FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1976 » No. 276
Janice E. Perlman

Cowboydemokratie

Basisbewegungen in den Vereinigten Staaten

In keinem Land der Welt ist das Prinzip der Assoziation mit mehr Erfolg genützt worden oder für eine größere Zahl von Zwecken angewandt worden als in Amerika. Neben den ständigen Assoziationen, die durch das Gesetz errichtet sind unter dem Namen von Gemeinden, Städten und Bezirken, entstehen und überdauern eine ungeheure Zahl von anderen Assoziationen aus der Initiative von privaten Individuen.

Alexis de Tocqueville
Demokratie in Amerika, 1835

Klassenkampf an der Graswurzel

Die „stillen siebziger Jahre“ (silent seventies) sind gar nicht so still. Nur ist die Bewegung so tief unten, bei den Graswurzeln (grassroots), daß sie bei den Leuten, die oben auf den luftigen Zweigen der Massenmedien sitzen, gar nicht bemerkt wird. In einem solcherart geschützten Vakuum — nicht beachtet, daher nicht opponiert von „rechts“, nicht vorwärtsgepreßt von „links“ in irgendwelchem unnützen Heroismus, und auch nicht kooptiert vom Establishment — blüht und gedeiht eine Fülle von Gruppen überall in den USA. Die Samen, die gesät wurden von den Bewegungen der vergangenen 15 Jahre: Bürgerrechtsbewegung, Antikriegsbewegung, Frauenbewegung, Bewegung für gesetzliche Sozialleistungen (welfare rights), Konsumenten- und Umweltschutzbewegung — alles das entwickelte sich zu ganz neuen und unerwartet lebendigen Formen.

Der Boden hiefür war gut vorbereitet durch die Niederlage des US-Empires in Vietnam, durch Erniedrigung und Legitimationsverlust der Regierung im Watergate-Skandal, durch Wirtschafts-, Finanz- und Energiekrise. Als die Ölpreise in die Höhe schnellten, wurde die Verfiizung von Regierungs- und Geschäftsinteressen klar wie noch nie in diesem Land. Und all dies ausgerechnet zum 200-Jahr-Jubiläum der amerikanischen Revolution. Die Grundwerte und Institutionen dieses Landes erwiesen sich als ausgehöhlt und fragwürdig.

Kommt die Krise zurück?
Landarbeiterfamilie in Hale County, Alabama, 1936

Meine Studie ist das Ergebnis von soziologischer Feldarbeit in 16 US-Bundesstaaten von Jänner bis April 1976. Ich untersuchte über 60 Graswurzelgruppen, interviewte die Organisatoren, deren Mitarbeiter, die Leiter der betreffenden lokalen und regionalen Verwaltungen und auch die Mitglieder der Gruppen. Ich gelangte zu folgender Typologie:

  1. Gruppen für direkte Aktion, mit mehreren oder einem Zielthema (direct action groups, multi-issue and single issue). Die bestehenden lokalen oder regionalen Behörden werden unter Druck gesetzt zwecks Rechenschaftslegung oder Erbringung bestimmter Leistungen.
  2. Wahlwerbende Gruppen, welche die bestehenden lokalen oder regionalen Behörden ersetzen wollen, um selber solche Behörden zu werden.
  3. Alternativgruppen. Sie wollen die bestehenden Behörden nicht ersetzen, sondern parallel zu ihnen arbeiten, z.B. Gemeinschaftseinrichtungen (community development), Genossenschaften, Selbsthilfeorganisationen.

Die Chancen, die diese Gruppen haben, sind groß. Ebenso groß sind die Gefahren, denen sie ausgesetzt sind. Die Hauptfragen sind:

  • Werden sie Mobilisierung und Motivierung ihrer Mitglieder auf Dauer durchhalten können?
  • Werden sie ihre lokalen Begrenzungen durchstoßen, weitergespannte Themen aufnehmen und überregionale Kämpfe durchführen können?
  • Werden sie die Versuche überleben, sie zu integrieren oder zu reprimieren? — Versuche, die unzweifelhaft kommen, werden, sobald die Gruppen zu einer größeren Bedrohung für etablierte Interessen werden.
  • Werden sie sich vereinigen können zu einer die ganzen USA umfassenden Föderation von Graswurzelgruppen?
  • Werden sie politisches Bewußtsein und ideologische Klarheit entwickeln?
  • Werden sie imstande sein, Bündnisse mit der Gewerkschaftsbewegung aufzubauen?
  • Stecken in dieser Graswurzelbewegung die Anfänge einer neuen radikalen Partei oder gelingt ihnen die Transformation der bestehenden Demokratischen Partei?

Obgleich die meisten dieser Gruppen sich in dieser Rolle nicht erkennen würden, sind sie Teil des Klassenkampfes in den USA. Angesichts des Scheiterns der regierungsoffiziellen Programme für eine „Große Gesellschaft“ (Great Society) in den sechziger Jahren ist esnunmehr klar, daß grundsätzlicher gesellschaftlicher Wandel von oben her nicht unterstützt und nicht initiiert wird. Die beiden möglichen Quellen solchen Wandels finden sich unten, am „Boden“ der Gesellschaft: am Arbeitsplatz und am Wohnort.

Konsumenten, nicht Produzenten entscheiden

In den dreißiger Jahren dominierten in den USA die Kämpfe im Bereich der Produktion. Heute sind nur Teile der Gewerkschaftsbewegung Kräfte für einen Wandel der Ökonomie. Dazu gehören Teile der Stahlarbeitergewerkschaft (United Steelworkers Union), die Landarbeitergewerkschaft (Farmworkers Union) unter der Leitung ihres Begründers Cesar Chavez, ferner gewisse Elemente der Gewerkschaft der öffentlich Bediensteten (AFSME/American Federation of State, County and Municipal Employees), der Gewerkschaften der Öl-, Chemie-, Atom-, Automobil- und Bergarbeiter. Derzeit ist die allgemeine Politik der Gewerkschaftsbewegung eine konservative. Es gibt aber progressive, ja sogar radikale Organisationen (locals) in einigen größeren Gewerkschaften, und es gibt ganze Gewerkschaftsverbände, die oft progressive Positionen beziehen.

Vielfach haben sich in den USA die Kämpfe verlagert aus dem Produktions- in den Konsumtionsbereich — wie in vielen Ländern des fortgeschrittenen Kapitalismus. Lokal oder regional organisieren sich Gruppen an Hand von Fragen der ökonomischen Besserstellung und der politischen Macht.

Die Verlagerung der Kämpfe aus der Produktion in die Konsumation ist das logische Ergebnis der wachsenden Rolle des Staates, der „indirekten Löhne“ (Sozialleistungen, öffentliche Einrichtungen) und der immer größeren Bedeutung der „kollektiven Konsumtion“ im Bereich der Dienstleistungen. Die Frontlinie scheint immer mehr zwischen den Individuen und dem Staat bzw. seinem regulierenden, dienstleistenden Apparat zu verlaufen und weniger zwischen den Individuen und ihren „Arbeitgebern“.

Verglichen mit Europa erscheinen die Basisbewegungen in den USA als pluralistisch, ad hoc, desorganisiert und unkoordiniert. Die Ursachen liegen in der Dezentralisation unserer Verwaltung und Ökonomie, im Fehlen einer größeren Linkspartei.

Cesar Chavez
(hier im Vordergrund, bei Streikdemonstration) ist Organisator der Landarbeiter in Kalifornien (United Farmworkers Union/UFW). Durch neuartige Boykottmethoden kämpft die UFW gegen gewerkschaftsfeindliche Unternehmer. Während Chavez vor allem die mexikanischen Fremdarbeiter („Chicanos“) organisiert (deswegen das spanische Wort Huelga für Streik auf den Fähnchen der Demonstranten), spekulierte die konkurrierende Teamsters Union (Transportarbeiter) auf die Dominanz einer weißen „Elite“ unter den Arbeitern. — In die große Politik geriet Chavez durch sein Bündnis mit dem jetzigen demokratischen Gouverneur von Kalifornien „Jerry“ Brown, und zuletzt in der Präsidentschaftskampagne 1976, als Jimmy Carter sich für ein mit der Wahl gekoppeltes Referendum aussprach, das die Gewerkschaftsarbeit in Kalifornien erleichtern und gesetzlich verankern sollte. Carter gewann dadurch Landarbeiterstimmen, verlor aber die Unterstützung seiner Farmerkollegen (Kalifornien ging an Ford).

Um unser Leben geht’s ...

Allerdings weiß niemand etwas davon. Es gibt relativ reichhaltige Literatur über die Finanzkrise der Städte, über die Krise des öffentlichen Sektors, über Tendenzen in Wachstum und Entwicklung der Städte, aber ein totales Vakuum an Informationen über die Graswurzelbewegung. Genau dies ist der Ausgangspunkt meiner Untersuchung. Ihr Ergebnis: „Dort unten“ ist eine Menge los, aber die Qualität ist eine andere. Von den dramatischen, für die Massenmedien interessanten Demonstrationen und Rebellionen der sechziger Jahre keine Rede mehr. Wenn damals das Tränengas sich verzogen hatte und die Fernsehkameras fort waren, blieben die Leute wiederum zurück als atomisierte einzelne, die nur lose und symbolisch mit einer gesamtnationalen Bewegung verbunden waren. In den siebziger Jahren liegt das Schwergewicht bei den lokalen Organisationen.

Die Lektionen aus den sechziger Jahren sind nicht vergessen worden: „Die Leute wollen weniger Geschichte machen als ihr eigenes Leben.“ Wenn ein bestimmtes Thema genügend Empörung hervorruft, verlassen sie vielleicht den Kreis ihrer täglichen Lebensroutine und engagieren sich für eine größere Sache, aber nur zeitweise. Auf Dauer ist nicht zu erwarten, daß sich die Leute so benehmen wie die wenigen, deren Leben tatsächlich darin besteht, „Geschichte zu machen“. Man kann die Menschen nicht auf Dauer mobilisieren, wenn es um Themen geht, die von ihrer persönlichen Lebenssphäre weit entfernt sind. In den siebziger Jahren liegen die Konfliktthemen näher beim „Daheim“. Der Brennpunkt ist eher lokal als national.

Eine andere klare Lektion aus den sechziger Jahren: man braucht eine „Massenbasis“, nicht nur eine „Minderheitsbasis“. Ein unüberwindbares Problem der „Recht auf Fürsorge“-Bewegung (Welfare Rights) war z.B.: wie viele von der Fürsorge betreute oder eben nicht betreute Mütter auch organisiert wurden, sie waren immer nur eine kleine Minderheit, meist schwarze und sehr arme Frauen. In den siebziger Jahren suchen die Gruppen mit aller Konsequenz nach Themen, mit denen sich eine sehr große Zahl von Leuten mobilisieren läßt. Themen, die ein Bündnis ermöglichen von Beziehern niederer und mittlerer Einkommen, Menschen verschiedener Rassen, einschließlich der Weißen. Man sucht nach Themen, die alle diese Leute auf derselben Seite des Zaunes versammeln, im Kampf gegen ihre gemeinsamen Feinde statt im Kampf gegeneinander.

Ideologie der Ideologielosigkeit

Demgemäß ist die Rhetorik der sechziger Jahre verschwunden. Der Ton ist heruntergeschraubt und „entintellektualisiert“. Man beginnt dort, „wo die Köpfe der Leute sind“. Man denkt an die Isolation der „Schwarzen Panther“, die nicht einmal ihre „eigenen Leute“ hinter sich vereinigen konnten, weil der durchschnittliche Neger abgestoßen wurde vom militanten Stil und vom plakativen Sozialismus. Man denkt an die weitverbreitete Abneigung der Arbeiterbevölkerung gegen die Studentenbewegung.

Die Graswurzelgruppen sind stark engagiert gegen das große Kapital, aber nicht schlechthin antikapitalistisch. Sie sind eher reformistisch als revolutionär. Die meisten stehen in keiner Verbindung mit der „Linken“. Viele sind auf dogmatische Weise „antiideologisch“. Andere betrachten sich als „pluralistisch“, „populistisch““ oder einfach „progressiv“.

Viele Organisatoren der Graswurzelgruppen rechnen sich selbst zu den „Radikalen“, „unabhängigen Linken“ oder sogar „Sozialisten“. Aber sie fühlen sich einem Konzept verpflichtet, das man als „Bewußtsein durch Erfahrung“ bezeichnen könnte. Ideologie diskutieren sie nicht auf abstrakte Weise.

Bo Burlingham nennt diese Leute die „Neuere Linke“ (Newer Left): „Viele der gegenwärtigen Aktivisten der Graswurzelbewegung begannen ihre politische Arbeit in den sechziger Jahren. Aber sie haben jetzt einen anderen Ton und Stil: Damals glaubten wir uns auf einem Hundertmeterlauf direkt in die Apokalypse. Heute sind wir Langstreckenläufer. Die besten von uns machen das ganz professionell. Wenn sie von ihrer Arbeit und ihren Zielen reden, geht von ihnen eine Geduld, Reife, Ernsthaftigkeit aus, wie sie in den sechziger Jahren unbekannt war“ (Mother Jones, Vol. 1, No. 1, Winter 1976).

Bezeichnenderweise geht wenig Graswurzelaktivität von der „alten“ Neuen Linken aus. Die überlebenden neulinken Organisationen (SDS/Students for a Democratic Society; NAM/New American Movement usw.) sind in der Graswurzelbewegung nicht vertreten. Sie haben nicht einmal eine Ahnung, welches Ausmaß diese Bewegung erreicht hat.

Die wenigen Graswurzelgruppen, die sich ausdrücklich als „links“ bezeichnen („Cut Cane“ in Georgia, „Gulf Pulpwood Association“ in Mississippi, „Fight Back Groups“ in größeren Städten), sind so verstrickt in sektiererische innere Kämpfe, daß sie wenig Zeit für sonstige Aktivität aufbringen.

Andererseits sind viele der führenden Organisatoren und deren hauptsächliche Mitarbeiter in den erfolgreichen Graswurzelgruppen tief geprägt von den radikalen Bewegungen der sechziger Jahre. Was sie aus ihren damaligen Irrtümern gelernt haben, setzen sie nun in die Praxis um. Tom Hayden, einer der Gründer des SDS, jetzt Kongreßkandidat in Kalifornien: „Der Radikalismus der sechziger Jahre verwandelte sich in den gesunden Menschenverstand der siebziger Jahre.“ Die meisten derzeitigen Graswurzelgruppen konzentrieren sich auf die „Risse“ im Gebäude des Systems. Sie gewinnen Scharmützel, nicht Schlachten.

Sie arbeiten oft mit hauptberuflichen, ausgebildeten und bezahlten Organisatoren. Sie sind durchwegs Mitgliederorganisationen auf einer möglichst massenhaften lokalen Basis. Dies ist ein ganz anderer Typ von Bewegung als die nationalen „Oben-nach-unten-Organisationen“ — etwa die traditionelle Emanzipationsbewegung der Neger (NAACP/National Association for the Advancement of Colored People), die traditionelle Frauenliga (League of Women Voters) oder die von Ralph Nader gegründete Konsumentenschutzorganisation.

Strategien: Druck, Abwahl, Hilfe

Die drei Strategien der Graswurzelgruppen: 1. Druck auf bestehende Einrichtungen; 2. Abwahl der bestehenden Einrichtungen und sich selber an deren Stelle setzen; 3. alternative Institutionen an Stelle der bestehenden — schließen einander nicht aus. Gerade die interessantesten, originellsten und erfolgreichsten Gruppen kombinieren zwei oder sogar drei dieser Strategien.

Jede einzelne der drei Strategien hat ihre besonderen Vor- und Nachteile. Druck durch direkte Aktion läuft sich unter Umständen bald tot. Man beginnt mit kleinen lokalen Mißständen. Wenn dann die fehlenden Stopptafeln für den Straßenübergang der Kinder aufgestellt sind, die Umfahrungsstraße gebaut ist, der Kindergarten fertig dasteht, wird es schwierig, die Mobilisierung aufrechtzuerhalten. Erfolg wie Mißerfolg kann die Energie der Leute gleichermaßen zum Verschwinden bringen.

Graswurzelgruppen, die das Stadium hinter den lokalen Erfolgen oder auch Mißerfolgen überlebt haben, erreichten dies, indem sie größere, eine ganze Stadt oder Region betreffende Themen aufgriffen, sich in wahlwerbende Gruppen transformierten oder eigene alternative Dienstleistungen im sozialen oder ökonomischen Bereich für ihre Mitglieder aufzogen. Sie mußten dabei ihre eigene Organisation erweitern oder sich mit anderen Gruppen zusammenschließen.

Jene Graswurzelgruppen, die größere als lokale Themen aufgreifen, müssen hiefür ihre besten lokalen Führer und Organisatoren in die Schlacht werfen. Wenn sie nicht genügend sonstige Energie aufbringen, kann es ihnen passieren, daß ihre lokale Basis dann nur noch auf dem Papier bestehen bleibt.

Wahlwerbende Graswurzelgruppen verbrauchen oft enorme Energien, um ihre Kandidaten durchzubekommen und müssen dann entdecken, daß diese sehr wenig tun können, sobald sie in ihrem Amt sitzen. Sie treffen dort auf starke Opposition. Sie machen die Erfahrung der „eingebauten“ Begrenzung aller lokalen Aktivität. Dringendste Bedürfnisse der Leute: mehr Arbeitsplätze, gerechtere Besteuerung, können auf der Ebene lokaler oder auch regionaler Behörden gar nicht erfüllt werden.

Wenn Graswurzelgruppen alternative Institutionen einrichten, so ist dies der Versuch, eben jene Begrenzung womöglich zu überwinden: Arbeitsplätze schaffen oder Ausbildung für bessere Arbeitsplätze, Geld auftreiben für direkte Dienstleistungen auf lokaler Ebene.

Ohne Zweifel würde jede Graswurzelgruppe, ob sie nun direkte Aktion betreibt oder „Aufstand durch Wählen“ (electoral insurgency), einen ungeheuren Vorteil haben, wenn es ihr gelänge, eine selbständige ökonomische Basis zu finden. Die Suche danach führt aber oft zu neuen Formen der Abhängigkeit und zur Denaturierung der ursprünglichen, selbstverwaltenden und massenhaften Struktur der Gruppe.

Von Anfang an stößt man auf „eingebaute Widersprüche“, wenn man versucht, ein kapitalistisches Unternehmen aufzubauen, das sozialistischen Zielen dienen soll. Profit und Wohlfahrt sind perverse Bettgenossen. Unternehmungen, die von Graswurzelgruppen aufgebaut werden, operieren meist im äußersten Randbereich des kapitalistischen Wettbewerbs, in Gegenden mit geringer Kaufkraft, leiden von Anfang an unter Mangel an Kapital und Erfahrung. Sie haben wenig Chance, sich selber zu erhalten, geschweige denn, Profit zugunsten der lokalen Gemeinschaft abzuwerfen. Zum Ausgleich ihrer Defizite hängen sie dann von öffentlichen Zuschüssen ab, d.h. vom Geld derselben Institutionen, die sie mit Recht zum Ziel ihrer Angriffe wählen.

Antikapitalistische Firmen?

Durch Kombination von Strategien und pragmatischen Kompromissen gelingt es dennoch einer großen Zahl von Graswurzeigruppen, mit den angedeuteten Problemen fertig zu werden. Als Ergebnis meiner Untersuchung, die sicherlich nicht komplett ist, kam ich zum folgenden Ergebnis:

Drei Graswurzelgruppen wuchsen zu Organisationen, welche mehrere Zielthemen in mehreren US-Bundesstaaten verfolgen.

Etwa ein Dutzend Gruppen bearbeiten mehrere Zielthemen im Bereich eines ganzen US-Bundesstaates.

Etwa zwei Dutzend sind Gruppen, die eine ganze Stadt erfassen.

Mehrere tausend sind lokale Gruppen, welche mehrere Zielthemen bearbeiten.

Vermutlich noch zahlreicher sind die Gruppen, welche sich mit einem Thema befassen.

Überdies gibt es gesamtnationale Verbindungsorganisationen, die sich mit dem Austausch von Informationen, mit Forschungsarbeiten und mit der Ausbildung von Organisatoren befassen.

Graswurzelgruppen, welche alternative Institutionen in Unternehmensform betreiben, operieren auf sehr verschiedenen Gebieten: Nachbarschaftshilfe (Community Development Corporations), landwirtschaftliche Genossenschaften, Selbsthilfe-Wohnbauprojekte, Frauenzentren, Selbsthilfe-Kliniken, Genossenschaften für den Lebensmitteleinkauf, Kreditgenossenschaften, Konsumentenhilfsorganisationen.

Auf dem Gebiet der Nachbarschaftshilfe operieren derzeit ungefähr hundert „Community Development Corporations“ (CDC). Sie entstanden in den sechziger und frühen siebziger Jahren, vor allem in Gegenden, wo arme Leute und rassische Minderheiten wohnen. Anstelle der schlecht bis gar nicht funktionierenden privatwirtschaftlichen und öffentlichen Versorgung dieser meist städtischen Gebiete versuchen sie, soziale und ökonomische Not zu mildern. Die CDC’s erhalten Hilfe von staatlichen Programmen und privaten Stiftungen (Ford Foundation). Ihr langfristiges Ziel ist, sich durch entsprechende Gewinne selbst zu erhalten.

Auch in ländlichen Gegenden gibt es einige sehr erfolgreiche CDC’s, insbesondere in Gegenden mit schwarzer oder mexikanischer Bevölkerung. Die Automobilarbeitergewerkschaft unternahm Versuche mit CDC’s, die kollektivvertragsähnliche Abmachungen mit lokalen Behörden treffen konnten (TELACU und WLCAC in Los Angeles). Die CDC’s haben eine gesamtnationale Dachorganisation.

Fünf Jahre zum Establishment

Die meisten Graswurzelgruppen sind ganz jung. Manche Beobachter glauben, daß die Lebenszeit einer solchen Gruppe fünf Jahre nicht wesentlich überschreiten kann. Dann wird das eiserne Gesetz der „Oligarchie“ wirksam, die Gruppe wird Teil des Establishment. Aber in manchen dieser Gruppen gab es schon innere „Kulturrevolutionen“.

Es gibt Organisationen, die in der Form von Graswurzelgruppen rund 45.000 Personen erfassen (schwarze landwirtschaftliche Genossenschaften). Die mexikanische Gruppe „La Raza Unida City“ in Texas umfaßt 10.000 Personen. Aktionsgruppen haben nicht selten einige tausend Mitglieder. Von da geht es dann herunter bis zu Nachbarschaftsgruppen mit 25 bis 50 Mitgliedern.

Wie kommen die Graswurzelgruppen zu den nötigen Finanzmitteln für Personal, Büros, Flugblätter, Kampagnen und sonstige Aktivitäten? Nach dem Muster der Gewerkschaftsbewegung wird ein gestaffelter Mitgliedsbeitrag eingehoben. Auch von den lokalen Kirchen kommt Geld, desgleichen von den Gewerkschaften. Soweit Graswurzelgruppen eigene Unternehmungen betreiben (CDC’s und Genossenschaften), sind sie auf Gelder des Staates und der Stiftungen angewiesen.

Die jüngste, sehr erfolgreiche Finanzierungsart ist das Sammeln von Tür zu Tür (canvassing). Manche Gruppen haben auf diese Weise Hunderttausende Dollars zusammengebracht — Geld, das mit keinerlei Auflagen verbunden ist, wie sie von Finanzierungsträgern natürlich gern gestellt werden. Größere Graswurzelgruppen haben ganze Teams von solchen „Sammlern“, die sich an den raffiniertesten kommerziellen Vertretermethoden orientieren. Sie bringen es dahin, daß ihre Gruppen sich finanziell selbst erhalten können.

Ist die Wirtschaftskrise die Stunde für Amerikas Rechte?

Grüne Linie durchkreuzt rote Linie

Zu den neuesten Themen der Graswurzelgruppen gehört der Kampf gegen das sogenannte „red lining“. Banken und Sparkassen ziehen eine „rote Linie“ rund um bestimmte Wohnviertel: Bewohner aus diesen Gegenden erhalten keinen Kredit und keine Hypothek, weil sie auf Grund ihrer wirtschaftlichen Lage ein zu hohes „Risiko“ darstellen. Die Annahme der Kreditinstitute, daß die betreffende Wohngegend „ungesund“ ist, erfüllt sich natürlich gerade durch diese Boykott-Praxis. Die Häuser verfallen. Als nächstes kommen die „block-buster“, Grundstücks- und Wohnungsmakler, die ganze Wohnblöcke aufkaufen und die Häuser an die nächstniedere soziale Schicht vermieten, die dann dort einzieht, wobei der Mietpreis auf ein Mehrfaches erhöht wird.

Graswurzelgruppen, z.B. in Chikago, entwickelten die entgegengesetzte Strategie des „greenlining“: sie holen sich präzise Informationen von allen Bewohnern einer solchen Gegend, bei welchen Instituten diese ihre Sparguthaben deponieren, samt einem Versprechen, die Guthaben von dort zurückzuziehen, wenn die betreffende Bank oder Sparkasse in ihrer Wohngegendkeine Kredite und Hypotheken vergibt. Mit solchen Zusagen in der Höhe von insgesamt Hunderttausenden und manchmal Millionen Dollar erzwangen jene Graswurzelgruppen dann eine Änderung der Kreditpolitik bei den betreffenden Instituten.

Eine nationale Dachorganisation der „green liner“ (NPA, National People’s Action) umfaßt bereits 39 US-Bundesstaaten und 104 städtische Regionen. Sie erreichte ein Bundesgesetz, welches zumindest die Sparkassen in städtischen Gebieten zwingt, öffentlich bekanntzugeben, in welchen Regionen sie Kredite und Hypotheken vergibt; „red lining“ in der bisherigen Form wird damit unmöglich.

Ein anderes neues Thema der Graswurzelgruppen ist die Tarifpolitik der Gas- und Stromwerke. Die Gruppen fordern eine Umkehr der Rangordnung, gemäß welcher private Verbraucher einen höheren Tarif zahlen als die kommerziellen und industriellen Großverbraucher. Graswurzelgruppen erreichten besonders niedrige Tarife für den ortsüblichen Mindestverbrauch einer Familie an Gas und Licht. Diese „lifeline rate“ wurde in Kalifornien sogar als Staatsgesetz durchgesetzt.

Eine der aktivsten Graswurzelgruppen, auch eine der größten und bestorganisierten, ist die ROAR (Restore Our Alienated Rights) in Boston. Sie entstand 1974, hat eine starke Verankerung in der Arbeiterbevölkerung und kämpft gegen die gesetzlich verankerte Autobusbeförderung von weißen Kindern in „schwarze“ Schulen und umgekehrt. Die Gruppe hat eine eigene paramilitärische Organisation, die „Marshalls“. Sie ist wütend antikommunistisch. Unterstützung kommt aus den ganzen USA. Schlechte materielle Lage ist in der Geschichte nicht nur mit Radikalisierung nach links verbunden, sondern erst recht mit Entwicklung zum Faschismus.

Bisher ist ROAR ein Ausnahmefall.

Der Text ist ein Untersuchungsbericht für die Konferenz über Soziologie der regionalen und urbanen Eniwicklung, veranstaltet von der International Sociological Association, Messina/Reggio Calabria im April dieses Jahres.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1976
, Seite 47
Autor/inn/en:

Janice E. Perlman:

Professorin am Department of City and Regional Planning der University of California, Berkeley.

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