FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1984 » No. 367/370
Robert Glattau

Auf der Suche nach Ästhetik

Selten ist ein Mann so gut in Stimmung, wie dann, wenn er von sich selbst erzählt. [*]

Dieses Zitat, das Marlene Dietrich zugeschrieben wird, müßte eigentlich besagen, daß ich jetzt in ausgezeichneter Stimmung sein sollte, schließlich bin ich eben dabei, eine Menge von mir zu erzählen. Ich bin es aber nicht, weil eine Art Tick, oder vielleicht eine Neurose, mit der ich nicht und nicht zurecht komme, an mir nagt.

In der U-Bahn

Ich fahre mit der U-Bahn, sagen wir von Heiligenstadt zum Karlsplatz, und stehe, wie meistens, auf der mittleren Plattform, von wo ich den ganzen Waggon gut überblicken kann. Ich lese ein Buch, üblicherweise eines, das sich mit Beziehungen, Sexualität oder Psychoanalyse beschäftigt. Ich blicke gelegentlich auf, um zu sehen, wer so ein- und aussteigt. Daß ich dabei mehr auf Frauen als auf Männer schaue, ist für mich irgendwie klar.

Eine nach meinem Geschmack sehr attraktive Frau steigt ein, setzt sich nieder, überschlägt die Beine und blickt zum Fenster hinaus. Meistens hat sie eine glatte, sanfte Haut, lange Haare, wunderschöne Beine und lange, gepflegte Finger. Wenn dann gar noch ihre Hals- und Nackenpartie zu sehen ist, geht es richtig los in mir. Ich schaue wie gebannt hin, bemüht, sie es dennoch nicht merken zu lassen, ich will sie ja nicht belästigen. Jedenfalls bin ich von ihr restlos begeistert. So weit, so gut. Dann kommt fast zwanghaft der nächste Gedanke: „Also, so möchte ich auch aussehen!“

Daß es mir dabei nicht darum geht, eine Frau zu sein, werde ich später erklären. Dann spüre ich einen deutlichen Geschlechtsneid in mir. Ich bin neidig auf die sanfte Haut, die schönen Hände, Beine, einfach auf alles, was ich mit „schön“ und „ästhetisch“ verbinde. So viele Frauen strahlen für mich die körperliche Harmonie an sich aus, es kommt mir, im Gegensatz zu den meisten Männern und zu mir, alles so einheitlich, so rund und vollkommen vor, so wie ich es bei mir selber kaum feststellen kann. Es ist für mich schon selbstverständlich, daß ich so sein will, wie das, was mir gefällt. Und das geht natürlich nicht, jedenfalls größtenteils nicht. Es kommt zwar vor, daß ich ähnliche Gedanken bei Männern habe, aber doch ungleich seltener.

Ganz schön verklemmt, nicht? Woher kommt dieses Inferioritätsgefühl? Wieso empfinde ich so? Eigentlich halte ich mich für recht gutausseehend, warum bin ich trotzdem nicht zufrieden?

Für alle diese Fragen habe ich einige Erklärungen auf Lager, die ich im folgenden einmal theoretisch anreißen möchte.

Zu den Klischees von männlicher und weiblicher Schönheit

Von klein auf bekommen wir alle vorgesetzt, wie die schöne Frau und der schöne Mann schlechthin aussehen sollen. Werbung, Modezeitschriften und Spielfilme zeichnen ständig das Bild von Männern und Frauen, die wir alle mehr oder weniger nachahmen. Daß das wirklich so ist, beweist die Existenz von ganzen Industriezweigen, die damit recht ansehnliche Geschäfte machen. Nun ist die Vorbildwirkung aber eine doppelte. Sie zeigt uns nicht nur unser eigenes Idealbild, sondern auch, wie unsere Partner und Partnerinnen aussehen sollen. Dazu kommt noch, daß bei Männern und Frauen ganz unterschiedliche Kriterien ausschlaggebend sind. Abgesehen vom Gesicht zählt bei Männern fast ausschließlich der Gesamteindruck der Figur, bei Frauen aber die Gesamtheit und die einzelnen Körperteile wie Busen, Bauch, Taille, Hüfte, Gesäß und Beine. Jeder Teil hat seine eigene Ausstrahlung. Neben vielen anderen ist das wohl auch ein Grund, warum Frauen viel häufiger als Männer nackt oder kaum bekleidet gezeigt werden. Die Frau in Unterwäsche neben einem Mann im Anzug ist auf Plakatwänden schon Routine. Neben anderen Ursachen folgt auch daraus, daß sich Frauen wesentlich mehr über ihren Körper definieren als Männer, denen überwiegend nur die Bekleidung bleibt.

Es ist kein Zufall, daß der Palmersmann so viel Aufsehen erregt hat, obwohl seine Darstellung, im Vergleich zu den üblichen Frauenbildern, total harmlos ist. Außerdem sprechen alle erotisch angehauchten Werbeaufnahmen nur Männer an. Bei der sprichwörtlichen „Nackerten auf der Stereoanlage“ ist es wohl klar und einsichtig. Nun sollte man aber meinen, daß z.B. der Palmersmann sich an Frauen wendet, umso mehr, als er von einer Frau photographiert wurde. Tatsächlich sind aber die Palmersjünglinge wieder aus männlicher Sicht und nach männlichem Geschmack abgebildet. Die Photographin hat sich nämlich das griechisch-männliche Schönheitsideal zum Vorbild genommen. Da aber die ganze griechische Kultur mit ihrer gesellschaftlich anerkannten Homosexualität und Knabenliebe auf Männer ausgerichtet war, entsprechen die Palmersmänner erst recht wieder der männlichen Auffassung von männlicher Schönheit.

Woher sollen nun die Männer wissen, wie sie für Frauen attraktiv aussehen? Woher sollen sie Anreize für eine eigene Geschmacksentwicklung beziehen? Mir ist es jedenfalls nicht klar.

Das Bild vom Marlboroughmann oder von Humphrey Bogart kann es jedenfalls nicht sein, denn das ist so ein einseitiges Bild, daß es nicht auf alle Männer zutreffen kann. Und selbst wenn Frauen meinen, davon angezogen zu werden, sind sie Opfer unserer auf Männer ausgerichteten Kultur und Erziehung geworden, jedenfalls wenn der klassische Macho-Typ das einzig wahre sein soll.

Ich bin davon überzeugt, daß Frauen größtenteils ganz andere männliche, körperliche Eigenschaften schätzen, ganz bestimmt andere, als den knallharten Blick, den muskulösen Oberkörper oder die ultra-coole Lässigkeit.

Wenn nun Männer versuchen, aus dem grau-in-grau der für sie bestimmten Mode auszubrechen, unterliegen sie sofort zwei Klischees: Entweder er ist ein arroganter Modegeck, analog den Frauen, die zwar hübsch aber daher dumm sein müssen, oder er wird zum Schwulen gestempelt. Ein „normaler“ Mann sieht jedenfalls nicht so aus.

Zur Kritik meines Körpers

Bevor ich auf die Fragen eingehe, die ich mir in diesem Zusammenhang stelle, möchte ich noch betonen, daß ich mich hier ganz bewußt auf Äußerlichkeiten beschränke. Soweit es ohne Verzerrung oder Einseitigkeit möglich ist, möchte ich nicht auf die ganze Komplexität von Geschlechterrollen und deren Ausprägungsformen eingehen, da das den Rahmen dieses Aufsatzes sprengen und ein ganzes Buch füllen würde.

Ich frage mich nun, wie ich mich und meine Persönlichkeit am besten in schönen, ästhetischen Formen ausdrücken kann. Die klassische, männliche Façon ist es sicher nicht, das bin einfach nicht ich. Ich will auch keine Frau sein, denn dazu ist das Mannsein viel zu aufregend und spannend. Meine Suche nach einer „neuen“ Männlichkeit, nach meiner persönlichen Androgynität, ist ein insgesamt sehr lustvolles Erlebnis, besonders sobald ich für das eine oder andere Problem eine Entwicklungsrichtung gefunden habe. Das kann ich allerdings von meinem körperlichen Selbstverständnis noch nicht behaupten.

Ich hätte gerne eine deutlichere Taille, weniger Hohlkreuz, dünnere Oberschenkel und keine Haare am Körper, um nur die krassesten Punkte aufzuzählen. Ich hätte eben so gerne weiblichere, harmonischere Formen.

Zur Theorie der Ästhetik

Nun muß ich aber doch einen Ausflug in die Geschlechterrollenthematik machen, um das gesagte zu verdeutlichen, bzw. zu deuten.

Für mich steht fest, daß Frauen, auf Grund ihrer Erziehung, bei Partnersuche, Beziehungen und Sexualität ausgeglichener und unabhängiger sind als Männer. Das Verlassenwerden verkraften Frauen besser, sie stehen weniger unter dem Aufrißzwang der Männer und sie haben nicht so eine Berührungsangst vor dem gleichen Geschlecht. Die Erklärung dafür würde wieder mal zu weit führen, ist aber nachzulesen in meinem Aufsatz „Das Mannsbild in der Werbung“. [**] Wenn ich nun mit meiner Theorie der größeren Unabhängigkeit von Frauen recht habe, dann folgt daraus, daß ich beim Anblick von solchen Frauen deren Ausstrahlung auffasse und Vergleiche mit mir selber anstelle. Und daß ich nicht zu den unabhängigsten und ausgeglichensten Menschen zähle, werden selbst unaufmerksame Leser/-innen bemerkt haben.

Es könnte also durchaus sein, daß es mir gar nicht so sehr auf die äußeren Attribute ankommt, sondern auf die Ausstrahlung von Frauen, wobei ich eine abenteuerliche Gleichung, bzw. Ungleichung, aufstelle: „Auf mich angenehm wirkende Frau = ausgeglichene Frau / ich = ich will auch ausgeglichen sein“.

Die verallgemeinerte Form dieser Ableitung lautet also: „Ästhetik = Ausstrahlung = Vergleich mit sich selbst“. Somit wäre Ästhetik also kaum objektivierbar, es kommt immer auf die urteilende Person an. Dazu ein einfaches Beispiel:

Fußball und Autorennen. Wenn auch gerade hier die Geschlechtsrollensozialisation eine große Rolle spielt, so ist es auch eine Frage der Ausstrahlung, der Ästhetik, wie z.B. die genannten Sportarten auf Menschen wirken. Wer Aggression, Konkurrenz und Kämpfertum in sich hat oder in sich haben will, wird sich bestätigt fühlen und sowohl Ästhetik als auch Schönheit darin erkennen können. Im umgekehrten Fall wird wohl Desinteresse oder Ablehnung die Reaktion sein.

So gesehen ist mein eingangs geschildertes Problem gar keine Frage des Geschlechtsneides, sondern des Harmonieneides. Und die Fähigkeit, mit sich selbst und der jeweiligen Umwelt in Zufriedenheit zu leben, hängt mit dem Geschlecht nur über die Verhaltensregeln der Geschlechterrollen zusammen.

Zur Praxis der Veränderung

Und wie kann ich diese Theorie in die Praxis umsetzen? Wie kann ich für mich etwas daraus machen?

Ich muß wohl versuchen, mehr in mich hineinzuhören, sowohl die ausgeglichenen als auch die unausgeglichenen Stimmungen bewußter zu erleben. Gelegentlich gelingt es mir schon, dann kommt alles von selbst. Beim Tanzen, zum Beispiel, wenn ich alle Leute um mich herum (fast) vergesse und nicht für die anderen, sondern für mich tanze. Dann traue ich mich, mich viel freier zu bewegen. Dann vergesse ich die „Verbote für Männer“, z.B., zu viel mit den Hüften zu schwingen, die Hände nicht zu hoch zu heben oder immer alles unter Kontrolle zu haben. Oder ich trage Kleidungsstücke, die meinem Geschmack und meiner Stimmung entsprechen, nicht aber unbedingt meinem männlichen Ideal.

Oder ich trage ein feminines Flinserl im Ohr, oder ich betrachte mich ausgezogen vor dem Spiegel, um mich einmal körperlich kennenzulernen.

Das alles ist eine Gratwanderung zwischem gesundem Selbstverständnis und Narzißmus, aber ich werde das Gefühl nicht los, daß mir ein wenig mehr Narzißmus sehr gut tut.

Und irgendwann werde ich mit der U-Bahn von Heiligenstadt zum Karlsplatz fahren und ohne einem flauen Gefühl aussteigen ...

[*Männerkalender 1984, Hilden, Kollektiv Männerröte, 1984 bei: Sonntag, 5. Februar 1984.

[**noch nicht veröffentlicht, kann aber bei mir bestellt werden.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1984
Autor/inn/en:

Robert Glattau:

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