FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1978 » No. 299/300
Norbert Schausberger

Anschluß 1918

Deutschlands erster Griff nach Österreich

Zu den letzten Wehen der Kaiserreichs gehörte in den Anfangstagen des November 1918 auch der erste Anschlußversuch. Der Klagenfurter Historiker Norbert Schausberger, Professor an der dortigen Universität und Verfasser des Standardwerks über die Geschichte des Anschlusses (Der Griff nach Österreich, Wien 1978, Verlag Jugend und Volk), gibt eine prägnante Skizze dieser „verdrängten" Episode deutscher Expansion.

Zügellosigkeit der Zuspätgekommenen

Im Zeitalter des Imperialismus können wir prinzipiell zwei Kategorien von Großmächten unterscheiden, die sich an der Aufteilung der Erde beteiligten: Die saturierten Mächte, die im wesentlichen ihre Herrschaftswünsche in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfüllt sahen und ihren Besitzstand erhalten wollten — und die „zu spät gekommenen“ Großmächte, die wie im Falle des Deutschen Reiches zuerst ihre nationale Einigung vollziehen mußten, bevor sie sich an der Weltaufteilung beteiligen konnten. Dieser Umstand führte dazu, daß im kaiserlichen Deutschland — vor allem nach dem Abgang Bismarcks — die imperialistischen Tendenzen viel vehementer und zügelloser durchschlugen als in anderen Ländern, noch dazu, wo der bemerkenswerte ökonomische Aufstieg des geeinten Zweiten Reiches einen unstillbaren Drang von Großkapital und Großindustrie nach neuen Rohstoff- und Absatzräumen hervorrief.*)

Ideologisch verbrämt wurde die deutsche Weltmachtpolitik durch die Lehre vom Lebensraum. Sie ging davon aus, daß erst der Besitz eines großen, wirtschaftlich auswertbaren Territoriums, das zugleich Siedlungsmöglichkeiten für ein „Volk ohne Raum“ gewährleistet, das entscheidende Attribut für eine Weltmachtstellung darstellt. [2] In zahlreichen Darstellungen wurde bereits Ende des 19. Jahrhunderts von deutscher Seite dieser Anspruch erhoben und mit verschiedenen pseudowissenschaftlichen Theorien und Thesen zu untermauern versucht. Nicht erst seit Hitler sind daher in die Begründungsmotivation nach Lebensraum und Expansion auch sozialdarwinistische, geopolitische und rassenideologische Ansätze eingeflossen: Wir finden sie, wenn auch in anderer Form, schon am Vorabend des Ersten Weltkrieges in Deutschland.

Die Stoßrichtungen der deutschen Wirtschaft und politischen Führung, zu der die Bestrebungen des Generalstabs kamen, ein Vorfeld für den unvermeidlich gehaltenen „Großen Krieg“ zu gewinnen, gingen praktisch nach allen geographischen Richtungen. Selbst Max Weber bekräftigte die angebliche deutsche „Verantwortung vor der Geschichte“, die es den Deutschen zur Pflicht mache, Weltpolitik zu treiben und nicht abseits zu stehen bei dem Wettlauf der Völker um den „Platz an der Sonne“. [3]

Ausgangspunkt bei diesen Bestrebungen war aber gar nicht mehr das „Reich an sich“, sondern der Begriff eines „germanischen Mitteleuropa“, [4] der ein geschlossenes deutsches Siedlungsgebiet meinte, das die umliegenden Wirtschafts- und Lebensräume integrieren sollte. So gab es sowohl eine Aspiration auf den heutigen Benelux-Raum als auch auf ein „germanisches Nordeuropa“. Weitaus am stärksten allerdings kam der Drang nach Osten und Südosten zur Geltung. Hier schien die Zukunft zu liegen.

  • Große, zum Teil dünn besiedelte Gebiete mit vielen unerschlossenen Rohstoffen.
  • Das Überlegenheitsgefühl der aufstrebenden deutschen Macht gegenüber der zurückgebliebenen Entwicklung in diesen Räumen.
  • Die geopolitische Lage dieser angrenzenden Gebiete als Basis für den Ausgriff in weitere Kolonialräume, wie z.B. den Nahen Osten.
  • Die Möglichkeit, unabhängig von gefährdeten, weiten überseeischen Verbindungen, in nächster Nähe von „Mitteleuropa“ ein Imperium aufzubauen.
  • Die vermeintliche „Kulturbringer“-Funktion der deutschen Nation gegenüber den Slawen und anderen „minderwertigen“ Völkern.

Österreich — Brücke für den deutschen Stiefel

Ein typisches Zitat unter tausend möglichen:

Der Drang nach Osten, der Millionen Deutsche die Morgenseite des deutschen Vierecks in Mitteleuropa überschreiten hieß, der unsere Kulturpioniere bis an die Wolga und in den Kaukasus führte, dem die Sprachinselflur vom Baltikum bis zum Banat, von der schwäbischen Türkei im Drau-Donau-Eck bis zur Dobrudscha, von der Gottschee bis zur Zips, von Wolhynien bis zum Siebenbürger Sachsenland ihr Dasein dankt, ist keine Verirrung; er entspringt dem sicheren Gefühl für die Richtung des geringsten Widerstandes und für die Gegend zwar nicht unbegrenzten, doch immerhin reicher und mannigfacher Möglichkeiten. Die Natur selbst hat uns den Weg nach Südosten gewiesen: dahin fließt die Donau, die das südliche Mitteleuropa beherrscht, dahin führt stromauf jeder Talweg, der gleichmäßig nach Nordwesten gerichteten norddeutschen Ströme, dieser Verbindung dienen die uralten, doch moderner Vervollkommnung harrenden künstlichen Wasserwege von der Mutter Donau zum Vater Rhein. [5]

Die kontinentale Hauptexpansionsrichtung des Deutschen Reiches lag also eindeutig nach dem Osten und Südosten Europas. Daß in diesem Zusammenhang das Problem Österreich-Ungarn nicht zu umgehen war, lag auf der Hand.

Ein Blick auf die Landkarte Europas zeigt auch dem politisch-historisch Unbefangenen, daß deutsche Ausweitungstendenzen nach Südosteuropa über den geopolitisch-strategischen Zentralraum des Wiener Beckens gehen müssen — übrigens ein Faktor, der auch in der gegenwärtigen österreichischen Neutralitätssituation viel zuwenig beachtet wird. Das Wiener Becken ist nun einmal durch die ganze europäische Geschichte hindurch eine der Schlüsselstellen für die Beherrschung nicht nur Mitteleuropas, sondern des ganzen Kontinents. „Wer in Wien sitzt, hat Europa“ ist nicht bloß ein geflügeltes Wort, sondern hat handfeste historische Bedeutung von der Völkerwanderung über das Habsburgerreich bis zu den Türkenkriegen, Napoleon und Hitler.

Heute ist es ein Symbol für ein geteiltes Europa, in dem diese Schlüsselstelle neutralisiert ist.

Der Wilhelminische Imperialismus war sich der Bedeutung des Donau-Alpen-Raumes völlig bewußt. So gesehen gewinnt auch der Zweibund eine völlig andere Dimension: Das Bündnis zwischen dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn präsentierte sich bei dem expansionistischen Hintergrund der Wilhelminischen Außenpolitik als ein Versuch, über die Donaumonarchie den Weg nach dem Südosten anzutreten. Das Habsburgerreich sollte dem „Drang nach Osten“ die Tür öffnen, indem der wirtschaftliche, kulturelle und politische Einfluß der jahrhundertelangen Kulturarbeit Österreichs für die deutschen Weltmachtpläne ausgenützt werden sollte. [6] Der Verbündete war teilweise bloß ein Objekt für eine größere Konzeption, die schon a priori von einer wünschenswerten Teil- oder Vollintegration dieses Sprungbretts in das Deutsche Reich ausging. „Brücke nach Südosteuropa“ — das ist die bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges in voller Offenheit zum Ausdruck gekommene Funktion des Zweibund-Partners für das Deutsche Reich.

Ostmarkteutonen:
„Grüne“ Heimwehr (oben); braune Nazis (rechts oben [hier: unten]) feiern nach vollzogenem Anschluß die Salzburger Volksabstimmung von 1921 (Gedenktafel)

Erst Verbündeter, dann Schutzstaat, dann Opfer

Aus den Tagebüchern Kurt Riezlers, des Intimus und entscheidenden Beraters des deutschen Reichskanzlers Bethmann-Hollweg, geht bereits 1914 eindeutig hervor, daß es ein deutsches Kriegsziel war, die eigene Machtbasis über Österreich hinaus zu erweitern: „Abends langes Gespräch [mit dem Reichskanzler] über Polen und die Möglichkeit einer loseren Angliederung von anderen Staaten an das Reich — mitteleuropäisches System von Differentialzöllen. Groß-Deutschland mit Belgien, Holland, Polen als engen, Österreich als weiteren Schutzstaat.“ [7] Unter deutscher Führung wurde bereits damals eine wirtschaftliche Hegemonie Deutschlands über Mitteleuropa als erste Etappe, ein daran anschließendes Ausgreifen über ganz Europa als nächste Stufe anvisiert.

Es ist daher völlig verfehlt, erst die nationalsozialistische Expansion als ersten Schritt auf dem Weg nach Südosten anzusehen — vielmehr ergibt sich eine unwiderlegbare Kontinuität dieser Bestrebungen seit dem Wilhelminischen Imperialismus. Besonders bemerkenswert ist dabei die Tatsache, daß der engste Verbündete des Deutschen Reiches und sein treuester Kriegsgefährte von vornherein nicht als gleichwertiger Partner, sondern als Quantité négligeable und letzten Endes als Opfer einkalkuliert war. Eine deutsch-national orientierte österreichische Geschichtsschreibung ist an diesen Fakten allzulange vorbeigegangen und hat ein von Anschlußeuphorie überlagertes Bild dieser doch sehr signifikanten Entwicklungen gezeichnet. Erst seit den Arbeiten Ludwig Jedlickas und Karl R. Stadlers wird der Stellenwert im deutsch-österreichischen Verhältnis vor und während des Ersten Weltkrieges ins richtige Lot gebracht.

Der Krieg selbst war es schließlich, der die deutschen Intentionen bloßlegte und auch den österreichischen Führungsgremien klarmachte. Die massive offizielle Propaganda von der „Nibelungentreue“ und „Schicksalsgemeinschaft“, die im Interesse der gemeinsamen Kriegführung forçiert wurde, blieb lange Zeit das einzige Auskunftsmittel über die Kriegsereignisse. Die offiziellen, aber unter Verschluß gelegenen Akten sprechen allerdings eine andere Sprache.

Anschlußverhandlungen im Ersten Weltkrieg

Wir haben die immer offener zutage tretenden deutschen Aspirationen seit Kriegsausbruch schon aufgezeigt. Seit dem Frühjahr 1915 begann nun das Deutsche Reich offiziell Verhandlungen zwischen den beiden Verbündeten über eine Zollunion zu fordern, und die österreichisch-ungarischen Behörden konnten sich infolge der Kriegslage einer solchen Aufforderung nicht. entziehen. Allerdings wurden solche Pläne von seiten Wiens — trotz des Bündnisses — vielfach als Hochverrat angesehen und bewußt dilatorisch geführt. Es muß aber angemerkt werden, daß in gewissen Kreisen österreichischer Wirtschaftstreibender und ungarischer Agrarier ein wirtschaftlicher Zusammenschluß mit dem Deutschen Reich keineswegs unwillkommen schien und von diesen Interessengruppen ein Druck auf die an und für sich zögernde Haltung der Regierungsverhandler ausgeübt wurde.

Der ungarische Unterhändler Gustav Gratz erkannte klar, daß die Folge einer Wirtschaftsgemeinschaft beider Verbündeter letzten Endes auch den „kalten“ politischen Zusammenschluß bedeuten würde, als er sagte: „Die auf die wirtschaftliche Annäherung abzielenden Bestrebungen müssen an dem Punkte haltmachen, wo sie nur durch den Verzicht der einzelnen Länder auf ihr Selbstbestimmungsrecht oder durch Aufopferung ihrer lebenswichtigen wirtschaftlichen Interessen durchführbar wären.“ [8]

Auf Drängen der Berliner Regierung erhielten die beiderseitigen Verhandlungen über ein einheitliches deutsch-österreichisches Wirtschaftsgebiet ab November 1915 einen völlig offiziellen Charakter und besondere Dringlichkeit. Dabei gelang es aber den k. u. k. Delegierten mit außerordentlichem Geschick, konkrete Verhandlungsergebnisse immer wieder hinauszuschieben, indem sie die wechselnde Kriegslage für die Notwendigkeit oder Nichtnotwendigkeit einer bindenden Vereinbarung ausspielten. Von deutscher Seite allerdings wurde die österreichische Verhandlungsführung nicht akzeptiert, ab 1916 zugleich die Rechtsangleichung beider Monarchien gefordert und auch gemeinsame verkehrspolitische Maßnahmen urgiert.

Nach dem Tod von Kaiser Franz Joseph (21. November 1916) verschärfte sich der deutsche Druck zusehends, weil für Berlin nun auch der Aspekt des Auseinanderfalls des Habsburgerreiches hinzukam und man sich für diese Situation schon vertraglich abgesichert wissen wollte. Fürst Bülow konnte damals bereits ohne Widerspruch erklären: „Selbst wenn wir diesen Krieg verlieren sollten, werden wir die Partie doch gewinnen, denn wir werden Österreich annektieren.“ [9]

Im Jahre 1917 verloren die deutschen Unterhändler gegenüber der österreichischungarischen Hinhaltetaktik jede Geduld und forderten in beinahe ultimativer Form den ehesten Abschluß eines Zoll- und Wirtschaftsübereinkommens nach folgenden Hauptpunkten:

  • Aufhebung aller beiderseitigen Zwischenzölle zur völligen wirtschaftlichen Verbindung beider Reiche.
  • Totale rechtliche Angleichung beider Wirtschaftssysteme.
  • Einheitliches deutsch-österreichisches Tarif- und Verrechnungsschema.
  • Gemeinsame Handelspolitik unter deutscher Patronanz.

Trotz des drohenden deutschen Untertons und der Einschaltung der Außenminister beider Staaten gelang es der k. u. k. Delegation aber, einen Vertragsabschluß im Jahre 1917 noch zu verhindern. Nun schaltete sich in zunehmendem Maße die oberste deutsche Heeresleitung unter Ludendorff und Hindenburg in dieser Frage ein und deckte die eigentlichen Intentionen Berlins immer deutlicher auf. Sie ging davon aus, daß aufgrund der Erfahrungen des bisherigen Kriegsverlaufs Deutschlands Zukunft nur in einem blockadefesten, autarken Großraum liegen könne, dessen Kern ein deutsch geführtes Mitteleuropa sein müsse. Der permanente Druck der deutschen militärischen Führung führte nun tatsächlich dazu, daß es für die österreichisch-ungarischen Unterhändler keinen Ausweg mehr gab und im Juli 1918 in Salzburg die Verhandlungen vorläufig im Sinne der deutschen Wünsche beendet wurden, indem eine unterzeichnungsreife Vereinbarung von beiden Seiten akzeptiert wurde. Im Oktober 1918 sollte die Verifizierung des Vertrages und der Abschluß eines weitgehenden Wirtschaftsbündnisses zwischen beiden Staaten erfolgen. [10]

Inzwischen standen aber die Mittelmächte vor dem militärischen Zusammenbruch, die Donaumonarchie außerdem vor ihrem Zerfall — zu einer Vertragsunterzeichnung kam es daher nicht mehr. Die österreichische Taktik des Hinausschiebens eines so folgenschweren Aktes, die immerhin fast vier Jahre erfolgreich war, hatte sich als richtig herausgestellt.

Bierbauchbürgerkrieger:
Richard Steidle (links), Walter Pfrimer (rechts) schafften das Putschen 1928/31 nicht und mußten radikaleren Faschisten weichen

Einladung zum Einmarsch

Begreiflicherweise war die österreichische Verhandlungsführung von deutscher Seite mit immer größerer Verbitterung verfolgt worden, und das Mißtrauen dem Bündnispartner gegenüber hatte vor allem in der Sixtus-Affäre ein Ausmaß angenommen, das in der allerletzten Phase des gemeinsam geführten Krieges die deutsche Heeresleitung zum brutalen Vollstreckungsorgan und alleinig Handelnden machte. Der bevorstehende Zusammenbruch der Mittelmächte entfachte in Berlin eine hektische Aktivität in der Österreichfrage, da man im Sinne der Kompensationstheorie für die zu erwartenden Gebietsverluste noch rasch vor Kriegsende wenigstens die deutschsprachigen Gebiete der Habsburgermonarchie gewinnen wollte.

Jetzt dramatisierten sich die Ereignisse: Was 1917 nur als ultimative Drohung zu verstehen war — für den Fall eines einseitigen Ausscheidens von Österreich-Ungarn aus dem Krieg —, wurde jetzt zu einer wirklichen Aktion gegen den Verbündeten. Dabei spielte im Oktober 1918 auch die Sorge der deutschen Führung um ihre Südflanke eine Rolle, da man unbegreiflicherweise zu einem Zeitpunkt, als nach allen objektiven Indizien der Krieg bereits verloren war, noch Hoffnungen schöpfte. Diesen Überlegungen kam die chaotische Situation in der Donaumonarchie entgegen: Ende Oktober 1918 machten sich die ersten Auflösungserscheinungen in Armee und Verwaltung bemerkbar, die Frage nach der Zukunft der deutschsprachigen Österreicher stand im Mittelpunkt aller Überlegungen und mündete im allgemeinen in der Forderung nach einem Anschluß an das Deutsche Reich.

Es ist schon ausführlich über die österreichische Anschlußbewegung geschrieben worden, [11] hier sei nur vermerkt, daß die deutsch-österreichische Tendenz nach einem Zusammenschluß beider Staaten, die auch sehr stark von der Sozialdemokratie ausging, nur den deutschen Intentionen entgegenkam und große offizielle Aktivitäten von Berlin aus nicht notwendig machten.

Am 30. Oktober 1918 richtete der deutsch-österreichische Vollzugsausschuß in Wien daher auch eine Bitte an die Regierung in Berlin, zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung und zur Sicherung des Staatsgebietes Waffenhilfe zu gewähren. Dies geschah allerdings bloß unter dem Eindruck der inneren Unruhen und der ungeklärten äußeren Verhältnisse, keineswegs aber, um einen sofortigen Anschluß herbeizuführen. Außerdem waren keinerlei Modalitäten festgelegt und keine definitive deutsche Zusage erfolgt.

Aber die deutsche Oberste Heeresleitung schaltete schnell: Als am 3. November 1918 Österreich-Ungarn in der Villa Guisti den Waffenstillstand unterzeichnete, der u.a. auch die italienische Besetzung Südtirols vorsah, erteilte Ludendorff dem in voller Kriegsausrüstung befindlichen bayrischen Alpenkorps den Befehl, in Westösterreich einzurücken, um die „deutsche Südflanke“ zu schützen.

„Mit Waffengewalt den Weg bahnen“

Obwohl das österreichische Hilfeansuchen vom 30. Oktober vier Tage später widerrufen worden wurde, [12] marschierten die deutschen Truppen in der Stärke von 35.000 Mann am 5. November 1918 in Tirol und am folgenden Tag in das Bundesland Salzburg ein. Die deutsche Oberste Heeresleitung ging dabei konform mit dem bayrischen Kriegsministerium, nicht unbedingt aber mit der Reichsregierung, die politische Schwierigkeiten wegen der künftigen Waffenstillstandsverhandlungen mit den Alliierten voraussah. Am Einmarschtag ließ der kommandierende General des bayrischen Alpenkorps, Kraft von Dellmensingen, folgenden Aufruf anschlagen: [13]

Tiroler Volk! Das Bayrische Kriegsministerium in München hat dem Präsidenten des Tiroler Nationalrates am 5. November ¾11 Uhr nachts folgende Depesche übermittelt: Die Waffenstillstandsbedingungen zwischen Österreich und der Entente zwingen uns, zur Sicherung unserer Landesgrenzen Truppen nach Nordtirol zu schicken. Gleichzeitig sollen die Truppen mithelfen, um den Abfluß aufgelöster Teile des österreichischen Heeres nach Osten zu ordnen und das Land vor Zuchtlosigkeit zu schützen. Unsere Vorhuten überschreiten am 5. November die Grenze. Stärkere Kräfte werden folgen. Wir kommen als Freunde und erwarten, daß unseren Bewegungen keine Hindernisse von seiten des deutsch-österreichischen Nationalrates und der österreichischen Kommandobehörden in den Weg gelegt werden. Sollte das trotzdem der Fall sein, so sind unsere Truppen angewiesen, sich mit Waffengewalt den Weg zu bahnen.

Die deutschen Okkupanten rückten bis Landeck vor und waren offensichtlich auch mit der Überlegung einmarschiert, die Brennergrenze sichern zu müssen, d.h., sie gingen von der Voraussetzung eines baldigen Vollzugs des Anschlusses aus. Der drohende Ton der Schlußsätze des „freundschaftlichen Aufrufes“ ließ die Tiroler erkennen, daß die Deutschen in fremdem Interesse ins Land kamen. Der Tiroler Nationalrat mußte sogar die Bevölkerung warnen, „daß jede unfreundliche Handlung gegenüber den Angehörigen des Deutschen Reiches“ unterbleiben möge [14] — so wenig Begeisterung wurde dem Einmarsch entgegengebracht.

Ebenso verlief die deutsche Aktion in Salzburg. Einen Tag nach der Invasion in Tirol überschritten Verbände des bayrischen Alpenkorps die Landesgrenze, um die Alpenpässe in die Hand zu bekommen. Der Salzburger Landesrat richtete in Anbetracht der negativen Haltung der Bevölkerung am 6. November an das Wiener Außenamt zwei Depeschen: [15]

[1.] Bayerische Truppen heute gegen Protest der autonomen Salzburger Landesregierung Durchfahrt durch Salzburg zur Besetzung der Pässe erzwungen. Widerstand infolge militärischer Auflösung unmöglich.

[2.] Da eminente Gefahr für Stadt und Land Salzburg besteht, daß Salzburg Kriegs-, eventuell Operationsgebiet wird, bitten Vertreter des Landesrates Salzburg, der Entente den Protest der Salzburger Behörden gegen Einmarsch deutscher Truppen über die Grenzen des vollkommen wehrlosen Salzburg sofort zu notifizieren.

Aus allen Berichten über den deutschen Einmarsch in Westösterreich geht die entschlossene und keineswegs freundschaftliche Haltung der Okkupanten sowie die verängstigte Reaktion der Bevölkerung hervor. Im November 1918, als der erste militärische Griff Deutschlands nach Österreich erfolgte, gab es also alles andere als einen „Blumenfeldzug“ wie 1938.

Salzburger Nazis
erinnern sich nach dem Anschluß im Frühjahr 1938 an den ersten Anlauf mit der Anschlußvolksabstimmung im April 1921

Viktor Adler protestiert

Aufgrund der unerhörten deutschen Provokation, die ohne Rückfrage mit der Wiener Regierung erfolgte, sowie der Unmutsäußerungen aus Tirol und Salzburg wurde nun auch das Staatsamt des Äußeren unter Viktor Adler aktiv und protestierte sowohl in Berlin als auch über die Vertretungen im neutralen Ausland bei den Alliierten Mächten gegen den deutschen Einmarsch. An den österreichischen Vertreter in der deutschen Reichshauptstadt wurde am 6. November 1918 folgendes Telegramm gerichtet: [16]

Laut Meldungen, die dem AOK [Armee-Oberkommando] zugegangen sind, wären deutsche Truppen einerseits über Innsbruck nach dem Brenner und andererseits über Freilassing nach Salzburg und Gastein im Anrollen begriffen. Nachdem diese militärische Maßregel, die ohne unser Vorwissen erfolgte, für uns die Folge zeitigen würde, daß der Rücktransport unserer Truppen von der Südtiroler Front ernstlich behindert würde, und da überdies die Befürchtung naheliegt, daß die Entente daraus eine Verletzung der unsererseits eingegangenen Waffenstillstandsbestimmungen konstruieren könnte, hat das AOK bei der OHL [Oberste Heeresleitung] hingegen formell protestiert.

Direkte Maßnahmen gegen die Okkupationstruppen konnten infolge der chaotischen Verhältnisse im Trubel des Zusammenbruchs der Monarchie und der Auflösungserscheinungen in der Armee nach dem Waffenstillstand nicht ergriffen werden. Die österreichischen Behörden waren auf die Hilfe des Auslandes bzw. auf das zu erwartende Ausscheiden Deutschlands aus dem Krieg angewiesen. Da nun das Deutsche Reich in den ersten Novembertagen 1918 selbst in den Strudel des Zusammenbruchs trieb (Umstürze in Berlin und München, Ausrufung des „Freistaates Bayern“ am 8. November, Abdankung Wilhelms II. am 9. November) und seit 8. November Waffenstillstandsverhandlungen führte, entpuppte sich die aggressive Aktion gegen den Bündnispartner als Versuch, mit untauglichen Mitteln zum ungeeigneten Zeitpunkt etwaige Folgen eines Friedensschlusses auszugleichen.

Eine der Hauptbedingungen bei den Verhandlungen über einen Waffenstillstand mit Deutschland war die Forderung der siegreichen Alliierten, daß die deutschen Truppen unverzüglich alle fremden Territorien zu verlassen hätten. Das galt implizit auch für Westösterreich, und die Ententemächte urgierten expressis verbis das Verlassen von Tirol und Salzburg.

Ludendorff: „Wertvoller Ausgleich“

Um durch eine Okkupation in den allerletzten Tagen des Krieges nicht in eine noch schlechtere Verhandlungsposition mit den Siegern zu geraten, wegen der österreichischen Proteste und infolge der unfreundlichen Haltung der Tiroler und Salzburger Bevölkerung entschloß sich die deutsche Führung, die Invasion abzubrechen und das bayrische Alpenkorps wieder zurückzuziehen. Bereits am 8. November begann der Rückmarsch der deutschen Kampfverbände, und am 11. November hatten die letzten Okkupationstruppen Westösterreich wieder verlassen — sehr zur Erleichterung der betroffenen Bevölkerung.

So ging in den bewegten Tagen des November 1918 eine — damals in der Welt-Öffentlichkeit kaum registrierte — Episode zu Ende. Es fällt schwer, zu entscheiden, was beklemmender wirkt — die Rücksichtslosigkeit gegenüber dem Bündnis- und Kriegspartner oder die hochmütige Fehleinschätzung der allgemeinen politischen und militärischen Lage. Wenn Ludendorff noch am 14. Oktober an das deutsche Außenamt schreiben konnte, daß der Anschluß Österreichs „ein wertvoller Ausgleich für die Enttäuschungen“ sein würde, die „uns der Krieg auf anderen Gebieten bringt“, [17] und Kaiser Wilhelm II. am selben Tag, also nachdem schon ein deutsches Waffenstillstandsangebot an Präsident Wilson abgegangen war, Überlegungen über Österreich anstellte, in denen von einem raschen Anschluß Deutsch-Österreichs die Rede ist („Damit würde das alte Österreich aufhören zu existieren und das Kaisertum ebenfalls“), [18] so zeigt sich die Kontinuität des deutschen Expansionsstrebens, und zugleich der wirkliche Stellenwert, den das Bündnis beider Monarchien gehabt hatte. Österreich war mehr Objekt als Partner, mehr benützt als ernstgenommen.

Gewiß gibt es noch andere Aspekte im deutsch-österreichischen Verhältnis vor dem Zusammenbruch der beiden Kaiserreiche, und man soll die politisch dilettantische Aktion der Obersten Heeresleitung nicht überschätzen — trotzdem wird gerade durch sie der wahre Hintergrund der deutschen Machtbestrebungen deutlich aufgezeigt. Ein Mosaikstein, der sich nahtlos in eine jahrzehntelange deutsche Weltmachtpolitik einfügt, die vom Wilhelminischen Imperialismus über die Weimarer Republik bis zum Nationalsozialismus reicht.

*) Sowohl in der deutschen als auch in der österreichischen Historiographie werden heute die Zusammenhänge um die Entfesselung des Ersten Weltkrieges bzw. um die Auflösung der Habsburgermonarchie in einem neuen Licht gesehen und daher auch anders interpretiert als noch vor geraumer Zeit. Da vieles aus diesen neuen Erkenntnissen inzwischen wenigstens teilweise in das Bewußtsein der historisch Interessierten gedrungen ist — wozu vor allem die Werke von Fritz Fischer, Andreas Hillgruber, Hans Ulrich Wehler, Imanuel Geiss u.a. beigetragen haben, [1] soll hier auf weniger bekannte Entwicklungen im deutsch-österreichischen Verhältnis vor 1919 hingewiesen werden.

[2R. Hilferding: Das Finanzkapital, Frankfurt 21968

[3F. Fischer: Krieg der Illusionen, a.a.O. S. 777

[4F. Naumann: Mitteleuropa, Berlin 1915

[5G. A. Lukas: Begriff und Wesen Österreichs, Linz 1935, S. 34 f

[6M. Schausberger: Der Griff nach Österreich, Wien/München 1978, S. 10

[7K. D. Erdmann (Hrsg): a.a.O., S. 409 f

[8J. Galantai: Kriegszielpolitik der österreichisch-ungarischen Monarchie im 1. Weltkrieg und die ungarische Regierung, in: Österreich-Ungarn 1867-1967, Wien 1970, S. 145

[9W. d’Ormesson in Le Temps am 30, April 1938

[10E. Scheffer: Österreichs wirtschaftliche Sendung, Wien/Leipzig 1927, S. 50

[11Zuletzt siehe: N. Schausberger, a.a.O. S. 29 ff

[12A. Staudinger: Die Ereignisse in den Ländern Deutsch-Österreichs im Herbst 1918, in: L. Jedlicka: Ende und Anfang Österreich 1918/19, Salzburg 1969, S. 72

[13L. Jedlicka: Ende und Anfang — Österreich 1918/19, Salzburg 1969, Bildteil Nr. 96

[14Schulthess’ Europäischer Geschichtskalender 1918, München 1922, S. 101

[15K. R. Stadler: Hypothek auf die Zukunft. Entstehung der österreichischen Republik 1918-1921, Wien 1968, S. 81

[16Ebenda, S. 82

[17N. Schausberger, a.a.O., S. 33

[18Ebenda, S. 34

[1Siehe vor allem: F. Fischer: Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des Kaiserlichen Deutschland 1914/18, Düsseldorf 41977; F. Fischer: Krieg der Illusionen. Die deutsche Politik von 1911-1914, Düsseldorf 21970; A. Hillgruber: Deutsche Großmacht und Weltpolitik im 19. und 20. Jh., Düsseldorf 1977; I. Geiss: German Foreign Policy 1871-1914, London 1976; H. U. Wehler: Das Deutsche Kaiserreich 1871-1918, Göttingen 1973; K. D. Erdmann (Hrsg.): Kurt Riezler, Tagebücher, Aufsätze, Dokumente, Göttingen 1972

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1978
, Seite 60
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Norbert Schausberger:

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