FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1965 » No. 142
Albert Drach

Amtshandlung gegen einen Unsterblichen

(II.)

Und die Klingel schrillte nach dem Sekretarius, der das Aufzusetzende einzusetzen hatte. Aber dieser kam nicht, sondern es erschien statt seiner ein junges Mädchen, das sonst die Bedienung versorgte, in der für niedrige Dienste im Amt auch tauglichen Tracht, die aber nicht geeignet erscheint, auch während ausgefüllter Amtsstunden angesichts des Kommissars noch tauglich zu bleiben. Denn nicht nur, daß die Kleidung der Frauensperson bescheiden war, wenn auch reinlich, trug sie noch ein Tuch, das wahrscheinlich das Haar vor dem Ergebnis ihrer Kehrungen schützen sollte, dazu die Röcke kürzer als damals üblich, vielleicht, um beim Waschen der Stiegen sich ohne Inanspruchnahme ihrer Gewandung leichter hinknien zu können. Überdies, obgleich sie sich sonst durchaus nicht auffällig benahm, fiel sie doch auf durch eine Anmut um den Mund und eine Aufrichtigkeit des Augenaufschlags, deren erstere maßvoll zwar vorkommt, deren letztere vor Ämtern zu direkt wirken muß, dazu noch eine Melodie des Wuchses und Ganges, die nicht nur die ortsübliche Art durch Mangel an Substanz und Fülle sowie durch Sicherheit des Auftretens durchbrach, sondern auch bei eingeleiteten behördlichen Maßnahmen fehl am Platz blieb, zumal kein musikalischer Schritt bei Behörden richtig klingt noch eine Figur, die von der Norm abweicht, dort ankommt. Und als noch dieses Mädchen zu sprechen begann, mit einer Stimme, die zwar natürlich war, aber nicht ihrem Stande gemäß, war die Amtshandlung vollends unterbrochen, klanglich besinnlich und beschaulich, bevor noch der Grund ihres Kommens, richtiger der Inhalt ihres Sprechens, bekannt war, nämlich daß der Sekretarius Eusebius Hinterlader den Heuschnupfen habe und daher nicht zur Verfügung stehe.

Der Kommissar, der zwar sonst geduldet, nicht zugelassen hatte, daß dieses Mädchen, ohne hierfür bestellt zu sein, zeitweilig dem Eusebius Hinterlader, mit dem sie anscheinend irgendwie „verbandelt“ war, die Kopiatur besorgte, weil sie eine zierliche Schrift schrieb, deutete, wenn auch versehentlich, bereits mit zwei Fingern auf das Blatt, das vor ihm lag, als ob er, was daheim und heimlich geduldet war, öffentlich und amtlich erlaubte. Und das Mädchen setzte sich hin und wollte schon dieser Deutung genügen. Der rot angelaufene Kutscher und sein grottenolmblasser Zeuge glotzten nicht anders, als wären sie in ein späteres Jahrhundert versetzt, in das sie mit den Gesinnungen, zum Teil auch mit den Hantierungen und äußern Formen, bestimmt aber nicht mit den Gewandungen paßten. Der Kommissarius, der aber schon nicht mehr Schöngeist, sondern ganz auf Posten war, erschrak bereits beim Gedanken, der ihm immer nachträglicher kam, wie das Lachen daheim nach im Amt gehabter Erlustigung, aber immerhin noch zurecht, um das Unzulässige nicht zuzulassen, und er befahl der Frauensperson, zu notieren, daß die Sitzung aufgehoben sei und in drei Stunden wieder beginnen solle. Gleichzeitig aber verordnete er einem geheimen Begleiter, den Fremden zu einer Gaststätte zu bringen, zu überwachen und zurückzuleiten, während Greiffzeug und Fascheit ihren eigenen Beinen überlassen blieben, nachdem ihre Anschriften festgestellt wurden ...

Sobald er nun das amtliche Schaufenster Wiens, von einem Sbirren gefolgt, verließ, wehte ihn die Luft an, die von der Hinterbrühl schwül heraufkommt, in Sievering den Flieder zum Blühen treibt, im Prater nur ein allgemeines Blühen der Bäume erzeugt und die Donau an Tagen vor blauen Montagen blau, aber nicht waschblau färbt. Mit einem Wort, er genoß die wienerische Atmosphäre, wie sie von Reportern, die sich gegenseitig zu Dichtern avançieren lassen, immer wieder um- und abgeschrieben wurde, jenes gewisse Etwas, das neben den ungenügend entdufteten Latrinen, den penetranten Gerüchen nach vernachlässigter Fuß-, Hand- und Frauenunterleibspflege, nach rescher und rascher Hingabe an das, was der Augenblick gar nicht erfordert, nach rührselig geübten Roheitsakten, frommer Hinterslichtführung oder sonstigen Dazuwechselns (Zubiwachselns) fremder Eigentumsteile zu den eigenen, verzuckert durch weinerliche Lieder von der Liebe, vom verlassenen Jüngling, der alten Stadt und deren Bauwerken, vom guten alten Kaiser oder einem, der für ihn die Geschäfte führt. All das kam namenlos über ihn, richtiger, es war nur die namenlose Atmosphäre und der Geruch des Spitzels, der hinter ihm herging, und das verbrannte Schmalz aus dem Gasthaus mit exzellenter Wiener Küche, an der er vorbeistrebte, und aus dem Unterrock der Köchin, die ihre Dame auf den Markt begleitete, und das Brusttuch der Dame selbst und ihr Ausdruck zwischen Treue durch Nötigung und freiwilliger Feilbietung an den Mindestbietenden.

Der skurrile Fremde, der trotz Adamsapfel, welcher nach der gelehrten Forschung späterer Medizinmänner seine ganze präkoxe Begabung bereits vorausenthalten und vorausverausgabt hatte, nahm keinen Anlaß mehr wahr, sich poetisch zu gebärden, auch nicht den Anlaß der vorbeischwimmenden, wie Wasserleichen aufgeschwemmten Gesichter ohne Ausdruck und nicht derer, die auf säuerlichem Wein wie Korken schwammen und ihre Neigungen geruchsmäßig zum Ausdruck brachten. Er blieb so kalt wie eine Ringelnatter, die auch nach langem Kochen doch nicht zum Anbiß taugt, selbst nicht geschält ihre Starre verliert, sondern ihre Zähigkeit gegenüber den Schlangenfressern einsetzt.

Darauf trat die schmale Kirche in Sicht, die, eng umrahmt, nachmals auf ihrem Vorplatz einen großen Tondichter in Effigie der Nachwelt konservieren sollte, nachdem man den Schädel seines Leichnams verkauft, was man bei seinem größeren Zwillingsbruder in der Kollegenschaft, dem man nach schwindsüchtigem Ende ein Massengrab zum Ehrengrab gewidmet hatte, noch seinerzeit verabsäumt hatte. Hier wehte ein barockes Lüftchen, das die sonstige Wiener Luft unterbrach, die bereits langsam neuromantisch wurde und sich kosend um Goldschnittsammelstilfassaden legte.

Es mag sein, daß der Fremde diese Unterbrechung spürte: denn es zog kühl aus einem Haustor, einer Hintergasse und von einem Kutschbock, dem eine fromme Kirchenbesucherin entstieg. Der Fremde reagierte aber auf das Barocke noch peinlicher als auf das Neuromantische, das er gänzlich übersehen zu haben schien. Denn er suchte mit seinen Augen dort, wo dergleichen Profanes nicht zu finden war, nach einem öffentlichen Abtritt, und weil er Einschlägiges nicht fand, spie er vor sich hin, wie kein Fremder von Distinktion jemals getan haben würde.

Dieses Sputum ante ecclesiam nahm der Sbirre rasch ad actam. Es durchleuchtete einen Wesenszug des durchschauten Zugereisten, der ihm lange zum Vorwurf gemacht worden war, auch von dem Freund, der ihn umbringen wollte, aber nur ins Handgelenk traf, ein Zug, der angeblich erst ausgeschartet worden war, als er zwanzig Jahre später mit brandig gewordenem Bein aus der Fremde heimhinkte und sterbend in die Bekehrungsgewalt seiner einfältigen Schwester gefallen sei, die ihn veranlaßt haben soll, für sein wenig gottgefälliges Wesen und seinen großen Unglauben die Absolution zu erbitten.

Während der Sbirre notierte, suchte der frühere Dichter weiter, obschon mit der Erkenntnis eines Enttäuschten; denn er war in einer Stadt der Kirchen und nicht der Bedürfnisanstalten. Da aber nichts Zweckmäßiges zu finden war, aber eine Gegend sich vor ihm öffnete, die Parkanlagen enthielt, sprang er mit leichtem und noch nicht brandigem Fuß hinter einen Baum und versuchte dort zu tun, wonach es ihn tierhaft trieb. Allein der Sbirre faßte ihn am Arm und zog ihn von dort fort, wo Fräuleins hätten vorbeikommen können, und mit sachtem, aber bestimmtem Griff förderte er ihn zum Wirtshaus zum goldenen Ochsen, in dem sich das vorfand, wonach es den Fremden gelüstete und auf dessen Benützungsabschluß der Sbirre wartete.

Sowie nun der Erwartete aber leichteren Mutes seinen Weg fortzusetzen bestrebt war, bedeutete ihm der Sbirre, daß es Landessitte sei, in Wirtshäusern nicht nur dergleichen zu deponieren, sondern auch etwas einzunehmen, zumal ja Mittag, die Zeit des allgemeinen Hungers, gekommen sei.

Aber wie Rimbaud zum Wirtshaus hineinroch, in dem doch ein goldener Ochse zur Ausstellung gelangte, gefiel ihm offenbar der Geruch des Küchendunstes nicht in dem Maße, als ihm das Odium des Wasserabschlagens behagt hatte. Und er drückte dem Sbirren einen halben Gulden für den Wirt in die Hand, ohne etwas dafür zu beanspruchen. Als nun der Sbirre dieses für nichts vergeudete kleine Vermögen in den Händen wog, wog er ebenfalls den Gedanken mit, es dem Wirte abzuliefern oder es nicht zu tun, sei es, um es zu behalten, sei es, um es zurückzustellen. Es schien ihm ebenso verwerflich, einen ihm Anvertrauten unbeaufsichtigt zu lassen als an einem Akt seiner Verschwendung teilzunehmen. Da er aber überdies zu befürchten schien, daß sich dergleichen Aktionen wiederholen könnten, verwahrte er das Stück zwar vorläufig, verriet hiervon als ein echter Sbirre im voraus aber nichts, sondern öffnete die Tür zum Wirtshaus, und da ihm nur Rauch entgegenqualmte, tat er so, als reiche er etwas hinein, zog aber spielerisch alsbald die Hand in die Tasche zurück und sah nach seinem Delinquenten. —

Es mußte der Fremde, wenn er nicht umkehrte, mit der Zeit die Ringstraße erreichen, die sich nun schon seit fast zwanzig Jahren mit Palästen besteckte und das alte Glacis vertrat, das auf den Wällen lief, die der bärtige Kaiser schliff, um dem mit ihm begonnenen Zeitalter Platz zu schaffen. Nun zeigte sich bereits diese imponierende Straße, über die im Wiener Lied sonst festgehaltene Kutschen schossen, als ob sich die Pferde zu Mittag tummelten, die bärtige Kavaliere und sonstige ältere Herrn beförderten, selten auch eine Dame von Welt, während auf der Straße die aus den Ämtern eilten, danach die aus den Geschäften, die soeben gesperrt hatten, zuletzt solche schlenderten, die nichts zu tun hatten oder nach einem Mädchen spähten, und endlich auch noch Rimbaud mit seinem Sbirren, das Bündel auf die gleiche Weise wie bisher handhabend, hier und da von Eckenstehern betrachtet, von Lümmeln gestoßen, von ältern Herrn beiseitegeschoben, von Kutschern zeitweilig fast gestreift und mit Straßenmist ganz besprengt, letzteres auch von den Reittieren, die ab und zu in den neu angelegten Alleen zwischen Gehsteig und Straße beladen trabten und ihre Obenhocker nicht abwerfen durften.

Aber wenig mehr als ein Lächeln bis in die Nasenspitze, das wahrscheinlich noch auf das doch schon in der Tasche des Sbirren verschwundene Halbeguldenstück gemünzt war, dem Späher aber auf das Wiener Treiben gestreut schien, konnte dem Gesichte des Fremden abgewonnen werden. Aus diesem Lächeln ergab sich aber keine Wertschätzung der Plätze, noch Schätze, noch Straßenzüge, auch nicht der Alleen und nicht einmal des Stadtparks, zu dem er nunmehr die Straße rasch übersetzte, wenn man nicht etwa annehmen wollte, was der Sbirre vielleicht argwöhnte, der Herr wolle Wien mit Paris zum Schaden des ersteren vergleichen, dem das Treiben auf der Straße vielleicht nicht standhielt, wohl aber sicherlich die aus goldenem Wiener Herzen gelegte und von diesem besiedelte kaiserliche Straße, für die man das alte Wien aus Grund und Boden gerissen hatte.

Doch bevor noch ein Sbirre aus aufgetauchten Erwägungen die geeigneten Schlüsse zog, befand man sich schon schnurstracks vor einem Denkmal, das, neu und kurz enthüllt, von manchen bestaunt war, einem Mann namens Zelinka gesetzt worden, seines Zeichens Bürgermeister von Wien, hierorts damals bekannt, ansonsten nirgends, heute auch hierorts nicht mehr. Und plötzlich stand Rimbaud vor Zelinka.

Er stand vor diesem Zeugnis Wiens, der Hochachtung Wiens vor seinen politischen Vertretern, dieser Hochachtung vor dem Amt, das Gott angeblich mit dem Verstand verleiht und die nur durch amtliche Amtsentsetzung abzutöten ist, einer Hochachtung, die selten und bloß aus einem Mißverständnis heraus auch noch echten Kunstschöpfern, die nicht tot genug waren, zuteil wurde. Es schien dem Sbirren zumindestens so, als betrachte dieser zugereiste Kutscherverdächtiger den eingedeutschten Tschechen so lächelnd wie alles andere, nur daß dieses Lächeln unter einer spitzen Nase hervorkam, die gefährlicher als die Schirmspitzen alter Damen in die Gegend stach, wobei es allerdings durchaus unerfindlich bleiben mußte, warum gerade Zelinka Rimbauds Interesse erregte, ein vornehmer Herr, den er gar nicht kannte und der nicht einmal so vornehm abgebüstet war und der auch sicherlich von ihm keine Ahnung gehabt hatte, so daß sich die beiden wahrscheinlich nur dadurch näher gerieten, daß der eine hier als Monument zu stehen kam und der andere auf seinem Gang durch Wien hier, wenn auch bloß leiblich und ohne Anspruch auf ein Denkmal, stehenblieb.

Und während der Sbirre die freundliche Geste „Rimbaud vor Zelinka“ im Geiste als geringes Entlastungsmoment notierte, griff der schon Leichtentlastete in die linke Rocktasche, entzog dieser eine Brot- und Camembertkäseansammlung, biß in das zum Vorschein gebrachte Gebilde, und als er das ganze offenbar teils zu hart, teils zu unbekömmlich fand, streute er alles zu Brosamen verkürzt vor den erstaunten Bürgermeister, daß die Vögel nur so herbeihudelten und die Büste aus diesem Anlaß verunreinigten. Das war dem Sbirren mehr als zuviel, obgleich er nicht wußte, wie häßlich man in Frankreich das Essen auf öffentlichen Plätzen und in ebensolchen Anlagen empfindet und daher schon aus diesem Grund bereits der Probebiß eine Herausforderung war, sollte er nicht auf deutschem Boden zugelernt worden sein. Und so trat der heimliche Hüter des Gesetzes unwillig von einem Fuß auf den andern, während überwinterte Vögel sich an den mangels Eignung zu menschlichem Genuß für sie bestimmten Futterstücken gütlich taten und das Gütlichtun alsbald in Abreaktionen umsetzten. Aber wie noch der Sbirre durch Wechseln des Bodenbetretens ein Präludium für den Abgang spielte und dieses auch zusätzlich durch ein kurzes, leichtes, aber bestimmtes Husten verstärkte, hoffte er immer trotzdem, der Fremde werde von hier aus zum „Kanal“, auf den „Graben“, zum alten Steffel und vielleicht sogar zum „Prater“ oder nach Grinzing gelangen, nämlich zu irgendeinem Wahrzeichen, auf das Wien stolz ist und das jedermann einem Fremden gerne zeigt, auch wenn dieser verdächtig ist, ein Delinquent zu sein. Allein es schien, als ob das Standbild Zelinkas für Rimbaud in Wien das war, was in der Oper für den Verführer Don Juan de Tenorio das Standbild des Gouverneurs bedeutet hatte, nämlich ein Memento „Bis hierher und nicht weiter“, ein Sinnbild der Umkehr, wenn auch nicht der Bekehrung.

Immerhin vollzog sich diese Umkehr Richtung Kommissariat seitens des kutscherverdächtigenden Zugereisten ab Monument Zelinka wie die in Erwartung eines anderen Monuments ab diesem von seiten des teufelverfallenen Mißbrauchers weiblicher Sentimente in Serien. Diese Umkehr begann mit einem Ruck, so daß es fast den Anschein nahm, als wollte Rimbaud sich des Sbirren entledigen, der noch auf dem Dickicht des Weges der Eindrucksaufnahme zu dem der Eindrucksverarbeitung verstrickt schien, wie nicht anders die Vorläufer des charmanten Prinzen sich auf dem Pfade zum Dornröschenschloß in anderen Verstrickungsursachen verfangen hatten. Dazu schien der Franzose bereits im nächsten Augenblick verschwunden, wiewohl sich sicherlich nicht wie im Falle Don Juans der Erdboden zu seiner Verschlingung aufgetan hatte. Und schon saß der von dem verdutzten „Geheimen“ Gesuchte und Verlorengeglaubte von ebendemselben zur Befriedigung wiederentdeckt auf einer Parkbank eingelassen zwischen zwei Frauen, einer dicken und einer dünnen, deren erstere andererseits von ihrem nicht minder stattlichen Gesponsen, die zweite von ebenso schmächtigem Galan oder Stutzer flankiert war. Ein zusätzlicher Platz für den Sbirren schien nicht mehr vorhanden.

Nun ist Wien eine gemütliche Stadt, in der keiner für sich allein bleiben kann, er wäre denn abgenagt wie ein Knochen und auch nicht der Erörterung von Knochenforschern mehr würdig. Zwar saß der Fremde mit eingezogenem Blick, wie eine Schnecke hierzu Beispiel gibt oder auch ein Dichter von selbst weiß, der sein Bildermaterial unter Innendach bereits untergebracht hat. Darum ging er aber noch lange nicht des Interesses des Sbirren verlustig, das einerseits ein amtlich-objektives, andererseits ein amtlich-beleidigtes war, denn er hatte sich seiner Begleitung nahezu entzogen und kam nun unerlaubt an neutraler Stelle zu sitzen, wie Kinder an einem vereinbarten Ausweichplatz beim Fangspiel, nur daß dies kein Spiel war und auch nichts vereinbart und nur die Tatsache bestehen blieb, daß er saß, wo er nicht sitzen sollte, die Obrigkeit aber in seiner Begleitung ungeatzt, ungetränkt einen langen Gang getan hatte, auf dem der Gegenstand ihrer Befassung zuletzt der selben fast entwischt wäre, und nun vor diesem ohne Platz stand und sich so unverschuldet deplaçiert vorkam. Aber auch das private Interesse der Dicken und Dünnen, die die Parkbank schon vor ihm bevölkert hatten, war von dem Fremden in Anspruch genommen, denn Statur, Haupt und Adamsapfel sowie auch der Schnitt seiner Hosen und das mitgebrachte Bündel waren nicht landesüblich und zudem nicht leicht miteinander vereinbar. Und so stellten die Mitbenützer der öffentlichen Sitzgelegenheit ihre privaten Erwägungen und Beobachtungen an wie sein geheimer Bewacher seine offiziellen und offiziösen.

Da aber Wien eben eine gemütliche Stadt ist, in der keiner für sich allein bleiben soll, er wäre denn nicht einmal des kurzfristigen Interesses bedürftig, machten sich jene an diesen heran, indem die linke, dünne Dame, die eine junge war, ihre obere Hälfte dem Rock des Fremden näherbrachte, um den Kontakt besser herzustellen, während die ältere Dicke auf der anderen Seite ihre hintere Wölbung zu gleichem Zwecke heranwälzte. In derselben Zeit beinahe war der dicke Gatte bemüht, in einem Kauderwelsch aus tschechisch und magyarisch betonten Wörtern den Fremden anzuregen, Zeit seiner Ankunft und Ziel seines Bleibens zu enthüllen, während der dünne junge Mann neben der dünnen jungen Dame, der ein Stutzer oder ein Kellner war, sich mit einem knappen, aber distinguierten „Speak you American?“ begnügte, denn es war bereits die Zeit, in der von drüben manchmal einer herüberkam, komisch aussah, aber Geld hatte und es bei richtiger Erfassung der Situation auch unter die Leute brachte.

Bis dahin war das fettige Geflüster der Dicken und das hohle Gesäusel der Schmächtigen, wiewohl beides sich gelegentlich verstärkte, an dem Fremden vorübergeplätschert, der ohne Anteilnahme dasaß, sich weder ausbreitete, noch zurückzog wie einer, der nur innen dichtet, nach außen nicht raschelt und rauscht, noch den Ton des Räusperns angibt. Als er nun aber persönlich und privat angegangen war, fühlte er sich körperlich situiert vor einem Sbirren, zwischen Jung und Alt, Dünn und Dick der gemütlichsten Metropole, in der die Einsamkeit zwar nicht verboten, aber erschwert und verdächtig ist, auch konnte er sich der Kontaktaufnahme nur nach vorne entziehen, wo schon der Sbirre stand, um ihn wieder in Empfang zu nehmen. So antwortete er, daß er seit heute hier sei und bald wieder weiterfahre, daß er nicht amerikanisch, aber englisch spreche, im übrigen Franzose sei. Nun aber wollten die Herren und Damen wissen, wie es in Frankreich aussehe, warum er schon weiterreisen wolle, wo er erst gekommen sei, ob er auch den Prater, Schönbrunn oder Grinzing gesehen habe und ob die Wienerinnen nicht genauso reizvoll seien wie die Pariserinnen. Der schmächtige junge Mann, der aber ein Kellner war und sich Gesichter einprägte, vermeinte überdies, ihn in Brüssel irgendwo gesehen zu haben, denn dort habe er vor ein paar Jahren in einem Kaffeehaus Dienst gemacht und auch Zeitungen mit Bildern in Händen gehabt, und er glaube den Fremden aus einem solchen Bild zu erkennen. Hierauf meinte Rimbaud, daß in Österreich die Damen mitunter anmutig seien, es sich aber empfehle, nach Wien als Fremder ohne Gepäck zu reisen. Hierüber war man allgemein teils erstaunt, teils belustigt. Aber der Sbirre beugte weiteren Enthüllungen vor und zeigte seine Polizeimarke vor, wobei er auch noch auf den Fremden deutete. Mit den Worten „ein Kieberer“, was die amtliche Qualität des Polizisten verriet, enthuschte die dünne junge Dame unter Zurücklassung ihres Galans. Die beiden Dicken zogen sich gleichfalls zurück und entfernten sich mit Ausrufen gegen die Fremden im allgemeinen und den Fremden im besonderen. Nur der schmächtige Kellner, der ebenso aufgesprungen war, erkundigte sich bei dem Herrn Inspektor nach dem zuständigen Polizeirevier, nahm dann schnell einen Bleistift und ein Notizbuch zur Hand, kritzelte den Namen des Kommissars Linckerhandt und meinte so nebenbei, ihm sei jetzt etwas eingefallen, was den Herrn vielleicht interessieren werde und er habe was zu Hause, was er dem Kommissar bringen könne, und außerdem jetzt gerade Zeit. Der Sbirre konnte mit dieser Andeutung nicht viel anfangen, der Dichter Rimbaud aber schon etwas mehr, blieb aber trotzdem auf der Bank weiter sitzen, auf der sich in Abstand statt der Dicken nunmehr der Sbirre niederließ.

Der Rückweg vollzog sich rasch und ohne Umschweife und Unterbrechungen. Es mag sein, daß der Franzose sich mit Annahmen trug, der Kellner werde ihm nicht zuvorgekommen sein, sei es, weil ein Angeben von Dingen, die nicht wesentlich für ihn und die Obrigkeit, ihm nur besondere Umstände machen würden, wenn er sie verlautbarte, sei es, weil dieser ihn ursprünglich für einen Amerikaner gehalten, daher seine Identität nicht mit Sicherheit habe feststellen können. Allein die Raschheit, mit der er den Rückweg durchführte (denn er selbst und nicht der Sbirre gab zuletzt das Tempo an), lassen eher vermuten, er habe beides nicht angenommen, sondern sei sich dessen bewußt geworden, sich in einem Lande zu befinden, in dem Anzeige an die Obrigkeit eine Ehrensache ist, auch wenn sie nicht zu dem Zwecke geschieht, der Obrigkeit oder sich selbst zu helfen, sondern nur um der Sache selbst willen. Wie dem auch sei, als er sich endlich mit dem Sbirren vor der Tür des Kommissars befand, war bei diesem bereits der Kellner Stefan Klinckendricker eingetreten. Der Kommissarius Linckerhandt hatte schlecht im Wirtshaus gegessen, denn das Schnitzel war dürr und die Erdäpfel alt und mit nichtbekömmlichem Fett versetzt und angesengt. Auch war sein Schriftführer nicht mittlerweile vom Heuschnupfen genesen und auch keine behördlich unerlaubte Nymphe statt seiner ersatzhalber erschienen. Immerhin war von oben ein Ersatz in der Person des Josef Quirinus Hinterstößer angekündigt worden, eine Aushilfe für überall, wo Not am Mann war, aber von noch schlechterer Qualität als der ortsüblichen und zudem noch nicht eingelangt. Statt dessen stand vor ihm in der Person Klinckendrickers ein bereits beschriebenes Blatt, der Zuhälterei teils überwiesen und daher vorbestraft, teils nur verdächtig und daher schon wieder auf freiem Fuß, und wollte ihm mit einem Redeschwall Angaben machen, in denen er sich ersäuft fühlte, weil sie ihm über dem Kopf zusammenschlugen, statt ihn in demselben zu erreichen. Aber als der Kellner in Ergänzung seiner Beschreibung von einem Franzosen sprach, der ein Bündel hatte, von einem Kieberer, also Sbirren, begleitet gewesen und erklärt hatte, man soll als Fremder nach Österreich ohne Gepäck reisen, begann ihn die Sache zu interessieren, und wie der Ersatzschriftführer Quirinus Hinterstößer sich an den Schreibtisch drückte, begann er schon zu diktieren und legte ein Zeitungsblatt mit Bildern zu den Akten, aus dem hervorgehen sollte, daß ein gewisser Rimbaud vor drei Jahren und sechs Monaten in Brüssel dadurch Ärgernis erregte, daß er von seinem Freunde, einem Herrn Verlaine, unter Ausschluß sonstiger Öffentlichkeit in das Handgelenk geschossen worden war und auch späterhin gegen denselben eine Anzeige gemacht hatte, daß derselbe ihn auf offener Straße weiterverfolgte, eine Angabe, die er kurz darauf abschwächte und zuletzt fallenließ. Danach verbeugte sich Klinckendricker vor der Obrigkeit und diese entließ ihn mit dem unbestimmten Ausdruck einer mit Wohlwollen untersetzten Geringschätzung.

Danach rief man den Zeugen Fascheit herein, der hieramts zwar sehr häufig als Zeuge auftrat, ansonsten aber einen guten Leumund genoß und den Sachverhalt genauso schilderte wie bei seinen ersten, nicht beurkundeten Mitteilungen.

Als nun die Reihe zur Aussage an den Kutscher kam und dieser plötzlich, statt sich als Angezeigter zu verantworten, als Zeuge den angeblich Bestohlenen belasten sollte, blieb ihm die Zunge erst lallend und dann im Munde stocken, denn er hatte die ihm zugetraute Verwandlung noch nicht völlig mitgemacht, zumal auch sein noch mehr gerötetes Gesicht den Gedanken gestattete, er habe vielleicht zwischenzeitig durch Bier- oder Weinaufgüsse seine Eignung für plötzliche Metamorphosen beträchtlich herabgemindert. Statt dessen hatte er beim Wein sein goldenes Wiener Herz, dessen Vergoldung im Lauf der Zeit durch übermäßige Abnützung und Inanspruchnahme stark gelitten hatte, wiedergefunden, und er räumte ein, daß der Fremde, dem er nicht schaden wolle, so wahr ihm Gott helfe, vielleicht den einen oder andern Koffer gehabt haben könne, nur daß er keinen von beiden genommen habe. Vielleicht habe der Fremde einen oder beide in den Wagen hineingebracht, der Herr Kommissar müsse wissen, daß bei einer plötzlichen Wendung des Wagens ... Hier unterbrach der Kommissarius schreiend den nur ungenügend in einen Zeugen Verwandelten mit dem dringenden Verlangen, die Wahrheit zu sagen, wenn er nicht eingesperrt werden wolle, worauf der Kutscher einräumte, was allerdings nicht von ihm erwartet war, daß beide Koffer im Wageninnern gestanden, aber von dort bei einem Ruck hinausgefallen sein mußten.

Das erzielte Ergebnis brachte ABC Linckerhandt in eine noch größere Erregung. Er sprang von seinem Schreibtisch auf und ging auf den Kutscher zu, als ob er im Sinne hätte, ihn über seine amtlichen Befugnisse hinaus einer Züchtigung zuzuführen. Dabei mußte es aber kommen, daß die Fahne, das ist der von verdunstetem Alkohol dem Munde entströmende Gerüch, der Obrigkeit begegnete, die diese Entdeckung mit einem „Aha“ quittierte, den Entlarvten hinauswies und ihm einen Mann mitgab, der seine Ausnüchterung beschleunigen und überwachen sollte.

Als nun die Tür zu diesem Zwecke aufgetan wurde, sah der Kommissar zu seiner Befriedigung Rimbaud neben dem Sbirren sitzen. Er verordnete ersterem einen anderen Beisitzer und vernahm von dessen Vorgänger, wie sich der Fremde bei seinem Ausgang benommen hatte.

Rimbaud gab, soweit es sein Deutsch zuließ, gehorsamst Antwort, was die Generalien betraf, die er gehorsamst ergänzte, soweit ein Verdächtigter mehr anzugeben hat als ein zunächst als Zeuge Befragter. Insbesondere gab er zu, keinerlei Vermögen zu besitzen, vom gelegentlichen Stundengeben und Unterstützungen seiner Angehörigen seine Existenz zu fristen, nicht ganz zu seinem Vergnügen zu reisen, sondern zur Aufsuchung eines Wirkungskreises, über dessen Art und Ort er keine Aufschlüsse leisten konnte. Danach fühlte Rimbaud den Blick der Obrigkeit auf seiner rechten Hand und dann auf der linken, und bevor er noch dazukam, den einen oder den andern Ärmel zurechtzustreifen, fragte Linckerhandt bereits, was er da am Handgelenk habe. Der Fremde reagierte sichtlich beunruhigt, indem er zunächst die Anfrage auf die unbeschädigte Rechte bezog, dann hinwiederum erklärte, daß er sich einmal geschnitten hatte, was der Kommissarius durch rasche Erfassung der Hand und Entdeckung der Spuren des Durchschusses ausschließen konnte. Darauf hielt ihm der Kommissar ein Zeitungsblatt vor die Nase und fragte ebenso scharf als bestimmt: „Sind Sie der?“ Der Angeredete antwortete nicht sogleich, weil ihm die Frage oder auch nur die Erinnerung peinlich war, wiewohl er nach der Begegnung auf der Bank auf solche Forschung gefaßt hätte sein müssen. Er gab schließlich zu, derselbe zu sein, fragte aber nun ebenfalls schreiend, was dies mit dem Verschwinden seiner Koffer zu tun habe. Der Kommissar hieß ihn schweigen und konstatierte, daß dies sehr viel mit dem Verschwinden seiner Koffer zu tun habe. Nun begehrte der Fremde zu wissen, worin die Obrigkeit diesen Zusammenhang sehe, diese aber lächelte nur und meinte gebieterisch, sie sei nicht zur Auskunftserteilung, sondern zur Auskunftserforschung vorhanden.

Innerlich hatte sich der Repräsentant des Rechts bereits seine Gedanken gemacht, ob nicht einer, der einen Wiener Kutscher fälschlich des Kofferdiebstahls verdächtigt hatte, kraft seiner innern Beschaffenheit in der Lage gewesen sein konnte, auch seinen eigenen Freund fälschlich eines Schusses gegen seine Hand verdächtigt zu haben, während in Wirklichkeit er die Waffe selbst in einer Anwandlung von Weltschmerz oder Selbsteinsicht gegen sich gerichtet hatte, oder auch nur deshalb, sich für die Arbeit minder tauglich zu machen. Doch war der so Denkende vorsichtig genug, mangels Unterlagen seine Annahme nicht auszusprechen, denn es konnte auch sein, daß der Schuß in einer Auseinandersetzung zwischen Filous gefallen oder auch nur von dem nunmehr Verdächtigten zumindestens zur Skandalerregung inszeniert wurde. Bei dieser Gelegenheit begann er, das Zeitungsblatt zur Einholung ergänzender, wenn auch naturgemäß nur oberflächlicher und der Berichterstattung durch Laien entsprechender, auch nicht ganz verläßlicher Informationen durchzusehen, zumal ja amtliche noch fehlten und fehlen mußten. Dabei kam er darauf, daß es sich sowohl auf der Seite des Verletzers wie auch auf der des Verletzten um Dichter gehandelt habe, wobei der Berühmtere schoß und der Begabtere getroffen wurde. Mehr bekam er nicht heraus, denn er verstand die Sprache, in der geschrieben war, nur ganz am Rande, und ein kleines Wörterbuch, das ihm helfen sollte, versagte. Immerhin aber konnte er, sich rasch einfühlend, erkennen, daß Poète einen Poeten und Célèbre eine Zelebrität bedeutete. Das Wort „begabt“ wußte er zufällig außerdem in einigen Sprachen, zumal er selber seine eigene Begabung nicht unterschätzte.

Somit fand er sich durch Analogieschluß trotz Ungleichheit der Situation an seinen eigenen Anspruch auf Dichterqualität erinnert und extemporierte als Schöngeist mit der Frage, warum der Fremde nicht gesagt habe, daß er Dichter sei. Dieser antwortete aber mit raschem Protest, daß er kein Dichter sei, noch sein wolle, und daß er es für albern halte, sich mit dergleichen zu beschäftigen. Diese Verleugnung fühlte der Schöngeist in Linckerhandt sofort als einen Anschlag gegen sich, und der Kommissar trat wieder an seine Stelle in sein wohlerworbenes Recht.

Aber wie lagen die Dinge wirklich: Es ist wenig wahrscheinlich, daß Kommissarius Linckerhandt die Frage der Schuld eines zweifachen Anzeigers an dem Tatbestand, den er vorbrachte, bis zu seinen äußersten Konsequenzen dachte. Es genügte, daß er die wiederholte Behelligung des Amtes seitens ein und desselben nicht hierher gehörigen Fremden ohne Fürsprecher an sich als einen unschönen Wesenszug betrachtete, wenn auch die erste Behelligung nicht ihn selbst, ja nicht einmal einen nahen Amtskollegen gestört hatte. Tatsächlich aber suchte er aus dieser Duplizität der Fälle etwas für den Gegenstandsfall zu gewinnen, gewann aber nichts, als daß sich seine Gedanken mehr und mehr verwirrten und ihn schließlich gänzlich im Stich ließen. Sie ließen ihn im Stich, wie der Kutscher dies getan hatte, als er betrunken war, und es überraschten ihn bereits Zweifel, ob der ausgenüchterte Fuhrwerksführer besser standhalten würde. Allerdings, der Zeuge Fascheit war ein standhafter Zeuge gewesen, aber würde man höherenorts, würde man andernorts, bei Gericht, bei der Staatsanwaltschaft zufrieden sein, wenn er auf Grund der Aussage dieses standhaften Zeugen den Fremden festnehmen sollte. Er, Linckerhandt, kannte zwar weder die Ansichten höherenorts noch die andernorts, seine geistige Subalternität aber zwang ihn von Zeit zu Zeit, ohne daß er sich ihrer bewußt wurde, anzunehmen, daß die Meinung dort der seinigen entgegengesetzt sein könnte. Und wie sehr nun der Kommissar über dem Fall saß, entwischte ihm dieser unter seinem Hinterteil, als ob ihm eine ungesehene Kraft denselben von dort wegzog, entwischten ihm die Belastungsmomente wie ein Spuk. Und doch blieb ihm vielleicht eine Möglichkeit übrig, die Sache so zu erledigen, daß sie für ihn und von ihm im Sinne einer beleidigten Obrigkeit für immer abgeschlossen war, nicht vorerledigt für andernorts, nicht erstmals für höherenorts, sondern endgültig und für immer. Und wieder führte ihn die Parallele zwischen dem Anschlag in Brüssel und dem vorgeschützten Kofferdiebstahl in Wien auf einen Gedanken, dessen Festigkeit nicht von der Ausnüchterung eines Kutschers und dessen Erwägungen nach derselben abhing. Er fragte nämlich Rimbaud, ob dieser nach dem Anschlag seines Freundes gegen ihn in Brüssel bleiben gedurft, was der Angeredete verneinen mußte.

Der Kommissarius erglänzte nun in abweisender Hoheit, als er über massigen Leib hinweg aus unsichtbarem Hirn die Frage abschoß: „Und glauben Sie, daß Sie jetzt hier bleiben können?“ Der Fremde, der zwar nicht ahnte, welche Gefahr ihm ansonsten drohen würde oder zumindestens gedroht hätte, fand die angedeutete Lösung nicht für unpassend, zumal er nicht mehr die Absicht hatte und wegen Verlustes seines Gepäcks auch nicht mehr die Möglichkeit, seinen Aufenthalt in Wien noch länger auszudehnen, als dies zur Beendigung behördlicher Maßnahmen unbedingt erforderlich war. Außerdem störte ihn das Beschämende der Verbannung nicht, die Linckerhandt offenbar im Schilde führte. Daher schüttelte er den Kopf, worauf der Kommissarius die Klingel bediente und einen Sendboten zu seinem Präsidium abschickte, wo er einen Schulfreund, Versebewunderer und gelegentlichen Protektor in der Person des zumeist geistesabwesenden, sonst aber durchaus distinguierten und guterzogenen Herrn Philomenus Bampfer sitzen hatte. Darauf hob eine Stunde des Wartens an, in der Rimbaud wiederum neben dem Kieberer Krumhax saß, und dann wurde er zum letztenmal zu Linckerhandt berufen. Dieser folgte ihm kalt und gelassen ein Papier aus, dem zu entnehmen war, daß er als lästiger Ausländer hierorts nicht bleiben dürfe. Auch erklärte ihm der Kommissarius mit Fingerdrohung insofern den Inhalt, als er sagte: „Und kommen Sie mir ja nicht wieder!“

Rimbaud versprach, was man von ihm erwartete, und verließ, von Krumhax gefolgt, das Kommissariat. Wie er nun ins Freie trat und die wenig veränderte Außenluft einsaugen mußte, fühlte er sich plötzlich von oben angeredet wie folgt: „Fahren wir, Euer Gnaden:“ Sobald er nun der Herkunft dieser ihm besonders höflich vorkommenden, ansonsten aber allgemein üblichen Anfrage nachspürte, sah er den Kutscher Greiffzeug ungenügend ausgenüchtert auf dem Kutschbock sitzen, ihn zur Fahrt einladend, als ob nichts geschehen wäre, aber wahrscheinlich auch, ohne ihn wiederzuerkennen. Und er folgte der einladenden Bewegung und setzte sich neben den Kutscher, während sich der Sbirre verwundert und knurrend im Fond des Wagens niederließ.

Wie nun der Fahrzeuglenker aus dem Dusel, das ist seiner alkoholischen Strömung, heraus wie durch ein Fenster den Fremden erkannte und verdutzt war, mußte Rimbaud lachen. Da lachte der Kutscher mit. Nur der Sbirre lachte nicht, denn er war von der Obrigkeit.

Weil das Reiseziel „Westbahnhof“ angegeben worden war, lenkte der Fiaker zwar dorthin, fragte aber, daselbst angelangt, ob er nicht etwa den abzuschiebenden Zugereisten und den Herrn Kieberer auf ein Glas Wein oder Bier einladen dürfe, mit einem Gulasch oder Würsteln dazu. Rimbaud sagte zu, der Sbirre ab, ließ sich aber schließlich bitten.

Wie sie nun in der Gastwirtschaft nächst dem Westbahnhofe zu sitzen kamen, erzählte der Kutscher einiges über seine Pferde, anderes über seine Kunden, dann aber sprach er ganz allgemein von seiner Ehrlichkeit, dem goldenen Wiener Herzen, der alten Kaiserstadt und seinem Kaiser, zuletzt in der gleichen Weise vom braven Kommissar Linckerhandt. Der Sbirre erzählte nichts, denn ein Mann von Amt muß sich aufs Schweigen verstehn, insonderlich, wenn er im Dienste ist. Doch verzehrte er zwei Gulasch und spülte sie mit zwei Krügeln Bier in sein Inneres. Danach kam auch das dünne Mädchen aus dem Stadtpark dazu, neben dem Rimbaud am Nachmittag gesessen war, während der Kieberer vor ihm stehen gemußt. Die Dünne war aber nicht zufällig hier, auch nicht, weil sie das Hiersein der beiden vorausahnte, die sie nicht mehr wiedererkannte, sondern sie befand sich in ihrem Revier. Demgemäß machte sie den Herren auch ein kurzes Anerbieten, zu dessen Durchführung aber die Zeit nicht mehr reichte. Schließlich glaubte der Franzose bezahlen zu sollen, aber der Wiener Fiaker ließ dies nicht zu. Auch flüsterte er dem Fremden etwas ins Ohr, was diesen sehr erstaunen machte und zu einer geflüsterten Gegenerklärung veranlaßte, die offenbar nach den vom Sbirren aufgefangenen Worten den Kommissarius Linckerhandt betraf. Krumhax, der ein geheimes Einverständnis zwischen angeblichem Dieb und angeblich Bestohlenem argwöhnen mußte, bezahlte für sich selbst. Dabei verwendete er allerdings das Halbeguldenstück, das ihm Rimbaud aus Anlaß seiner Notdurft für einen anderen Wirt übergeben hatte, welches Geld damals, weil es zuviel war, mit zunächst unbekannter Bestimmung einbehalten worden war. So kam das Geldstück doch noch an einen Wirt.

Schließlich gelangten Kutscher, Sbirre und zu Expedierender auf den Bahnhof, woselbst der Pferdelenker Wiener Lieder bruchstückweise erst sang, später nur mehr grölte. Der Sbirre aber blieb unzufrieden und schwieg. Wie sie gesammelt auf den Perron hinaustraten, war auch das Mädchen Babette da, das den Protokollführer mit Heuschnupfen entschuldigt hatte. Nun mußte es ihn zum Zug begleiten, freilich nur zu einem solchen im Lokalverkehr, denn der Heuschnupfen war in Wirklichkeit der Vorbote einer schwereren Krankheit gewesen, wie zum mindesten der Arzneiverschreiber festgestellt und ihm deswegen kurzen Aufenthalt im Gebirge, das bei Rekawinkel beginnt, verordnete. Babette sah den gewesenen Dichter und glaubte, ihm noch etwas zum Abschied sagen zu müssen, wobei sie das Vorgefallene offenbar begriff, ohne daß es ihr genau bekanntgegeben worden wäre. Sie sagte aber nichts weiter als eine auch sonst übliche Phrase: „Denken Sie nicht schlecht von uns!“ Damit gleichzeitig versuchte sie, auch seine Hand zu fassen.

Dieser versprach, und es ist möglich, daß er auch gehalten hat. Zum mindesten hat er nie über diese Reise berichtet.

Als Kommissar Linckerhandt am gleichen Abend sein Amt verließ, vermißte er dort einen wachehaltenden Polizisten, fand aber statt dessen einen besoffenen Mann mit einem Koffer.

„Der Franzose ist weg. Teilen wir“, meinte ehrlich der diebische Kutscher.

„Schaun Sie, daß sie fortkommen“, schrie der empörte Kommissar, „Sie sind ja besoffen!“ und stolperte über den Koffer, daß er der Länge nach hinfiel.

Vielleicht auch hatte er nicht ganz begriffen, welche Zumutung an ihn herangetragen worden war.

Ende des Protokolls, betreffend den Aufenthalt von Arthur Rimbaud in Wien anno 1877.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1965
, Seite 451
Autor/inn/en:

Albert Drach:

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