FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1986 » No. 381/382/383
Gustavo Esteva • Gertraud Fädler (Übersetzung)

Das Elend der Entwicklung

Mexiko vor und nach dem Beben

Das Erdbeben in Mexiko am 19. und 20. September hat nach offiziellen Angaben 5.000 Todesopfer gefordert. Inzwischen weiß man allerdings, daß es mindestens 35.000 waren, die durch das Beben umgekommen sind, und daß etwa 250.000 Menschen ihr Obdach verloren haben, was die Regierung jedoch bestreitet.

Die beiden Beiträge hat uns Ivan Illich mit dem folgenden Begleitbrief geschickt: „Esteva schrieb über den Begriff Entwicklung vier Tage vor dem Beben. Er ist mein bester Freund in Mexiko; ein bekannter Volkswirtschaftler, Leiter der intelligentesten Wochenbeilage, Gründer und Leiter des Verbindungsinstitutes von ca. 400 Basisorganisationen, darunter TEPITO (s.u.)‚ das schwer vom Beben betroffen wurde. Seine Angst vor der Erdbebenhilfe sollte diskutiert werden. Das wäre meiner Ansicht nach das beste, was ihr für Mexiko tun könnt.“

Die Fotografien machte die in Wien lebende mexikanische Künstlerin Pilar Alcalá; die Übersetzung aus dem Englischen besorgte Gertraud Fädler.

Entwicklung als Metapher, Mythos und Bedrohung

Die Armen Mexikos sind für ihren schwarzen Humor bekannt. Bei ihnen wird der Ausdruck Entwicklung nur noch in Witzen gebraucht. Meine Sicht der mexikanischen Wirtschaft ist selbstverständlich von den Menschen bestimmt, unter denen ich lebe: In den letzten 10 Jahren habe ich mit Hunderten von „entprofessionalisierten Intellektuellen“ zusammengearbeitet, die ein Netzwerk von 400 Basisorganisationen aufgebaut haben, in Slums, Dörfern und im Hinterland. Für diese Menschen dort hat Entwicklung immer eine Bedrohung dargestellt. Während des Ölbooms war diese Bedrohung von Illusionen verdeckt, aber seit dem Zusammenbruch im Jahre 1980 haben Geldabwertung und Arbeitslosigkeit sie nackt und offen zutage treten lassen: Wenn man heute in Mexico City lebt, muß man entweder reich oder stumpf sein, um nicht zu bemerken, daß Entwicklung stinkt.

Überall rund um uns wurde Entwicklung schon längst als Bedrohung erkannt. Die meisten Bauern sind sich darüber im klaren, daß Entwicklung es unmöglich gemacht hat, daß sie von den Erträgen ihrer Äcker leben können, so wie sie es jahrhundertelang gekonnt hatten. Die Bewohner der Slums wissen, daß Entwicklung ihre handwerklichen Fähigkeiten überflüssig gemacht hat und ihre Ausbildung für die neugeschaffenen Arbeitsplätze ungeeignet ist. Wenn es ihnen endlich gelungen ist, in selbstgebauten Baracken oder in verlassenen Gebäuden so etwas wie ein Gemeinschaftsleben einzurichten, dann siedeln sie Bagger und Polizei, beide im Dienste der Entwicklung, wieder um. Die wirklichen Randgruppen haben erfahren, was es heißt, Zentimeter um Zentimeter der Geldwirtschaft nähergeschoben zu werden.

Am anderen Ende der Ausbildungshierarchie bemüht sich der ständig wachsende Kreis von ehemaligen Ökonomen, früheren Soziologen und Industriemanagern, die jetzt in Basisunternehmungen arbeiten, ihren ehemaligen Kollegen vergeblich zu verstehen zu geben, was sie hier gelernt haben: Es gibt keinen qualifizierbaren Indikator für den Schmerz, der mit dem Verlust von Selbstvertrauen, Würde und Solidarität verbunden ist, und der der heimliche, nicht wägbare Preis eines in Zahlen gemessenen Fortschritts ist.

Fuzzy Slogans

Der Begriff Entwicklung war bis jetzt vollkommen tabuisiert. Von der Linken bis zur Rechten haben Professoren die Behauptung der Politiker gestützt, daß das Leid der armen Mehrheit nur der unumgehbare Preis für etwas sei, was ihr letzten Endes doch zugute komme. Aber mit dem fallenden Ölpreis, der explodierenden Staatsverschuldung, mit der Umwandlung Mexikos in eine „Freizone“, in der transnationales Kapital in vollautomatisierten Fabriken VW-Käfer für den Export nach Deutschland herstellen läßt, werden die Korruption der Politik und die Zerstörung der Natur, beides zwangsläufige Ergebnisse der Entwicklung, offenkundig: Sie sind zu sehen, zu spüren und zu riechen. Der ursächliche Zusammenhang zwischen dem Verlust an Umwelt und dem Verlust an Solidarität, über den sich bis jetzt nur die ärmsten Schichten bewußt waren, wird jetzt bereits von einem neuen Establishment von Experten konstatiert. All das stärkt unsere Position gegenüber den herkömmlichen Ansichten, deren Verkörperungen jene Politik, jene Programme, und Verordnungen sind, mit denen uns eine träge und denkfaule Bürokratie tageintagaus drangsaliert. Sogar Akademiker, die gelernt haben, mehr einer sogenannten Expertenmeinung zu trauen als ihrer eigenen Nase, sagen jetzt: Entwicklung stinkt.

Die Verwendung des Begriffes Entwicklung war in unseren Kreisen bisher keinesweg problematisch. Er hatte den Geschmack von „adelante“ (vorwärts) und „arriba“ (obenauf), und wurde gleichgesetzt mit „Revolution“, „Strukturveränderung“ oder anderen „fuzzy slogans“, die die Mexikaner alle nur mit einem müden Lächeln quittieren. Seit kurzem jedoch bemühen sich einige von uns aufzuzeigen, was wir da eigentlich mit Entwicklung anstellen. Aber wir sind nicht allein. In den letzten paar Jahren ist eine neue Bewegung entstanden, die unter dem Banner der „Alternativen Entwicklung“ durch die Weltgeschichte reist. „Bürgerbeteiligung“, „Selbsthilfe“, „Ganzheitliches Denken“, „Netzwerke“, „Dezentralisierung“, „Regionalismus“, „Energiesparende Mittel“ heißen ihre Wundermittel. Mir geht es hier um genau die, die sowohl hier in Mexiko als auch anderswo den fauligen Geruch des Begriffes Entwicklung mit der Duftnote „Alternative Entwicklung“ überdecken wollen.

Für eine ganze Generation war der Heiligenschein um den Begriff Entwicklung unantastbar. Er war das gemeinsame Ideal von einander erbittert bekämpfenden Sekten, die alle das selbe Ziel verfolgten, wenn auch mit einander widersprechenden Mitteln. Jetzt ist es an der Zeit, den Begriff selbst als bösartigen Mythos zu erkennen, dessen Aufrechterhaltung eine ständige Gefahr für die Mexikaner darstellt, mit denen ich lebe. Wir müssen uns gegen diese „Anleihe an das Leben“ wehren, die uns ein neues Alternativestablishment verspricht. Wir können keine UN-Bürokraten oder andere Kreuzritter der Alternativen Entwicklung, die ihr eigenes Selbstvertrauen und Einkommen aus dem Verkauf von Entwicklung beziehen, darum bitten, uns zu helfen. Wir müssen selber den Mut aufbringen, unter Beweis zu stellen, daß drei Jahrzehnte Entwicklung ein riesenhaftes, unverantwortliches Experiment dargestellt haben, das gemäß den Erfahrungen der Mehrheit der Weltbevölkerung entsetzlich schief gegangen ist. Die sogenannte Krise in Mexiko ermöglicht es uns, Entwicklung als Zielvorstellung fallen zu lassen.

Es lebe die Krise

Die „Rural Development Bank“ in Mexiko hat Gottseidank kein Geld mehr, mit dem sie die Bauern zwingen kann, Sorghum (Kaffernhirse) als Tierfutter anzubauen. Die Konsequenz ist, daß vielerorts die Rückkehr zum traditionellen Fruchtwechsel zwischen Mais und Bohnen nicht nur die Ernährung verbessert, sondern auch die Dorfgemeinschaft gestärkt hat, und daß die in diesen Dörfern zusammengelegten Gelder mehr ausrichten konnten, als das Kapital der Bank.

Produktionskooperativen entstehen und gedeihen im Herzen von Mexico City und zwar aufgrund der abnehmenden Kaufkraft derjenigen, die früher eine Anstellung hatten. Es gibt Geschäfte in den Slums, die Elektrogeräte reparieren; andere beschäftigen sich damit, ausländische Produkte zu kopieren, um die Imitation als geschmuggelte Ware auszugeben. Des öfteren habe ich dabei beobachtet, wie die Slum-Fabrikanten bald dazu übergingen, ihren eigenen Namen und Adresse auf die Ware zu schreiben, weil diese dem Käufer anscheinend größeres Vertrauen einflößten. Ganze Nachbarschaften sind revitalisiert, und ein unglaublicher Zuwachs an Nachbarschaftshilfe ist festzustellen. Mitten in der Inflation, der Geldabwertung, der sogenannten Arbeitslosigkeit, während das nationale Sozialprodukt schrumpft, geht es den meisten Leuten, mit denen ich zu tun habe, besser als früher.

Einer der Faktoren, die zu dieser überraschenden Tatsache beitragen, ist die sich schließende Kluft zwischen denen, die früher vom Wirtschaftswachstum geschädigt wurden und denen, die eine Zeitlang von ihm profitierten. In diesem Sommer hat die mexikanische Regierung 50.000 Staatsangestellte entlassen und angekündigt, daß bis Jahresende mindestens weitere 100.000 ihre Arbeitsplätze verlieren werden. Die Entlassenen sind keine temporären Arbeitslosen; sie werden in kein Lohnverhältnis mehr gelangen. Während sie noch der sogenannten Arbeiterschaft angehörten, wurden sie darauf abgerichtet, die Stechuhr zu drücken, Befehle auszuführen und ihrem Aufstieg nachzujagen. Diejenigen, an denen die Eintwicklung vorbeigegangen ist, sind jetzt in privilegierter Position. Sie wissen, daß sie besser vorbereitet sind. Sie kennen die Abkürzungen im Wirtschaftsgestrüpp, sie verstehen es, von kleinen Einkünften aus dem grauen Markt zu leben und am Schwarzmarkt zu verkaufen. Und das ist wichtig: die Anzahl derer, die vergleichsweise begünstigt sind durch den Zusammenbruch der Entwicklung, ist viel größer als die — noch immer — große Anzahl derer, die die Sicherheit eines Arbeitsplatzes verloren haben. Einige von uns behaupten, daß sich Mexiko dank der Krise politisch stabilisiert hat.

Sogar unter uns Intellektuellen gibt es immer mehr, die die Abdankung des Entwicklungswahns begrüßen und die dabei behilflich sind, die offizielle Politik zu entgiften. Wir verweisen darauf, daß, solange Entwicklung verfolgt wird, wir niemals auf vernünftige Weise mit unserer Staatsschuld umgehen können. Nicht einmal die strengste Überwachung des Außenhandels, wie sie durchgeführt worden ist, kann den Nettotransfer von Dollars in die Staaten verhindern. Während unsere Regierung stolz darauf ist, 15 Milliarden Dollar jedes Jahr zurückzuzahlen von unseren 100 Milliarden Schulden, fließen 20 bis 40 Milliarden Dollar aus unserem Land ab — ganz offiziell, zwar gegen die erklärte Absicht unserer Regierung, aber mit ihrer Hilfe. Industrie- und Handelsbetriebe, deren Erzeugnisse als besonders exportfähig gelten und die wir brauchen, um unsere Auslandsschuld zu begleichen, werden mit Hilfe des sogenannten „gestützten Dollars“, der 60% des Marktpreises hat, subventioniert und exportieren, legal wie auch illegal, zwei bis dreimal die Devisen, die wir verdienen. Mit anderen Worten: unsere Wirtschaft wird dahingehend gelenkt, die Auslandsschuld in mehr als der doppelten Höhe zurückzuzahlen! Und das in einem Land, das 1983 Nahrungsmittel im Wert von 2,5 Milliarden importiert hat; würde dieser Betrag in Mexiko verwendet, wäre es eine Angelegenheit von 1½ Jahren, die regionale Selbstversorgung an Lebensmitteln in den meisten Bundesstaaten herzustellen.

Basierend auf diese wenigen Erkenntnisse von unserer Wirtschaftslage hat die sogenannte Krise in Mexiko jene Stimmung erzeugt, in der Entwicklung als das gesehen werden kann, was sie ist. Aber ich wende mich im Augenblick nicht an die Mexikaner, sondern an die vielen Leute, die mit den besten Absichten ein neues Fantasiegebäude errichten wollen, diesmal mit dem Namen „Alternative Struktur“, das aber immer noch auf dem wackeligen Fundament des Entwicklungsgedankens steht. Sie übersehen, daß sie auf Sumpf bauen. Um zu verhindern, daß energiesparende Technologien, regionale Zielsetzungen, kooperative Unternehmungen und weitere bedeutende Maßnahmen dieser Art, die uns Mexikanern zur Wiedergewinnung der Solidarität verhelfen sollen, in den Sumpf der Entwicklung versinken, möchte ich ein paar Bemerkungen anbringen zum Mythos, den dieser Begriff darstellt.

Fortschritt heißt Modernisierung der Armut

Erst zur Archäologie des Mythos: Als Mexikaner sind wir es gewohnt, mit untergehenden Monumenten zu leben, die auf Ruinen gebaut sind, welche ihrerseits auf Ruinen stehen. Hier haben die Ruinen des Entwicklungsgedankens kein vergleichbar würdiges Fundament. im Spanischen zumindest bedeutete „desarrollo“ (Entwicklung) weit ins 19. Jahrhundert hinein das Abspulen einer Pergamentrolle. Es meinte: „Einem Gegenstand seine ursprüngliche Form zurückzugeben.“ In der Mitte des 19. Jahrhunderts verwandelten die Humanwissenschaften das Wort in eine Metapher: für sie bedeutete es jetzt, daß ein Organismus zu seiner eigentlichen Form fand. Nach Darwin hieß Entwicklung das Hineinwachsen in eine immer perfektere Gestalt. Schumpeter versuchte dann im ersten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts, den Begriff Entwicklung in die Wirtschaftswissenschaft einzuführen, aber er wurde nie zu einem brauchbaren Terminus technicus.

Nach einem Jahrhundert ist der Begriff „desarrollo“, der Entrollen bedeutet hat, durch mindestens 3 Wissenschaftsbereiche gegeistert und ist am Ende seines Weges in der Umgangssprache gelandet mit Konturen, die in etwa so genau sind wie die der Amöben. Er kann nun für ein Wohnbauprojekt, für die logische Abfolge eines Gedankens, für das Erwachen des kindlichen Verstandes oder für das Knospen der Jungmädchenbrust verwendet werden. Er ist zu einem dieser verschwommenen Begriffe geworden, die ich und meine Kollegen aus unserer Unterhaltung zu verbannen versuchen, eines von diesen Wörtern, die nur aus gewichtigen Nebenbedeutungen bestehen, ohne einen erkennbaren Sinn. Und was Entwicklung immer mitbedeutet, ist zumindest das eine: das Verlassen einer vagen, unaussprechlichen, unwürdigen Lage, nämlich der „subdesarrolo“‚ der „Unterentwicklung“, ein Begriff, den Harry S. Truman am 10. Jänner 1949 erfunden hat. Selten noch wurde ein Begriff so schnell weltweit akzeptiert an dem Tag, an dem er geprägt wurde. Truman verwendete ihn, um das besondere Elend zu bezeichnen, das die meisten Leute und Gemeinschaften betrifft, die außerhalb der Vereinigten Staaten leben. Er setzte den Begriff ein für dasjenige Nichtamerikanische, das selbst erklärte Yankeegegner für unerwünscht hielten. Er wurde zur Brutstätte unüberwindlicher Bürokratien.

Seit Truman folgt Entwicklungstheorie auf Entwicklungstheorie in immer kürzeren Abständen. In allen diesen Theorien erscheint der Begriff Entwicklung als ein willkürliches Zeichen, das durch den theoretischen Zusammenhang bestimmt ist, in dem es gebraucht wird. Jedoch, je vielfältiger und widersprüchlicher die Definition des Begriffs der Entwicklung geworden ist, umso stärker sind seine Nebenbedeutungen. Sich entwickeln heißt, daß man sich auf einen Weg begibt, den andere besser kennen, auf ein Ziel zu, das andere bereits erreicht haben; es heißt an einem Rennen eine Einbahnstraße hinunter teilzunehmen. Entwicklung heißt Umwelt, Solidarität, Tradition und Gebräuche den ständig wechselnden Expertenratschlägen zu opfern. Entwicklung verspricht Bereicherung, und für den weitaus größten Teil der Leute hat sie immer die fortschreitende Modernisierung ihrer Armut bedeutet: die wachsende Abhängigkeit von Außenlenkung und Verwaltung.

Das Unglück von Mexiko, das die anderen als Krise bezeichnen, nennen wir eine Chance. Es ist unsere Chance, mit anderen, die jetzt auf immer ihren Arbeitsplatz verloren haben, unsere 10.000 Tricks zu teilen, um unser Überleben zu ermöglichen. Es ist unsere Chance, die Begriffe Entwicklung und Wohlbefinden voneinander abzukoppeln. Ich hätte es gerne, wenn andere, die nicht so viel Glück haben wie wir Mexikaner, in der Lage wären, uns zu folgen.

Die Katastrophenhilfe ist die Katastrophe

Brief vom 23.9.1985, zwei Tage nach dem Beben

Tepito [1] stirbt. Viele Häuser stehen nicht mehr, ihre Bewohner sind auf die Straße gesetzt. Sie haben alles verloren. Darüber hinaus sind sie von der neuen Gefahr bedroht, daß die Behörden die Lage benutzen werden, ihren Stadtteil zu beseitigen. Die Leute aus Tepito werden ihre Nachbarn, ihre Lebensform, ihre Welt verlieren.

Es ist eine Tragödie mit tausenden Toten, tausenden Verletzten, zehntausenden schwer beschädigten Haushalten. Aber es ist nicht so, wie es im Fernsehen gezeigt wird. Ich beziehe mich dabei nicht auf das Ausmaß der Verwüstung, obwohl ich weiß, daß außerhalb von Mexiko verbreitet wurde, daß die ganze Stadt zerstört sei, was nicht stimmt. Ich denke dabei an etwas, worüber die Fernsehleute sicherlich nicht berichten können. Wir haben hier ein Wunder erlebt: Eines, das man sich nur schwer vorstellen kann heutzutage in einer Stadt mit 20 Millionen Einwohnern. Ein paar Tage lang war Nachbarschaftlichkeit [2] kein bloßer Begriff oder sonstwas, das sich zwischen wenigen Leuten manchmal an gewissen Orten abspielt. Und Gemeinschaft [3] war nicht bloße Theorie, sondern hat stattgefunden.

Sowohl Nachbarschaftlichkeit als auch Gemeinschaft sind farblose Ausdrücke für das, was hier geschehen ist. Im Augenblick, also 72 Stunden nach dem Beben, kommen und gehen Millionen Mexikaner und tun, was nötig ist, aus Barmherzigkeit, Würde und Solidarität. Mir fehlen die Worte. Das Wunder ist nicht allein die Reaktion der Menschen bei einem solchen Unglücksfall; auch nicht die leuchtenden Beispiele der Heldentaten, obwohl wir viele davon erlebt haben. Es besteht in der beeindruckenden Demonstration, daß unsere Stadt noch am Leben geblieben ist, daß sie trotz der schweren Schäden, die sie durch die industrielle Entwicklung und ihre Institutionen genommen hat, doch von Menschen bewohnt ist und daß diese Menschen in dem Augenblick, der ihnen die Chance bot, sich menschlich zu verhalten, so wie sie nämlich wirklich sind, die Gelegenheit ergriffen und durch ihre Taten unsere kühnsten Träume von Menschlichkeit bei weitem übertroffen haben.

Unser Problem ist nicht das Erdbeben. Wir haben Freunde, Brüder, compañeros und Nachbarn verloren. Wir verstehen es, mit unserer Trauer zu leben und wir werden den gesellschaftlichen Halt haben, der es uns ermöglicht, freudig zu leiden, weil wir die Lebenskunst mit der Leidenskunst zu verbinden wissen. Unser wirkliches Problem ist die Bedrohung durch den Wiederaufbau. Das ist keine ferne Gefahr, wir leben schon mit ihr. Letzten Donnerstag, am Tag nach dem Erdbeben, anläßlich des ersten Auftritts der mexikanischen Autoritäten, hielt der Innenminister eine kurze Ansprache. Darin ist das Wort „Kontrolle“ fünfmal vorgekommen. In einer Situation, in der niemand nichts unter Kontrolle hat oder haben kann, war das die erste Sorge des Beamten. Während der folgenden Stunden zogen Armee und Polizei bei uns ein. Einige von ihnen wurden wirklich gebraucht, viele haben gute Arbeit geleistet, indem sie die Leute beschützt, ihnen geholfen und mit ihnen schwer gearbeitet haben — mit großem Enthusiasmus und viel Technologie. Aber viele von ihnen waren den Bemühungen der Leute im Weg, sie raubten und organisierten Plünderungen. (Wir haben Zeugen, die Polizisten beobachteten, wie sie beschädigte Gebäude plünderten und das Diebsgut in Decken gehüllt zu ihren Wagen schafften, um den Transport von Leichen vorzutäuschen). Die Behörden versuchen, die freiwillige Hilfe aus dem In- und Ausland bei sich zu konzentrieren und zu leiten. Wir alle wissen, was damit geschieht.

Die World Bank und die Inter American Development Bank haben uns Kredite zugesichert. 50 Regierungen haben schon ihre Unterstützung zugesagt. Dasselbe gilt für internationale Organisationen. Ich kann mir nicht helfen, aber ich werde dabei an Guatemala und Managua erinnert. Die Beben dort waren der jeweilige Ausgangspunkt für die schlimmsten Zeiten in beiden Diktaturen, dank öffentlicher und privater Hilfe.

Es handelt sich nicht nur um das Problem einer stärkeren Konzentration von politischer und wirtschaftlicher Macht. Es geht nicht nur um die Plünderungen und Zerstörungen, die mit einem institutionalisierten Wiederaufbau einhergehen. Es ist vorwiegend zu befürchten, daß das zerstört wird, was wir in dieser Stadt noch haben: Die Fähigkeit zur Nachbarschaftlichkeit und zur Erneuerung.

Wir versuchen darauf zu reagieren. Alle Leute unseres Netzwerks, die in Mexico City leben, arbeiten nun an der vordringlichen Aufgabe, die Verletzten zu bergen und den Geschädigten zu helfen. Aber wir arbeiten auch am Wiederaufbau. Wir werden ein Treffen veranstalten mit anderen Netzwerken und Gruppen und wir werden versuchen, alternativen Raum für den Wiederaufbau zu schaffen. Wir werden selbstverständlich nicht einen institutionalisierten Mechanismus in Gang setzen, der sozusagen als Filter für die Werke der Barmherzigkeit fungiert oder gar als Vermittlung, die Helfer und Betroffene tatsächlich nur voneinander trennt. Wir versuchen wirksame Kanäle zu installieren, mittels derer die Leute ihr Leben selber in die Hand nehmen können. Wir wollen versuchen, den Beweis zu erbringen, daß die Leute selber ihre Probleme lösen können, auch wenn sie von Kalamitäten in einem solchen Ausmaß getroffen worden sind. Wir werden versuchen, ihre Gemeinschaft vor den übermächtigen Übergriffen der Apparate, die bereits stattfinden, zu schützen. Wir werden versuchen, den Zustand der „Nachbarschaftlichkeit“ zu verlängern, der unsere Beziehungen in diesen letzten Tagen bestimmt hat.

Wir werden es vermeiden, neue Agenturen zu gründen, die Mittel empfangen und verwalten. Wir werden unsere Zeit und Mühe für zwei deutlich umrissene Ziele aufwenden:

  1. Für die Organisation eines Netzes, das den direkten Kontakt fördert zwischen denjenigen in und außerhalb von Mexiko, die am Wiederaufbau teilnehmen wollen und jenen, die hier sind, um die Stadt und die Gesellschaft zu erneuern.
  2. Wir werden eine Kampagne einleiten, um die Bürgerrechtsbewegungen zu unterstützen, die an der Veränderung des Musters des institutionellen Wiederaufbaus der Stadt interessiert sind (zum Beispiel soll der Wiederaufbau von Gebäuden in der Innenstadt vermieden werden — diese sind am meisten von der Katastrophe betroffen — und dort Grünflächen geschaffen, Tepito gerettet und die industriell gefertigten Unterkünfte für erdbebengeschädigte Leute durch Eigenbauten ersetzt werden, etc.)

Dabei wenden wir uns weder gegen die Regierung noch gegen das Rote Kreuz oder sonstige Institutionen, die dabei sind, Hilfe zu organisieren. Wir werden eine zusätzliche Möglichkeit für Leute schaffen, die etwas tun oder helfen wollen, damit sie wirkliche Freiheit bei der Wahl ihrer Mittel haben.

[1Tepito ist eines der ärmsten Viertel der 20 Millionen-Stadt Mexico City. (Man schätzt, daß es etwa 20 Millionen sind, die in dieser Stadt leben. Aber wie soll man Millionen, die nur in Pappkartons leben, zählen!)

[2Der englische Ausdruck ist hier „conviviality“, ein zentraler Begriff in den Schriften von Ivan Illich. Laut Wörterbuch: „Fröhlichkeit bei Tafel, Geselligkeit.“

[3„Commons“ im Original, d.h. „Gemeine“, „Allmende“

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1985
, Seite 29
Autor/inn/en:

Gertraud Fädler:

Gustavo Esteva:

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