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Sidonie Nádherná von Borutín

Beiträge

Karl Kraus

Ewiger Knabe durch Dich

Briefe an Sidonie Nádherný von Borutin
April
1974

Der bisher unbekannte private Karl Kraus wird in den hier zum erstenmal publizierten Briefen an Sidonie Nádherný sichtbar. Die Krisen des Privaten standen stets in unmittelbarem Zusammenhang mit politischen Krisen der Zeit. Im Privaten steckt eigentlich das Politische: die Bindung an eine (...)

Michael Siegert

Sehnsucht nach aristokratischem Umgang

Karl Kraus und Sidonie Nádherný von Borutin
April
1974

1065 Briefstücke! Ein Kontinent ist aufgetaucht, wo sich Naturereignisse abspielen: Gefühlsstürme, Thränensturzbäche, Eiszeiten und Schmelzperioden, Steinschlag, tektonische Wanderungen und Blitze aus heiterem Himmel. Der aufmerksame Fackel-Leser wird nicht überrascht sein, denn das Private steht (...)

Sidonie Nádherná von Borutín bei Wikipedia

Sidonie Nádherná
Vrchotovy Janovice (ca. 1933)

Sidonie Nádherná von Borutín, ab 1898 Freiin Nádherná von Borutín (* 1. Dezember 1885 in Vrchotovy Janovice, Böhmen; † 30. September 1950 in Harefield, London) (auch: Sidonie Nádherný, kurz Sidi, tschechisch Sidonie Nádherná z Borutína) war eine böhmische Baronin und Salonnière.

Sidonie Amálie Vilemína Karolína Julie Marie Nádherná von Borutín war das jüngste Kind des Großgrundbesitzers Karel Boromejský Jan Ludvík Ritter Nádherný von Borutín (1849–1895) und seiner Frau Amalie Klein von Wisenberg (1854–1910), einer Tochter des Unternehmers Albert Klein von Wisenberg. Ihre älteren Brüder waren Jan Karel Ludvík Sidonius Adalbert Julius Otmar Maria und Karel Maria Ludvík Hubert Adalbert Nádherný von Borutín, mit denen sie zusammen am 13. Mai 1898 in den österreichischen Freiherrenstand erhoben wurde.

Literarische Berühmtheit erlangte Sidonie Nádherná durch ihre Freundschaft zum Dichter Rainer Maria Rilke, mit dem sie von 1906 bis zu dessen Tod 1926 korrespondierte, und die Freundschaft, dann Liebe zum Schriftsteller Karl Kraus. Sie lernte Kraus, der sich in sie verliebte, am 8. September 1913 im Wiener Café Imperial kennen. Mit Kraus verband sie bis zu dessen Tod eine konfliktreiche, aber lange und intensive Beziehung.[1] Kraus hätte diese wohl gern legalisiert, aber Rilke hintertrieb eine Heirat mit dem perfiden Hinweis auf einen „unaustilgbaren Unterschied“ (gemeint war offensichtlich Kraus’ jüdische Herkunft).[2]

Sidonie hatte 1914 vor, eine standesgemäße Ehe mit einem italienischen Grafen einzugehen, was der Beginn des Ersten Weltkriegs jedoch verhinderte. 1915 versöhnte sie sich wieder mit Kraus, der große Teile seines Dramas Die letzten Tage der Menschheit auf Schloss Janowitz schrieb. Im Jahr 1918, zu Ende des Krieges, brach sie wieder mit ihm. 1920 heiratete sie den österreichischen Mediziner Maximilian von Thun und Hohenstein (1887–1935) im Stift Heiligenkreuz,[3] trennte sich jedoch ein Jahr später wieder von ihm, ließ sich jedoch erst 1933 von ihm scheiden. Noch Ende 1920 versöhnten sich Kraus und Sidonie wieder. 1924 kam es erneut zum Bruch, 1927 zur letzten Versöhnung, der aber nicht mehr große Leidenschaft folgte.

Die Korrespondenzen, die Sidonie von Nádherná mit Rilke und Kraus pflegte, sind mittlerweile veröffentlicht und dokumentieren ihre Bedeutung als Diskussionspartnerin, „kreative Zuhörerin“ und Repräsentantin einer späthabsburgischen Kultur.

Nádherná war aber nicht nur Freundin berühmter Männer, sondern auch eine emanzipierte und kulturinteressierte Frau. Auf dem Familienbesitz Schloss Janowitz in der Nähe von Prag veranstaltete sie zahlreiche politische und literarische Salons. Zu ihrem Kreis gehörten neben Kraus und Rilke auch der Architekt Adolf Loos, der tschechische Schriftsteller Karel Čapek, die Komponistin Dora Pejačević und der Maler Max Švabinský.

1942 wurde Schloss Janowitz von deutschen Truppen beschlagnahmt und dem SS-Truppenübungsplatz Böhmen zugeordnet. Nach dem Krieg versuchte Nádherná vergeblich, den Familienbesitz zurückzuerhalten. Schloss Janowitz wurde von der Armee genutzt und 1948 von den tschechoslowakischen Kommunisten enteignet. Nádherná war kurzzeitig verhaftet und floh über Bayern nach Großbritannien.[4] 1950 starb sie verarmt im englischen Exil.

1999 wurde ihr Sarg nach Schloss Janowitz überführt und dort im Schlosspark bestattet. Schloss und Park wurden zwischen 2000 und 2007 in tschechisch-deutscher Zusammenarbeit wiederhergestellt und wurden eine kulturelle und wissenschaftliche Begegnungsstätte.

  • Elke Lorenz: „Sei Ich ihr, sei mein Bote“. Der Briefwechsel zwischen Sidonie Nádherný und Albert Bloch, Iudicium, München 2002, ISBN 3-89129-742-4 (deutsch / englisch).
  • Karl Kraus: Briefe an Sidonie Nádherný von Borutin. 1913-1936, 2 Bände, herausgegeben von Friedrich Pfäfflin, Wallstein, Göttingen 2005, ISBN 978-3-89244-934-8.
  • Rainer Maria Rilke – Sidonie Nádherný von Borutin, Briefwechsel 1906–1926, herausgegeben von Joachim W. Storck unter Mitarbeit von Waltraud und Friedrich Pfäfflin, Wallstein, Göttingen 2007, ISBN 978-3-89244-983-6.
  • Friedrich Pfäfflin, Alena Wagnerová (Hrsg.): Gartenschönheit oder Die Zerstörung von Mitteleuropa: Sidonie Nádherný – Briefe an Václav Wagner 1942–1949 Wallstein, Göttingen 2015, ISBN 978-3-8353-1618-8.
Commons: Sidonie Nádherná von Borutín – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  1. Alexandra Pontzen: Retuschen am Bild der Geliebten auf literaturkritik.de, März 2006
  2. Rainer Maria Rilke - Sidonie Nádherny von Borutin: Briefwechsel 1906–1926, Hrsg. Joachim W. Storck, Waltraud und Friedrich Pfäfflin. Wallstein Verlag, Göttingen 2005, ISBN 978-3-89244-983-6. Ein Brief, in dem sich Rilke abfällig über Kraus äußert (21. Februar 1914), ist auch im Internet auf der Seite www.rilke.de zu finden.
  3. Thun-Hohenstein auf Genealogie.eu abgerufen am 20. Januar 2014
  4. Beatrice von Matt: Vertrieben aus der Mitte der Welt. Sidonie Nádhernýs Kampf um Schloss Janowitz und gegen die nazistische wie die kommunistische Barbarei. Rezension. In: Neue Zürcher Zeitung, 21. November 2015, S. 55

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