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Peter Weibel

„auf einem friedhof ist ewige harmonie“

frühletzter wille september 1973

„auf einem friedhof ist ewige harmonie“

auf einem friedhof ist ewige ruhe
auf einem ewigen friedhof ist ruhe
ewige ruhe ist ein friedhof

auf einem friedhof ist ewige harmonie
harmonie ist ein ewiger friedhof

unverschämte jauch(z)e/r)-buben
herumblätterer in büchern
weltmeister in kirchenrekorden und
orf-ansagenruhe:
ruhe und harmonie haben mit dem
friedhof so wenig zu tun
wie der friedhof mit dem leben

der friedhof ist ein scheißhaus für tauben

aus der stärke die sanftmut, freunde
wirklich, ex forti dulcedo
doch hier weist der alkoholiker sogar jede
beschuldigung von sich
die konsumsehnsucht ostern
die todessehnsucht jenseits
blechbüchsen zu verschiedenen preisen:
autos, särge, konserven

stellt den motor ab, wachtmeister
ihrer professionellen moral die stiefel!

über einem friedhof kreist der pleitegeier
wirft seine schatten auf müller und meier:
ihre schatten sind begraben
ihre anzüge blieben im schrank,
nichts für den geier, den toten keinen dank.

ehrenwort, wortwort,
der nächste, der den toten ein leben verspricht
und den lebenden über den tod hinaus predigt
der ist erledigt.
kreuz-otter
schlangen-gericht
ans kreuz geschlagen beim jüngsten gericht
die suppe war nicht gut, herr ober

dieser wahn, dieses blatt, dieser traum
dieses sonst, dieses schon, dieses kaum.

diese schrift, dieses zeichen, dieser sinn
einst, jetzt und künftighin.

dieser körper, dieser geist, dieser sex
dieses licht, diese nacht, dieser reflex.

diese wahrheit, diese antwort
dieses hier, dieses dort.

dieser reiz, dieses bewußtsein
tot, lebendig, stein.

diese frage, diese wirklichkeit, dieses ich
dieses bild, diese entscheidung – dieser strich

ich drück in den mund meinen himmel
und rieche das tägliche brot
ich steck mir den schwanz in die zimbel
denn bald bin ich tot

ich drück meinen mund in den himmel
und atme der freien not
ich steck in die fut meinen bimmel
denn bald bin ich tot

nimm deine schrecken mit dir
moos
nimm deinen regen zu dir
tag
nimm das weinen wie es kommt
körper
nimm
händler

Peter Weibel bei Wikipedia

Peter Weibel ist der Name folgender Personen:

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Erstveröffentlichung im FORVM:
September
1973
, Seite 0
Autor/inn/en:

Peter Weibel:

Geboren 1944 in Odessa. Studierte Literatur, Medizin, Logik, Philosophie und Film in Paris und Wien. Seit 1984 ist er Professor an der Universität für angewandte Kunst Wien. Von 1984 bis 1989 war er Leiter des digitalen Kunstlabors der Medienabteilung der State University of New York at Buffalo. Im Jahr 1989 gründete er das Institut für Neue Medien an der Städelschule in Frankfurt am Main, dessen Leitung er bis 1995 inne hatte.

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