FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1973 » No. 232
Adalbert Krims

Dämme gegen Freiheit

Portugiesische Kolonien II

Die endgültige militärische Niederwerfung der Völker in den portugiesischen Kolonien dauerte trotz des brutalen Vorgehens relativ lange: In Angola wurde 1919, in Mozambique 1920, in Guinea erst 1936 der Widerstand der letzten Stämme gebrochen. Obwohl der militärische Sieg und die politische wie ökonomische Herrschaft Portugals über seine Kolonien total waren, gab es schon kurz nach dem Ersten Weltkrieg bei afrikanischen Intellektuellen ein neues, eigenständiges Kulturbewußtsein; es gab Diskussionszirkel und Zeitschriften, die in den zwanziger Jahren teilweise sogar in Lissabon erschienen. Afrikanische Traditionen wurden wiederentdeckt, die Lüge vom „geschichtslosen Afrika“ untergraben. Diese kulturellen Regungen führten allerdings noch nicht zu politischen Konzepten und zur Forderung nach Unabhängigkeit. Sie hatten auch keinerlei Einfluß auf breitere Volksmassen.

Dennoch wurde dieses kulturelle Erwachen von den Portugiesen gefürchtet. Nach Errichtung der faschistischen Diktatur durch Salazar (1932) verbot man sämtliche Publikationen und Zirkel, denen es um ein afrikanisches Kulturbewußtsein ging. Zugleich unterdrückte Salazar alle Versuche einer liberaleren Lösung der Kolonialfrage.

Im „Eingeborenen-Unterstützungsgesetz“ von 1921 waren „zivilisierte Afrikaner“, sogenannter Assimilados, vorgesehen. Durch diese Politik versuchten die Portugiesen, einzelne Afrikaner in ihr Herrschaftssystem einzubeziehen. Jegliche Bildungsmöglichkeit der Afrikaner wurde verknüpft mit einer starken ideologischen Integration. Der Assimilado muß fließend portugiesisch sprechen, alle Stammesbräuche abgelegt haben, regelmäßig und frohen Herzens für einen Herren arbeiten. Diese Bedingungen erfüllten in den sechziger Jahren in Mozambique weniger als 0,1% und in Angola etwa 0,8% der afrikanischen Bevölkerung.

Aber nicht einmal diese geringe Zahl von Assimilados war eine treue Untertanenschaft. Die „Zivilisierten“ hatten zwar gewisse Privilegien gegenüber den „unzivilisierten“ Afrikanern, doch waren sie immer noch wesentlich schlechter gestellt als die Weißen. Die persönliche Geschichte mehrerer Führer von Befreiungsbewegungen zeigt, daß sie diese Ausgangsposition in den Dienst nicht der Portugiesen, sondern ihrer Völker gestellt haben.

Nach dem Zweiten Weltkrieg begriff man in Kreisen afrikanischer Intellektueller, daß politische Unabhängigkeit, zumindest Autonomie Voraussetzung sei für Verbesserung der Lebensbedingungen und Entwicklung einer eigenständigen afrikanischen Kultur. 1947 gründeten Studenten in Luanda die erste angolesische Jugendorganisation. 1949 entstand, vorerst unter in Südafrika studierenden Mozambikern, die NESAM, zu deren Gründern auch der spätere Präsident der FRELIMO Edoardo Mondlane gehörte. Die Schwäche dieser politischen Geheimorganisationen: sie blieben auf Intellektuelle und Studenten beschränkt, beide im Vergleich zum Volk privilegiert: In den fünfziger Jahren gelang dann der Kontakt zu den Massen der Landarbeiter und zum Industrieproletariat in den Städten. Dies war insofern leichter, als sich, unabhängig von den Intellektuellen, Streikbewegungen gegen die unmenschlichen Arbeitsbedingungen und die niedrige Entlohnung entwickelt hatten.

1 Angola

Angola war von Anfang an die wirtschaftlich bedeutendste Kolonie. Hauptprodukte sind immer noch Kaffee, Sisal, Zucker, Tabak, Mais, Baumwolle, Palmprodukte. Seit dem Zweiten Weltkrieg werden jedoch laufend Bodenschätze entdeckt. Die Abbaurechte sicherten sich meist die internationalen Großkonzerne. Sie erzielen durch billige schwarze Arbeitskraft Riesenprofite. Seit Beginn des Befreiungskampfes gewährt Portugal ausländischen Investoren Sonderrechte (nachdem vorher die Einfuhr von Auslandskapital gebremst war). Man erhofft sich auf diese Weise stärkere Unterstützung der imperialistischen Länder für die portugiesische Kolonialpolitik.

In der angolesischen Außenhandelsbilanz der letzten 10 Jahre gibt es einen immer höheren Anteil mineralischer Rohstoffe: neben Diamanten vor allem Gold, Eisen, Kupfer, Mangan, Kaolin, Asbest, Erdöl. Der Reichtum Angolas würde der gesamten Bevölkerung einen hohen Lebensstandard sichern, nach Abschaffung der Ausbeutung durch Portugal und das internationale Kapital.

Fast 90% der angolesischen Bevölkerung sind heute noch in der Landwirtschaft beschäftigt, 5% in der verarbeitenden Industrie, 5% in Handel, Transport, Dienstleistungen. Das Bruttosozialprodukt beträgt 650 Millionen Dollar (1968), das jährliche Pro-Kopf-Einkommen 130 Dollar. Aber nur 20% der wirtschaftlich aktiven Bevölkerung stehen in einem Lohnverhältnis (450.000 Angolaner, von denen 57% Zwangsarbeiter sind, und 61.000 Europäer, die zu 64% mit Dienstleistungen beschäftigt sind). Folglich entfallen auf die 4,7 Millionen Afrikaner 37 Dollar, auf die Europäer 1400 Dollar Pro-Kopf-Einkommen.

90% der afrikanischen Bevölkerung Angolas waren 1971 noch Analphabeten.

Alle diese Daten verweisen auf eine extreme Unterentwicklung Angolas. Dennoch ist die Situation etwas besser als etwa in Mozambique. Der höhere Anteil von alphabetisierten Afrikanern sowie das Entstehen eines Proletariats (vor allem im Bergbau) lieferten günstigere Voraussetzungen für die Befreiungsbewegung. So gab es in Angola schon relativ früh Versuche zur Gründung politischer Massenorganisationen. 1953 entstand die illegale „Partei für den vereinigten Kampf der Afrikaner Angolas“ (PLUA), aus der 1956 die MPLA (Volksbefreiungsbewegung von Angola) hervorging. Gründungsmitglieder der MPLA im Dezember 1956 in Luanda waren u.a. Amilcar Cabral, Dr. Agostinho Neto und Mario de Andrade.

Die erste Befreiungsbewegung mit Kontakt zu den Landarbeitern war die am 1. Juli 1954 in Leopoldville (dem heutigen Kinshasa) von Emigranten gegründete Union der Völker Nordangolas (UPNA). Sie breitete sich langsam auch nach Süden aus und wurde 1958 in „Union der Völker Angolas“ (UPA) umbenannt. Die UPA blieb jedoch weiterhin an Stammesinteressen gebunden und war von einem starken Glauben an ihren Führer Holden Roberto geprägt. Diese entscheidenden Schwächen sind bis heute erhalten geblieben.

1957 begann der portugiesische Geheimdienst PIDE die Mitglieder der MPLA zu jagen. Eine große Zahl wurde 1959 verhaftet und verurteilt. Das Hauptquartier der MPLA wurde nach Conakry (Guinea) verlegt.

Die MPLA wollte Verhandlungen mit der portugiesischen Regierung über die Gewährung der Unabhängigkeit. Am 13. Juni 1960 forderte die MPLA Gespräche mit allen angolesischen Parteien. Präsident Salazar lehnte mit dem Hinweis ab, daß Angola keine Kolonie, sondern ein integraler Bestandteil Portugals sei (die These von den „Überseeprovinzen“ wurde 1951 erfunden, um die Aufnahme in die UNO nicht zu erschweren). Am 13. September 1960 appellierte die MPLA an alle Mitgliedsstaaten der UNO. Eine Konferenz der Befreiungsbewegungen in den portugiesischen Kolonien im Dezember 1960 forderte neuerlich Verhandlungen über eine friedliche Lösung der Kolonialfrage.

Als alle diese Versuche gescheitert waren und der portugiesische Terror gegen die Bevölkerung zunahm, proklamierte die MPLA den revolutionären Befreiungskampf. Am 4. Februar 1961 wurde das Gefängnis von Luanda gestürmt, um die politischen Gefangenen zu befreien. Die Portugiesen antworteten mit äußerster Brutalität: am 5. und 6. Februar wurden allein in Luanda 3000 Afrikaner ermordet, etwas später in Baixa de Cassanga 5000.

Unabhängig von den Ereignissen in Luanda kam es am 15. März 1961 zum Aufstand der Zwangsarbeiter der Plantage „Primavera“. So entstand ein zweites Zentrum des Kampfes. Die UPA konnte in kurzer Zeit fast ganz Nordangola erobern. Die mangelhafte politisch-militärische Ausbildung der UPA-Kader ermöglichte jedoch den Portugiesen, ihre waffenmäßige Überlegenheit zur Geltung zu bringen und relativ rasch zu Erfolgen zu kommen. Dabei scheuten sie vor Massakern an der Zivilbevölkerung nicht zurück. Sie setzten von Anfang an Napalm ein. Laut UNO-Berichten wurden in den ersten drei Monaten nach Beginn des Aufstandes 30.000 Angolaner, bis September 1961 insgesamt 50.000 ermordet. 200.000 Afrikaner flüchteten in die benachbarte Republik Kongo (das heutige Zaire).

Die Rivalität zwischen MPLA und UPA verhinderte eine gemeinsame Strategie des Befreiungskampfes. Der US-Imperialismus erkannte relativ bald, daß eine ausschließliche Unterstützung Portugals seinen Interessen nicht optimal entsprach. Sie konnten eine eventuelle Unabhängigkeit der portugiesischen Kolonien in ihrer Strategie nicht ausschließen. Da die UPA lediglich für politische Unabhängigkeit kämpfte, jedoch nicht für sozialrevolutionäre Umgestaltung, flossen mindest seit Mitte der sechziger Jahre amerikanische Gelder in die Kassen der UPA. Davon erhoffte sich der US-Imperialismus eine seinen Interessen dienliche Regierung in Angola im Falle der Unabhängigkeit. Mit Unterstützung des von den USA abhängigen Regimes in Kongo-Kinshasa gründete Holden Roberto am 5. April 1962 die Revolutionsregierung von Angola im Exil (GRAE) und 1963 die „Nationale Front für die Befreiung Angolas“ (FNLA), die vorübergehend sogar die ausschließliche Unterstützung durch die Organisation. für afrikanische Einheit (OAU) erhielten. Der FNLA schloß sich auch der prochinesische Flügel der MPLA an, wodurch auch die Hilfe der VR China gesichert war — die wegen sowjetischer Unterstützung der MPLA ohnehin in Sorge war. Die auf Stammesinteressen gegründete Politik der UPA, die in der FNLA den Ton angab, und ihre Diskreditierung durch die US-Hilfe führte dazu, daß der nationale Befreiungskampf der UPA 1965 praktisch zum Stillstand kam.

Aus diesem Grunde gründete der frühere Außenminister der Exilregierung Robertos, Jonas Savimbi, eine eigene Befreiungsbewegung, die „Nationalunion für die totale Unabhängigkeit Angolas“ (UNITA). Savimbi gelang es, Unterstützung aus der VR China zu erhalten. Die UNITA unternahm einige abenteuerliche Überfälle auf die Benguela-Bahn in Nähe der sambischen Grenze; Resultat war die Ausweisung ihrer Führer aus Sambia. Die UNITA ist ebenfalls sehr stammesgebunden. Sie führt ihre Guerillatätigkeit in Zentralangola weiter und kontrolliert dort ein in seiner Größe umstrittenes Gebiet („Schwarze Chinesen“). Objektiv bedeutet die UNITA eine weitere Spaltung der Befreiungsbewegung.

Die MPLA lernte relativ rasch aus ihren Fehlern beim Aufstand in Luanda 1961. Auf ihrer ersten nationalen Konferenz, Dezember 1962, beschloß sie ein Aktionsprogramm mit zwei entscheidenden Prinzipien: Primat des Kampfes innerhalb Angolas vor der Aktion außerhalb des Landes; dem Primat des Politischen vor dem Militärischen (dies wurde von maoistischen Gruppen und der UNITA als Vernachlässigung des militärischen Kampfes kritisiert). Erst nach Verlagerung des MPLA-Büros von Conakry nach Brazzaville (1964) und Bildung einer progressiven Regierung in der heutigen Volksrepublik Kongo konnten sich diese Prinzipien praktisch auswirken. Mitte 1964 wurde eine neue Front in der Enklave Cabinda eröffnet. Mehrere Versuche der MPLA, die anderen Befreiungsorganisationen für eine Einheitsfront zu gewinnen, scheiterten. Die UPA unternahm sogar militärische Aktionen gegen die MPLA.

Am 18. Mai 1966 gelang der MPLA der entscheidende Durchbruch: sie eröffnete in dem an Sambia grenzenden Distrikt Moxico die Ostfront. Nach dem Aufruf der Führung 1967, den Kampf auf ganz Angola auszudehnen, wurde 1968 nördlich eine 3. und 4. Front im Distrikt Luanda aufgebaut. Im Zentrum des Landes wurde schließlich noch eine 5. Kampffront eröffnet, so daß der Befreiungskrieg in 10 der 15 Distrikts geführt wurde. Der Kongreß der MPLA im August 1968 konnte bereits im Inneren Angolas stattfinden, wo sich seitdem auch das Hauptquartier befindet. Dadurch wurde der Mangel an Kontakt zwischen politischer Führung und Kämpfenden endgültig behoben.

Im Anschluß an den MPLA-Kongreß stellte die OAU jegliche Unterstützung der UPA ein und anerkannte die MPLA als einzig legitime Vertretung der Völker Angolas. Inzwischen hat sich auch der Dekolonisierungsausschuß der UNO dieser Entscheidung der OAU angeschlossen.

Aufruf der UNO zur internationalen Solidaritätswoche (25.5.—1.6.)

Gegenstand: Woche der Solidarität mit den Kolonialvölkern des südlichen Afrika, Guinea-Bissaos und der Kapverdischen Inseln in ihrem Kampf für Freiheit, Unabhängigkeit und Gleichberechtigung.
Datum und Versammlung: 2.11.1972, 2078. Vollversammlung
Abstimmungsergebnis: 91 für, 2 gegen, 30 Enthaltungen
Aktenzeichen der Dokumente: Vorgelegter Resolutionsentwurf: A/L. 680 und Add. 1—3, Angenommene Resolution: 2911 (XXVII)

Text der Resolution

Die Generalversammlung

erinnert an die Erklärung über die Gewährung der Unabhängigkeit für die Kolonien und deren Völker, enthalten in ihrer Resolution 1514 (XV) vom 14. Dezember 1960,

stellt mit Genugtuung fest, daß die nationalen Befreiungsbewegungen in den Kolonien des südlichen Afrika, Guinea (Bissao) und der Kapverdischen Inseln durch ihren Kampf und durch ihre Wiederaufbauprogramme Fortschritte gemacht haben zur Erlangung der nationalen Unabhängigkeit und Freiheit,

ist sich bewußt, daß die Völker und die nationalen Befreiungsbewegungen Unterstützung und Hilfe in ihrem Kampf zur Erlangung der Freiheit und Unabhängigkeit benötigen.

(Die Generalversammlung)

  1. appelliert deshalb an die Regierung und Völker der Welt, jährlich eine Woche der Solidarität mit den Kolonialvölkern des südlichen Afrika, Guineas (Bissao) und der Kapverdischen Inseln in ihrem Kampf für Freiheit, Unabhängigkeit und Gleichberechtigung zu halten und schlägt vor, mit dieser Woche am 25.5., dem Afrikanischen Befreiungstag, zu beginnen,
  2. empfiehlt, anläßlich dieser Woche Versammlungen abzuhalten, Informationen durch Presse, Rundfunk und Fernsehen zu verbreiten und öffentliche Kampagnen durchzuführen, um Spenden für den Hilfsfonds zum Kampf gegen Kolonialismus und Apartheit der Organisation für Afrikanische Einheit zu erhalten.

(Portugal und Südafrika stimmten gegen die Resolution)

Heute ist etwa die Hälfte des Gebietes von Angola befreit oder zumindest umkämpft. Trotz zahlreicher portugiesischer Luftangriffe entsteht in den befreiten Regionen ein unabhängiger afrikanischer Staat. Mit Ausnahme einiger kleinerer Gebiete, die von der UPA bzw. der UNITA („Schwarze Chinesen“) kontrolliert werden, hat die MPLA die unbestrittene Hoheit über den befreiten Teil Angolas. Unter ihrer politischen und organisatorischen Führung geht der Aufbau vor sich.

In den Dörfern werden Aktionsräte gewählt, denen von der MPLA-Führung politische Kommissare zugewiesen werden. Diese Aktionsräte tragen die Verantwortung für Grundschulausbildung, medizinische Betreuung, Entwicklung der Produktion, Eröffnung von Volksläden und Organisation von Milizen zum Schutz der Dörfer. Die Tätigkeit der Aktionsräte der Dörfer wird von Räten auf zonaler, regionaler und nationaler Ebene koordiniert.

Die Ausbildung der Kader erfolgt in 12 „Zentren revolutionärer Ausbildung“ (CIR), von denen 10 an der Ostfront liegen. Die militärischen Kräfte bestehen aus den Milizen unter Leitung der Dorfkomitees zur Verteidigung und den Guerillaeinheiten unter der politischen und militärischen Führung durch das Zentralkomitee der MPLA. Die Stärke dieser Einheiten dürfte heute etwa 7000 Mann sein.

Obwohl die MPLA heute die führende Rolle im angolesischen Befreiungskampf spielt, wirken sich die unkoordinierten Aktionen der anderen Organisationen eher negativ auf den Befreiungskrieg aus. Der FNLA gelang 1967 mit kleinen Befreiungsorganisationen aus Rhodesien und Mozambique die Gründung der sogenannten Kongo-Allianz als „Gegengewicht“ zur CONCP (Dachorganisation der Befreiungsbewegungen PAIGC, MPLA und FRELIMO in den portugiesischen Kolonien sowie der führenden Organisationen in Südafrika, Namibia und Rhodesien). Die gemeinsame Plattform dieser Allianz bilden Volkskriegsthesen sowie der Vorwurf an die CONCP, den militärischen Kampf zugunsten des Aufbaus in den befreiten Gebieten zu vernachlässigen. Außer bei der VR China (die aber auch die Organisationen der CONCP unterstützt) hat die Kongo-Allianz nirgendwo Zustimmung erfahren und wird von den großen Befreiungsbewegungen als spalterisch abgelehnt.

Eine für die MPLA unerfreuliche Entwicklung begann 1969 mit dem Vertrag zwischen Portugal und Südafrika über den Bau eines riesigen Staudammes am Cunene (an der Grenze zu Namibia). Dieses Projekt soll der Bewässerung und Stromversorgung Südangolas und Namibias dienen und in seiner ersten Phase 1978 abgeschlossen sein. Die politischen Auswirkungen sind dieselben wie beim Cabora-Bassa-Projekt. Für Portugal ist der Dammbau Devisenbringer durch den Export elektrischer Energie und vor allem Instrument einer neuen Kolonialpolitik. Seit dem Befreiungskampf in Angola 1961 versuchen die Portugiesen, die Kolonien noch stärker ans „Mutterland“ zu binden und die imperialistischen Hauptmächte ökonomisch an der Verteidigung der Kolonien zu interessieren. Das Cunene-Projekt ist schon im Stadium des Baues ein großer Anreiz für das internationale Kapital. Nach Fertigstellung wird es die notwendige Energie für verstärkten Abbau der reichen mineralischen Rohstofflager in Südangola liefern. Die internationalen Konzerne haben sich die notwendigen Konzessionen bereits gesichert.

In dem neu bewässerten Gebiet sollen über 6000 weiße Familien Farmen von je 20 ha erhalten. Dies dient der Sicherung des portugiesischen Einflusses und ist auch ein Mittel, die Beschäftigungs- und Bevölkerungsprobleme in Portugal selbst zu regulieren (bisher allerdings kaum mit Erfolg). Dieser Zusammenhang zwischen portugiesischer Innen- und Kolonialpolitik wird von MPLA und CONCP erkannt. Sie suchen daher die Zusammenarbeit mit der portugiesischen Opposition.

Für Südafrika dient das Cunene-Projekt vor allem zur Aufrechterhaltung seiner illegalen Herrschaft über Namibia. Wegen der wachsenden Kritik der internationalen Öffentlichkeit und der Vereinten Nationen muß Südafrika möglichst rasch Tatsachen schaffen, die eine Loslösung Namibias von Südafrika unmöglich erscheinen lassen. Außerdem glaubt das Regime in Pretoria, daß die Bevölkerung Namibias ihre Unterstützung der Befreiungsbewegung SWAPO einstellen werde, wenn Südafrika fruchtbares Land schafft.

(Wird fortgesetzt)

Zwangsarbeit in den portugiesischen Kolonien

  1. Arbeitszwang: kann von Gerichten bei Übertretung von Straf- oder Arbeitsgesetzen verhängt werden. Das größte Zwangsarbeitslager befindet sich auf Insel Sao Thome. Hierher werden auch Afrikaner aus Angola, Mozambique und Guinea deportiert.
  2. Pflichtarbeit: kann jedem Einheimischen auferlegt werden, wenn für die öffentlichen Arbeiten nicht genügend Kräfte vorhanden sind. Ausnahmen: Kinder unter 14, Erwachsene über 60, Kranke und Invalide, anerkannte Häuptlinge, Afrikaner mit ständiger Anstellung.
  3. Vertragsarbeit: ist die ökonomisch wichtigste Form der Zwangsarbeit. Laut Gesetz kann jeder Afrikaner, der nicht mindest 6 Monate des vorangegangenen Jahres in einem Arbeitsverhältnis stand, zur „Vertragsarbeit“ für den Staat oder private Unternehmer herangezogen werden. Viehzüchter mit über 50 Stück Vieh können freigestellt werden. Mehr als 95% der Afrikaner fallen unter dieses Gesetz.
  4. „Freiwillige“ Arbeit: hier schließt der afrikanische Arbeiter direkt mit dem Unternehmer einen Vertrag. Dadurch kann er sich einen Arbeitsplatz in der Nähe des Dorfes sichern. Die Löhne sind im Durchschnitt noch niedriger als bei Vertragsarbeit.
  5. Zwangsanbau von Baumwolle: in Nordmozambique ist den Bauern der Anbau von Baumwolle vorgeschrieben. Die Ernte muß den 12 portugiesischen Gesellschaften, die das Monopol dafür besitzen, zu Festpreisen (weit unter den Marktpreisen) abgegeben werden. In diesen Gebieten ist den Afrikanern keine andere Arbeit erlaubt (auch nicht der Anbau von Nahrungsmitteln zur eigenen Versorgung).
  6. Wanderarbeit: diese geht auf einen Vertrag zwischen Mozambique und Transvaal 1909 zurück und wurde seither in mehreren Verträgen zwischen der Südafrikanischen Union und Mozambique neu festgelegt. Danach hat eine südafrikanische Gesellschaft das Monopol, in Mozambique Arbeitskräfte zu rekrutieren. Der portugiesische Staat erhält dafür pro Arbeiter eine bestimmte Summe. Da der Durchschnittsverdienst für Afrikaner in Südafrika höher ist als in den portugiesischen Kolonien, nehmen viele Einheimische die oft jahrelange Trennung von der Familie und die noch stärkere rassische Diskriminierung in Südafrika in Kauf.

Diese Formen der Zwangsarbeit gehen im wesentlichen auf das „Arbeitsgesetz für Eingeborene“ von 1878 zurück. 1961 wurden sie offiziell aufgehoben, in der Praxis bestehen sie jedoch weiter.

Afrika im NF

  • Bob und Mary Fitch (San Franzisko): Sollen sie Öl fressen. Biafra wie es keiner kennt. NF März 1969
  • Adalbert Krims: Schwarzafrika darf nicht rot werden. NF November 1971
  • Lutz Holzinger: Afrika: Schwarz-weißer Dialog. NF Mai/Juni 1971
  • Adalbert Krims: Sambia: Erdrutsch. NF Sept./Okt. 1971
  • Kurt Greussing: Äthiopien: Linke Schweden. NF Dezember 1971
  • Pamela Blockey: KZ Südafrika. Okt./Nov. 1971
  • Basil Davidson: Afrika: Vom Reformismus zur Revolution. NF April 1972
  • Heinz Gibus: Inder plündern Neger. Zum Rassismus Idi Amins. NF November 1972 Heinz Gibus: Weißer Mann im Eck. Zur Situation in Rhodesien und Südafrika. NF März 1973
  • Adalbert Krims: Wie die Europäer Afrika ruinierten. Zur Geschichte der Befreiungsbewegungen. NF März 1973

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1973
, Seite 10
Autor/inn/en:

Adalbert Krims:

Geboren 1948 in Freistadt, Oberösterreich. Ehemals katholischer Religionslehrer und Diözesanjugendführer in Linz, Angestellter des Wiener Instituts für Entwicklungsfragen, Sekretär der Paulusgesellschaft‚ Mitbegründer der Aktion Kritisches Christentum, ab 1970 Redakteur des FORVM und Obmann des Vereins der Redakteure und Angestellten des NEUEN FORVMs.

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