FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1973 » No. 228
Emmanuel Arghiri

Ausplünderung durch Rohstoffpreise

Über ungleichen Austausch

In der Theorie des internationalen Handels herrschte Einmütigkeit unter den Ökonomen, was an sich höchst bemerkenswert ist. Unter der Annahme der absoluten Unveränderlichkeit der Kapitalien und der Menschen galt es seit einem Jahrhundert für ausgemacht, daß die Preise der international gehandelten Waren das Einkommen der Produzenten bestimmen, und nicht umgekehrt. Das befriedigte den gesunden Menschenverstand. Der Ertrag der wirtschaftlichen Tätigkeit bestimmt das Einkommen; man begreift nicht, daß statt dessen das Einkommen den Ertrag bestimmen könnte.

Auf welche Weise werden die Preise bestimmt? Die Antwort gab Ricardos Satz von den komparativen Kosten und John Stuart Mills Satz von der Nachfrageelastizität. Ricardo bestimmte Grenzen für die Schwankungen der Preise. Obergrenze war der Preis, bei dem es rentabler erschien, den Artikel, statt ihn zu importieren, selbst herzustellen; die untere Grenze war der Preis, bei dem es lohnender schien, die eigene Produktion eines Artikels einzustellen und ihn statt dessen zu importieren. Innerhalb dieser Grenzen bestimmte sich der tatsächliche Preis durch die Intensität der Nachfrage der Konsumenten nach der betreffenden Ware. Es handelte sich, mit einem Wort, um das Gesetz von Angebot und Nachfrage; das Angebot bestimmt sich durch die komparativen Kosten, die Nachfrage durch die menschlichen Bedürfnisse.

Wenn es sich so verhielte, dann hätten die Austauschverhältnisse sich zugunsten der agrarischen, rohstoffproduzierenden Länder und zuungunsten der Industrieländer entwickeln müssen. Auf der Angebotsseite ist der geoklimatische Vorteil der ersteren weitaus größer als der technologische Vorteil der letzeren. Es wäre sicherlich schwierig für den Kongo oder für Algerien, Kühlschränke und Transistorgeräte selbst herzustellen, aber lange nicht so schwierig, wie es für Frankreich wäre, Treibhäuser zum Anbau von Erdnüssen zu errichten, im ganzen Land Bohrungen vorzunehmen, um wenigstens einen Tropfen Erdöl zu fördern, oder Elefanten zu züchten, um Elfenbein zu gewinnen. Auf der Nachfrageseite kann man eher auf Kühlschränke und Transistoren verzichten als auf Erdöl und andere grundlegende Rohstoffe.

Die Ökonomen haben auch ungesäumt die logischen Schlußfolgerungen aus ihrer Doktrin gezogen. Alle Vorhersagen, von Ricardo über Mill, Marshall usw. bis Collin Clark, waren absolut pessimistisch, was die Zukunft der Fertigprodukte, und kategorisch optimistisch, was die der Rohprodukte betraf. Noch 1942 sagte Collin Clark für 1960 eine Verbesserung der Austauschverhältnisse für Rohprodukte um 90 Prozent im Vergleich zum Stand von 1925-1934 voraus!

Man kennt das grausame Dementi, das die Wirklichkeit diesen Propheten entgegengenhalten hat. Nicht nur haben sich die Austauschverhältnisse für die Dritte Welt nicht verbessert, sondern sie haben sich geradezu katastrophal verschlechtert. Statt aber den Satz von der Bestimmung des Preises durch die Nachfrage aufzugeben und so die Theorie der Wirklichkeit anzupassen, hat man sich verrenkt, um neue Nachfrageelastizität zu entdecken und so die wankende Theorie zu retten.

Diese Adjustierung der Theorie ist inakzeptabel.

  1. Angenommen, es herrschte eine zu geringe Nachfrage nach Primärprodukten, so könnte dies auf keine Weise die Verschlechterung der Austauschverhältnisse erklären, denn was sich verschlechtert, das sind, laut Statistik, nicht die Rohstoffpreise im allgemeinen, sondern die Preise der von der Dritten Welt exportierten Produkte, welcher Art auch immer. Obgleich aber die Exporte der Dritten Welt aus Rohstoffen bestehen, so wird der größere Teil der Rohstoffe doch nicht von der Dritten Welt exportiert. So waren 1970 70 Prozent aller Exporte der unterentwickelten Länder Rohstoffe, aber 60 Prozent der Weltrohstoffexporte kamen aus entwickelten Ländern. Die Austauschverhältnisse dieser — Holz, Mineralien, Milchprodukte, Weine und Spirituosen usw. — haben sich keineswegs verschlechtert. Andererseits exportiert die Dritte Welt auch Sekundärprodukte, die, so sekundär sie auch sind, der gleichen Verschlechterung der Austauschverhältnisse unterliegen wie alle übrigen.
  2. Es ist: ganz einfach nicht wahr, daß der Weltverbrauch von Primärprodukten im zwanzigsten Jahrhundert gegenüber dem neunzehnten stagniert oder zurückgegangen ist. Hier eine Übersicht über den Weltverbrauch der für die Dritte Welt repräsentativsten Rohstoffe in der Zeit von 1913-1969: (in Tausend Tonnen, Erdöl in Millionen Tonnen)
     19131969
    Erdnüsse 1.800 16.600
    Kakao 232 1.422
    Kaffee 1.200 4.200
    Palmöl 270 1.600
    Phosphate 7.200 82.000
    Rohrzucker (ohne China) 9.600 29.500
    Tabak (nur Entwicklungsländer) 570 2.860
    Tee (ohne China) 290 1.050
    Naturkautschuk 100 2.900
    Kupfer 900 5.900
    Erdöl (nur Entwicklungsländer) 8 1.150

    Wie man sieht, ist die Gesamttonnage dieser Produkte, Erdöl ausgenommen, in dieser Zeit auf rund das Sechseinhalbfache angestiegen; bei Erdöl auf das Einhundertdreiundvierzigfache! Wenn die wertmäßige Steigerung bei weitem nicht von derselben Größenordnung ist, so kann dies nur die Folge der Verschlechterung der Austauschverhältnisse sein, nicht deren Ursache.

  3. Die Nachfrage, auf die es ankommt, ist die des Letztverbrauchers. Sie kann also nur den Einzelhandelspreis bestimmen. Der Preis aber, der das Ursprungsland interessiert, ist der Großhandelspreis. Dazwischen liegt eine solche Kaskade von Zwischenstufen und daher ein solcher Abstand, daß die Empfindlichkeit des Großhandelspreises für die nachfragebedingten Schwankungen des Einzelpreises geringfügig oder gleich Null sein muß. Da die Steuern der Konsumentenländer auf Erdöl drei- bis viermal so hoch sind wie die Preise, die die exportierenden Länder erzielen, kann man nicht im Ernst behaupten, eine ungünstige Nachfrageentwicklung auf der Ebene des Einzelhandelspreises verhindere eine Hebung des Großhandelspreises. Das würde heißen, daß die Nachfrage des europäischen Konsumenten sich patriotisch verhält, solange der Großteil des Preises in Form von Steuern in den Staatssäckel fließt, aber widerborstig wird, sobald der gleiche Löwenanteil in die Taschen des ausländischen Produzenten gehen soll!
  4. Das ist aber noch nicht alles. Die meisten Produkte der Dritten Welt unterliegen in den entwickelten Ländern einer Verarbeitung. Hier beispielsweise die Zusammensetzung des Schokoladepreises in Deutschland:
     Prozent
    Kakao, Nettopreis 10
    andere Zutaten 3
    Steuern und Zölle 5
    Import- und Transportkosten und -spannen 36
    Handelsspanne 46
    Schokolade-Einzelhandelspreis 100

Geben wir den Gedanken auf, daß, was der Rohstoffproduzent erhält, irgend etwas mit dem zu tun hat, was der Konsument für das Endprodukt zahlt.

Die Prozesse der Schokoladenerzeugung sind an sich nicht mit denen des Kakaoanbaues vergleichbar. Nichtsdestoweniger gibt es, was die Nachfrage betrifft, nur ein Produkt: Schokolade; die Nachfrage nach Kakaobohnen ist nur eine indirekte. Von diesem Blickwinkel aus unterscheidet sich der Fall in nichts von jenem, wo die Schokoladenerzeugung das Werk eines einzigen Unternehmens ist, dessen „Betriebsstätten“ tausende Kilometer voneinander entfernt liegen: der Kakaoanbau in Ghana und die Schokoladefabrikation in Deutschland. Wenn es also Nachfragemangel gibt, so ist nicht einzusehen, warum sie zur Folge haben sollte, daß die, welche in den Kakaoplantagen arbeiten, zwei Mark pro Tag bekommen, während jene, die die Kakaobohnen verarbeiten, bei gleicher Qualifikation 25 oder 30mal soviel erhalten.

Abgesehen von manchen tropischen Früchten, gibt es kein Tropenprodukt, das nicht in den entwickelten Ländern mehr oder minder verarbeitet wird. Bis auf ganz wenige Ausnahmen sind alle Produkte der Dritten Welt Rohstoffe, für die es weder eine spezifische, autonome Nachfrage noch spezifische, autonome Preise gibt. Preis und Nachfrage müßten beim Rohprodukt entweder vorwärts von Preis und Nachfrage beim Endprodukt oder rückwärts von den eigenen Produktionskosten abhängen.

Die Vorwärtsbestimmung ist ausgeschlossen. Wohl oder übel müßten Preis und Nachfrage beim Endprodukt, wenn sie bestimmend wären, alle Stadien der Produktion, ungeachtet der sie trennenden Grenzen, im gleichen Sinn beeinflussen. Davon kann in der Realität keine Rede sein.

Es bleibt also nur die Rückwärtsbestimmung. Mit anderen Worten heißt dies, daß man, um das beunruhigende Phänomen der strukturellen und langfristigen Verschlechterung der Austauschverhältnisse der Entwicklungsländer zu erklären, den Kausalzusammenhang umkehren muß. So befremdend dies einer gewissen Orthodoxie erscheinen mag: es sind nicht die Weltmarktpreise, die die nationale Einkommensrate der Produzenten bestimmen, sondern es ist die vorherbestimmte Ungleichheit dieser Einkommen, die die Weltmarktpreise bestimmt und die Ausbeutung mittels dieser Preise bewirkt.

Die historische Tatsache, die jene Orthodoxie nicht zur Kenntnis nehmen will, ist der besonders wirksame gewerkschaftliche Kampf im großen Stil, der sich in den Industrieländern vom dritten Viertel des vergangenen Jahrhunderts an entfaltet hat, im Verein mit der internationalen Mobilität des Kapitals und einer Tendenz zum Ausgleich der Profitraten im Weltmaßstab. Daraus folgte eine Unbeweglichkeit dieser beiden Einkommensfaktoren.

Daher schlagen sich die beträchtlichen Unterschiede der Nationaleinkommen, die sich (infolge des Ausgleichs der Profitraten) nicht in den Profiten auswirken können, in den Preisen nieder, und die Länder mit niedrigem Einkommen sehen sich durch die Marktgesetze, namentlich durch die innere Konkurrenz ihrer eigenen Kapitalisten, gezwungen, einen großen Teil des zusätzlichen Mehrwerts, den sie aus ihren eigenen Arbeitern herausgeholt haben, zugunsten ausländischer Konsumenten den reicheren Ländern abzutreten.

In all den verschiedenen Stadien der Schokoladefabrikation, vom Kakaoanbau bis zur Verpackung und zum Verkauf des Endprodukts, erhält also jeder beteiligte Arbeiter den örtlichen Lohn und jeder beteiligte Kapitalist die internationale Profitrate. Der Preis ist letztlich nur die Summe dieser vorherbestimmten Einkommen. Das gehobene Lebensniveau unserer Länder ist teilweise darauf zurückzuführen, daß der Schweiß der Menschen, die gewisse von uns benötigte Rohstoffe produzieren, zwanzig-, dreißig- und manchmal sogar fünzigmal weniger kostet als der unserer eigenen Arbeiter.

Man versteht nun, daß die Experten der entwickelten Länder diese These nicht wahrhaben wollen. Hier dient der Hinweis auf die Prinzipien der reinen Wissenschaft als Alibi für eine bewußte oder unbewußte Verteidigung des Status quo. Denn diese Prinzipien sind schnell vergessen, wenn Produkte der Dritten Welt solchen der entwickelten Länder Konkurrenz machen. So hat man sich nie gescheut, Einfuhren aus Japan zu kontingentieren, und man scheut sich auch heute nicht, die einheimische Textil- und Konfektionsindustrie und andere gegen Importe aus unterentwickelten Ländern zu schützen, indem man sich auf die „anomal“ niedrigen Löhne in diesen Ländern und das daraus resultierende „soziale Dumping“ beruft. Hier anerkennt man auf einmal ohne Übergang, daß die Löhne die Ursache und die Preise die Wirkung sind, während man sonst auf Grund der verkehrten Kausalität jede Erhöhung z.B. des Kaffeepreises als künstlich bezeichnet und die Vereinigten Staaten bei der letzten Konferenz in London so weit gegangen sind, mit ihrem Austritt aus dem Abkommen zu drohen, um die bescheidene Forderung der Produzentenstaaten nach einer zehnprozentigen Preiserhöhung im Gefolge der jüngsten Dollarabwertung zu Fall zu bringen. Je nachdem, ob es sich um Transistoren oder um Kaffee handelt, bewirken dieser Auffassung nach niedrige Löhne „anomale“ Preise oder es bewirken „normale“ Preise niedrige Löhne.

Man versteht andererseits auch ebenso leicht die Haltung der „Gruppe der 77“ (Entwicklungsländer) in der UNCTAD die sich von dem in Santiago de Chile vorbereiteten Programm distanziert. Es geht nicht um Hilfe für den Nachbarn, sondern darum, die entwickelten Länder daran zu erinnern, daß sie die Verantwortung tragen für den gegenwärtigen Stand der internationalen Austauschverhältnisse und für das gesamte Problem der Unterentwicklung.

Der hier erstmals deutsch vorliegende Text erschien französisch („L’échange inégal“ 1969) und englisch („Unegal Exchange“ 1972, Monthly Review Press).

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
1973
, Seite 26
Autor/inn/en:

Emmanuel Arghiri:

Professor an der Sorbonne.

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