FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1979 » No. 311/312
Friedrich Geyrhofer

Bombenprofessor

Kissingers Memoiren

Sternstunde für den Club 2 ... Neben Henry Kissinger verblaßten alle ... er wischte Ansätze der Kritik an seinen acht Jahren Weltpolitik mühelos weg.

Kurier vom 13. Oktober 1979

Aber außer Joan Baez will das kaum einer von den alten Prominenten der Vietnambewegung zugeben.

Kurier vom 3. November 1979

Alles taugt zum Fest der Medien. Anfang 1979 wurde zuerst Kambodscha von Vietnam überfallen, dann Vietnam von China. Die amerikanische Methode des „Warnens und Strafens“ hat gelehrige Schüler gefunden. Vorbei die Zeiten, da nur die Weltmächte im Blut kleiner Völker baden durften.

Im modernen Asien steigern sich die historischen Katastrophen Europas ins Überdimensionale. Aus einem dreißigjährigen Kolonialkrieg droht ein hundertjähriges Massaker zu werden, bei dem es um strategische Positionen, Reisfelder, um zukünftige Ölquellen und Kraftwerke geht. Ein Staudamm am Mekong würde Kambodscha an Vietnam fesseln, könnte ganz Südostasien mit Strom versorgen.

Über 30 Millionen Menschen des ehemaligen Indochina herrscht der Hunger. Leichen der Flüchtlinge treiben auf dem Südchinesischen Meer, verfaulen in den Regenwäldern der thailändischen Grenze. Henry Kissinger verkauft seine Erinnerungen. Der Weltgeist liebt es anscheinend, seine Tragödien als Farce zu wiederholen; der amerikanische Weltaußenpolitiker fügt dem unfaßbaren Schaden noch einen Bestseller samt Werbeauftritten im deutschösterreichischen Fernsehprogramm hinzu.

Dear Henry: Mein Name ist Hase

White House Years, [1] die diplomatischen Memoiren von Nixons „Berater“, in den USA höhnisch in „Whitewash Years“ umgetauft, sind ebenso präzise und genauso gedankenlos wie ein Simmel-Roman. Sie haben — bei uns — auch die gleiche Verehrergemeinde.

„Ich näherte mich schon Peking, da begann in Islamabad ein sorgfältig geplantes Täuschungsmanöver. Eine Wagenkolonne setzte sich in Bewegung ...“ Dann werden penibel die Namen Joseph Farland, Moston Halperin, M. M. Ahmed, Harold Saunders („mein Mitarbeiter‘‘) aufgezählt. Alle Achtung! Gut recherchiert. Die sattsam bekannte Technik des Trivialromans, durch eine planmäßig verwirrende Registrierung von Namen, Daten, Orten, Anekdoten über die Logik — die verheerende Unlogik — der Handlung hinwegzutäuschen.

Die Quantität der Ereignisse lenkt von ihrer wenig imponierenden Qualität ab. Die Endphase seiner Unterhandlungen mit Hanoi und Saigon referiert Kissinger derart detailliert, daß der Leser gewisse Fragen an den Autor vergißt. Warum wurde der Friedensvertrag (vom 27. Jänner 1973) erst nach den Präsidentschaftswahlen geschlossen? Weshalb mußten Bombergeschwader der USA noch kurz vor dem Rückzug Nordvietnam angreifen? Wieso konnte Nixon nicht den Vorschlag seines Rivalen McGovern übernehmen, sofort und ohne Bedingungen mit dem Krieg aufzuhören? Hätte es eventuell anders kommen können? Vielleicht besser? Wäre dann — nur als Beispiel — Watergate überflüssig gewesen?

Aber nein, wesentlich sind die Fernschreiben, die Ferngespräche, die Flugreisen, die Mißverständnisse, die den eifrigen „Berater“ von seinem eifersüchtigen Präsidenten trennen. Kissinger zählt ungerührt die Leichen: 1.600 Tote beim Weihnachtsbombardement 1972, gar nicht so schlimm. Jagdbomber konnten wegen der Wetterlage nicht eingesetzt werden.

Man denke nur, ein Nachrichtenmagazin hatte ihn gemeinsam mit seinem Chef zum Mann des Jahres ernannt. Dies mußte — of course — das Mißtrauen des Weißen Hauses wecken. Komplikationen über Komplikationen! Also dauert der Krieg immer länger.

Kein Zweifel, der anonyme Held der Zeitgeschichte ist die Boeing 707. Der Kerl fliegt nach Paris, nach Peking, nach Kalifornien (zum „White House West“), nach Moskau, nach Saigon, nach Washington, wieder nach Saigon, wieder nach Peking, wieder nach Paris. Er rast durch die Stratosphären der Weltpolitik, um seinen trockenen Stil durch kulturvolle Vergleiche zu beleben. Über einen chinesischen Diplomaten: „Tschang sah aus wie ein spanischer Kardinal auf einem Gemälde von El Greco.“ Nicht schlecht. Dann wieder nüchtern, prosaisch: „Nixon entschloß sich, eine Entscheidung zu erzwingen ... Er entschied sich für die B52 ...“ Blut, Dreck, Gedärme was soll’s, die Akten sprechen eine edlere Sprache.

Kissinger nimmt sich offenbar die Gedanken und Erinnerungen Bismarcks zum Vorbild — aber welche Mühe hat sich seinerzeit der preußische Junker noch genommen, die Beschießung von Paris zu rechtfertigen. Die Bombardierung von Hanoi dagegen ist nur noch eine Frage der „Schockwirkung“.

Was war denn eigentlich das Problem am Vietnamkrieg? Die typisch asiatische Falschheit. Kissinger spielt lustvoll mit den Klischees des Rassismus, die er — je nach Bedarf — auch als subtile Komplimente serviert.

Die Chinesen sind ihm ans Herz gewachsen. „Leider überschätzten sie unser Feingefühl, denn was sie uns sagen wollten, drückten sie so verschleiert aus, daß unsere westlichen Gehirne sie nicht verstanden.“ Schlitzäugig und verschlagen, eben östliche Gehirne! Die Vietnamesen, Nord und Süd, hängen ihm zum Hals heraus. „Thieu ließ sich durch die Beredsamkeit eines Ausländers ebensowenig beeindrucken wie Le Tho.“ Waschechte Orientalen, verblendet vom Haß aufs Bleichgesicht. „Er kämpfte auf vietnamesische Art: indirekt, auf Umwegen und mit Methoden, die seinen Gesprächspartner erschöpften, aber nichts klärten.“

Anderswo sind die Politiker selbstredend ehrlich, aufrecht, ganz bei der Sache. Auf diese Weise wälzt Kissinger die Schuld am verlängerten Krieg auf Thieu ab, den armseligen Hintersassen des Pentagon, der nichts als seine Haut retten wollte. In den Memoiren wird entrüstet geschildert, daß der asiatische Diktator den Abgesandten seines Herrn ein paar Stunden warten ließ.

Wie erfrischend sportlich dagegen das maskuline Rauhbein Nixon: „Wenn dieser Hundesohn sich nicht fügt, sollen Sie mal wirkliche Brutalität erleben.“ So springen eben Amerikaner mit ihren Schützlingen um. Kissingers diplomatische Kunst hat sich darin erschöpft, einfach den schwächsten Partner aus dem Spiel zu schmeißen: in Vietnam den Saigoner Vasallen, im Nahen Osten die Palästinenser.

Noch in den White House Years setzt der Weltaußenpolitiker die zweischneidige Politik Nixons fort: Beide Seiten werden beschwichtigt, die „Tauben“ durch Insinuationen gegen das verstoßene Protektionskind (Thieu ist der Sündenbock), die „Falken“ durch schwärmerische Erinnerungen an jene Interkontinentalbomber, die kurz vor Kriegsende die Städte des Feindes in Schutt und Asche legten. Recht behalten haben allerdings die „Tauben“: Das kommunistische Vietnam ist nicht der Satellit, sondern der härteste Feind des kommunistischen China, das aber seinerseits inzwischen ein guter Freund aller Kapitalisten geworden ist.

Wozu Vietnam? Kein Problem für Henry Kissinger. Er weiß, daß in Nicaragua, im Iran und rund um den Erdball noch viele interessante Aufgaben auf einen Krisenmanager warten.

[1Henry A. Kissinger: Memoiren 1967-1973, München 1979, Bertelsmann Verlag, 1.200 Seiten, Leinen, DM 49,80, öS 388,50

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Erstveröffentlichung im FORVM:
November
1979
, Seite 14
Autor/inn/en:

Friedrich Geyrhofer:

Geboren am 03.09.1943 in Wien, gestorben am 16.07.2014 ebenda, studierte Jus an der Wiener Universität, war Schriftsteller und Publizist sowie ständiger Mitarbeiter des FORVM.

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