FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1981 » No. 325/326
Wanda Moser-Heindl • Alfred Schwarz

Brauner Bär & weißer Falke

Dokumentation über das 4. Russell-Tribunal

„Die USA sind schon tot, der Imperialismus ist tot. Das westliche Denken und seine Philosophie ist ein nekrophiles Unikum. Es ist nicht frei, es ist bereits tot. Wenn dieses westliche Denken Leute durch Terror und künstliche Religionen manipuliert, dann ist es schon tot. Wir müssen es nur bald begraben — das ist alles,“ sagt Bill Wapepah, Leiter einer Indianerschule in Richmond, Kalifornien. Doch da so ein Begräbnis nicht in Aussicht ist, zogen Indianervertreter aus den USA und aus lateinamerikanischen Staaten zum 4. Russell-Tribunal in Rotterdam, um ihre Forderungen zu Gehör zu bringen.

Bill Wapepah
leitet eine Indianerschule in Richmond, Kalifornien

Ihre Stärke ist ihr Selbstbewußtsein, ihre Schwäche ihre Machtlosigkeit. Seit der Ankunft des „behaarten Mannes aus dem Osten“ abgeschossen und zurückgedrängt, leben sie unter den harten Bedingungen indianischer Diaspora in den 285 Reservaten Nordamerikas. Viele geben auf, ziehen in die Großstädte. Die Zurückgebliebenen setzen auf Red Power und Spiritualismus, schlagen sich auf unfruchtbarem Land mit Geschäftemachern und korrupten Beamten der staatlichen Indianerbehörde BIA (Bureau for Indian Affairs) herum und verweigern sich dem „american way of life“. Dennoch halten Cola, Popcorn und Disco auch in den Reservaten Einzug. Nur wenige schaffen es, Tradition und Kultur zu retten. Das ist Ergebnis der US-Politik, die die Reservate verkleinert und auf unfruchtbaren Boden zurückdrängt.

Dahinter stehen ökonomische Motive: Ein Drittel aller im Tagbau förderbaren Kohle im Westen und über die Hälfte des US-Uran liegen unter Indianerboden. Die Bewohner der aufgeschlossenen Gebiete kriegen für jede geförderte Tonne Kohle 15 Cents, pro Pfund Uran 60 Cents. Der Uranabbau verkürzt die Lebenserwartung der ansässigen Indianer, viele ereilt der Strahlentod.

Als Kürzel für alle Untaten steht für die Indianer das BIA, das als Unterabteilung des Innenministeriums über ein Budget von 240 Millionen Dollar im Jahr verfügt. Es ist fest in der Hand korrupter Beamter, die mit Vertretern der Großindustrie und weißen Gewerbetreibenden unter einer Decke stecken.

In den letzten Jahren begannen sich die Indianer zu organisieren. Dem BIA setzten sie das AIM (American Indian Movement) entgegen. Forderungen des AIM: Einhaltung der Land- und Nutzungsverträge durch die US-Regierung, Selbstbestimmung der indianischen Völker, Rückgabe von 100 Millionen Morgen Land an die Ureinwohner und Abschaffung des BIA. Nichts davon konnte bisher durchgesetzt werden.

Dennoch stieg das Selbstbewußtsein durch diese erste gemeinsame Aktion. 1973 besetzten Indianer die Ortschaft Wounded Knee, um den Stamm der Oglala, den die Regierung nicht mehr anerkannte, zu unterstützen. Siebzig Tage konnte die Ortschaft gehalten werden, dann kam das Militär. Der Fall ging durch die Weltpresse. Stars wie Bob Dylan oder Marlon Brando griffen das Indianerproblem auf und machten es in USA und Europa zur linken Modewelle, die bald wieder verebbte.

Um auch international mithalten zu können, wurde parallel zum AIM das ITC (Indian Treaty Council) gegründet, das als regierungsunabhängige Organisation auch von der UNO anerkannt wird. Seither geben einander Indianer bei Tagungen der UN-Menschenrechtskommission die Tür in die Hand. Der Effekt ist dürftig. 1978 starteten Indianer ihren ersten long walk for survival. Fünf Monate lang marschierten Hunderte Rote von der Westküste zum Weißen Haus nach Washington. Philipp Deer, AIM: „Wir sind stärker denn je. Der Kampf geht weiter.“

In Südamerika existieren die Indianer schon lange nicht mehr als traditionelle Kulturgemeinschaft. Aufgerieben durch jahrhundertelangen Kampf leben sie verstreut über den ganzen Kontinent, meist als arme Campesinos. Hier geht’s nicht um Kultur, sondern um die nackte Existenz. In Brasilien werden sie von Bergbaugesellschaften, die sie aus profitträchtigen Gebieten verdrängen wollen, wie Tiere gejagt. In Guatemala besetzen Militäreinheiten ihre Dörfer, wenn sie gegen die katastrophalen Lebensbedingungen rebellieren. In Peru gibt’s Indianertote beim Kampf gegen die staatliche Bodenreform, durch die Dorfgemeinschaften Land verlieren. Ungeliebt an den südamerikanischen Indianern ist nicht ihre ethnische Herkunft, sondern ihr Status als chronische Underdogs, der sie immer wieder rebellieren läßt.

Eine Organisierung südamerikanischer Indianer kann kaum gelingen. Vereinzelt und entrechtet schaffen sie nicht die nötigen Kontakte. Die Verschiedenheit nord- und südamerikanischer Indianer, nicht nur in puncto Organisation, kam auch beim Russell-Tribunal zum Ausdruck. Während die Südamerikaner von Not und Unterdrückung berichteten, hielten die Nordamerikaner Brandreden gegen die westliche Zivilisation. Sie sind perfekte Rhetoriker, verkünden pathetisch Indianerweisheit. Daniel Charete, Sprecher der Campa aus Peru: „Wir sind hier, weil wir bald alle sterben werden — nicht aus folkloristischen Gründen.“ Entsprechend der Machtkämpfe der Weißen konkurrenzieren einander Süd- und Nordindianer in der Frage, wer am meisten unterdrückt sei.

Fremde im eigenen Land

Die West-Schoschoni und das MX-System

Das Gebiet, in dem das Volk der West-Schoschoni heute lebt, liegt im Bundesstaat Nevada. Es wurde ihnen im Vertrag von Ruby Valley (1866) zugesprochen. Die in diesem Vertrag garantierten Rechte wurden von den USA mehrmals verletzt. Die USA verpachten Hunderttausende Hektar des Indianerlandes an weiße Farmer, die darauf Ackerbau und Viehzucht betreiben. Die eigentlichen Besitzer werden so gezwungen, auf immer kleineren Flächen zu leben, den sogenannten Reservaten. Der Boden wird von den Siedlern ohne Rücksicht auf Zerstörung der Natur ausgebeutet — die Indianer verlieren ihre Lebensgrundlage.

Zudem faßte die Regierung Carter einen kühnen Plan: Sie will auf dem Gebiet der Westschoschoni das größte militärische Projekt, das es je gab, errichten: Das MX-Raketensystem. 50 Milliarden Dollar wollen die Yankees dafür springen lassen. Das MX-System besteht aus 200 Raketen, von denen jede 90 Tonnen wiegt und 24 Meter lang ist. Eine Rakete hat einen Durchmesser von 2,7 Metern und trägt zehn Atomsprengköpfe. Jeder Sprengkopf hat die Wirkung von 28 bis 40 Hiroshima-Bomben. Für jede Rakete sind 23 Bunker vorgesehen, zwischen denen sie nach geheimen Plänen hin und her transportiert wird, um mit den sowjetischen Beobachtungssatelliten Katz und Maus zu spielen. Man braucht also 4600 Bunker, die durch ein Straßennetz von 15.000 km Länge miteinander verbunden sind — das entspricht dem halben Äquator. Das MX-System, das ein Gebiet von der Größe Belgiens beansprucht, soll den größten Teil des Gebiets der West-Schoschoni einnehmen. Das Schoschoni-Land ist so begehrt, weil es wüstenähnlich und unfruchtbar ist. Die Weißen hatten die Indianer dorthin zurückgedrängt.

Da bereits eine Milliarde Dollar in das Projekt investiert wurde, ist es unwahrscheinlich, daß gerade Reagan es aufgibt. Die West-Schoschoni sehen ihr Ende nahen. Sie: bekommen die ultima ratio westlicher Zivilisation frei Haus geliefert. John Redhouse, Vertreter des Stammes am Russell-Tribunal, berichtet:

Die USA stiehlt ganz frech unser Land. Sie bricht Verträge, die sie mit uns vor langer Zeit geschlossen hat. Sie geht vor Gericht betrügerisch vor, um uns unsere Besitzansprüche abzujagen. Vor amerikanischen Gerichten können wir fast nichts dagegen tun. Das US-Gesetz ermächtigt die Regierung, Indianerland ohne Einschränkung zu übernehmen. Deswegen sind wir hier, deswegen ist es für uns so wichtig, zu allen Völkern der Erde zu sprechen. Wir können unsere Landrechte in den USA nicht verteidigen, wir können uns gegen den Landraub und die Auslöschung unseres Volkes durch die USA nicht schützen, wir brauchen Unterstützung und Verständnis von anderen Völkern. Ihr müßt uns dabei helfen, den USA bei ihrem Treiben Einhalt zu gebieten.

Der Bau des MX-Systems wird mehr als 120.000 Fremde in unser Land führen, die lange bleiben werden. Eine Stadt wird aus dem Boden wachsen, die voll ist von Verbrechern, Alkohol und Drogen. Wir kennen die verheerenden Folgen solcher Projekte. Wenn so viele Menschen kommen, kann die Lebensweise nicht gesund bleiben. Der Bau des MX-Systems wird die Umwelt, die Tierwelt zerstören. Unser Jagen wird eingeschränkt werden, während der Bauarbeiten werden die Tiere ausgerottet. Wir werden an der Benützung unserer heiligen Stätten behindert werden. Die Sicherheitserfordernisse werden bedeuten, daß wir während unserer religiösen Feiern nicht mehr durch die Heiligen Gebiete ziehen können. Wir sind Fremde in unserem eigenen Land. Seit die Europäer hierherkamen, haben sie ihre Waffen gegen die Ureinwohner gerichtet. Das MX-System bedroht aber nicht nur die Indianer, es bedroht die ganze Welt. Wir hoffen daher, daß uns die ganze Welt in unserem Kampf unterstützt.

Indianer in der Fabrik

Verzweifelt zogen wir ab

Der Kampf des Dorfes San Juan de Ondores, Peru

Der Mythos von der „linken Militärregierung“ in Peru ist längst gestorben. Rückblende: 1968 übernahm eine Militärregierung unter General Juan Velasco Alvarado die Macht und verkündete eine „Revolution von oben“. Agrar-, Erziehungs- und Industrieformen sollten durchgezogen werden und zwar in einer Art, die, so die Junta, „weder kapitalistisch noch kommunistisch“ sein sollte. Das löste zunächst große Erwartungen in den Ländern der dritten Welt aus, führte aber rasch in eine Sackgasse. Der Druck des Weltmarktes und die internationalen Abhängigkeiten sowie die Überschätzung der Kooperationsbereitschaft der nationalen Agrar- und Industriebourgeoisie verwässerten die Reformen. Die Verstaatlichungen in Erdölsektor, Bergbau, Fischerei und Bankwesen blieben auf halbem Weg stecken und auch Mitbestimmungs- und Kontrollprogramme für die Bevölkerung blieben frommer Wunsch.

Der institutionelle Putsch durch General Bermudes (1975) war nur noch ein Abgesang auf längst vollzogene Tatsachen. Die begonnenen Reformen wurden nun offiziell rückgängig gemacht, das Investitionsklima für ausländische Konzerne wieder verbessert. Seit einigen Jahren wehren sich die Arbeiter und Campesinos gegen den fortlaufenden Abbau ihrer Rechte und ihre zunehmende Verelendung. Auf illegale Streiks reagieren die Machthaber mit Verhaftungen und brutaler Gewalt.

In diesem Zusammenhang steht die Situation der peruanischen Indianer. Hochlandindianer, die Hälfte der peruanischen Bevölkerung, hätten Nutznießer der angekündigten Agrarreform werden sollen. Ihre Erwartungen gingen nicht in Erfüllung.

Die Agrarreform unter Alvarado faßte die enteigneten Hacienden zu genossenschaftlich organisierten, staatlich verwalteten Kooperativen zusammen. Das Genossenschaftsmodell sah vor, daß eine Anzahl umliegender Dorfgemeinschaften an den Gewinnen der Genossenschaften SAIS (Sociedades Agricolas de Interes Social) und CAPs (Cooperativas Agrarias de Produción) als sogenannte Socios beteiligt werden sollten, indem sie zu verschiedenen Dienstleistungen herangezogen werden, aber auch das Recht zum Gebrauch der technischen Anlagen der Kooperativen erhalten sollten.

Tatsächlich jedoch werden die SAIS und die CAPs von unfähigen und korrupten Regierungsbeamten verwaltet, die oft für ihre eigenen Taschen wirtschaften und die Dorfgemeinschaften betrügen. Anstelle von Gewinnen erwirtschaften die Kooperativen Verluste, die die Bauern zu tragen haben. Sie fordern nun ihr Land zurück und besetzen häufig Teile von Kooperativen oder nehmen deren technische Einrichtungen in Beschlag.

Tragisch endete eine solche Besetzung durch die Dorfgemeinschaft San Juan de Odores. Seit elf Jahren führt die Dorfgemeinschaft einen Prozeß gegen die SAIS Tupac Amaru um ihr Land Atocsaico, das in die Genossenschaft eingegliedert ist. Als es den Leuten von San Juan de Odores zu bunt wurde, zogen sie in einem 24-Stunden-Marsch nach Atocsaico und stellten dort erste Hütten auf. Die SAIS reagierte auf diese Besetzung mit Einschüchtungsversuchen: sie versperrte die Straße und versuchte, das Vieh der Dorfgemeinschaft zu vertreiben.

Das Gericht sprach das Land der SAIS zu. Die Besetzer wollten aber nicht abziehen. Am 18. Dezember 1979 kam es zur gewaltsamen Räumung von Atocsaico. Zwischen drei und vier Uhr in der Früh kamen auf Geheiß der SAIS 500 Polizisten und Soldaten, sowie Angestellte der SAIS. Sie warfen Tränengasbomben, verbrannten Hütten, Weiden und Vieh, stahlen Wertgegenstände. Zwei Bauern kamen ums Leben, an die 20 wurden verletzt und 44 ins Gefängnis gesteckt. Primitivo Laureano, Vizepräsident der Dorfgemeinschaft:

Wir bitten euch, unsere Klagen anzuhören, denn wir wollen unser Land zurück, wir wollen für uns und unsere Kinder arbeiten. Das ist kein politischer Kampf. Das einzige Politische, das wir sagen, ist, daß wir unser Land zurückhaben müssen, das seit jeher uns gehört, auf das wir ein Recht haben. Ich will meine Stimme erheben und meine Forderung klar aussprechen. Wir wollen unsere Ziele erreichen, die für uns und unsere Gemeinde lebenswichtig sind.

Primitivo Laureano
ist stellvertretender Bürgermeister von San Juan de Odores in Peru

Ich habe noch nie eine solche Brutalität gesehen, wie die, mit der die Polizisten gegen uns vorgegangen sind. Sie hatten kein Mitleid mit uns, weder mit den Alten, noch mit Frauen und Kindern. Sie kamen um vier Uhr morgens, während wir schliefen. Sie trieben uns aus den Häusern. Wir hatten keine Möglichkeit uns zu wehren, ernsthaft zu wehren. Sie drangen in die Häuser ein, verschütteten Kerosin und zündeten die Hütten einfach an. Wir wollten noch einige Sachen wie Radio, Kleider und Haushaltsgegenstände retten — aber nicht einmal das erlaubten sie. Frauen und Männer wurden geprügelt und gepeinigt. Wer sich wehrte oder den Anweisungen der Verbrecher nicht bedingungslos gehorchte, wurde zusammengeschlagen. Ein Dorfbewohner, Celasio Osorio Victorio, sah, wie ein Freund mißhandelt wurde und versuchte, ihm zu helfen. Die Soldaten gerieten in Rage und schossen auf ihn. Er fiel hin und hielt den Arm in die Höhe und zeigte: nicht schießen! Die Soldaten hoben ihn auf ein Pferd, er fiel wieder herunter, sie zerrten ihn nochmals hoch und nahmen ihn mit. Später fanden wir seine Leiche. Es ist rücksichtslos und brutal, einen wehrlosen Menschen zu töten, der keine Waffe hat — und das nur, weil sie unser Land wollen. Ein Menschenleben spielt da keine Rolle.

Nach dem Abbrennen der Hütte wurden wir alle festgenommen. Die Soldaten vertrieben das Vieh von dem Land, das wir besetzt hatten. Uns trieben sie auch weg. Als nur noch wenige Polizisten da waren, konnten wir bis zur Hälfte des besetzten Geländes zurücklaufen. Aber sie besorgten sich Unterstützung bei der Infanterie von Tussayco und sie begannen uns zu massakrieren. Völlig verzweifelt und hoffnungslos zogen wir von dem Land ab. Bei dem Massaker kamen 700 Kühe und 10.000 Schafe um. Ungefähr 700 Hütten wurden abgebrannt.

Die Militärregierung tränkt wieder einmal die peruanischen Felder mit dem Blut der Bauern. Sie hat das Versprechen der Agrarminister, den Besitz der Dorfgemeinschaften zu respektieren, gebrochen. Ich möchte für dieses Tribunal grundlegend drei Forderungen aufstellen:

  1. Die Rückgabe des Landes an die Gemeinde San Juan de Odores, über das wir frei verfügen wollen;
  2. daß an die Familien der Ermordeten und Verletzten sowie an Gemeindemitglieder, die Schaden an Vieh, Land und Gut erlitten haben, Entschädigungen gezahlt werden;
  3. Ermittlungen gegen jene, die für die Verbrechen an uns verantwortlich sind. Verbrechen wie Mord, Einbruch und Diebstahl.

Die Delegation von San Juan wünscht, daß diese drei Punkte im Urteil des Tribunals voll berücksichtigt werden, damit wir bei unserer Rückkehr das Urteil dazu verwenden können, die politischen Entscheidungen, die in meinem Land getroffen werden, zu beeinflussen.

Wir stehen schon auf schwarzen Listen

Das Indianerland in Guatemala ist vom Militär besetzt

Mit vermummten Gesichtern erschienen die Indianer aus Guatemala in Rotterdam vor Jury und Presse. Warum können sie es nicht einmal in einem weit entfernten Land wagen, öffentlich ihre Meinung zu sagen?

Die westliche Presse berichtete zum ersten Mal über die Situation der Indianer aus Guatemala, nachdem am 31. Jänner 1980 indianische Bauern aus dem Depertemento Quiche die spanische Botschaft in Guatemala City besetzten. Trotz der Bitte des spanischen Botschafters, keine Gewalt anzuwenden, stürmten militärische Sondereinheiten das Botschaftsgebäude. Dabei fanden 39 Menschen den Tod.

Die Besetzung der Botschaft durch 32 Bauern aus der alten Maya-Provinz Quiche nördlich der Hauptstadt hatte am Donnerstag friedlich begonnen. Die Campesinos gingen mit Erlaubnis in das Gebäude und verlangten den Botschafter zu sprechen, der sofort dazu bereit war. Sie wollten offenbar die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf das zunehmend größer werdende Elend und die immer stärkere Unterdrückung der Bauern in der Provinz durch den Regierungsapparat lenken. Die Sicherheitsorgane umstellten die besetzte Botschaft und gingen nach mehreren Stunden des Abwartens zum Sturmangriff über. Kurz danach ereignete sich im Inneren eine Explosion. Anschließend brach ein Feuer aus, das sich in Windeseile ausbreitete. In dem Inferno starben auch der ehemalige guatemaltekische Vizepräsident Eduardo Caceres Lenhoff und der frühere Außenminister Adolfo Molina Orantes.

(Frankfurter Rundschau, 2. Februar 1980)

Ungefähr 75 Prozent der Indianer aus Quiche arbeiten auf den Plantagen der Südküste. Die wirtschaftliche, soziale und politische Macht liegt in den Händen von 40 bis 50 Contratistas, einem Clan von Verwaltungsbeamten, hohen Militärs und Politikern. Sie vermitteln die Arbeitsplätze auf den Landgütern und kassieren dafür einen Teil des Arbeitslohnes. Sie haben die Macht, Papiere und Arbeitsverträge der Bauern einzuziehen und bestimmen somit die Dauer des Arbeitsverhältnisses. Um Ruhe und Ordnung zu gewährleisten, wurde den Bauern jede politische Betätigung verboten und wurden für sie eigene Gefängnisse geschaffen.

1974 erreichten die Lebensbedingungen der Bauern ihren Tiefpunkt. Viele mußten Arbeit in den Städten suchen. Das setzte einen Politisierungsprozeß in Gang, weil die Bauern in der Stadt mit Arbeitern zusammenkamen. Sie erkannten, daß sie so nicht überleben konnten und forderten unter anderem eine Parzellierung der Landwirtschaft, Lohnerhöhungen und bessere Arbeitsbedingungen. Die Parole hieß: Veränderung oder Hungertod!

Zwischen 1968 und 1975 kam es öfters zu Kämpfen zwischen Guerillagruppen und Militär. Das nahm nun das Militär zum Anlaß, den Norden von Quiche zu besetzen. Mehr als 2000 Soldaten kontrollieren seither sämtliche Vorgänge des öffentlichen Lebens und verhindern jede Form freier Kommunikation. Ende Februar 1976, als sich die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf das Erdbeben in Guatemala richtete, wurden die Gebiete von Quiche bombardiert. Die Einwohner berichten, daß die Bombardierungen einen Tag dauerten und Napalm eingesetzt wurde. Um das zu vertuschen, wurde das ganze Gebiet vom Militär abgeriegelt.

Verbrechen durch das Militär sind für die Bewohner zum Bestandteil des täglichen Lebens geworden: Raub, Vergewaltigung, Folter, Mord, illegale Hausdurchsuchungen, Aufstellung von schwarzen Listen und Entführungen. In den Jahren 1976 und 1977 wurden mehrere Hundert Personen verschleppt, gefoltert und viele davon getötet.

Konkreter Anlaß zur Besetzung der spanischen Botschaft war die Entführung von neun Indianern im Oktober 1979 durch die Armee. Die Bauern wurden zwei Monate in militärischen Ausbildungslagern festgehalten und gefoltert. Zwei von ihnen konnten fliehen und berichteten, was geschehen war. Die anderen sieben wurden erschossen und in einen Sumpf geworfen. Danach zogen etwa hundert Bauern in die Hauptstadt, informierten die Medien und forderten die Einrichtung einer Untersuchungskommission. Doch sie stießen auf taube Ohren. Daraufhin besetzten sie friedlich die Botschaft. Das bedeutete ihren Tod.

Pedro aus Guatemala berichtet:

Seit die Spanier in unser Land kamen, wurde die Geschichte der Indianer systematisch unterdrückt. Wir verschwanden in der Anonymität. Das wollen wir mit unseren Masken ausdrücken.

Seit Beginn der spanischen Kolonisation 1521 wurden die Indianer verfolgt, gemartert, gemordet und von ihrem Land vertrieben. Wir werden diskriminiert und unterdrückt. Wir werden vom Sozial- und Gesundheitsprogramm ausgeschlossen. Die meisten elementaren Lebensgrundlagen werden uns vorenthalten. Die Regierung versucht unsere traditionelle Lebensweise und unser Weltbild zu zerstören.

Die Soldaten dringen in unser Wohngebiet ein. Wenn sie merken, daß wir vor ihnen keine Angst haben, kommen sie immer wieder. Erst schüchtern sie uns ein. Wenn sie dann merken, daß wir noch immer keine Angst haben, stellen sie schwarze Listen mit Namen auf. Die Listen geben sie uns dann und sagen uns, daß die Tage der Menschen, die auf der Liste stehen, gezählt sind. Wenn wir auch dann noch nicht schweigen, kommen sie mit falschen Beschuldigungen und verschleppen unsere Führer. Danach fallen sie auch in der Nacht in unser Gebiet ein. Die Soldaten greifen sich wahllos Frauen heraus und vergewaltigen sie. So versuchen sie uns zu erniedrigen.

Der Tod der Gruppe von Bauern in der spanischen Botschaft am 31. Jänner dieses Jahres war kein Zufall. Es war ein Spiegelbild für die Situation in Guatemala. Durch die Erstürmung der spanischen Botschaft nahm die Welt Kenntnis von der Lage in Guatemala. Spanien unterbrach die diplomatischen Beziehungen mit Guatemala.

Die Jury muß die Regierung von Guatemala für ihre Schandtaten und für ihre grausame Politik gegenüber den Indianern zur Verantwortung ziehen. Die Jury muß fordern, daß das Militär die besetzten Dörfer wieder verläßt. Chile, Argentinien, die USA, die Schweiz und Israel, die Guatemala militärisch und finanziell unterstützen, müssen verurteilt werden. Das Tribunal darf die jetzige Regierung, deren einziges Ziel es ist, die Großgrundbesitzer zu beschützen, nicht anerkennen.

Unser Feind, die USA

Widerstandsphilosophie der nordamerikanischen Indianer

Das AIM (American Indian Movement) ist die radikalste Organisation der Indianer in den Reservaten. Als internationale Organisation gibt’s das ITC (Indian Treaty Council), dessen Häuptlinge auch im AIM engagiert sind. Im folgenden berichten Bill Means, Direktor des ITC und Phillip Deer, Medizinmann, spiritueller Sprecher des AIM, Mitglied des ITC.

Bill Means:

Das Fortschreiten des Völkermordes und der Kolonisation, wie sie auf dem Rücken unseres Volkes perfektioniert wurden, bedrohen die Existenz des indianischen Volkes. Der Mord an uns wird auch heute fortgesetzt: dadurch, daß das Wasser im Gebiet des Fort-Laramie-Vertrags durch Atommüll und Nitrate verschmutzt wird. Dadurch, daß wir eine freiwillige Abtreibungsrate von 36 Prozent haben. Dadurch, daß wir wenigstens zwei Zwangssterilisationen pro Woche im Pineridge Hospital haben. Wir haben eine Selbstmordrate bei unseren Teenagern, die zwanzigmal höher ist als der nationale Durchschnittswert. Obwohl es Regierungsspitäler in den Reservaten gibt, beträgt die durchschnittliche Lebenserwartung von Indianern nur 47 Jahre. Wir leiden noch immer an Krankheiten, die es in Europa und im restlichen Amerika schon längst nicht mehr gibt. Was die Schulbildung betrifft: es gibt bei uns 32 Prozent Analphabeten. Einrichtungen wie Spitäler und Schulen haben bei den Indianern völlig versagt. Sie haben eher zur Politik des Völkermordes an den Indianern beigetragen.

Wir wollen ganz unmißverständlich sagen, daß die amerikanische Regierung der größte Feind des indianischen Volkes ist. Sie nennen unsere Gebiete nicht einmal Reservate, sondern Nationalparks, weil sie die Indianer nicht einmal als menschliche Wesen betrachten. Wenn wir Indianer in die Kategorie der Tiere eingereiht werden, dann ist das eine große Ehre für uns, denn so wie die Tiere haben wir unser Leben eingerichtet. Wir haben eine Zivilisation nach dem Leben der Natur eingerichtet. Wir wußen, daß wir vom Wolf lernen können, daß wir vom Bären lernen können. All dies wurde in den Erziehungssystemen zu einem stereotypen Bild verdreht. Wir werden für Wilde und Kannibalen gehalten. Doch wenn wir das wären, so hätten wir die Weißen auffressen können und müßten nicht in Reservaten leben.

Man hat uns 117 Millionen Dollar geboten als Kaufpreis für unsere Heimat Black Hill. Sie boten 117 Millionen Dollar für unsere heilige Heimat, für unsere Kirchen, für unsere Grabesstätten, für den Platz, wo wir als Volk, als Nation geschaffen wurden. Und so frage ich die USA: Würden die Katholiken den Vatikan um 117 Millionen Dollar verkaufen? Würden die Juden, Palästinenser und Moslems Jerusalem um 117 Millionen Dollar verkaufen? Das ist undenkbar, es kommt gar nicht in Frage.

Das gleiche gilt für die Indianer. 117 Millionen Dollar werden die Probleme nicht lösen. In den Black Hills befindet sich die zweitgrößte Goldmine der westlichen Hemisphäre. Diese wollen sie nun auch in ihr Reich eingliedern. Ein Reich, das auf den Gräbern unserer Großväter und Großmütter errichtet wurde. Leonard Peltier, Richard Marshall und viele tausend Indianer sind, wie auch Andrew Young (ehemaliger US-Vertreter bei der UNO) festgestellt hat, politische Gefangene in den USA.

Doch wenn wir die Beispiele sehen, wie die imperialistischen Finger in Nicaragua, Grenada, Puerto Rico, El Salvador abgeschnitten werden, so gibt das unserem Volk Hoffnung und der Hingabe unserer Märtyrer einen Sinn. Ob nun der Weiße beschließt, sich selbst durch seine Industrialisierung zu vernichten oder nicht — das wird seine eigene Sache sein. Aber die Indianer werden überleben, weil wir schon vor allen anderen ethnischen Minderheiten auf der ganzen Welt bewiesen haben, daß wir das ausgeklügeltste völkermörderische Schlachten überlebt haben, das die Menschheit je sah. Unsere Kultur ist intakt, auch unsere Sprache, unsere Gedanken, unsere Regierung — alles intakt —, alles bereit, der Welt zu zeigen, wie man mit dieser Heiligen Mutter Erde zu leben hat! Danke.

Phillip Deer:

Unsere Stärke bestand schon immer im Spiritualismus, obwohl dies einige Zeit in Vergessenheit geriet. Aber wir fahren nun fort, unsere jungen Menschen mit dem Spiritualismus zu erziehen. Wir geben ihnen das spirituelle Fundament. Und so kommen viele unserer jungen Menschen zu den Urreligionen zurück. Wohin wir auch kommen, der Spiritualismus muß dabei sein — von den Europäern wird das einfach nicht gesehen. Sie verstehen nicht, was Spiritualismus bedeutet. Aber wir wissen es. Unser Fundament ist unsere spirituelle Kraft. Wir stellen die Kultur, die Politik nicht vor den Spiritualismus. Und das ist die Stärke des AIM. Wir sind wirklich sehr stark, aber man liest nicht mehr in den Zeitungen, daß wir Bomben werfen, und daraus schließt man, daß wir schwächer geworden sind. Wir haben verschiedene Arten, gegen das System zu kämpfen, auch ohne Gebrauch von Gewehren und Waffen. Bei dem Tribunal haben wir verschiedene Indianer hier, sie mögen vielleicht nicht alle Mitglieder des AIM sein, aber das ist eine Bewegung, das ist keine Organisation, das ist eine Bewegung unter den Indianern, die alle für ihre Rechte kämpfen, und die Bewegung ist sehr stark.

Die USA sind auch sehr stark, aber nicht stark genug, um den Mount Helena zu beherrschen, nicht stark genug, um das Wetter zu beherrschen. Wir als Ureinwohner sind verwandt mit der Natur, und die Naturkräfte unterstützen uns. Wir sind ein Teil der Natur. Wir denken an die Naturkräfte und ihre Stärke, während ihr an die US-Armee, an Atomwaffen und moderne Technologie denkt. Wir denken nicht daran. Wenn die USA sterben, werden wir beginnen zu leben.

Die USA können sterben, wir haben ohne die USA bereits Tausende Jahre gelebt. Ich für meinen Teil hänge nicht von der Unterstützung der USA ab. Die Indianer sind von der Regierung zu Abhängigen gemacht worden. Aber ich nehme die Dienste der Regierung nicht in Anspruch. Ich suche nicht um Unterstützung an. Viele denken, man kann ohne diese Dinge gar nicht leben. Seit vielen Jahren habe ich versucht zu beweisen, daß ich das kann. Ich bin eher dazu berechtigt, die staatliche Unterstützung, die pro Person ausgegeben wird, zu beanspruchen, als einige, die sie bekommen, da ich Vollblutindianer bin. Ich bin berechtigt, alle Sozialleistungen in Anspruch zu nehmen, die die Regierung anbietet, aber ich lehne sie allesamt ab. Indem ich versuche, dies zu beweisen, versuche ich mir selbst zu helfen, so gut ich kann.

Phillip Deer
Sprecher des American Indian Movement

Weiters muß ich feststellen, daß die US-Regierung erst 200 Jahre alt ist, und unsere Regierung mehrere Tausend Jahre. Diese Nation, die ich nie für eine Nation gehalten habe, weil eine Nation Kultur und Sprache hat. Wo ist die Kultur der USA, wo ist ihre Sprache? Ich sehe sie nicht. Der Ausdruck „Vereinigte Staaten“ entspricht dem, was sie darstellen. Diese 200 Jahre sind unbedeutend für uns. Betrachten Sie dieses Land besser als ein Land mit einer 200 Jahre alten Regierung. Eine Nation, die erst 200 Jahre alt ist, kann nicht auf eigenen Beinen stehen. Ein 200 Jahre altes Baby muß geführt werden. Saudi-Arabien muß ihm hilfreich die Hand entgegenhalten, damit es gehen kann. Die armen Eingeborenen im Süden, die Kaffeebohnen ernten, müssen für den Komfort des Landes sorgen. Also noch einmal, die USA stehen nicht auf eigenen Beinen. Einerseits lebt das Land von der Arbeit der Menschen und andererseits durch die Hilfe anderer Länder. Dagegen halten Sie sich das vor Augen: In den Tausenden Jahren unseres Bestehens mußte unser Volk nie nach Afrika. Es mußte auch nie nach China oder sonst wohin. Wir waren eine uns selbst versorgende Nation. Und wir lebten auf diese Art und Weise Tausende Jahre lang. Man müßte also nur den USA die Unterstützung entziehen, und sie werden sterben!

Wir sind machtlos

Das Russell-Tribunal

Das Russell-Tribunal wurde vom englischen Mathematiker und Nobelpreisträger Bertrand Russell, der selbst jahrzehntelang gegen Menschenrechtsverletzungen und Aufrüstung kämpfte, ins Leben gerufen. Er gründete 1963 zunächst die Russell-Peace-Foundation, eine Stiftung, die von zahlreichen renommierten Persönlichkeiten unterstützt wurde (Indischer Premierminister Nehru, Albert Schweitzer u.a.). 1967 veranstaltete die Stiftung das erste Tribunal. Thema: Vietnam. Das zweite setzte sich mit der politischen Unterdrückung in Südamerika auseinander (1973), das dritte mit Menschenrechtsverletzungen in der BRD (1978), das vierte nun mit der Lage der Indianer in Nord- und Südamerika. Eine internationale Jury von Personen, die für ihr Eintreten für Menschenrechte bekannt sind, befaßte sich vom 24. bis 30. November 1980 in Rotterdam mit einigen ausgewählten Fällen von Menschenrechtsverletzungen gegenüber Indianern und ihren Völkern.

Jean-Paul Sartre meinte 1967 zum Prinzip des Tribunals: „Wir wissen selbstverständlich, daß uns niemand ein Mandat gegeben hat. Wir sind machtlos: das ist der Garant der Unabhängigkeit. Da wir weder eine Regierung noch eine bestimmte Partei vertreten, können wir auch keine Befehle entgegennehmen.“

Die Tribunale analysieren öffentlich die Situation der Menschenrechte auf der Grundlage von Verträgen, Konventionen und Gesetzen. Dabei urteilen sie nicht nach einem allgemeinen moralischen Rahmen. Grundlagen ihrer Arbeit sind immer das Völkerrecht und die Menschenrechte, sowie die Gesetze der betroffenen Länder.

M. H.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
1981
, Seite 33
Autor/inn/en:

Wanda Moser-Heindl:

Alfred Schwarz: Journalist.

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