FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1963 » No. 118
Willy Brandt

Abschied vom 19. Jahrhundert

In diesen Monaten hat sich die deutsche Öffentlichkeit der Tatsache erinnert, daß die Sozialdemokratische Partei hundert Jahre alt ist. Mitten in dieses Jubiläumsjahr fällt das Gedenken an den gesinnungsstarken, wortgewaltigen und noblen Mann August Bebel und all das, was er formend und führend für die deutsche Arbeiterbewegung und für das deutsche Volk geleistet hat. Und auch an das, was er für Europa und den Frieden zu leisten bestrebt war.

Aus Bebels Arbeiterpartei ist die Volkspartei des Godesberger Programms geworden. Die deutschen Sozialdemokraten sind eine moderne, gestaltende Kraft auf dem Wege zur Regierungsmacht und eine aufgeschlossene, der Zukunft zugewandte Gesinnungsgemeinschaft.

Sie sind kein opportunistischer Haufen und werden es nicht sein. Wie alle anderen haben sie die Geschichte hinter sich lassen müssen. Aber sie laufen nicht von ihrer Geschichte weg, sondern sie bekennen sich stolz zu ihrem unverwechselbaren, mit der Entwicklung der Nation und dem Menschheitsstreben verwobenen historischen Erbe.

Wie viele bedeutende Denker, tapfere Kämpfer, überragende Persönlichkeiten haben doch gemeinsam mit den aus den breiten Volksschichten freigesetzten Kräften in den hinter uns liegenden hundert Jahren das Lager der sozialen Demokratie geformt! Wer wollte die geschichtsbildende Kraft leugnen, die daraus in diesen hundert Jahren geworden ist?

Davon hat man auch vor fünfzig Jahren manches gespürt. Ich habe nachgelesen, was die „Zürcher Wochen-Chronik“ am 23. August 1913 schrieb. Wie sie schilderte, der Tod Bebels habe in der ganzen Welt größeres Aufsehen erregt als der eines gekrönten Hatüptes. Wie sie über die Zehntausende berichtete, die über engere politische Sympathien hinweg dem deutschen Arbeiterführer die letzte Ehre erwiesen und über den wohl größten Trauerzug, den Zürich je zu sehen bekam.

Fast die ganze alte große Garde der europäischen Sozialdemokratie war damals mit den Schweizer und deutschen Gesinnungsfreunden versammelt: Victor Adler aus Österreich, O. Bracke aus Frankreich, Keir Hardie aus England, Plechanow aus der russischen Emigration, Stauning aus Dänemark, Troelstra aus Holland, Vandervelde aus Belgien.

Es wäre unaufrichtig, nicht auch Rosa Luxemburg und Klara Zetkin zu nennen, die Bebels Sarg gemeinsam mit der Familie folgten. Zur alten Arbeiterbewegung gehörte der eine Flügel so gut wie der andere. Die Perversion radikalen sozialistischen Erneuerungswillens durch kommunistische Staatsgewalt stand erst noch bevor. Auch der Fortschrittsglaube des 19. Jahrhunderts stand am Vorabend des ersten Weltkrieges vor einer Belastung, die er nicht bestehen konnte.

Marx und Bernstein — gemeinsam

Aber nichts hat die Größe der Aufgabe verändert, die Vision der sozialen Demokratie und den Anspruch auf sie immer stärker zur lebendigen Wirklichkeit werden zu lassen.

Eine umfassende, schöpferische und solidarische Demokratie — das war der gemeinsame Nenner von Marx und Lassalle, von Bebel und Bernstein. Eine dynamische und konsequente Demokratie — das ist die Aufgabe, um die wir uns in dieser Zeit umwälzender Veränderungen zu bemühen haben.

Dies ist nicht der Ort, ein Lebensbild August Bebels zu zeichnen. Aber vielleicht verweilen wir einen Augenblick bei der steilen Entwicklung, die er durchgemacht, bei dem erfüllten Leben, das er durchmessen hat.

Vom unterernährten Kegeljungen, dessen Eltern frühzeitig an der Schwindsucht starben und dessen eingestandener Kindheitstraum es war, „sich einmal an Butterbroten tüchtig satt essen zu können“, bis zum weltweit anerkannten Führer der deutschen Linken.

Vom Drechslerlehrling mit vierzehnstündiger Arbeitszeit und raren Feierabenden im katholischen Gesellenverein zum souveränen Reichstagsabgeordneten und Führer jener immer mächtiger werdenden Partei, die den Entrechteten einen Platz am Tisch der Gesellschaft erstritt.

Vom politischen Gefangenen, der in der Festungshaft bei Wilhelm Liebknecht Englisch und Französisch lernte, bis zum Mann der Nation, bei dessen Tod Friedrich Naumann bekannte, er habe in seinem Arbeitszimmer die Bilder von Bismarck und Bebel nebeneinander hängen gehabt, denn in beiden habe die Reichsgründungszeit gelebt — gegensätzlich und doch zusammengehörig.

Bebel war anders, als politische Gegner ihn in zuweilen blindem Haß malten. Er war auch anders, als viele seiner politischen Freunde ihn sehen mochten. Er war — hier stütze ich mich noch einmal auf Naumann — anders als alle, die um ihn herum waren: „Immer, soweit ich ihn beobachten konnte, hatte er mitten in der Masse etwas Eigenes und Zurückhaltendes.“

Bebel — kein Parteimann

Die Herzen der Massen schlugen ihm zu. Er war wirklich ein Mann, der Vertrauen besaß. Aber ein Schulterklopfer oder Anpaßling war er gewiß nicht.

Er redete den Parteigängern nicht nach dem Mund. Er sagte ihnen, daß es nicht darauf ankomme, sich allein dem Triumph einer Partei verpflichtet zu fühlen, „sondern einer neuen Gesellschaft, in der alle aktiven Kräfte harmonisch verbunden werden und zu aller Nutzen zusammenwirken“.

Dies ist Bebel’scher Geist, der über seine Zeit hinaus wirkt bis in unsere Tage. Die Sozialdemokratische Partei, so rief er einmal dem großen Widersacher Bismarck im Deutschen Reichstag zu, sei eine Gemeinschaft von Menschen, die beständig lerne und sich in ständiger geistiger Umwandlung befinde. Sie sei eine Partei, die nicht die Ansicht hege, daß ein heute ausgesprochener Satz und eine heute als richtig erkannte Anschauung unzweifelhaft und unfehlbar für alle Ewigkeit feststehen. Und gerade deshalb sei sie eine vorwärtsstrebende Partei.

Bebel war Revolutionär im Sinne der geschichtlichen Erfordernisse, und er stand fest zu dem, was ihm prinzipiell erschien. Aber Revoluzzertum war ihm ebenso fremd wie Dogmatismus. Er bekannte sich zum Meinungswandel, der in gärenden Zeiten rasch eintrete und den Denkprozeß beschleunige. Der Grundsatz seines Lebens war es, so können wir in seinen Erinnerungen nachlesen, „sobald ich einen Standpunkt, den ich bisher in einer Frage verfochten hatte, als unhaltbar erkannte, ihn zu verlassen und rückhaltlos der neugewonnenen Überzeugung zu folgen und sie auch öffentlich und nachdrücklich zu vertreten“. Aus deutscher Sicht lohnt es, daran zu erinnern, wie sehr Bebel die Sache der Nation zu seiner eigenen Sache gemacht hat. Und wie sehr er sich bemüht hat, die angeblich „vaterlandslosen Gesellen“ seiner Zeit väterlich an die Hand zu nehmen, um sie hinzuführen zu einem erneuerten Vaterland, das auch ihnen gehören würde. „Wir werden“, so sagte er zur Jahrhundertwende, „unser Vaterland zu einem Land machen, wie es in ähnlicher Vollkommenheit und Schönheit nirgends in der Welt besteht ...“

Vieles ist anders geworden seit der Jahrhundertwende und in den fünfzig Jahren seit Bebels Tod. Vieles ist auch komplizierter und schwieriger geworden. Wir, die wir heute das Lager der sozialen Demokratie in Europa repräsentieren, sind nicht dieselben wie unsere Väter und Großväter.

Was jedoch die Triebkräfte des Handelns angeht und das Ziel des Strebens, sind wir die gleichen geblieben. Und was August Bebel war, eine der großen Gestalten des europäischen Sozialismus — das ist eingegangen in das Denken und Empfinden der Menschen, die der Zukunft, der Menschlichkeit und der Gerechtigkeit verpflichtet sind.

Aber große Menschen sind kein dauernder Besitz. Sie sind ein Geschenk, dessen man sich würdig erweisen muß.

Wir sind uns unserer großen, schweren und schönen Aufgabe bewußt. Dabei wissen wir, daß in den Ländern des freien Europa — unter maßgeblicher Mitwirkung der Arbeiterbewegung und der Sozialdemokraten — viel von dem erreicht worden ist, was Bebel und seine Generation erstrebten. Wir wissen aber auch, was zu tun bleibt. Der geschichtlichen Verpflichtung werden wir nur gerecht, wenn wir den Weg weiter nach vorn finden und fähig sind, die Herausforderungen unserer Tage mutig, tatkräftig und besonnen zu meistern.

Die fünf Jahrzehnte seit Bebels Tod haben uns zwei Weltkriege gebracht und die Gefahr einer Selbstvernichtung der Menschheit aufziehen lassen.

Wir sind mit dem Totalitarismus konfrontiert und durch ihn erschüttert worden. Die braune Macht kam über Deutschland und große Teile von Europa. Die sozialistischen Ideen wurden verfälscht, ihre Träger verfolgt.

Und schon sehen wir bestätigt, daß die Weltenuhr auch im kommunistisch regierten Teil der Welt nicht stehenbleibt.

Die wissenschaftliche Revolution hat neue Größenordnungen und neue Qualitäten hervorgebracht. Und doch befinden wir uns erst an der Oberfläche dessen, was durch Wissenschaft und Technik verändert werden wird. Im Sinne August Bebels wollen wir uns erneut zur Sicherung des Friedens rüsten, ohne Illusionen und ohne die Lehren der Vergangenheit zu vergessen, aber auch ohne die Hemmungen und Winkelzüge derer, die im Gestern leben.

Kein naiver Fortschrittsglaube

Wir haben den naiven Fortschrittsglauben überwunden und wissen besser als früher, daß um die Freiheit jeden Tag aufs neue gerungen werden muß.

Wir wollen uns zu der größeren europäischen Gemeinschaft bekennen. Sie muß Wirklichkeit werden, aber sie wird es nur werden, wenn der Blick nach vorn gerichtet wird und die Völker Druck dahinter setzen.

Wie könnten wir angesichts der Schandmauer in Berlin darauf verzichten, auch vom Selbstbestimmungsrecht zu sprechen! Wir dürfen nicht vergessen, daß in August Bebels politischer Heimat, in Sachsen, die Sozialdemokratische Partei ebenso unterdrückt ist wie die staatsbürgerliche Freiheit und das Recht auf nationale Selbstbestimmung. Das kann und wird auf die Dauer nicht so bleiben.

Im Sinne Bebels wollen wir uns aber auch noch einmal klarmachen, welche früher ungeahnten Möglichkeiten uns die wissenschaftlichen Erkenntnisse und die technischen Leistungen bieten, um Hunger, Seuchen und Unwissenheit in aller Welt zu beseitigen. Zugleich wird es außerordentlicher Anstrengungen bedürfen, um mit den gesellschaftlichen Konsequenzen der wissenschaftlich-technischen Umwälzungen fertig zu werden. Die moderne Gesellschaft kommt weder mit bloßer Beharrung noch mit ziellosem Treibenlassen aus. Sie kann die Zukunft nur meistern durch planvolles Zusammenwirken in Freiheit.

Hier haben die Sozialdemokraten unserer Zeit ihren besonderen Beitrag zu leisten. Hier hat sich das Lager der sozialen Demokratie neu zu bewähren. Aus Überzeugung und mit Tatkraft wollen wir die Aufgaben anpacken, die andere nicht oder nicht rasch genug erkennen oder an die sie mit unzeitgemäßen Werkzeugen herangehen.

Uns erfüllt das gleiche Gerechtigkeitsgefühl und derselbe Freiheitsdrang, die August Bebel leiteten. Deshalb werden wir auch immer zuverlässige Helfer derer sein, die der Hilfe bedürfen. Wir werden jene Bedingungen schaffen, die allen Menschen gleiche Chancen gewähren. Wir werden das Alte hinter uns lassen und an einer Ordnung ohne Not und Furcht bauen, die allen Verneinern der Freiheit überlegen ist.

Wir verbinden die reiche Erfahrung eines hundertjährigen Ringens um Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden mit dem jugendlichen Mut, jene Zukunft meistern zu helfen, die weder Marx oder Lassalle, noch Bebel oder Bernstein so voraussehen konnten.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1963
, Seite 458
Autor/inn/en:

Willy Brandt:

Willy Brandt war von 1964 bis 1987 Vorsitzender der SPD, von 1969 bis 1974 Bundeskanzler der BRD.

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