G.A.: Was gibt es, dass du mich anrufst?
G.O: Was würdest du sagen, wenn jemand behauptet: „Anders zufolge ist ,nur das Falsche das Richtige!‘“
A: Das war nicht ich.
O: Ich weiß.
A: Du darfst nicht immer alles glauben, was irgendwer über mich sagt.
O: Das ist mir bewusst, seit einmal sogar in Wikipedia zu lesen war, Du hättest Eatherly als den Piloten ausgegeben, der Hiroshima bombardiert hat. Diesmal war es aber kein Irgendwer, sondern einer der besten Kenner Deiner Schriften, wenn nicht der beste.
A: Wikipedia ist also tatsächlich ganz unverlässlich.
O: Im Gegenteil: Als ich ihn aufgeklärt hatte, beeilte sich der Wikipedianer, es selbst zu berichtigen. Auch sonst funktioniert dort die Eingangskontrolle recht gut und macht die online-Enzyklopädie sehr zuverlässig. Übrigens ist der nämliche Lapsus auch einer leibhaftigen Frau Univ.-Prof. unterlaufen: Zwei Jahre, bevor sie in die Jury des Anders-Preises 2024 berufen wurde, hatte Petra Gehring im Rundfunk ganz arglos bekannt:
Mein persönliches Lieblingsbuch ist der Briefwechsel von Anders mit Claude Eatherly, dem Piloten, der die Bombe abwarf, in gewisser Weise dem Menschen, der den Auftrag hatte, den Knopf zu drücken oder auszulösen. Und dieser Briefwechsel ist interessanterweise doch eher vergessen – vielleicht werden Briefwechsel heute nicht mehr so gerne gelesen – den würde ich auf jeden Fall empfehlen. [1]
A: Auch so eine flüchtige Leserin, die ihre Phantasie mit der Realität verwechselt.
O: Naja, sie hat fünfzehn Vorlesungen „Hegel denken“ gehalten. So eine Serie dürfte bei flüchtiger Lektüre kaum möglich sein. An diesem Irrtum bist Du nicht ganz unschuldig, denn um Eatherlys Rolle richtig einzuschätzen, muss man schon sehr genau hinschauen. Ab der ersten Ausgabe eures Briefwechsels [2] wurde er als „Hiroshima-Pilot“ bezeichnet und in „Hiroshima ist überall“ lauten die lebenden Kolumnentitel über den ungeraden Seiten des Briefwechsels noch pedantischer irreführend: „Briefwechsel mit dem Hiroshima-Piloten Eatherly“.
A.: Die Formulierung stammt von den Verlagen, die hielten das für zugkräftig.
O: In den Fahnen hast Du es stehen lassen – damals wirst Du ja die Korrekturen noch gelesen haben. Wer denkt schon bei „Hiroshimapilot“ an den Wetterfrosch, der er als Flugzeugführer eines Voraus-Flugzeuges war, das die freie Sicht auf das Bombenziel zu überprüfen hatte. Der wahre Sachverhalt, dass er das go ahead-Zeichen für den Bomber zu geben hatte, findet sich gut versteckt in der Tiefe Deines ersten Briefs an Eatherly. – Das Theaterstück „Der Wetterpilot“ von Gert Heidenreich [3] war trotz des unaufgebauscht realitätsnahen Titels ein gern gespielter Bühnenerfolg. Der reißerische „Hiroshimapilot“ war sogar werbetechnisch unnötig.
A: Woher weißt du so genau, was sie gesagt hat? Warst du dabei?
O: Nein, Dries erzählte mir damals stolz von seinem Rundfunkgespräch mit ihr und Konstantin Sakkas, das ein Alexander Wasner moderiert hatte, und schickte mir den Link. Ich habe das Tonfile im Computer. – Wenn Du es abhören möchtest.
A: Hat er die falsche Behauptung nicht richtiggestellt?
O: Er habe das Gespräch nicht auf Nebengleise führen und sie nicht bloßstellen wollen, sagte er.
A: Lieber hat er die üble Nachrede auf mir sitzen lassen. Wahrheit ist ihm nicht wichtig. Hat Dein angeblich bester Kenner meiner Werke gesagt, woher er „nur das Falsche ist das Richtige“ hatte? Wer war es überhaupt?
O: Es war zufällig der nämliche Christian Dries und er ist einer der genauesten Kenner deiner Werke. Nicht umsonst hat er Magisterarbeit und Dissertation, mehrere Bücher und noch mehrerere Artikel über dich geschrieben. Über „Urteilskraft“ hat er sich kürzlich habilitiert.
A: Es kommt ja öfters vor, dass jemand sein persönliches Problem theoretisch thematisiert. Wo hat er diesen Unsinn von sich gegeben?
O: In seiner Begrüßung der Festgäste zur feierlichen Verleihung des Günther Anders-Preises. Dabei hat er diese Passage auch noch über den Klee gerühmt – als Beispiel für den „radikalen, scharfsinnigen, polemischen Blick“ Deiner „kompromisslosen Philosophie der Ambivalenzen, Paradoxien und Abgründe des so genannten Fortschritts“.
A: Solche Haufen an bewunderungsvollen Epitheta, mit denen er mich da bewirft, müssen generell misstrauisch stimmen. Möchte er einfach frappieren? Diesfalls mit dem frappierend Unlogischen, das er kritiklos als meine angebliche Lehre verkauft? Auf kritiklose Jüngerschaft und ein Publikum, das alles schluckt, kann ich gerne verzichten. Du hast natürlich sofort widersprochen.
O: Das war nicht gut möglich, ich war ja nicht dort. Wolfgang Beck hat mir die Festschrift zuschicken lassen, deshalb weiß ich davon.
A: So habt Ihr Euch endlich versöhnt.
O: Neinein, zu einer Versöhnung braucht es etwas mehr, als eine wortlos versöhn-liche Geste, als wenn nichts gewesen wäre. Nicht einmal bedankt habe ich mich.
A: So ungezogen kenne ich Dich gar nicht.
O: Ich wußte einfach nicht, wie ich ihn nach dem Anwurf, ich hätte seinen Schützling verleumdet, noch höflich anreden könnte; zumal er die Antwort auf meine Frage, was ich denn Falsches behauptet hätte, schuldig blieb. Mit der Anders-Gesellschaft will ich aus guten Gründen nichts mehr zu tun haben, möchte aber ihren Aktivitäten, dem Preis und den Tagungen in Deinem Namen nicht schaden. Deshalb war ich schon willens, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Allerdings hat Dries meinen Vorsatz inzwischen reichlich strapaziert.
A: Was hat das alles mit dieser Festansprache zu tun?
O: Gar nichts.
A: Dann lass das jetzt. Weißt Du, ob sonst jemand seiner ahnungslosen Behauptung widersprochen hat?
O: Vielleicht im Schaudiskutieren am Ende des Festakts, das ist nicht abgedruckt. Es gibt ein Video, in das ich nur hineingeschaut habe, weil ich bei dieser Iteration meinen Augen nicht glaubte trauen zu können.
A: Dass bei dieser inferioren Behauptung nicht sofort jemand Einspruch erhoben hat, beweist die Inferiorität der Festgäste. Aber warum sagst Du „Iteration“?
O: Wenn das Falsche das Richtige wäre, dann wäre ja diesem Richtigen sein Falsches als Richtiges entgegenzusetzen, wobei dessen Richtigkeit nur wieder seine Falschheit bewiese. Logisch eine undurchschaute Iteration.
A: Warum so kompliziert. Es ist noch nicht einmal eine Iteration und kommt nicht auch nur in die Nähe einer Logik. Wenn das Falsche das Richtige ist, dann ist dieses wieder das Falsche, so weit siehst Du richtig. Es bleibt aber, kurzschlüssig, nur eine Gleichung mit sich selbst, mit dem selben anfänglich Falschen. Iteration besteht aber in der Wiederholung des Gleichen, nicht des Selben, z.B. dass wir die Sinnfrage immer zur nächsten Stufe weiterschieben müssen: Wenn etwas Sinn für etwas Anderes haben soll, dann ist zu fragen, wofür dieses Andere Sinn hat und so weiter ad infinitum, da gibt es bei einem Gott, auch bei Hegels Weltgeist, kein Halten: Ist man bei etwas angekommen, für das alles andere Sinn hat, kann immer noch gefragt werden und muss daher gefragt werden, wofür dieses Etwas Sinn hat: An dieser Stelle von einem „Sinn von allem“ zu schwafeln, ist keine Lösung, sondern Kapitulation statt Denken, willkürliches Abbrechen der Iteration ohne zureichende Begründung. Der Satz „Nur das Falsche ist das Richtige“ wiederholt nur sich auf der selben Stufe, und wer ihn sagt, der beweist, dass er richtig und falsch nicht unterscheiden kann oder will. Das ist der höchste Grad sprachlicher und moralischer Verwahrlosung. Wer das mir nachsagt, hat noch nie etwas von mir verstanden.
O: Du übertreibst wieder „in Richtung Wahrheit“. Hat er sich halt einmal geirrt.
A: Das ist keine Kleinigkeit: Bester Kenner bezichtigt deklarierten Liebhaber der Wahrheit, [4] mit dem Falschen unsittlich zu verkehren. Dieser „beste Kenner“, Dein Dries, könnte Mee sein, der Wahr und Falsch verwechseln lehrt und die Verwechslung von Gut und Böse erzeugt.
O: Das ist nicht „mein“ Dries. Und den Witz Deines molussischen Personals hat er natürlich nicht, wer hat den schon.
A: Hattest Du ihn nicht sogar für die Verwaltung meines Nachlasses vorgesehen?
O: Bis zu dem, was ich als Putsch gegen Vereinsrecht und Statut der Anders-Gesellschaft 2023 auffassen musste. Ich gebe zu, ich hatte mich total in ihm getäuscht. Oder er hatte sich total geändert.
A: Jetzt verübt er einen Anschlag auf meine Zurechnungsfähigkeit. Ist diese „Festschrift“ bei Beck erschienen?
O: Ja. Das Büchlein heißt „Optimismus ist keine Pflicht“. Dries und Wolfgang Beck haben es gemeinsam herausgegeben.
A: Guter Titel, schlechter Inhalt. Bei Beck wundert mich nichts, aber selbst bei Schiwy wäre das nicht vorgekommen. Hat mein Verlag keinen Lektor mehr?
O: Dochdoch, sogar einen sehr guten.
A: Wie konnte er das durchrutschen lassen, statt es richtigzustellen.
O: Dries gilt dort in Sachen Anders als die ultimative Instanz, eine Art Jungpapst von Wolfgang Beck, dem die Angestellten besser nicht widersprechen. In dieser Atmosphäre schaltet ein Lektor seine kritische Fähigkeit ganz automatisch lieber nicht ein. Zudem und entscheidend: die Aufgabe des Lektorats beschränkte sich in diesem Fall auf die Korrektur von Tippfehlern. Jede sachliche Verbesserung wäre ja eine Fälschung des gesprochenen Wortes gewesen.
A: Du darfst diese Rufschädigung nicht auf mir sitzen lassen. Beck muss das richtigstellen, Du musst es ihm nur genau erklären.
O: Ich weiß nicht. Die vielleicht fünfzig Personen in dem kleinen Saal wirken im Video durchweg seriös. Sie hatten wohl, von der Feststimmung ergriffen, ihre Kritikfähigkeit temporär sistiert. Zudem war es ja immerhin der definitive Inhaber einer Anders-Forschungsstelle an der Uni Freiburg und zugleich einstimmig gewählte Präsident der Anders-Gesellschaft, der eine gute Figur abgab wie sonst auch und seinen Vortrag mit zweifellos authentischen Anders-Zitaten würzte. Ich weiß nicht, ob ich den Nerv gehabt hätte, die erhebende Feier mit hermeneutischen Kleinlichkeiten zu stören; selbst wenn ich, was nicht so sicher ist, von der Feierstimmung nicht ebenso vernebelt gewesen wäre.
A: Hatte ich vor Feierlichkeit nicht genügend gewarnt? Wieso hast Du es überhaupt zugelassen, dass man mich immer wieder derart missbraucht?
O: Nicht Dich, nur Deinen Namen. Aber Verzeihung: Hast nicht Du selbst vier der zehn Auszeichnungen, die Wikipedia aufzählt, in feierlichen Festakten Dir verleihen lassen? Bei einer fünften, dem Adorno-Preis, warst Du in der feierlichen Matritze nur virtuell, richtiger: sogar als Phantom anwesend, ganz ungeachtet Deiner Medienkritik. Ich finde noch immer, dass der Anders-Preis eine gute Sache ist, auch wenn niemand garantieren kann, dass jede:r Preisträger:in und jede:r Verleiher:in Deiner würdig sein wird. So viel gender correctness muss einmal sein dürfen.
A: Waren die übrigen Beiträge ebenso inferior?
O: Keineswegs. Auf Dries’ Begrüßung folgte die Laudatio von Karin Harrasser [5] Selbst kein Mitglied der Jury, erzählte sie, welche „Vernichtungsszenarien […] Paoli in seinem Buch als dringliche Denkaufgaben behandelt [...] Klimakrise, Pandemie, Kriege in Europa und anderswo, Verschmutzung und Artensterben, die hemmungslose Ausbeutung von Ressourcen – Günther Anders nennt es: die ,Verproletisierung der Weltʻ.“ Angesichts der „langsamen Gewalt“ erteile Paoli „aktuellen politischen Maßnahmen, aber auch dem Großteil des kritischen Denkens, eine Absage – der Milde des Optimismus und dem Irgendwieweitermachen sowieso, aber auch Ideen eines grünen Kapitalismus.“ Er drehe „folgerichtig da rhetorisch auf, wo andere beschwichtigen.“ Ihm gehe es „um das Aufsammeln und Neusortieren von bereits gegangenen Denkwegen, um intellektuelle Mülltrennung. [… D]ie Studien des Club of Rome, die Schriften von Günther Anders, Ivan Illich und einiger anderer brauchbare Gedanken [müssen laut Paoli] heute dringend weitergedacht werden.“ Dazu nennt sie Illichs „Konvivialität“ und dass er die „eminente Kontraproduktivität als selbstverständlich geltender Vorgänge“ aufzeigte – als Beispiel: die Kritik am Auto – diese gelte auch bei der „neuen Heilsbotschaft“ Elektro-Mobilität, die nicht wahrnimmt, dass „die so genannten grünen Technologien zu enormen
Umweltschäden anderswo und zur Perpetuierung globaler Ungleichverhältnisse beitragen.“ Paolis Thema, den materiellen und den metaphorischen Müll, ergänzt sie um „den Informationsmüll, dessen Produktion mit der Popularisierung von machine learning tools in der jüngsten Gegenwart völlig aus dem Ruder gelaufen ist“. Sie lese Paolis Buch „auch als eine Aufforderung, dem Informations- und Meinungsmüll als kritisch Sortierende zu begegnen“ – wie das geht, werden wir freilich erst selbst noch herausfinden müssen.
Nach der Laudatio war die C.H.Beck Kulturstiftung in Gestalt von Wolfgang Beck als Stifter des Preises an der Reihe, diesen zu verleihen. Sein untadeliges Grußwort bewies mehr Verständnis, als Du ihm zutraust.
A: Hatte er einen Ghostwriter?
O: Dafür ist er sich denn doch zu gut, das hätte sein Stolz nicht zugelassen.
A: Er wird einsehen: diese Ungeheuerlichkeit muss berichtigt werden .
O: Er wird verstehen, dass die Gleichung „das Falsche = das Richtige“ logisch und moralisch unmöglich ist.
A: Er ist kein Logiker, „Gleichung“ allein wird ihm so wenig bedeuten wie Deine voreilige „Iteration“. Du musst ihm erklären, wie Dries auf den Holzweg gekommen war und worin sein Fehltritt bestand.
O: Du traust ihm kaum philosophisches Verständnis zu, aber wohl, dass er so viel Einsicht zeigt. Ich sehe es genau umgekehrt und bin mir sicher, dass er auch diesen Fehler seines Schützlings mir nicht wird verzeihen können. Eher wird er wieder einen Anwalt vorschicken, der mit Klage droht – Begründung: Das Copyright seiner Kulturstiftung und/oder Dries’ höchstpersönliches Urheberrecht würden durch meine Zitate aus der Preisschrift verletzt, die allesamt Verleumdungen seien und zudem nicht dafür bestimmt waren, wörtlich wiedergegeben zu werden. Aber bitte, ich versuche, es ihm etwa so zu verklickern:
Nach Begrüßung der Gäste und des Preisträgers kam Dries auf Deinen Bezug zum Ort der Feier zu sprechen:
[...] Wie zur ersten Preisverleihung im Jahr 2018 sind wir […] nun wieder in Wien. Hier hat der als Günther Siegmund Stern 1902 in Breslau geborene Anders nach seiner Rückkehr aus dem über 17 Jahre währenden Exil von 1950 bis zu seinem Tod 42 Jahre lang gelebt – „im Weder-noch“, so Anders über seine neue Heimatstadt: „Von Wien aus habe ich herumgeschnuppert, um zu erfahren, was sich in West- und Ostdeutschland tat. Adenauer reizte mich ebensowenig wie Ulbricht.“
Also Wien – […,] wo dem 1933 Gerade-so-Entkommenen lauter Altnazis begegneten […] als wenn nichts geschehen wäre.5 Vielleicht musste Anders dieses ungeheuerliche „Als wenn" gerade in Wien – „im Weder-Noch“ – auffallen. Denn Anders zufolge ist „nur das Falsche […] das Richtige! Nur das macht erfahren!“7 Der falsche Beruf also oder der falsche Ehepartner.8 Oder eben die falschen, die unentschlossenen, die abgründigen Orte, an denen man erfahren kann, dass und wie die Welt auseinanderklafft.
5 Günther Anders, Tagebücher und Gedichte, München: C.H.Beck 1985, S. 161.
7 Günther Anders, Tagebücher und Gedichte, München: C.H.Beck 1985, S. 17.
8 Vgl. ebd. bzw. Günther Anders, Philosophische Stenogramme, München: 4C.H.Beck 2022, S. 18.
Nun die fragwürdigen Angelstellen seiner Rede als optische Zitate:
A: Haltein, das kann ich so nicht stehen lassen, sonst wird es zu viel des Schiefen:
Warum sollte mir das „ungeheuerliche ,Als wenn‘ gerade in Wien“ aufgefallen sein können, anderswo aber nicht? Gewiss, es war mir in Wien aufgefallen. Wäre es mir aber nicht ebenso aufgefallen, hätte ich, statt Wien, die „Hauptstadt der Bewegung“ München als Wohnort gewählt? Wären mir in der „Stadt der Volkserhebung“ Graz oder in der „Stadt der Reichsparteitage“ Nürnberg weniger „Altnazis begegnet“? Wäre das Ungeheuerliche in der Stadt des Sportpalastes, wo die Menge Goebbels’ ungeheuerliches „Wollt Ihr den Totalen Krieg?“ mit totalem Jubel begrüßt hatte, weniger ungeheuerlich oder weniger erinnerlich gewesen? Denn das war das Ungeheuerlichste: Goebbels’ ungeheuerliche Frage, dass er sie so dramaturgisch klug einsetzen konnte und dass sie diesen ungeheuerlichen Jubel hervorrief. Dass mir das Noch-nicht-einmal-Verleugnen, dieses verdruckste Beschweigen, aufgefallen war, lag nicht an Wien, sondern an mir. Ja, ich war damals der Meinung und bin es noch heute, dass man keinen Augenblick vergessen darf: dieser Zustand verhöhnte den blutigen Ernst der bewussten zwölf Jahre, das war festzuhalten; ebenso war festzuhalten, dass dieser Zustand den blutigen Ernst der zwölf Jahre zu einem Schauspiel machte und dass dieses Schauspiel eben abgesetzt war, weil ein anderes nun auf dem Spielplan stand.
Dein Dries vereindeutigt, was ich doppelbödig beschrieben hatte, er verlagert den Schwerpunkt meiner Analyse auf den kontingenten Ort meiner Beobachtung und unterschlägt oder versteht nicht, dass ich diesen Zustand gar nicht so „ungeheuerlich“, jedenfalls nicht so ungeheuerlich wie den blutigen Ernst der zwölf Jahre, gefunden hatte; dass ich vielmehr einsah und sogleich festhielt, dass man niemandem wegen dieses Arrangements nachträglich Vorwürfe machen darf, weil es, wenn die Leute weiterleben sollten, vermutlich unvermeidlich war. Auch hier, selbst hier galt und gilt der Vorrang des Lebens vor jeder selbstverliebt-kritischen Theorie, die dort, wo sie wegen emphatisch aufgebauschter Ungeheuerlichkeiten keine Rücksicht darauf nimmt, wie die Leute weiterleben können, unmoralisch wird, nein: geworden ist.
So. Jetzt kannst Du mir die fragwürdigen Angelstellen seiner Rede vorführen, wenn es weitere gibt.
O: Gut, ich nehme aber die soeben besprochenen zwei Zeilen nochmals hinzu, weil sie mit den folgenden spaßig zusammenhängen:
Vielleicht musste Anders dieses ungeheuerliche „Als wenn“ gerade in Wien – „im Weder-Noch“ – auffallen. Denn Anders zufolge ist „nur das Falsche […] das Richtige! Nur das macht erfahren!“7 Der falsche Beruf also oder der falsche Ehepartner.8 Oder eben die falschen, die unentschlossenen, die abgründigen Orte, an denen man erfahren kann, dass und wie die Welt auseinanderklafft.
7 Günther Anders, Tagebücher und Gedichte, München: C.H.Beck 1985, S. 17.
8 Vgl. ebd. bzw. Günther Anders, Philosophische Stenogramme, München: C.H.Beck 42022, S. 18.
A: Der zweite Satz bleibt unverständlich. Denn dort leitet die Konjunktion „denn“ einen Satz ein, der für den Satz davor gar keine Begründung enthält. Wieso sollte mir im Weder-noch etwas auffallen, weil mir zufolge nur das Falsche das Richtige wäre? Ob ich diesem widersinnigen Lehrsatz huldige oder nicht: Was mir im Weder-noch auffiel, hätte mir ebensogut im Sowohl-als-auch auffallen können. Logik ist nicht seine Stärke. Er schließt nicht begründend an etwas an, er tut nur so, um die Akzeptierung der davon abhängigen falschen Behauptung „Denn Anders zufolge ist ,nur das Falsche das Richtige! Nur das macht erfahren!‘“ zu erschleichen. Der nächste Satz bleibt gänzlich zusammenhanglos: „Der falsche Beruf also oder der falsche Ehepartner.“ Das Proverb „also“ leidet an dem funktionalen Mangel, dass es keinen Obersatz gibt, auf den es für den Schluss auf seine Nominativobjekte zurückweisen könnte. Er greift damit nur etwas Falsches auf, das davon nicht richtiger wird, dass er den Eindruck von Plausibilität zu erwecken versucht. Der ganze zweite Satz hängt in der Leere totaler Sinnlosigkeit. Ebenso gut, richtiger: ebenso schlecht hätte er sagen können: „Der falsche Hase also oder der abgetretene Schuh.“
O: Ganz d’accord. Und wie findest Du, was er daran anschließt: „die falschen, die unentschlossenen, die abgründigen Orte, an denen man erfahren kann, dass und wie die Welt auseinanderklafft.“
A: Unsinnige Metaphern. Wie stellen Orte es an, unentschlossen zu sein? Untergründige Orte sind mir geläufig – etwa Dìxià Chéng im Pekinger Untergrund
.
oder Derinkuyu in Kappadokien mit seinen 20.000 Einwohnern, die auf 8 oder 11 Ebenen bis etwa 60 Meter unter der Oberfläche lebten.
Was aber sollen abgründige Orte sein? Darunter kann ich mir nichts vorstellen, Du etwa? – Und wie die Welt auseinanderklafft, sehen wir am ehesten beim kalifornischen Andreasgraben:
Dort klafft allerdings nur ein Spalt in der Erde, nicht gleich die ganze Welt –
Wie die Welt es wohl anstellen könnte, auseinander zu klaffen, selbst wenn sie wollte?
O: Vielleicht hatte ihn Lütkehaus inspiriert: Durch den heldenmütigen Einsatz der Passagiere zerschellte am 11. September 2001 ein Flugzeug nicht im Atomkraftwerk „Three Mile Island“ in Harrisburg, sondern in der Nähe von Pittsburg. Dieses Ereignis habe Deine mythologisch gemilderte Raum-Metapher vom „prometheischen Gefälle“ zur „prometheischen Kluft“ escaliert. [6] Beides meint freilich nicht, wie die Welt auseinanderklafft, sondern die „täglich wachsende A-synchronisiertheit des Menschen mit seiner Produktewelt, die Tatsache des von Tag zu Tag breiter werdenden Abstandes“. [7] Gemeint ist kein räumlicher oder zeitlicher Abstand in der Welt, sondern unsere Defizienz: Was wir anstellen und herstellen, nicht adäquat vorstellen und mitfühlen zu können.
A: Sein Klaffen wäre auch dann nicht gerechtfertigt, wenn es auf Lütgehaus’ Kluft zurückginge. Deine Herleitung ist mehr als vage und sie betrifft einen unwichtigen Teil, weist aber darauf hin, dass es nicht genügen wird zu erzählen, wie Dries’ Holzweg gebaut ist, noch wie er ihn gebastelt oder sich ausgemalt hat. Nach dem Muster der obigen Herleitung musst Du erklären, wie er auf ihn geraten war, worin das Missverständnis besteht und, wenn möglich, wieso es ihm unterlaufen war. Das darf beim Stein des Anstoßes aber nicht so vage ausfallen. Dann wird Beck verstehen, dass er das richtigstellen muss.
O: Dafür müssen wir uns diese Passage noch einmal antun, um seine Fußnoten zu überprüfen:
Vielleicht musste Anders dieses ungeheuerliche „Als wenn“ gerade in Wien – „im Weder-Noch“ – auffallen. Denn Anders zufolge ist „nur das Falsche […] das Richtige! Nur das macht erfahren!“7 Der falsche Beruf also oder der falsche Ehepartner.8 Oder eben die falschen, die unentschlossenen, die abgründigen Orte, an denen man erfahren kann, dass und wie die Welt auseinanderklafft.
7 Günther Anders, Tagebücher und Gedichte, München: C.H.Beck 1985, S. 17.
8 Vgl. ebd. bzw. Günther Anders, Philosophische Stenogramme, München: C.H.Beck 42022, S. 18.
Jetzt die bezogenen Texte. Zuerst das kürzere „Philosophische Stenogramm“ gemäß Fußnote 8. Es ist 1965, zwanzig Jahre vor den Tagebüchern erschienen:
Erfahrung „Erfahren werden“ heißt: sich durch solche Begegnungen bilden lassen, die man sich unter keinen Umständen von sich aus hätte einbilden können. Also niemals: „Werde was du bist“, sondern: „Sei was du wirst.“ – Richtig sind immer nur die falschen Berufe: sie machen erfahren.
Für den Vergleich mit der Tagebuchnotiz beschränke ich mich auf den Teil nach dem Gedankenstrich, weil ungemein schwierig ist, was davor steht. [8] Hier finden sich wohl „die falschen Berufe“, aber nicht „der falsche Ehepartner“. Indem er diese beiden mit „oder“ in einen Satz zusammenspannt, vermanscht Dries schon im Fußnotenverweis 8 das Stenogramm von 1965 mit dem erst zwanzig Jahre nach ihm erschienenen, aber schon 24 Jahre davor verfassten Tagebucheintrag, auf den er in Fußnote 7 verwiesen hatte. Dort warnt Anders’ Gesprächspartner, „die richtige Frau“ zu nehmen. Dries hat nicht die zwei Fundstellen verwechselt, das wäre eine lässliche, kleine Schusselei mit allerdings keinem besseren Ergebnis gewesen. Vielmehr hat er den kategorialen Unterschied der beiden Stücke nicht verstanden. Der ist aber nicht zu verkennen, wenn man auch den Tagebucheintrag liest:
4. April
Verlor gestern B. gegenüber, als ich ihn nach Hause begleitete, ein paar nervöse Worte über meinen miserablen Job.„Da sind Sie am falschen Schalter“, sagte er abweisend. Und als ich ihn erstaunt anblickte: „Dafür habe ich nicht das mindeste Verständnis.“ Und dann legte er los: „Wer die richtige Frau nimmt, der verspielt die Chance der Erfahrung. Wer ,seinen‘ Beruf findet, der bleibt nur bei sich selbst. Wer nur auf Klaviaturen spielt, die ihm nach Maß gearbeitet sind, dessen Finger lernen nichts mehr.“
„Aber?“
„Jawohl aber!“ rief er. „Denn nur was nicht passt, nur was nicht für Sie gemacht ist, nur was hier zu kurz ist oder dort zu lang, nur das Falsche ist das Richtige! Nur das ist die Welt!“ Er sah nicht ironisch dabei aus. „Wirklich“, fuhr er fort, „Sie haben Ihr Leben entsetzlich falsch in die Hand genommen. Denn wonach haben Sie gejagt? Immer nur nach dem Richtigen. Immer nur nach dem Passenden. Immer nur nach der Erfüllung. Und dann und wann hatten Sie sogar das Pech, dass Ihnen das gelang, dass Sie die Erfüllung zufällig fanden. In dieser Frau. In diesem Freund. In dieser Sache. In dieser Arbeit. In zufälligen Stücken Welt, die so aussahen, als wären sie, nach Maß gearbeitet, für Sie und nur für Sie bereitgelegt worden. Aber wenn Sie mich fragen, mein Lieber, diese Episoden waren die allerunrichtigsten Stücke in Ihrem Leben. Richtig waren allein die Durststrecken dazwischen. Die Jahre, die mit Zufällen angefüllt waren. Die Berufe, die Sie verflucht haben. Und wenn Sie ein Minimum von Erfahrung erworben haben sollten, zu danken hätten Sie das ausschließlich diesen Zeiten des angeblichen Zeitverlustes.“ – Er zeigte auf die Mexikaner, die vor dem Hause die Straße teerten: „Glauben Sie vielleicht, die da hätten nicht auch ihre ,inneren Tendenzen‘ gehabt? Und Begabungen, zu denen andere Tätigkeiten besser gepasst hätten als ausgerechnet hier in South Los Angeles die Straßen zu teeren? Und die hätten nicht auch ,Berufungen‘ gefühlt, zu denen es vielleicht Berufe gäbe, die wie Handschuhe für Hände passen würden? Aber die da, die mussten eben das tun, wozu sie nicht berufen waren, was ihnen nicht passte, was ihnen zufiel – kurz: das Falsche. – Und wer kennt die Welt? Sie? Oder die da?“
Diese Notiz aus Los Angeles vom 4. April 1941 kommt daher wie ein kleiner Dialog, zu dem Anders mit einer Klage über seine unerfreuliche Situation den Anstoß gibt, worauf ein ominöser „B.“ zu weitläufiger Belehrung ausholt. Unser Freund R. meint, dass es Brecht war, den Du nach Hause begleitet hast. War er das, Günther?
A: Es war Bannon. Steve Bannon.
O: Der war damals erst elf oder zwölf und auch als Du starbst, noch ganz unberühmt. Den kannst Du doch gar nicht kennen.
A: Glaubst Du an Gespenster, wenn Du mich imaginierst? Post mortem kannst Du mir nichts entlocken, was Dir neu wäre, und nichts, was Du weißt, vor mir heimlich halten. Bannon brachte den Lehrsatz von 1941 auf die unüberbietbar prägnante Formel. Hör’ jetzt auf, dialogisch zu imaginieren und überprüfe endlich, wie Dries vorgegangen ist. Schreib’ es als Glosse wie weiland fürs FORVM.
P.S: Anders anders lesen, vergleichen, kneißen. Von G.O.
In seinem zusammenfassenden Satz „Der falsche Beruf also oder der falsche Ehepartner“ vermischt Dries Teile aus zwei Texten, die er behandelt, als wäre es 1 (in Worten: ein) Text von Günther Anders; den er nur gründlich missversteht, wenn er meint „Anders zufolge ist ,nur das Falsche ... das Richtige‘“. Diese Gleichung ordnet er zwar richtig der Tagebuch-Stelle zu, aber fälschlich dem Anders. Der hat das zwar wohl geschrieben, aber wie so oft in der Form eines – vielleicht authentisch wiedergegebenen, vielleicht erfundenen – Dialogs mit einem ominösen „B.“, der wahrscheinlich Brecht war, aber anachronistisch ganz gut als Stephen Bannon entschlüsselt werden kann, dessen „flood the zone with shit“ logisch gut als aktionistischer Imperativ aus B.’s „nur das Falsche ist das Richtige!“ gefolgert werden kann. Deshalb ist aber längst nicht alles davon „Anders zufolge“, also Bestandteil von dessen Lehre. Anders behielt in seinen Dialogen gewöhnlich das letzte Wort, nicht so dieses Mal, er mischt sich sogar nur einmal ein, indem er ein fragendes „aber“ einwirft, was B. zu einer erkenntnistheoretischen Auslassung („nur das Falsche ist das Richtige!“) und anschließend zu Belehrungen verführt („Nur das macht erfahren! Nur das ist die Welt!“); zwischendurch flicht der Tagebuchschreiber nur eine – damals unausgesprochene – Zwischenbemerkung für die Leser:innen der Notiz über B.s witzlosen Unsinn ein, die ihn darüber erstaunt oder von ihm befremdet zeigt: „Er sah nicht ironisch dabei aus.“
Es ist mehr eine sparsam interaktive Episode, was in „Tagebücher und Gedichte“ 1985 erschienen, von Anders auf den 4. April 1942 datiert und damit als zeitgebunden markiert ist. Zwanzig Jahre vor den „Tagebüchern“ waren die Philosophischen Stenogramme erstmals erschienen. Für sie hat er die kalifornische Episode eingedampft, sprich: von allem zeitgebundenen Unsinn befreit, das verbliebene Sediment als „philosophisches Stenogramm“ adoptiert und wie zeitlich ungebunden, zeitenthoben, als wäre es überzeitlich präsentiert. Das soll uns nicht täuschen: „Erfahrung“ eignet niemals überzeitliche Geltung und auch Anders hat sie nicht allezeit gelten lassen, nicht einmal für sich: Zwar preist er sein Schicksal, das ihm erlaubte, Anschauungsmaterial für seine Analysen in odd jobs zu sammeln, statt wie die meisten Philosophen nur im „richtigen“ Beruf, als Philosophen, vorwiegend in Texten anderer Philosophen zu wühlen. Die ergiebigen Erfahrungen in „falschen Berufen“ waren für die Entwicklung des Philosophen richtig und wichtig. Doch hatte er sich davon freigeschwommen in Richtung auf sein Ziel, als öffentlich intervenierender Lehrer frei seiner Philosophie zu leben. Andere Berufsgruppen können sich diesem Modell nicht ebenso adaptieren: Bäcker, die Anders manchmal als Beispiel heranzieht, sollen genießbares Backwerk erzeugen. Dafür brauchen sie keine falschen Berufe, sie müssen das Bäckerhandwerk erlernen. Und wer möchte an einen Elektriker, Wasser- oder Gasinstallateur geraten, die Erfahrung nur in falschen Berufen erwarben, statt in ihren.
Das Richtige der falschen Berufe zum Falschen als dem einzig Richtigen zu verallgemeinern, war der reallogische Fehler des B. von 1942 und ist die Methode, mit der die Bannons ihre Anhänger reallogisch täuschen, mit schrecklichen Folgen: Nur das falsche Medikament ist das richtige – Arsen gegen Zahnschmerz, Contergan gegen Schlaflosigkeit, Desinfektionsmittel intravenös und Ivermectin gegen Covid-19, mit Grüßen von Kickl und Trump.
Dass Anders gerade nicht „das Falsche“ als „das Richtige“ ausgibt, lässt sich übrigens ganz bequem auf Seite 54 der Fest-Doku seinen eigenen Worten entnehmen, wo er sich selbst erklärt: er habe
Phänomene stets aus nächster Nähe anvisiert und für diese Neologismen eingeführt; und durch diese „frischen Wörter“ die Leser, linke sowohl wie rechte, aufs Glatteis der Wahrheit geführt.
Aufs „Glatteis der Wahrheit“. Anders als Dries meint und anders als Bannon möchte, will Günther Anders mit seinen Schriften und Interventionen niemals das Falsche als das Richtige unterjubeln, er legt uns vielmehr eine Rutsche zum Wahren.
A: Was ihm bei den zwei Texten unterlaufen ist, könnte von der hastigen Benützung eines mangelhaft geführten Zettelkastens gekommen sein.
O: Die Antiquiertheit des Zettelkastens: Dessen Aufgabe, teilweise gleich oder ähnlich lautende Zitate ohne Rücksicht auf Bedeutung der Textbrocken und Eigenart des Autors in falschen Zusammenhängen zu präsentieren, erledigt heutzutage viel effizienter und ebenso tadellos eine küstliche Intelligenz.
A: Nicht ohne natürliche Unintelligenz, die das Ergebnis für plausibel hält.
O: Nur noch zwei oder drei Bemerkungen, dann sind wir für diesmal fertig:
1.) Die Preisrede „Optimismus ist keine Pflicht“ von Guillaume Paoli werde ich jetzt nicht besprechen, weil sie es wert ist, dass jede:r sie selbst liest: Der Verlag liefert das Büchlein kostenfrei, lässt es auch als PDF herunterladen und man kann es auch gerne als Mail-Anhang von mir bekommen. Nur der Schluss seiner Preisrede sei hier zitiert: Er unternimmt dort eine intelligente Erklärung für
„die etwas kryptische Anweisung, die Günther Anders der Nachwelt hinterließ: ,Als moralisch Aktive haben wir dümmer zu sein als wir sind.‘“
2.) Frappierender, finde ich, wurde der Primat des Praktischen noch nie formuliert, und weil Deine Version so frappierend ist, kommt sie in der Preisschrift gleich dreimal vor: Zum zweiten Mal am soeben erwähnten Ende von Paolis Preisrede. Davor hatte Beck gegen Ende vom Grußwort der Stiftung schon nicht widerstehen können; Paolis Preisbuch „Geist und Müll“, S. 78, hatte ihn wohl daran erinnert. Er hätte aber, finde ich, die vorhersehbare Pointe der Preisrede nicht vorwegnehmen müssen. Zum dritten Mal lesen wir die nämlichen Worte als letzten Satz der sechs Seiten „Ausgewählte Texte von Günther Anders“, life vorgetragen von Burgschauspieler Michael Maertens am Schluss der Verleihungsfeier – eine doppelt gute Entscheidung: Im Video wird das Kleinod so wohlklingend wie sinnerschließend in seinem Zusammenhang präsentiert, nicht nur kleinodisch isoliert.
3.) Eine kritische Nebenbemerkung muss doch auch sein dürfen, wenigstens eine kleine zur äußeren Form der schriftlichen Arbeit: Ganz hinten, nach den ausgewählten Anders-Texten, folgen biographische Kurzangaben zu den Autoren und hinter ihnen nützt der Verlag die faltungstechnisch vom Papier übrig gebliebenen, sonst leeren vier Seiten zur Werbung für Bücher; deren Titel wie die bei den Beiträgen geschmäcklerisch in der Schmuckfarbe gedruckt, die wir schon aus der „Kirschenschlacht“ kennen. Für diese vier Seiten wurde der Satzspiegel, vermutlich aus gleichfalls ästhetischen Gründen, etwas verkleinert, wodurch oben und unten großzügiger Leerraum entstand. Unter „Günther Anders bei C.H.Beck“ wird jedoch nur eine Auswahl präsentiert: „Die molussische Katakombe“ und „Über Heidegger“ fehlen, obgleich noch im reduzierten Raum eine Leerstelle nach einem der unterschlagenen Titel schreit, die dem Verlag anscheinend ähnlich viel wert sind wie die „Obdachlose Skulptur“ schon seit Jahren. [9] Dass auf der übrigen, vierten Seite alle „Bücher von Guillaume Paoli“ ihren Platz gefunden haben, darf man angesichts eines französischen Titels zuversichtlich hoffen.
4.) Für die gedruckte Dokumentation der Preisverleihung hat man es sich erspart, die Diskussion des Preisträgers mit der Laudatorin und dem Mitglied der Jury Stephan Lessenich mitsamt dessen eiliger Vorbemerkung – ein Fremdkörper, der mit Preisträger, Preis, Anders-Gesellschaft und dem ganzen Abend nichts zu tun hatte – zu transkribieren. Eine gute Entscheidung.
5.) Nun doch noch etwas über das Buch von
Guillaume Paoli: „Geist und Müll. Von Denkweisen in postnormalen Zeiten“, Berlin (Matthes & Seitz) 2023.
123 numerierte Kapitelchen von durchschnittlich 2 Druckseiten plus 15 Seiten Anmerkungen machen staunen, wie vergnüglich Paoli seine zeitgeschichtliche Sammlung herankommender Katastrophen ihren älteren, missachteten Ankündigungen konfrontiert; wie prägnant er ihrerzeit hochgejubelte Philosopheme aporetisch herunterholt und die eigene Leistung sogleich selbstironisiert; wie er mit vielen Bezügen in Deine skeptische Tradition und z. B. in Deinem Streit mit Adorno an Deine Seite sich stellt – er zitiert Dein dictum, man könne „nicht als ein Professor Nietzsche leben oder als ein surrealistischer Geheimrat“; wie er sofort jeden Verdacht abwehrt, er wolle seinen „sehr bescheidenen kritischen Beitrag in irgendeine Verbindung“ mit Euch beiden setzen, sodann aber selbstbewusst Deinem Prinzip sich verbunden erklärt: „so kann ich zumindest behaupten, dass ich immer die Position des freiwilligen Außenseiters gehalten habe.“ (Zum Teil war das aus der Preisrede. ) – Eines freiwilligen Außenseiters mit Bewusstsein für Haltung, dem es rhetorische Peinlichkeit bedeutet, wenn ihm Pathos und erhobener Zeigefinger unterlaufen. [10] Ihm gehe „es heute bescheidener darum, mitten in Turbulenzen das geistige Gleichgewicht zu behalten. Vor dem grassierenden Desaster zumindest das Denkvermögen zu retten.“ Das gelingt und enthält bei Rezipierenden ein, vielleicht uneingestanden erwünschtes, Potential an Ansteckung durch Lusterzeugung. In Verein mit dem mehr ästhetischen Stilbewusstsein mag ihn seine nicht nur theoretische Skepsis gehindert haben, etwas von Deinen pragmatischen Vorschlägen zur Abwendung des Zeitenendes aufzugreifen: Die nach-nazistische Erziehung [11], den Produktstreik und die Bedrohung aller mit dem Tode, die uns mit dem Tode bedrohen. [12]
Kapitel 122 Radikalisiert euch! [13] Eine Aktionsform wie „Sich an einer Autobahn festzukleben, um die Welt vorm Untergang abzuhalten, ist in der Disproportion zwischen Mittel und Zweck eine kaum überbietbare Absurdität. Nur darf man nicht verkennen, dass es eine edle Form der Lächerlichkeit gibt.“ Nicht nur eine freundliche Sympathie zeigt Paoli, er gesteht sich ein, „dass das vorliegende Buch, gegen die Abgründe des Geistes gerichtet, nicht weniger lächerlich ist, als das Werfen von Kartoffelbrei auf Spitzenleistungen des Geistes. Nichts ist menschlicher, als gegen das menschliche Schicksal zu revoltieren, dieses also zu leugnen, selbst und gerade, wenn die Revolte aussichtslos zu sein scheint.“ Dann schleicht sich ein Hauch von von sublimiertem Optimismus oder Stolz ein, der sich durch eine Kaskade von Negationen maskiert: „Lächerlich heißt nicht unbedingt vergeblich.“
Gegen die „Extremisten des Mittelwegs“ plädiert er für Radikalität, an die Wurzel zu gehen, und erklärt ganz ohne maskierenden Umweg über Negationen: „überall, wo Industrieanlagen das knappe Grundwasser in Beschlag nehmen, überall, wo Naturreservate von Betonierungsprojekten gefährdet sind, überall, wo die kapitalistische Entropie wütet, ist aktive Negentropie in Form von Störungen und Blockaden erwünscht. Aus Liebe und Zorn.“ Irgendwo, weiter vorn in „Geist und Müll“, steht mit doppelter Negation keine antwortheischende Frage, sondern der trotzdem oder deshalb unsterbliche Satz: „Keine Revolution ist auch keine Lösung.“
A: Dass Du nicht bis vier zählen kannst, hatte ich nicht für möglich gehalten. Wir sprechen uns noch. Ab.
O: Mir gesagt: Günther muss ja nicht wissen, dass Paoli ein modisch elegantes Schlusskapitel verbrochen hat, wo nicht Franz K., sondern ein Jake B. im Urlaub auf Hawai von einer SMS in Versalien aus dem Halbschlaf geholt wird:
Bedrohung durch ballistische Raketen im Anflug auf Hawai. Suchen Sie sofort Schutz. Dies ist keine Übung.“
Paolis Jake B. suchte leicht panisch nach Optionen vor dem endgültig möglichen Aus. Für letzten Sex fehlte ihm die Partnerin, für ein letztes Gedicht fehlte die Inspiration. „Also kaufte er eine Flasche Whisky und ging an den Strand.“ – „Auch keine Lösung“, hätte Günther sarkastisch gesagt, „weder Whisky noch Eleganz.“ Bei mir hätte ich gedacht: aber modisch. Guter offener Schluss für einen Roman.
[1] In: „Philosoph der Freiheit. Günther Anders“, SWR2-Forum. Berlin, 19. Dezember 2022, 00:05:46–00:06:12.
[2] Off Limits für das Gewissen. Der Briefwechsel Claude Eatherly / Günther Anders. Herausgegeben von Robert Jungk, Rowohlt: Reinbek bei Hamburg 1961, S. 3 (innere Titelseite, unpaginiert).
[3] In: Gert Heidenreich; Der Wetterpilot; Strafmündig. Zwei Theaterstücke, Piper: München, Zürich 1987.
[4] Die Antiquiertheit des Menschen I, S. 13 (1956) bzw. 26 (2018).
[5] In Wien Thomas Machos Nachfolgerin im Internationalen Forschungszentrum für Kulturwissenschaften (IFK) der Uni Linz, an der sie die einschlägige Professur innehat. Sie ersetzte die Jurorin Petra Gehring, deren Verhinderung erwähnt, aber nicht erklärt wurde.
[6] Ludger Lütkehaus: Schwarze Ontologie. Über Günther Anders, Lüneburg (zu Klampen) 2002, S. VII.
[7] G.A.: Die Antiquiertheit des Menschen I, S. 29 (2018; ältere Auflagen S.16).
[8] Was „man sich unter keinen Umständen von sich aus hätte einbilden können“, ist eigentlich alles, wofür wir auf Erfahrung angewiesen sind: „von sich aus“ einbilden können wir uns nichts Empirisches und selbst die Kombination bereits erfahrener Elemente bedarf der empirischen Kontrolle, damit wir keine fliegenden Elefanten erfinden, außer fürs Märchen. Auch für den Mittelteil ist hier nicht der Ort.
[9] Das werde er nicht wieder auflegen, erklärte Wolfgang Beck, als ich ihn bei der Gründung der Anders-Gesellschaft darauf ansprach, denn das koste mindestens 10.000 Euro. Es erschien infolge dessen 2019 in der edition pen des Löcker Verlages. – Jetzt auch online: https://forvm.contextxxi.org/obdachlose-skulptur.html
[10] S. 44
[11] G.A.: Zehn Thesen zur Erziehung heute. In: Zwischenwelt. Literatur/Widerstand/Exil, Wien 2018, 35 ( 1–2, 42 –46); vgl. Jan-Philipp Schäfer: Bildung als Entformung. Eine bildungstheoretische Studie im Anschluss an Günther Anders, Weinheim (Beltz Juventa) 2025.
[12] G.A.: Gewalt – ja oder nein. Eine notwendige Diskussion, Hrsg. Manfred Bissinger, München (Droemer, Knaur 3893) 1987.
[13] Geist und Müll, S. 251.



