FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1987 » No. 397/398
Alfred Frisch

Achtung! Milde Richter!

Am 30. Jänner, vor 60 Jahren, erschossen „Schwarze“ in Schattendorf einen Kriegsinvaliden und ein Kind. Der Wiener emeritierte Rechtsanwalt Alfred Frisch analysiert hier den nachfolgenden Prozeß; das Urteil — Freisprüche für die Täter — erging am 15. Juli, da hat der]ustizpalast gebrannt. A. F. wird im Heft Mai/Juni vom Schauplatz berichten: Als das Gericht in Flammen stand.

30. Jänner 1927

Frontkämpfervereinigung von Schattendorf (Sitz im Gasthof Tscharmann, 30 Mitglieder) plant Werbeveranstaltung gemeinsam mit Frontkämpfergruppen der umliegenden Ortschaften und einer Abordnung aus Wien. Schutzbundvereinigung von Schattendorf (60 Mitglieder) setzt für gleichen Tag Versammlung in „ihrem“ Gasthof Moser an. Auch hier Freunde aus umliegenden Ortschaften als Teilnehmer. Spannungsgeladene Stimmung in beiden Standquartieren.

Schutzbündler, etwa 200 Mann, marschieren zum Bahnhof; unterwegs bereits Zusammenstoß mit anmarschierenden Frontkämpfern. Auf dem Bahnhofsgelände wird ankommende Delegation aus Wien (11 Mann) nach Handgemenge zum Rückzug in den Bahnhof gezwungen und nach Verhandlungen Absage beider Veranstaltungen beschlossen. Schutzbündler begeben sich in den Ort zurück. Während des Vorbeimarsches am Gasthof Tscharmann kommt es zu Wortgeplänkel mit dort noch versammelten Frontkämpfern sowie Steinwürfen und Drohgebärden. Darauf stürmen die beiden Söhne des Wirts und ihr Schwager in den ersten Stock und schießen mit bereits vorsorglich bereitgestellten Gewehren wahllos aus dem vergitterten Fenster auf die Straße. Der kriegsinvalide Hilfsarbeiter Matthias Csmarits und Josef Grössing, ein achtjähriges Kind, werden tödlich getroffen, 5 weitere Personen verletzt.

Hirts Geschichte Österreichs in Stichworten,
Teil V, S. 163/164

Den Geschworenen im Schattendorf-Prozeß wurde ein Frageschema vorgelegt, das als verwirrend bezeichnet werden muß. Hinzuzufügen ist, daß die Rechtsbelehrung teilweise nicht im Protokoll festgehalten ist, weil auf eine Protokollierung verzichtet wurde.

Den Geschworenen wurden 27 ım wesentlichen nach dem gleichen Schema strukturierte Fragen gestellt, für jeden Angeklagten neun. Die erste Hauptfrage war jeweils darauf gerichtet, ob Josef Tscharmann jun., Johann Pinter und Hieronymus Tscharmann das Verbrechen der öffentlichen Gewalttätigkeit begangen haben. [1] Dies darum, weil die Angeklagten offensichtlich nicht auf einzelne Marschierende gezielt hatten, sondern „blind in die Kolonne hineinfeuerten.“

Aus dem Sachverhalt ergibt sich folgendes Bild: Die Schutzbündler waren auf ihrem Rückmarsch vom Bahnhof Loipersbach bereits durch Schattendorf durchmarschiert, als aus einem nach rückwärts gelegenen Mezzaninzimmer des Wohnhauses Tscharmann von Josef Tscharmann jun. und Johann Pinter mehrere Schüsse in den nahe der Straße gelegenen Tscharmann-Hof abgefeuert wurden. Spätestens nach diesen Schüssen gab es wohl kaum mehr eine „Kolonne von Schutzbündlern“ auf der Straße. Nach den Gendarmerieskizzen wird Josef Tscharmann jun. als derjenige bezeichnet, der sichtbar aus dem Fenster geschossen hat. Hiebei wurden der Knabe Grössing und der Invalide Csmarits fast zur gleichen Zeit von Schrotkugeln tödlich getroffen. [2]

An die Geschworenen aber wurde versuchte vorsätzliche schwere Körperverletzung (§ 155 lit a StG) als erste Eventualfrage gerichtet. Diese Frage betraf die Variante, daß jeder Angeklagte bei dem von ihm abgegebenen Schuß (Schüssen) auf bestimmte Personen gezielt hatte in der Absicht, sie schwer zu verletzen. Die Todesfolge blieb, „was weder in tatsächlicher noch juristischer Hinsicht befriedigen konnte“, ın diesem Fall unberücksichtigt. Die Höchststrafe hätte fünf Jahre schweren Kerkers betragen. Auf Grund des Beweisverfahrens war es unwahrscheinlich, daß jeder Angeklagte auf eine bestimmte Person (Personen) gezielt hatte. Nur bei Josef Tscharmann jun. konnte dies mit Sicherheit nicht ausgeschlossen werden.

Die übrigen Zusatzfragen an die Geschworenen bezogen sich auf allfällige Notwehr, Notwehrüberschreitung oder Notwehrnotwendigkeit. Bei besonders gefährlichen Verhältnissen hätte selbst bei ungezieltem Schießen eine Strafe bis zu 3 Jahren verhängt werden können.

Es mag sein, daß die Geschworenen, auch wenn es sogar vorbereiteter Mord gewesen war (siehe die vielen Gewehre und ein gewisses Zusammenwirken zwischen Josef Tscharmann und Josef Schefberger, dem Obmann der Schattendorfer Frontkämpfer) — bei Erhellung der Hintergründe — noch immer zum Teil vor einem „schuldig“ zurückgeschreckt wären. Die Strafdrohung erstreckte sich damals bis zu „lebenslänglich“, allenfalls war sogar die Todesstrafe möglich. Hinsichtlich des § 87 StG, nämlich dem Herbeiführen einer Gemeingefahr durch boshafte Handlungen — wobei hieraus in diesem Fall der Tod von zwei Menschen und die Verletzung von fünf weiteren erfolgte — war als Strafe auch bis zu „lebenslänglich“ bzw. die Todesstrafe vorgesehen, wenn es auch hier für den Gerichtshof die Herabsetzungsmöglichkeit bis auf 1 Jahr gab. Wir haben in der Zweiten Republik etwas Ähnliches bei den Kriegsverbrecherprozessen hinsichtlich der Morde durch Nazikriegsverbrecher nach 1945 wiederholt feststellen können.

Es ergab sich, wie ungeeignet das Geschworenengerichtsverfahren bei Anklage bloß nach § 87 StG gewesen ist, der bei einer „vorbeimarschierenden Kolonne“ gewiß juristisch „einen Ausweg“ darstellen mag und für den Staatsanwalt die Anklage erst möglich zu machen schien. Denn hier spielt tatsächlich infolge der Konstruktion der Mittäterschaft keine Rolle, wer die tödlichen Schüsse abfeuerte. All dies ist im Schattendorfer Verfahren wohl danebengegangen. Wie weit absichtlich, wie weit unabsichtlich, wird nach so langer Zeit wohl dahingestellt bleiben müssen.

Es leuchtet hervor, daß die einzige den Geschworenen wohl richtig erscheinende Frage jene nach § 140 StG gewesen wäre, zumindest als Eventualfrage, denn hier wären sie nicht vor dem sie belastenden Problem gestanden, die Angeklagten eventuell sogar zum Tode zu verurteilen, sondern es wäre die Entscheidung über eine Strafe von 5 bis 10 Jahren gewesen, die das Gericht eben noch weitgehend herabsetzen hätte können. Nicht einmal die Zusatzfrage nach fahrlässiger Notwehrüberschreitung wurde vom Vorsitzenden Dr. Ganzwohl gestellt.

Wie hätte ein richtiges Fragenschema erstellt sein müssen?

Es hätte eine Frage hinsichtlich Totschlag [3] zumindest für Josef Tscharmann jun. gestellt werden müssen, der auf der Jagd seines Vaters sicherlich ein geübter Schütze geworden war und mit großer Wahrscheinlichkeit (man beachte die vielen Einschläge in den auf der anderen Straßenseite liegenden Häusern) die Absicht hatte, den Schutzbündlern einen Denkzettel zu verpassen.

Bei mangelhaftem Beweisverfahren bzw. Nichtbeachtung von gesetzlichen Aufträgen ist für das Gericht (bei ernsten Widersprüchen zwischen den Vernehmungsprotokollen, aufgenommen vor der Hauptverhandlung, und den Protokollen in der Hauptverhandlung — bei Nichtaufklärung derselben durch die Vernommenen) Verlesung in der Hauptverhandlung möglich, ja geboten. Die Verlesung der Gendarmerieprotokolle hätte auf alle Fälle erfolgen müssen. All dies ist im Gerichtsverfahren unbeachtet geblieben, obschon die Widersprüche mehr als erheblich sind. Es ist die sehr wahrscheinliche Absicht des Josef Tscharmann jun., „den Schutzbündlern einen Denkzettel zu verpassen“, mangels der Frage nach Totschlag oder Mord den Geschworenen nicht erkennbar gewesen, jedenfalls hatten sie ihre Zweifel. Es gab unter den 12 Geschworenen sechs, die bei der Frage bezüglich § 155 (schwere Körperverletzung) für schuldig stimmten.

Was hat sich der Vorsitzende Ganzwohl gedacht?

... Der Obmann der Geschworenen hat noch in der selben Nacht nach dem Urteil auf Fragen von Presseleuten nach den Motiven des Wahrspruches angegeben, es gehe aus der Fülle zum großen Teil einander widersprechender Zeugenaussagen hervor, daß zuerst ein Angriff auf das Haus erfolgte. Einige Zeugen hätten auch angegeben, daß nicht nur Steine geworfen, sondern auch Schüsse abgegeben wurden. Die Angeklagten seien hiedurch ın Angst und Schrecken versetzt worden und hätten aus Notwehr zu den Gewehren gegriffen. Es habe sich nicht feststellen lassen, wer die tödlichen Schüsse abgegeben habe. Um den Schuldigen zu fassen, wäre es notwendig gewesen, allenfalls zwei Unschuldige zu verurteilen.

15. Juni 1927, Neue Freie Presse

Wie sehr wurden die Geschworenen als Laien vom Gericht im unklaren gelassen, daß sie die Notwehrlüge für möglich ansahen.

Es sind zuerst aus dem Fenster F insbesondere von Tscharmann Josef jun. Schüsse (darunter die tödlichen) abgegeben worden und dann erst gab es lediglich Steinwürfe gegen das Tscharmann-Haus. Sicherlich: Einige Frontkämpfer haben, inhaltlich nicht näher befragt, in den Hauptverhandlungen von Dutzenden Pistolen in den Händen von Schutzbündlern gesprochen und von vielen, auf das Tscharmann-Gasthaus und in den Hof hinein, über das Hoftor (von dem nur die kleine Eingangstür geöffnet war) und im Gasthof Tscharmann selbst abgegebenen Schüssen.

All dies hätte sich bei Befragung und Gegenüberstellung im Zusammenhalt mit den Vorakten sehr schnell als nicht aufrechtzuerhaltende Unwahrheit herausgestellt. Man möge sich nur die Gendarmerieskizzen anschauen und die unbestrittene Tatsache beachten, daß an der Front des Tscharmann-Gasthauses nicht ein einziger Einschuß von Gewehrkugeln und schon gar nicht von Pistolenschüssen aufzufinden war.

Es geistert sogar ein Militärgewehr in Händen von Schutzbündlern bis in die Anklage hinein, wohl fälschlich aus einem offensichtlich parteiischen Sachverständigengutachten entnommen. Das einzige Militärgewehr, das damals nachzuweisen war, hat dem beim Bundesheer eingerückten Frontkämpfer Michael Pinter gehört. Die dazugehörige Munition, welche von den Sachverständigen als militärisch systemisiert wurde, ist bei Tscharmann sen. unter dem Dach der Scheune gefunden worden, wo er sie mit dem Karabiner des Michael Pinter versteckt haben dürfte.

Der Zeuge Johann Schuh, der den Schuß des Frontkämpfers Michael Pinter in den Erdboden des Hofes Tscharmann beobachtet hatte, sah denn auch, daß Josef Tscharmann sen. sich schließlich auf den Dachboden seiner Scheune geflüchtet hat. Johann Schuhs nicht journalisierter Brief:

Bitte! Wohlverehrender gnädiger Herr Untersuchungsrichter,

ich habe bei meiner Einvernahme einen Punkt vergessen. Nämlich: wie ich das erste Mal nach Hause flüchten wollte und ich von rückwärts den Schuß hörte und mich umkehrte und zu der Tscharmannküche kam, war der Pinter Michael dort, hatte einen Karabiner und schoß mit diesem auf die Erde. Wie ich bei der Gendarmerie einvernommen wurde, habe ich das auch gesagt. Und heute Nachmittag bin ich wieder zur Gendarmerie vorgeladen, ich muß erscheinen, aber ich glaube, Einvernahme ist nicht mehr notwendig, was ich ausgesagt habe, kann ich mit reinem Gewissen und aufrichtigem Herzen beeiden.

Johann Schuh

Es gibt im Hof also nur eine aufgefundene Patrone 8mm 93 M. Diese kann nach den Denkgesetzen, wenn Schuh die Wahrheit schrieb, nur von diesem Frontkämpfer Michael Pinter stammen, und müßte die aufgefundene Patrone 8mm 93 M aus den zehn Patronen sein, welche zu dem Militärgewehr gehören, das mit ihnen gemeinsam (nur noch 9 Patronen gefunden) auf dem Dachboden entdeckt worden war. Es ist, abgesehen von später auszuführenden Gründen, somit unmöglich, daß irgendeine Patrone vom Schutzbundgasthaus in den Tscharmannhof verfeuert worden ist und noch dazu eine mit Kaliber 8mm 93 M.

Weshalb der Schuß in den Boden? Zu gleicher Zeit kamen die Schutzbündler aus Loipersbach zurück. Ankündigung der Schutzbündler? Jedenfalls hat Josef Tscharmann jun. aus dem Hinterfenster und dann aus dem Fenster F das Feuer eröffnet.

Welche Verwirrung: Nicht ein einziger Schußeinschlag in die Front des Tscharmann-Gasthauses beim Lokalaugenschein am 31.1.1927, was konform bleibt mit dem zweiten Lokalaugenschein vom 14.2.1927. Hinsichtlich der Feststellungen im Hof des Tscharmann-Anwesens sind aber die Ergebnisse der Lokalaugenscheine durchaus verschieden. Hier waren jedenfalls 14 Tage Zeit für Veränderungen. Also auch dafür, die Patrone aus dem Loch, das der Frontkämpfer Michael Pinter in den Hofboden geschossen hatte, zu entfernen!

Es wurde nicht untersucht, warum 30 bis 40 kg Schrot im Hause des Josef Tscharmann sen. gehortet waren und wo die Genehmigungen für all dies aufgelegen sind. Hier muß der Verdacht einer gewissen Voreingenommenheit des Gerichtes ausgesprochen werden.

Das Gericht hat, als die Schutzbündler einmal mit „Herren“ bezeichnet worden sind, „Herren“ durchstreichen und durch „Leute“ ersetzen lassen ...

Der aktenmäßig belegbare Angriff von Frontkämpfern auf ein Schutzbundgasthaus in der Silvesternacht 1926/27 ist in keiner Weise erwähnt worden.

Hieronymus Tscharmann konnte gemäß eigener Aussage beim Schutzbundwirt Moser die Ballnacht vom 29. auf den 30. Jänner durchtanzen. Auch der Obmann der Rohrbacher Frontkämpfer, Fessl, erklärte in seiner Aussage, er habe im Schutzbund-Gasthaus in Rohrbach getanzt und sogar den Frontkämpfermarsch spielen lassen! Man stelle sich das Gasthaus Tscharmann vor, wenn jemand dort versucht hätte, einen Schutzbundmarsch zu spielen!

Die moralische und politische Schuld lag, wie auch die Staatsanwaltschaft annahm, nach einem gesetzwidrigen Beweisverfahren und ohne Untersuchung der Hintergründe, auf alle Fälle bei den Schutzbündlern. Warum? Weil das Gericht offenbar von vornherein so dachte. Der Vorsitzende in der Verhandlung vom 13.7.1927:

Sämtliche von der Verteidigung und den Privatbeteiligtenvertretern gestellten Beweisanträge, welche sich auf vorausgegangene und nachfolgende „Ilustrationsfakten“ beziehen, werden abgewiesen, da bei dem offenbar bescheidenen Gesichtskreis der Leute in Schattendorf lediglich die örtlichen und außerdem nur die Verhältnisse und Vorkommnisse am kritischen Tag in Frage kommen.

Schattendorf ist ein politisches Verfahren gewesen. Man übersehe nicht, daß viele Richter damals deutsch-national gewesen sind, wobei sie vielleicht selbst der Meinung waren, in ihrer Objektivität hiedurch nicht beeinträchtigt zu sein. Schattendorf geht aber auch über solche Annahmen von unbewußter Voreingenommenheit hinaus.

Zur Illustration aus der Aussage des Josef Tscharmann sen. im Vorverfahren (Ordnungsnummer 19c), und zwar über die Zeit, zu welcher die Schutzbündler vom Bahnhof Loipersbach zurück vorbeimarschierten, und unter anderen Johann Schuh und Josef Grafl unter den Gästen anwesend waren:

... Im Gastzimmer waren schon viele Leute und man hat schon von der Versammlung gesprochen ... Da sind zwei Schutzbündler noch einmal zum Gasthaus gekommen, einer hat mich an der Hand getroffen. Er hat geschossen ... Wohin mein Sohn geschossen hat, weiß ich nicht. Zum Schluß war noch der Pinter da. Der ist als letzter mit mir heraus.

Die offenbaren Unwahrheiten des Josef Tscharmann sen. sind noch heute nachweisbar. Sie stehen in völligem Widerspruch auch zum Zeugen Johann Trimmel, der — ungefähr zur gleichen Zeit, als der Invalide Csmarits erschossen wurde — behauptet, derselbe habe ihm bei Tscharmann eine Pistole an die Brust gesetzt. Davon weiß wieder Tscharmann sen. nichts. Und all dies ist nicht aufgeklärt worden. Ich zitiere zur Illustration aus dem Sachverständigen-Gutachten vom 14. Februar 1927:

... Hierauf begibt sich die Gerichtskommission zu der im Hof gelegenen Scheuer des Josef Tscharmann sen. Der Beschuldigte Josef Tscharmann sen. gibt an, er sei vor dieser Scheuer gestanden, als vom Garten des Nachbarn Andreas Grasl, Nr. 60, Schüsse gefallen seien. Es waren 5 bis 7 Personen, die geschossen hätten, ohne Feststellung von Schußeinschlägen im Tscharmann-Hof. Mit Ausnahme eines einzigen, der auch sicherlich nicht von dem 3 Häuser weit entfernten Schutzbund-Gasthaus aus abgefeuert worden sein kann.

Der Sachverständige findet beim Suchen am 14. Februar 1927 einen Stahlmantel. Dieser stamme zweifellos von einer 8mm 93 M (also wie die unter der Dachsparre im Hause Tscharmann versteckten Patronen) und gehöre zu dem bereits im Depot befindlichen Projektil, das Kirchknopf, ein Schwager des Tscharmann, gefunden hat. Die Gerichtskommission hat aber auch an einer bestimmten Stelle im Hof Bleischrot gefunden. Dort müßte aus nächster Nähe ein Schuß in den Erdboden abgegeben worden sein. Hier hat man bestenfalls die Hülse, aber keine Patrone gefunden. Es ist wohl zwischen den beiden Lokalaugenscheinen manipuliert worden.

Laut Vermessungsamt ist sogar noch in den Plänen feststellbar, daß der angebliche Schuß vom Schutzbundanwesen her wegen der Entfernung — mindestens 40 m statt angenommenen 25 m (die wahre Entfernung soll übrigens ca. 200 m gewesen sein), 3 Häuser dazwischen, insbesondere das Tscharmann-Wohnhaus selbst — lediglich erfunden worden sein kann.

Es ist fast denkunmöglich, daß Josef Tscharmann jun., der auf die andere Seite der Straße in Richtung der dort gelegenen Häuser Nr. 109, 110 nach eigener Angabe einen Schuß abgegeben hat (sicherlich waren es mehrere und es war noch die Rede davon, daß auch der Boden aufgestaubt hat), nicht gesehen hat, daß dort mehrere Kinder waren, ebenso wie Erwachsene, und daß der tödlich getroffene Knabe Grössing niederstürzte; während er andererseits den ebenso fast gleichzeitig gestürzten Csmarits gesehen haben will. Josef Tscharmann jun. erklärte in Vernehmungsprotokollen vor den Hauptverhandlungen:

Nachdem Johann Pinter geschossen hatte, hörte ich Lärm auf der Straße und habe gesehen, daß Csmarits gestürzt war. Das war unmittelbar nach den Schüssen von Johann Pinter, also kann nur Pinter ihn erschossen haben.

Johann Pinter, der Müllerbursche, der mit seinem Schwager Josef Tscharmann und dessen Bruder aus dem Mordfenster des Wohnhauses Tscharmann auf die Straße geschossen hatte, einen Glasauginvaliden und ein Kind tötend, kann fast nicht schießen. Er hatte bei der Abgabe der Schüsse vor sich hin auf den Boden geschaut, und nur geschossen, weil der jagdgewohnte Schwager Josef damit begonnen hatte. Ich bin der Mörder, seufzt Pinter, so sagt es ja der Josef.

Johann Pinter kommt wie so oft zum Grab des kleinen Josef Grössing auf den Friedhof von Schattendorf. Er steht dort meist stundenlang herum. Schließlich betet er mehrere Vaterunser. Am 12. Februar 1934, als die Kanonen des Bundesheeres gegen den Goethe- und Marxhof schießen, ist Johann wieder beim Grab angelangt. Er kann keine Ruhe finden.

Dies schrieb Johann Pinter als Untersuchungshäftling in einem Brief, abgesendet aus dem Landesgericht für Strafsachen in Wien im Frühjahr 1927:

Liebe Mutter! Ich war kein Christ, wie ich es hätte sein sollen, sonst hätte ich mich nicht zu solchen Sachen hergegeben, daß sich ein Mensch mit einem anderen bekämpft. Mutter, für mich war es eine Lehre, nur traurig ist es, daß andere Menschen leiden müssen. Liebe Mutter, ich sage Dir’s aufrichtig: sollte es Menschen geben; die mir Gehör schenken, so wird meine Strafe nicht so schlimm ausfallen. Ich lese jeden Tag eine oder zwei Zeitungen. Zu Hause habe ich das verschmäht. Ich kann Dir nur sagen, das war die Schuld, denn wir auf dem Lande sind doch weit zurück. Liebe Mutter, ich bin kurze Zeit in Wien, aber was ich da gehört und gesehen habe, das habe ich früher für einen Roman gehalten. Not und Elend, aber die Leute sınd mit ihrem Dasein zufrieden, da es eine große Arbeitslosigkeit gibt ...

So schrieb Johann Pinter.

Josef Tscharmann jun. anläßlich einer anderen Aussage:

Ich bemerkte beim Schießen nicht, daß auf der Straße jemand getroffen wurde. Ich sah niemanden niederstürzen und hörte auch niemanden schreien. Erst am nächsten Tag erfuhr ich, daß zwei Tote liegengeblieben sind.

Aus Zeugenaussagen: „Klein Haring gibt auch an, daß der Mann fiel, nachdem Grössing getroffen worden war.“ Dasselbe sagt auch Schaller Johann, und zwar: „... Als die Leute riefen, das Kind ist gefallen, sah Schaller zu Csmarits hin, der sich auf diesen Ausruf der Leute gegen das Kind wendete und dann erst von einem Schuß getroffen wurde.“ Bernhard jun. gibt an: „... Es schrien die Leute ‚der Bub ist tot‘. Um diese Zeit habe ich den Csmarits gesehen, wie er hinter dem Baum vor dem Hause Tscharmann den Kopf vorbeugte. In dem Moment hat er einen Schuß in den Kopf bekommen, dann fiel er um.“

Wegen der „großen Angst und des Schreckens“, der die Angeklagten erfüllte, sei Hieronymus Tscharmann angeführt. [4] Er behauptet, wie auch sein Bruder Josef, daß ein gewisser Georg Gutmann (auch ein Frontkämpfer) vom Bahnhof Loipersbach gekommen sei und erzählt habe, daß es dort ein paar Tote gegeben habe. Die Todesschützen hätten deshalb befürchtet, daß auch bei ihnen jemand getötet werden würde. Also eine Behauptung zur Rechtfertigung von ca. 20 Schüssen auf die Straße hinaus ohne einen Schußangriff gegen das Haus Tscharmann oder die Angeklagten.

Gutmann war aber nach eigener Aussage gar nicht am Bahnhof gewesen: „Angst und Schrecken“ ist wohl mehr in Verteidigungstaktik von den Angeklagten behauptet worden.

Schließlich sei ausgeführt, daß Josef Schefberger, der Obmann der Schattendorfer Frontkämpfer, nach längeren Gesprächen im Gasthaus Tscharmann, wo bereits zwei „Warnschüsse“ von Tscharmann jun. abgegeben worden waren, nach Rohrbach, offenbar zu den dortigen Frontkämpfern, gegangen war. Der Obmann der Frontkämpfer von Rohrbach hieß Fessl. Schefberger erschien beim Bahnhofsvorstand von Rohrbach, Stefan Müller. Er bat ihn, eine Nachricht nach Mattersburg weitergeben zu dürfen. „Ich fragte ihn“, sagt Stefan Müller als Zeuge in der Hauptverhandlung vom 11. Juli 1927 „nach seinem Namen und seiner Angelegenheit, worauf er mir erzählte, daß in Schattendorf Schlägereien sind, auch Zusammenstöße am Bahnhof Loipersbach. Er sagte, er möchte den Hauptmann Seifert in Mattersburg davon verständigen. Ich habe diese Meldung telefonisch nach Mattersburg weitergeleitet (Seite 582 des Protokolls). Der Frontkämpfer hat offenbar nicht gewußt, daß Hauptmann Seifert — statt des erwarteten Oberst Hitl aus Wien — schon am Bahnhof Loipersbach war. Dieser Frontkämpfer ist mit dem heute hier erschienenen Schefberger identisch. Er hat mir damals auch mitgeteilt, daß Fessl schon tot ist, und daß zwei weitere verwundet sind.“ Dies, ohne daß Schefberger selbst am Bahnhof Loipersbach aufgeschienen ist. Woher hatte Josef Schefberger die Nachricht, daß der Rohrbacher Fessl getötet worden ist? Derselbe ist zwar verletzt worden, aber es war auch nach der Aussage des Hauptmanns Seifert keine bedenklich schwere Körperverletzung.

Sieht das Verhalten des Josef Schefberger beim Bahnhofsvorstand Müller nicht danach aus, als könnte getrachtet worden sein, das „Schießwüten“ aus dem Tscharmann-Haus von vornherein mit Angst und Notwehr zu entschuldigen? Wo bleibt die Befragung durch das Gericht? Existierte für dasselbe die Strafprozeßordnung nicht?

Bei Aufhellung der Hintergründe und Widersprüche hätte sich herausstellen können, daß die Befürchtungen des Zeugen Preschitz, die Frontkämpfer hätten beabsichtigt, die für den 30. Jänner 1927 vereinsgesetzmäßig angesetzte Generalversammlung des Schutzbundes zu sprengen, nicht unbegründet war. Haben doch die Loipersbacher Frontkämpfer beim Bahnhof Loipersbach (Zeuge Ferstl) sogar in der Hauptverhandlung erklärt, sie hätten keine amtliche Genehmigung für einen Marsch nach Schattendorf gehabt, wollten aber doch, wenn möglich, nach Schattendorf gelangen.

So gab es Verwirrung für die Geschworenen. Es fehlte objektive Sachverhaltsdarstellung und Erklärung. Die Staatsanwaltschaft beharrte auf bloß rechtlich richtigen Gesetzesauslegungen — sehr widersprüchlich für die Geschworenen — und das Frageschema war verfehlt. Dies alles waren nicht Fehler der Geschworenen, die in keiner Weise richtig belehrt worden sind.

Hinzugefügt sei, daß die Geschworenen gesetzlich keine Einsicht in die in der Hauptverhandlung nicht verlesenen Vernehmungsprotokolle hatten. Dennoch haben sie die Frage nach vorsätzlich gezielter schwerer Körperbeschädigung mit sechs zu sechs beantwortet. Sie waren also durch die Frage nach schwerer Körperverletzung besonders irregeführt. Man bedauerte damals, daß der Fall Schattendorf nicht bloß von Berufsrichtern behandelt worden war. Das ist falsch. Sicherlich, durch die zweite Instanz kontrollierte Richter hätten verurteilen müssen. Der gegen die Geschworenen gerichtete Vorwurf über das Fehlurteil von Schattendorf ist aber viel weniger gerechtfertigt als eine scharfe Verurteilung des Gerichtshofes, insbesondere des Vorsitzenden, durch die Öffentlichkeit.

Fahrt nach Schattendorf am 14.6.1985
Von Alfred Frisch

Als einziger unter den von der Gendarmerie aufgenommenen Zeugen wurde mir der am 15.7.1927 11jährige Josef Pinter als noch lebend, und zwar in Schattendorf, genannt.

Ich stelle fest, daß derselbe damals eine völlig klare Aussage gemacht hat hinsichtlich des Erkennens des Josef Tscharmann beim Schießen aus dem Fenster F des Wohnhauses Tscharmann, wobei er auch das Fallen des getöteten Grössing und des Invaliden Csmarits gesehen hat bzw. unmittelbar nach dem Schießen aus dem Fenster F beide Getötete am Boden hat liegen sehen.

Ich sage: Ich habe Ihnen nur eine einzige Frage zu stellen: Haben Sie gesehen, daß von seiten der Schutzbündler oder auch von anderer Seite gegen das Tscharmann-Gast- und Wohnhaus und über das Holztor ın den Hof hinein mit Pistolen geschossen wurde? Haben Sie überhaupt Pistolen in den Händen der Schutzbündler gesehen?

Die Antwort ist: Keine einzige. Die Schutzbündler hatten keine Schußwaffen.

Ich weise darauf hin, daß ich von seinen Mitteilungen keinen Gebrauch dergestalt machen werde, daß ich ihn in der Öffentlichkeit jetzt aus der Erinnerung noch einmal bezeugen lassen werde, was er gerade gesagt hat.

Josef Pinter sagt: Was ich gesagt habe, ist wahr und die Wahrheit werde ich immer bezeugen.

[1Im § 87 StG ın der damaligen Fassung heißt es: „Wenn eine Personenmehrheit vorsätzlich unter besonders gefährlichen Verhältnissen in Lebensgefahr gebracht wird ...“

[2Siehe die Zeugenaussage von Johann Schaller, Josef Pinter und Bernhard jun.

[3Laut § 140 StG wird die Handlung, nach der ein Mensch ums Leben kommt, wenn der Täter nicht in der Absicht, ihn zu töten, doch zumindest in anderer feindseliger Absicht gehandelt hat, als Verbrechen des Totschlags bezeichnet.

[4Aussage in der Hauptverhandlung vom 5. Juli 1927.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1987
, Seite 12
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Alfred Frisch:

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