FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1988 » No. 413/414
Imre Gyuri

Budapest im März

Bericht

An die 10.000 kamen in Budapest zum Petöfidenkmal am 15. März, dem Nationalfeiertag. Schöne, brave Forderungen, wie einst ANNO 1848: „Pressefreiheit!“, „Demokratie!“

Die „demokratische“ (= linke) Opposition in Budapest hat ihre Kader und Freunde mobilisiert: Künstler, Schriftsteller, Mittelschüler, Studenten, Lehrer. Einige der „Köpfe“ wurden am Vorabend festgenommen und in das große Gefängnis am östlichen Stadtrand gebracht. Am Abend nach der Demo wurden sie wieder heimgeschickt. Herzzerreißende Reden wurden geschwungen — im Stil von 1848. Der Rasen vor den Petöfi-Denkmal war mit handgemalten Nationalfahnen übersät. Damals, 1848, war die Habsburger Monarchie der große Feind — heute ist es der rumänische Diktator, der die Ungarn in Siebenbürgen grausamst verfolgt.

Die Demonstration: friedlicher als beim Opernball in Wien. Die Polizei hielt sich im Hintergrund, selbst als die Demonstranten die revolutionäre, in Wien nicht unbekannte Forderung aufstellten: „Nieder mit dem Donaukraftwerk!“

Warum die Verhaftungen? Sind es die Apparatschiks, welche die in Moskau proklamierte Perestroika sabotieren wollen? Oder sind es heimliche Sympathisanten der demokratischen Opposition, die zur Mobilisierung für die schon traditionellen Zusammenkünfte vom 15. März beitragen wollten? Denn die Wut über die Verhaftungen erwirkte, daß weit mehr Demokraten zum Petöfi-Denkmal strömten, als in den Jahren vorher.

Hätte man, anstatt nach Demokratie, Freiheit, Abschaffung der Zensur, nach höheren Löhnen und stabilen Preisen gerufen, wären größere Massen in Bewegung gekommen. Seit dem 1. Jänner ist ein neues Steuersystem in Kraft: Eine Mehrwertsteuer, die einfach auf die Preise aufgeschlagen wird, von 15 bis 20 Prozent, wurde ohne wesentliche Vorbereitung eingeführt; ein System der Einkommensteuer trat in Kraft, das vor allem jene mit „höheren Gehältern“ — das heißt in Ungarn etwa über 2000 Schilling — trifft: sie wird vom Lohn sofort abgezogen.

Hingegen die „Neue Bourgeoisie“ — die Besitzer von kleinen Handels- und Produktionsbetrieben, Wirtshäusern, Fremdenpensionen, und vor allem manche Landwirte — wird von der Steuer derzeit nur rein theoretisch erfaßt: der Apparat fehlt noch, es gibt nicht einmal Steuerberater, die beim Ausfüllen etwaiger Formulare helfen können.

Daher ein Phänomen seltsamer Art: Einerseits herrscht in vielen Arbeiter- und Angestelltenfamilien durch den plötzlichen Reallohnverlust echte Not. Andererseits wird die freie Ausreise, die ebenfalls ab 1. Jänner für alle, die ein Devisenkonto von mindestens 1000 Schilling herzeigen können, stark genutzt seit der großen Steuerreform und der freien Ausreise für Besitzer von Devisenkonten. Auf österreichischer Seite schätzt man, daß die Zahl der einreisenden Ungarn sich seit Jänner mindestens verdoppelt hat. Vor allem am Freitag früh warten schon kilometerlange Schlangen ungarischer Autos, meist DDR-Marke „Trabant“, auf der ungarischen Seite des Grenzübertritts. Am Abend dasselbe auf der österreichischen Seite. Wer am Freitag in Wien durch Mariahilf und Neubau bummelt, sieht Schlangen vor den einschlägigen Geschäften. Was ist das Traumziel der Gäste? Vor allem sind es Videorecorder, die zum Statussymbol der „Neuen Klasse“ Ungarns geworden sind. Elektronische Rechner und Personal-Computer sind ebenfalls stark gefragt.

So wie die Burgenländer jedes Wochenende über die Lebensmittelgeschäfte in Sopron-Ödenburg herfallen und die lokalen Hausfrauen verdrängen — bei einem Kurs von 1 S = 5 Forint sind Lebensmittel für Österreicher in Ungarn spottbillig — so reißen sich in Wien ungarische YUPPIES um Elektronikgeräte.

Bald wird die Mariahilfer Straße von diesem Andrang verschont sein: Findige Exilungarn sind dabei, Einkaufszentren nahe der ungarischen Grenze zu planen. Dann braucht man nicht mehr 60 km nach Wien zu fahren, um den großen Glanz der westlichen Welt zu erwerben.

Resultat dieser Entwicklung: neben der demokratischen Opposition der Linken — etwa so stark wie die Gruppe „Neues Österreich“ in Wien — entwickelt sich die von den Überresten des alten stalinistischen Apparats geschürte „populistische“ Opposition. Ihre Hauptlosung ist einfach: „Nieder mit den Zigeunern, nieder mit den Juden.“ Obwohl nur wenige Zigeuner oder Juden zu den Privilegierten gehören, die sich in der Mariahilfer Straße Videogeräte beschaffen können, geht die Agitation in diese Richtung: „Wir Ungarn leben im Elend, die Juden und Zigeuner sind die Nutznießer der neuen Politik.“

Bald werden nicht Tausende, sondern Zehntausende Ungarn über unsere Grenze strömen: Zum Papstbesuch in Trausdorf, zur großen Feldmesse am dortigen Flughafen, nahe der Grenze. Mehr als 100.000 haben sich bereits jetzt angemeldet. Das wird der große Tag der Populisten werden. Und der stalinistische Apparat — zumindest das, was davon übrig geblieben ist — freut sich schon heute auf diesen großen Tag: unter Kirchenfahnen eine Demonstration gegen „Glasnost“ und „Perestroika“, gegen Erneuerung, gegen einen Sozialismus mit menschlichem Gesicht, gegen Juden und Zigeuner.

PS: Ungarn anders

Reisen finden im Kopf oder wenigstens vorher im Kopfe statt, oder es wird nur eine Herumfahrerei. Für Kopfreisen in das Land mit der welthöchsten Selbstmordrate — auch ein Qualitätsindex — gibt’s ganz neu ein „Anders reisen“, rororo 7584, vom (ehem.) Ungarnkorrespondenten der „taz“, Hubertus Knabe, in „taz“-Qualität, aber ohne deren Platzbeschränkung.

DM 19,80, anders angelegt.

G.O.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
1988
, Seite 9
Autor/inn/en:

Imre Gyuri:

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Geographie