, die öffentliche Meinung zurückhaltend. Trotzdem hat Nixon für das kostspielige Projekt eines Raketenabwehrsystems grünes Licht gegeben. Die militärischen Gründe sind vorgeschützt, die wahren sind ökonomischer Natur.

In zwei oder drei Jahren werden die Chinesen über interkontinentale Raketen mit thermonuklearen Sprengkörpern verfügen. Das glauben Amerikaner wie Sowjets, und damit rechtfertigte Nixon seine Entscheidung. Die Sowjets scheinen dies zu akzeptieren; sie erklärten, daß die amerikanische Entscheidung die Verhandlungen zwischen den beiden Staaten über Kontrolle und Verminderung des atomaren Rüstens nicht beeinträchtige.

Die atomare Eskalation der Supermächte wurde von beiden mit der Notwendigkeit gerechtfertigt, das Gleichgewicht des Schreckens aufrechtzuerhalten. Sie begann 1957, als die Sowjets die erste „absolute Waffe“ herstellten: eine interkontinentale Rakete mit nuklearer, später thermonuklearer Ladung, Reichweite 10.000 Kilometer, Geschwindigkeit 25.000 Stundenkilometer.

1958 testen die Amerikaner mit Erfolg ihre erste interkontinentale Rakete vom Typ ICBM (Intercontinental Ballistic Missile), die „Atlas“. In den folgenden Jahren werden „Atlas“ C, D, E, F gebaut, 1962 die „Titan I“, Traglast mehrere Megatonnen, Reichweite 9700 Kilometer.

Alle diese Raketen, sowjetische wie amerikanische, arbeiten noch mit flüssigem Treibstoff; vor Abschuß braucht man eine Viertelstunde zur Auffüllung der Tanks.

Anfang der sechziger Jahre entwickelte man Raketen mit festem Treibstoff; sie können sofort gezündet werden: in der Sowjetunion die „Savage“ mit einer ungefähren Reichweite von 9000 Kilometer, in den USA die „Minuteman“ I und II, dazu die „Polaris“, ein nukleares Unterwasserboot, das untergetaucht feuert, praktisch unentdeck- und unverwundbar. Die sowjetische Marine hat seither etwa 40 ähnliche Boote gebaut, aber die Amerikaner bleiben auf diesem Gebiet vermutlich überlegen.

1965 zeigt die Sowjetunion bei der Militärparade am 7. November, dem Gedenktag der Revolution, eine neue revolutionäre Waffe: die Orbitalrakete. Das dreistufige Geschoß, von westlichen Fachleuten „Scrag“ getauft, kann nach sowjetischen Aussagen 100 Megatonnen auf eine Erdumlaufbahn bringen und sie von dort jederzeit niedergehen lassen. Die Rakete könnte das amerikanische Territorium auch vom Süden her erreichen, unter Umgehung des sündteuren Radarnetzes BMEWS (Ballistic Missile Early Warning System) in Grönland, Kanada, Alaska, welches von Norden kommende sowjetische Interkontinentalraketen auf eine Entfernung von 4000 Kilometer signalisiert.

1967 präsentieren die Sowjets, wieder am 7. November, die SS 9 („Scarp“); sie kann eine erdkreisförmige oder ballistische Bahn nehmen und trägt mehrere nukleare Ladungen, die beim Eintritt in die dichtere Atmosphäre in verschiedene Richtungen losgehen. Einige dieser Ladungen können als „Köder“ dienen, um das Radarsystem zu verwirren.

Die Amerikaner fühlen sich weiterhin sicher; mit den „Polaris“-Booten und der zahlenmäßigen Überlegenheit ihrer klassischen Interkontinentalraketen können sie die Sowjetunion vernichten, auch wenn diese mit den neuen Waffen zuerst angreifen sollte. Diese Waffen sind im übrigen, nach Ansicht des Pentagons, noch nicht einsatzfähig. Aber da sie der Feind erzeugt, muß man sie gleichfalls erzeugen.

Zwei neue amerikanische Raketen mit mehrfacher atomarer Ladung und Köderwirkung werden in den kommenden Jahren produziert: die „Minuteman“ III im Sommer 1972, Reichweite 9550 Kilometer, und die „Poseidon“ Ende 1970, als Ersatz für die „Polaris“. Der Bau der „Poseidon“ und der Umbau der 41 nuklearen Unterseeboote werden über 3,3 Milliarden Dollar kosten.

Anfang 1969 sah das strategische Kräfteverhältnis zwischen den beiden Supermächten nach Schätzungen des britischen Instituts für strategische Studien wie folgt aus:

  USA UdSSR
Unterirdisch startende Interkontinentalraketen 1054 900-1000
Unterwasserraketen 656 125
Strategische Bomber 520 155

Jede Seite verfügt damit über ein mehrfaches Maß jener Atomstärke, die notwendig ist, um den Gegner auch nach einem Überraschungsangriff zu vernichten. Das Gleichgewicht des Schreckens ist gesichert. Nichts kann dieses Gleichgewicht stören außer ein Abwehrsystem, das so gut wie alle feindlichen Raketen mit Sicherheit abfangen kann. Dann könnte es sich wieder auszahlen, als erster zuzuschlagen.

Die amerikanischen und sowjetischen Techniker suchen seit mehr als 10 Jahren vergeblich nach diesem absoluten Abwehrsystem. Das Problem lautet: Wie trifft man eine Kugel mit einer anderen Kugel im Flug, und zwar 100prozentig?

Wenn man nur 95 Prozent der feindlichen Raketen trifft, ist dies uninteressant; die restlichen 5 Piozent genügen, um das Land auszuradieren.

Die amerikanischen Spezialisten haben immerhin jenes System ABM (Anti-Ballistic Missile) ausgearbeitet, dessen begrenzte Verwirklichung Nixon nun angeordnet hat (zwei Basen bis 1972, später rund 10 weitere).

Die ersten Studien für ABM gehen bis 1955 zurück. Sieben Jahre lang erprobten die Militärs die Rakete „Nike Zeus“, von „Bell Telephone Laboratories“ entworfen, Entwicklungskosten 1,3 Milliarden Dollar.

Seit 1960 will das Pentagon grünes Licht für ABM. Eisenhower überläßt die Entscheidung seinem Nachfolger Kennedy. Dieser stimmt der Fortsetzung der Forschungsarbeiten zu, nicht jedoch einem großen Bauprogramm.

1961 baut man eine Zusatzrakete für die „Nike Zeus“, die „Sprint“. 1965 ersetzt man die „Nike Zeus“ durch ein stärkeres Geschoß, die „Spartan“. Heute besteht das ABM-System aus drei Hauptelementen: die eigentlichen Antiraketen („Spartan“ und „Sprint“), zwei revolutionäre Radarsysteme und schließlich die größte elektronische Rechenanlage der Welt.

Die „Spartan“ hat nicht die Aufgabe, eine angreifende Rakete wirklich im Flug zu treffen. Eine solche Präzision läßt sich nicht erreichen. Sie soll in der Nähe der feindlichen Rakete eine thermonukleare Ladung zur Explosion bringen. Man weiß heute, daß in sehr großer Höhe, im Quasi-Vakuum des Kosmos, die durch eine solche Explosion freigesetzte Energie zum Großteil in Form von Röntgenstrahlen und Neutronen auftritt, die sich über Hunderte Kilometer verbreiten. Bei Berührung mit einem festen Gegenstand verwandelt sich diese Strahlung in thermische Energie, was zur Folge hat, daß die Schutzschicht der feindlichen Rakete für ihre Rückkehr in die Atmosphäre zerstört wird, so daß die Rakete beim Eindringen in die Atmosphäre verglüht; desgleichen wird das Steuerungs- und Abwurfsystem gestört. Die „Spartan“, Länge 16,5 Meter, Startgewicht 11,1 Tonnen, hat eine Reichweite von 640 Kilometer, die sie in 60 Sekunden durchläuft.

Wenn die feindliche Rakete der „Spartan‘“ entgeht, soll sie von der „Sprint“ heruntergeholt werden. Diese kegelförmige Rakete mit festem Treibstoff verfolgt ihr Ziel mit 11.500 Stundenkilometer; binnen 15 Sekunden erreicht sie eine Höhe von 48.000 Kilometer mit einer atomaren Ladung von mindestens einer Megatonne.

„Spartan“ und „Sprint“ brauchen Augen, die ihren Feind ausfindig machen, und ein Gehirn, das dessen Flugbahn berechnet. Das Problem lautet: gleichzeitig einige Dutzend Raketen mit mehrfacher Ladung aufzufangen, davon einige mit Störmaterial für das Steuerungssystem der Antiraketen. Die Amerikaner erwarten sich die Lösung von zwei revolutionären Radargeräten: PAR (Perimeter Acquisition Radar) und MSR (Missile Site Radar).

Bis jetzt glaubte man, das einzige Mittel, 360 Grad Luftraum mit einem elektromagnetischen Strahl auszuleuchten, sei die Drehung eines parabolischen Radarspiegels um seine Achse. Mit dem neuen System wird das elektromagnetische Signal von einer Antenne, die nicht mehr beweglich zu sein braucht, fast gleichzeitig in alle Richtungen ausgestrahlt.

PAR entdeckt ein Geschoß bereits auf 2400 Kilometer Distanz, verfolgt es, liefert genaue Angaben über Art, Flugverhalten, Geschwindigkeit. Eine besonders starke Univac-Rechenanlage analysiert diese Informationen in wenigen Tausendstelsekunden und übermittelt der „Spartan“ den Befehl zum Angriff. MSR ist weniger stark, dafür noch genauer und steuert die „Sprint“ zu den Raketen, die der „Spartan“ eventuell entkommen sind.

Für das Pentagon ist dieses ABM-System „Safeguard“ nur ein erster Schritt im Wettrennen um die Antirakete. Seit langem arbeitet man am Massachusetts Institute of Technology (MIT) bereits am „Defender“-Programm;

Bestandteile des „Defender“:

  • ein Radargerät, das hinter den Horizont blickt und ein feindliches Geschoß wenige Sekunden nach dem Start entdeckt;
  • Spionagesatelliten, die z.B. die infraroten oder ultravioletten Strahlen einer angreifenden Rakete entdecken;
  • eine neue Antirakete: die Hi-Bex, eine Art Super-„Spartan“, die ein Geschoß im Raum mit der Präzision eines „klassischen“ Sprengkopfes zerstören soll.

Wie die Sowjets arbeiten auch die Amerikaner an der Entwicklung von Laserstrahlen sehr großer Stärke. Marschall Sokolowski schreibt in seinem jüngsten Buch, daß sie nicht nur Raketen, sondern auch Satelliten zerstören werden. Aber das wird noch einige Zeit dauern.

Von den Fortschritten der Sowjets weiß man nur wenig. Ihre erste Antirakete, die „Galosh“, datiert schon aus dem Jahr 1961. Seit 1963 bauen sie an einem begrenzten ABM-System rund um Moskau und 320 Kilometer südlich von Tallinn. Die „Galosh“ ist 20 Meter lang und wird von vier Raketen mit festem Treibstoff angetrieben. Bisherige Entwicklungs- und Baukosten 20 Milliarden Dollar.

In den USA sind die Gegner des „Safeguard“-Projekts zahlreich und mächtig, darunter der ehemalige Vizepräsident Humphrey, die Senatoren Edward Kennedy, Charles Percy, William Fulbright, Everett Dirksen, Eugene McCarthy. Ihre wichtigsten Argumente:

  1. Falls das System wirklich funktioniert, sind die Explosionen der „Sprint“ in relativ geringer Höhe fast ebenso verheerend wie die Explosion der feindlichen Rakete.
  2. „Safeguard“ gibt keine hundertprozentige Sicherheit und ist daher sinnlos.
  3. Die Perfektionierung der Offensivwaffen wird immer schneller voranschreiten als die der Abwehrsysteme. „Safeguard“ wie „Defender“ werden bei ihrer Inbetriebnahme bereits überholt sein.
  4. Die Eruierung und Zerstörung von Raketen aus Unterseebooten bleibt unlösbar, weil ihr Start zu nah und vor allem zu niedrig erfolgt.
  5. Neue Bombermodelle können im Tiefflug in amerikanisches Territorium eindringen, ohne von den Radargeräten entdeckt zu werden.
  6. Die Sowjets können „Spartan“ wie „Sprint“ dadurch außer Gefecht setzen, indem sie in sehr großer Höhe sehr starke thermonukleare Ladungen (50 bis 100 Megatonnen) zur Explosion bringen, die das elektromagnetische Ortungssystem der Radargeräte PAR und MRS fast völlig neutralisieren.
  7. Obwohl unwirksam, ist das „Safeguard“-Projekt äußerst kostspielig. Während die USA vielleicht jene 25 Milliarden Dollar einsparen, die der Krieg in Vietnam jährlich kostet, müßten sie zehn oder mehr Milliarden Dollar für ein Schutzsystem ausgeben, das keinen Schutz bietet. Um so weniger Geld wird für den Kampf gegen die Armut und die übrigen sozialen Notstandsprogramme zur Verfügung stehen.

Aber der „militärisch-industrielle Komplex“, den Eisenhower 1961 in seiner Abschiedsrede anprangerte, ist seither unaufhörlich gewachsen. Er ist zum wichtigsten Motor des amerikanischen Wirtschaftslebens geworden. Nixon kann ihm nicht den Treibstoff entziehen. 15.000 Unternehmen, darunter 3000 Großunternehmen, sind am ABM-System interessiert. Eine Million Amerikaner wird mit der Durchführung beschäftigt sein.

Soziale Ausgaben, Kampf gegen Luft- und Wasserverseuchung, Modernisierung der Städte, Errichtung von Schulen und Spitälern sind für die Wirtschaft weniger rentabel als der Bau neuer elektronisch gesteuerter Fabriken, in denen Facharbeiter mit hohen Löhnen und hohem Konsum arbeiten.

Ein anderes Argument für „Safeguard“ ist der Schutz vor künftigen chinesischen Interkontinentalraketen. Da die „sowjetische Aggression“ kaum mehr glaubwürdig ist, tritt das Schreckgespenst China an deren Stelle. In Washington ist schon die Offensive der Lobby für das „Defender“-System im Gang. Es soll sich über das ganze Land erstrecken und 400 Milliarden Dollar kosten.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
1969
, Seite 343
Autor/inn/en:

Jérôme Pietrasik: Mitarbeiter des „Nouvel Observateur“, Paris.

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