Grundrisse
Karl Reitter • Schattenblick

Interview mit Karl Reitter zur Neuen Marx-Lektüre

Es gibt zwei Arten, Marx zu zerstören — entweder durch direkte Konfrontation oder durch tödliche Umarmung, so Karl Reitter anläßlich der Vorstellung des von ihm herausgegebenen Buches „Karl Marx - Philosoph der Befreiung oder Theoretiker des Kapitals? Zur Kritik der ’neuen Marx-Lektüre’“ [1] bei einer Veranstaltung der Assoziation Dämmerung in Hamburg. Die Frage, warum Marx das Kapital geschrieben hat, ist aus seiner Sicht von hoher Evidenz. Ihm ging es nicht nur darum, eine richtige ökonomische Theorie zu verfassen und im gleichen Atemzug bürgerliche Ökonomen wie Adam Smith oder David Ricardo der Konformität zu den herrschenden Interessen ihrer Zeit zu überführen. Zweifelsohne hat Marx in diesem Sinne die Binde vor dem Auge der Nationalökonomie fortgerissen und den angeblichen Reichtum der Tüchtigen als Produkt einer auf Ausbeutung der Arbeiterklasse basierenden Wirtschaftsweise enttarnt. Wichtiger war ihm jedoch sein politisches Anliegen, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“.

So unbescheiden dieses Ziel auch heute noch erscheint, so konsequent ging Marx in seiner Analyse der gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse über die Forderung nach einem gerechten Lohn hinaus. Indem er den hohen Abstraktionsgehalt der gängigen ökonomischen Theorien seiner Zeit auf den Grundwiderspruch zwischen Kapital und Arbeit zurückführte, bereitete er der Überwindung dieses Antagonismus in Sicht auf den Kommunismus als unabgegoltenem Ziel gesellschaftlicher Wirklichkeit den Boden. Indem er dies in einem historischen Prozeß verortete, der die Geschichte der Klassenkämpfe auf dialektische Weise zur zentralen Bewegkraft gesellschaftlichen Fortschritts erhob, legte er das Fundament für die ungebrochene Gültigkeit des Anliegens, den Horizont angeblicher Finalitäten historischer Entwicklung, in Ewigkeit sinnentleert rotierender selbstregulativer Kreisläufe oder was der von menschlicher Subjektivität bereinigten Postulate systemtheoretischer, neurophysiologischer, behaviouristischer oder postmoderner Theoriebildung mehr sind, nicht nur erkenntnistheoretisch, sondern ganz lebenspraktisch zu überschreiten.

Vor dem Hintergrund, daß in der Geschichte des Marxismus und seiner vielen Verzweigungen immer wieder Strömungen auftauchten und bis zum heutigen Tag andauern, die eine Kritik an der Gesellschaft nur in Form einer geistigen Durchdringung der Verhältnisse, aber keineswegs mit der konkreten Folge des revolutionären Umsturzes für legitim erklären, führte der Titel des vorgestellten Buches unter den anwesenden Zuhörern zu einer kontroversen Debatte. Ob Karl Marx nun Philosoph der Befreiung oder Theoretiker des Kapitals gewesen sei oder beides zugleich, wie ein nicht geringer Teil der Anwesenden meinte, ist nicht zuletzt der Frage geschuldet, inwiefern die wissenschaftliche Untersuchung des Kapitalismus affirmative Wirkung entfaltet, also eigentlich zu überwindende Herrschaftsverhältnisse stabilisiert und effizienter macht. Für den Wiener Marxisten jedenfalls scheint relevant zu sein, im Sinne der dialektischen Methode nicht erst die Schaffung eines kritischen Bewußtseins als Ausgangspunkt für eine revolutionäre Praxis zu fordern. Reitter wirft, wenngleich in einem akademischen Gewand, nichts geringeres als die Frage auf, wie der Mensch sich angesichts der Realitäten kapitalistischer Zerstörung zwischen Klassenkampf oder Kapitulation positionieren solle.

Inakzeptable gesellschaftliche Zustände zu verwerfen und zugleich in sie eingebunden zu sein, fordert dem Menschen ab, die Grundlagen eigener Vergesellschaftung permanent in Frage zu stellen, wenn er nicht den engen Grenzen opportunistischer Zweckrationalität unterworfen sein will. Wer aus der Negation heraus die Überwindung konkreter Widersprüche betreibt, bedarf mehr als einer noch so elaboriert ausgearbeiteten Theorie, wie jedem, der materiellen Gewaltverhältnissen ohnmächtig ausgesetzt ist, bewußt sein dürfte. Der Versuch der Neuen Marx-Lektüre, deren kritische Analyse Gegenstand des von Reitter herausgegebenen Buches ist, den Marxismus in seiner politischen Praxis als überkommene Weltanschauung, Ideologie oder Doktrin zum Gegenstand bloßer akademischer Betrachtung zu machen und seiner Bedeutsamkeit für die Bestimmung des geschichtlichen Verlaufs sozialer Kämpfe und der Qualifikation kapitalistischer Produktionsverhältnisse wie staatlicher Verfügungsgewalt zu entheben, ist der Überwindung dieser Ohnmacht keineswegs zugetan. Desungeachtet steht das Vermächtnis des epochemachenden Philosophen und Gesellschaftskritikers Karl Marx jedem zur Verfügung, der sich ermächtigen will, den herrschenden Verhältnissen die Stirn zu bieten.

Es bedarf letzten Endes keiner Theorie, um verläßlich zu begreifen, daß die Fundamente der Zivilisation auf materieller Ausbeutung errichtet sind. Ein Blick auf die Hütten und Paläste, auf die Zerstörung ganzer Lebenwelten für Mensch, Tier und Natur genügt, um den Widerspruch zu erkennen. An welchem Punkt der Zweifel zu keimen beginnt und sich zu einem Entschluß ohne Rückkehr und Reue verdichtet, bleibt gegenüber dem Schritt, der tatsächlich auf das unbekannte Terrain der Überwindung herrschender Verhältnisse getan wird, nachrangig. Damit soll nicht dem bloßen Primat aktivistischer Praxis das Wort geredet, sondern die auch in den zweifellos gegebenen Notwendigkeiten, aufgrund derer sich der Gelehrte Marx mit der bürgerlichen Gesellschaft zu arrangieren hatte, aufscheinende Frage nach der Radikalität des Bruches auf die Spitze ihrer Präzisierung und Durchsetzung getrieben werden.

Anläßlich des Treffens im Magda-Thürey-Zentrum der DKP bot sich dem Schattenblick die Gelegenheit, Karl Reitter einige Fragen zu der schon länger andauernden Kontroverse um den jeweiligen Umgang mit dem Werk Karl Marx’ und seiner Position dazu zu stellen.

Vortrag mit dem Elan ...
Schattenblick (SB): Karl, du hast sowohl an der Neuen Marx-Lektüre als auch an der sogenannten Wertkritik fundiert Kritik geübt. Wo siehst du Gemeinsamkeiten und wo Unterschiede zwischen diesen beiden Formen der Marx-Auslegung?

Karl Reitter (KR): Es gibt sehr viele Übereinstimmungen zwischen der Wertkritik und der Neuen Marx-Lektüre, vor allem hinsichtlich der Einschätzung der kapitalistischen Vergesellschaftung. Beide rezipieren das Kapitalverhältnis im Sinne eines automatischen Subjekts. In beiden gibt es keine soziale Herrschaft in einer relevanten Dimension. Das Kapital wird durch die Akkumulation vorangetrieben, die Sicherung der kapitalistischen Herrschaft erfolgt ebenso automatisch über den Verblendungs- und Fetisch-Zusammenhang. Das heißt, es gibt sowohl in der Perspektive der Wertkritik als auch in der Neuen Marx-Lektüre keine herrschende, intervenierende, politisch aktive Klasse, sondern alles vollzieht sich hinter dem Rücken der Subjekte. Die entsprechenden Prozesse sind klassenübergreifend und betreffen sowohl die Bourgeoisie als auch das Proletariat.

Ein wesentlicher Unterschied ist, daß die Wertkritik, zumindest wie sie von Robert Kurz begründet wurde, davon ausgeht, daß das Kapital immer weniger in der Lage ist, lebendige Arbeit einzusaugen. Dazu werden Begrifflichkeiten geschaffen wie abschmelzen, schrumpfen und daß alles auf eine Art Implosion zusteuert. Es ist kein Zusammenbruch im Sinne eines tendenziellen Zerfalls, sondern ein Wegschmelzen, was wiederum durch das fiktive Kapital, interpretiert als Vorgriff auf zukünftige Profite, kompensiert wird.

Das ist in dieser Allgemeinheit einfach falsch und steht auch bei Marx so nicht drin. Auch die Neue Marx-Lektüre teilt diese Ansicht nicht. Es gibt aber noch einen anderen und keineswegs unwichtigen Unterschied, nämlich daß sich die Protagonisten und Protagonistinnen — interessanterweise gibt es kaum Frauen in dieser Szene — der Neuen Marx-Lektüre als strenge Wissenschaftler verstehen. Mit diesem Gestus versuchen sie Anschluß an die akademische Welt zu finden, was ihnen jedoch angesichts der herrschenden Situation und der Marx-Feindlichkeit nicht gelingt. Die Anhänger der Wertkritik verstehen sich hingegen als politische Aktivistinnen und Aktivisten und wirken daher auch in andere Szenen hinein. Weil sich die Grundlagen so ähneln, ist natürlich eine scharfe Abgrenzung notwendig, wie die wilden Polemiken seinerzeit zwischen Robert Kurz und Michael Heinrich bzw. den Nachfolgern Ernst Lohoff und Norbert Trenkle zeigten.

SB: Marx hat mit der Wertbestimmung der Ware, als deren gesellschaftliche Substanz er die Arbeit bezeichnete, ein bis heute bedeutsames Instrumentarium zur Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse geschaffen. Was spielt deiner Ansicht nach alles mit hinein, wenn zwei verschiedene Produkte miteinander verglichen werden zu dem Zweck, daß sie sich für den Warentausch in eine äquivalente Beziehung setzen lassen?

KR: Der Tauschwert hat bei Marx drei Dimensionen: Substanz, Maß und Form. Substanz ist die abstrakte Arbeit, und das Maß ist die gesellschaftlich durchschnittlich notwendige Arbeitszeit. Wenn Marx von Gesetzen spricht, muß man bedenken, daß sich diese Gesetze desto mehr durchsetzen, je dichter die ökonomisch-kapitalistischen Verhältnisse sind. Darin zeigt sich ein großer Unterschied zu den Gesetzen der Naturwissenschaften. Nach dem Fallgesetz fällt ein Apfel vom Baum, dabei ist es völlig wurscht, ob das ein Apfel oder Millionen Äpfel sind. Bei Marxschen Gesetzen ist das nicht so. Je intensiver sich der Kapitalismus entwickelt, desto mehr tendieren die Waren dazu, wirklich zu ihren Werten getauscht zu werden. In vor- oder frühkapitalistischen Verhältnissen hat die Arbeitszeit eine gewisse Bedeutung gehabt. Das schreibt auch Engels im Nachwort zum dritten Band des Kapitals. Interessanterweise gibt es eine Passage bei Marx, wo er schreibt, daß der Wert nicht nur logisch, sondern auch historisch das Prius der Produktionspreise ist. Man könnte sagen, mit der Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise nähert sich das dem Produktionspreis an. Es stellt gewissermaßen ein Tendenzgesetz dar. Tatsächlich kann man den Wert einer Ware gar nicht exakt berechnen, sondern bestenfalls annäherungsweise. Das heißt, die teilweise scholastischen Debatten um das Wertgesetz sind eigentlich nicht so relevant, es geht vielmehr um historische Tendenzen.

SB: Nehmen wir einmal hypothetischerweise an, daß es in grauer Vorzeit Gemeinschaften gegeben hat, die eine Art Urkommunismus praktiziert haben und in denen ein Tausch gar nicht erforderlich war, weil sie zum einen kein Privateigentum kannten und zum anderen alles gemeinsam produziert und verbraucht haben. Gibt es bei Marx einen Referenzpunkt, von dem an der Tausch von Äquivalenten zur Grundlage der gesellschaftlichen Organisation avançierte?

KR: Das ist eine schwierige Frage. Marx hat gegen Ende seines Lebens alle ethnologischen Schriften seiner Zeit aufgearbeitet. Aber er ist nicht mehr dazu gekommen, die Ergebnisse seiner Forschung als Buch herauszugeben. Das hat dann Engels in seinem Namen im gewissen Sinne nachgeholt. In dem Zusammenhang und auch in der Auseinandersetzung mit der Neuen Marx-Lektüre muß unbedingt gesagt werden, daß für Marx die Zeit für eine Produktion in jeder Gesellschaft relevant ist. In einer freien Gesellschaft, die es in der Vergangenheit vielleicht gegeben hat und in der Zukunft hoffentlich geben wird, bleibt eine Zeitgröße eine Zeitgröße, während sie im Kapitalismus die scheinbare Werteigenschaft der Ware annimmt. Das macht einen Unterschied ums Ganze aus.

Dies berührt die Auseinandersetzung mit der Neuen Marx-Lektüre insofern, als sie die starke Tendenz hat, die Begriffe, die Marx entwickelt, ausschließlich für die kapitalistische Produktionsweise gelten zu lassen. Sie kennt keine Transzendenz, und weil das Wertgesetz für sie etwas exklusiv Kapitalistisches ist, gibt es auch keine sprengenden Elemente. Das wirkt wie eine geschlossene Totalität, die sich durch den Fetisch absichert, und geht weit am Anliegen von Marx vorbei. Ein wichtiger Grund dafür, daß er sich selbst als Wissenschaftler verstanden hat, war, daß er dieser schlechten Welt kein gutes Sollen entgegengesetzt, sondern nach den sprengenden Elementen gesucht hat, die in ihr entstehen. Eines der wesentlichsten Elemente ist die Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit, einerseits hinsichtlich der Zeitdimension, aber auch hinsichtlich der Fähigkeiten des vergesellschafteten Menschen.

SB: Spielen bei der Neuen Marx-Lektüre auch systemtheoretische Elemente im Sinne der Luhmannschen Gesellschaftssicht, in der alles mehr oder minder in selbstregulativen Kreisläufen funktioniert, eine Rolle?

KR: Bewußte Bezüge gibt es sicher nicht, zumal die Neue Marx-Lektüre zwei grundverschiedene Quellen hat. Hans-Georg Backhaus und Helmut Reichelt kommen aus den Adorno-Seminaren, die auf Dialektik setzen. Das Treibende ihrer Darstellung des Kapitals ist eher eine Begriffsdialektik, die sich darin entfaltet und entwickelt. Als Hegel-Marxisten argumentieren sie, daß das Kapital im Grunde genommen vom methodischen Aufbau her der Hegelschen Logik nachgebaut ist.

Michael Heinrich hingegen ist sehr stark von Louis Althusser beeinflußt, auch wenn er das selbst nicht unbedingt so sagen würde. Klar ist jedoch, daß er im besonderen Maße in die Diskussion gebracht hat, das Kapital von Marx im idealen Durchschnitt zu thematisieren, was eindeutig die Handschrift Althussers trägt. Dieses typische Element im Denken Althussers hat Heinrich aufgenommen, und man sieht es auch personell, denn Frieder Otto Wolf war ja der Außenminister Althussers in Deutschland und ist es immer noch, obwohl Althusser ja verstorben ist. Ingo Elbe von der Roten-Ruhr-Uni, einer der Protagonisten der Neuen Marx-Lektüre, hat bei ihm dissertiert.

Meiner These nach kann man den Kapitalismus nicht ohne seine Geschichte verstehen, denn er ist ein unglaublich dynamisches System, das dauernd aktiv umgewälzt wird. Daß es zu systematischen Interventionen der herrschenden Klassen kommt, die weit über die Frage hinausgehen, ob man den Arbeitern weniger Lohn zahlt, haben diese Leute gar nicht im Blick. Heinrich leugnet nicht, daß es auch eine Entwicklung vom Fordismus zum Neoliberalismus gegeben hat, aber das ist bei ihm nicht Gegenstand der eigentlichen wissenschaftlichen Beschäftigung. Sein Thema ist der „ideale Durchschnitt“.

SB: Wolfgang Pfreundschuh, der Herausgeber der Seite Kulturkritik, auf der auch die Einleitung zu deinem Buch zu finden ist, vertritt zum Beispiel die These, daß wir es heute mit einem Feudalkapitalismus zu tun haben in dem Sinne, daß der hohe Schuldenstand und das Anwachsen des fiktiven Kapitals gar nicht mehr deckbar seien durch die realwirtschaftliche Produktion. Ein wesentlicher Teil der Akkumulation würde sich ihm zufolge aus Renten, Lizenzen und Patenten, also immaterieller Wertproduktion, generieren. Das führe dazu, daß die Gläubiger als Sachwalter der Verschuldung in immer größerem Ausmaß über die Bedingungen der Arbeit gebieten. Wie würdest du das auch in Hinblick auf die Geschichte des Kapitalismus deuten?

KR: Ich will dazu zwei Gedanken beisteuern. Marx hat interessanterweise auch dieses Anschwellen des fiktiven Kapitals erwartet.

Einerseits gibt es immer mehr brachliegendes Kapital und andererseits den tendenziellen Fall der Profitrate. Das steht in einem Zusammenhang, denn die Profitrate steuert die Zinsrate, und die Zinsrate wiederum bestimmt zum Beispiel den fiktiven Wert von Grundstücken, weil das zurückgerechnet wird. Das ist die erste Überlegung. Eine letztgültige Analyse kann ich so jetzt nicht bieten.

Ich war zur Konferenz „Was heißt heute links?“ in München eingeladen. Dort haben Lohoff und Trenkle die These vertreten, daß jedes fiktive Kapital ein Vorgriff auf künftige Profite sei. Meines Erachtens kann man das so nicht sagen. Nehmen wir zum Beispiel die Staatsschulden. Das sind Zahlungsversprechen des Staates, die durch Steuereinnahmen bezahlt werden. Steuereinnahmen, das sagt schon Marx, sind nicht unbedingt Profit, sondern haben auch andere Quellen. Die Frage, ob ein Staat überhaupt in Konkurs gehen kann, ist durchaus berechtigt, denn die Steuereinnahmen erfolgen nicht aufgrund von ökonomischen Prozessen, sondern sind ein Rechtstitel, für den es keine Gegenleistung gibt. Sobald eine besteuerbare Ökonomie vorhanden und der Staat in der Lage ist, Steuern durchzusetzen — das ist weltweit nicht immer gegeben —, kann er wirklich in Konkurs gehen. Die Staatsschulden sind sicherlich nicht einfach ein Vorgriff auf künftige Profite.

Das ist eine Überlegung dazu, die andere ist, daß es sehr viele Finanzprodukte wie zum Beispiel die Kreditversicherungen gibt, die im Grunde genommen Umwälzungen innerhalb der herrschenden Klasse darstellen. Daß fiktives Kapital so sehr anschwillt, liegt nicht zuletzt am Wert der Grundstücke und am Preis, zu dem sie verkauft werden, falls sich ein Käufer findet. Aber man kann nicht per se sagen, Schulden hätten einen Zukunftsaspekt. Das ist einfach eine Frage der Bewertung, denn ansonsten hätte auch eine einfache Ware einen Zukunftsaspekt und würde einen Vorgriff auf die Zukunft implizieren, weil sie ja verkauft werden soll.

... und Charme eines Wieners
SB: Selbst die bürgerliche Ökonomie kritisiert an der Schuldenpolitik, daß Staaten über ihre Verschuldungen künftige Generationen und damit die Arbeitsleistung von Menschen, die noch gar nicht geboren sind, in die Pflicht nehmen.

KR: Ja, aber die Frage ist, ob die Staaten dann politisch die Schulden noch zahlen wollen und zahlen können. Aber es gibt noch einen anderen wichtigen Punkt, der zeigt, daß man einer optischen Täuschung aufsitzt, nämlich die Aktien. Eine Aktie ist ein Versprechen auf einen Anteil an der Ausschüttung. Wenn ich zehn Prozent der Aktien einer Firma besitze, habe ich bei der Ausschüttung Anrecht auf zehn Prozent des Firmenprofits, der natürlich komplexer ausfällt. Wenn meine Aktien jetzt auf der Börse den zehnfachen Wert gewinnen, habe ich trotzdem nur einen Anspruch auf ein Zehntel. Ich kann nicht sagen, meine Aktien im Wert von 100.000 Euro sind eine Million wert, und demzufolge habe ich jetzt Anspruch auf eine Million zukünftiger eingesaugter Mehrarbeit, das ist nicht wahr. Ich bekomme nur ein Zehntel von dem, was das Unternehmen auswirft.

Man müßte die Frage, ob Aktien in der Regel überbewertet sind, grundsätzlich diskutieren. Ich denke schon, daß es so ist, zumindest gibt es Hinweise darauf. Man kann nicht einfach die Aktienwerte der Welt zusammenrechnen und sagen, sie sind so und so hoch, doch das wird getan. Die Frage ist doch, ob man es überhaupt als Wirtschaftskrise bezeichnen soll, wenn diese Aktienwerte wieder einstürzen. Für Marx weist der Umstand, daß irgendwelche Gläubiger Gewinne oder Verluste machen, auf eine Umverteilung innerhalb der herrschenden Klasse: Die Großen zocken die Kleineren ab. Irgendwer hat die Aktien gekauft, das Geld ist ja nicht verschwunden. Das ist jetzt keine Analyse des Krisenstadiums, aber man kann sich über solche Überlegungen vielleicht ein bißchen annähern.

SB: Die Schweizer Feministin Tove Soiland vertritt die These, daß sich neue Konflikte innerhalb der Lohnabhängigenklasse ausgebildet haben. So weise der Care-Sektor nur wenig sogenannte Wertschöpfung auf, während Industriearbeiter und Beschäftigte im IT-Bereich über hohe und weiter steigerbare Produktivität verfügen und damit wertschöpfungsstark seien. Soiland ist der Ansicht, daß der Interessenkonflikt zwischen derartigen gesellschaftlichen Gruppen heute bedeutsamer sei als der zwischen Kapitaleignern und Verkäufern ihrer Lohnarbeit. Was hältst du von dieser Theorie zu einer veränderten Klassenzusammensetzung?

KR: Na ja, sie ist auf gewisse Weise teilweise banal. Innerhalb des Proletariats hat es immer Konflikte gegeben, das ist nichts Neues. Die spannende Frage ist eine andere: Wer ist das Proletariat heute überhaupt? Ich beantworte dies einmal so: Schaue dir die genaue Definition des Proletariats bei Marx an, denn die ist nicht unbedingt in dieser doppelten Freiheit gegeben, die normalerweise immer rezipiert wird. Die elaborierteste Definition findet man meiner Auffassung nach in den Grundrissen, wo Marx sagt, Proletariat zu sein heißt, als universal bestimmter Gebrauchswert Arbeitskraft dem Kapital gegenüberzustehen. Entscheidend ist, daß das Proletariat nicht einfach gegeben, sondern — das hat auch John Holloway sehr schön gezeigt — es ist immer in the making, es wird immer neu produziert, in neuen Formen.

Aus meiner Sicht kann man grob vier Phasen des Kapitalismus unterscheiden. Zwei davon analysiert Marx im Kapital — die Manufaktur und die große Maschinerie. Hinzu kommen der Fordismus und der Neoliberalismus. Meine These ist, daß das Proletariat als Schicht oder als Stand sozusagen auf die Welt kommt. Das heißt als klar abgegrenzte, sich kulturell und politisch ihrer selbst bewußte Teilgruppe der Gesellschaft. Bis in die 70er Jahre hinein hat niemand bezweifelt, daß es eine Arbeiterschaft gibt. Im österreichischen Ständestaat war klar, daß es Arbeiter gibt. Sie sind zwar nicht revolutionär im Marxschen Sinne, aber sie sind da. Als Phänomen wurden sie nicht bezweifelt, nur die Bewertung war anders. Jetzt hat sich das Klassenverhältnis so verallgemeinert, daß es meiner Auffassung nach überhaupt nicht mehr möglich ist, eine gewisse Gruppe mit dem Proletariat zu identifizieren. Ich sage auch immer zu meinen lieben Studierenden, das Proletariat, das sind wir alle. Ich könnte jetzt erzählen, wie ich an der Uni als externer Lektor gelehrt habe, also eigentlich prekär.

Wir hatten eine Zeit, in der die analytische, hochabstrakte Kategorie des Proletariats unmittelbar identifiziert war mit einer soziologischen Schicht. Das wurde eigentlich von niemandem bestritten. Spätestens mit dem Ende des Fordismus ist jedoch ein Auseinanderfallen zwischen einer analytisch-abstrakten Kategorie des Proletariats und seiner sinnlichen Gewißheit zu verzeichnen, die sich nicht einfach eins zu eins einlöst. Es ist kein Zufall, daß die Neue Marx-Lektüre oder auch die Wertkritik über das Proletariat quasi nur einen Satz sagen: Es gehört zum Kapitalismus, ist so etwas wie ein Zubehör. Sie lassen sich gar nicht darüber aus, weil sie dem gesellschaftlichen Druck eigentlich nachgeben, indem sie sagen, das Proletariat ist zwar nicht verschwunden, aber es ist nicht revolutionär. So hat Heinrich einen völlig verengten Begriff vom Klassenkampf. Er sieht im Klassenkampf nur noch Lohnkämpfe oder ich weiß nicht was. Die ganze Dimension wird völlig reduziert. In meinen Augen ist das eine Form des Opportunismus. Das tut die Wertkritik nicht, weil sie einen politischen Anspruch und eine gewisse Widerstandsrhetorik hat.

Die Neue Marx-Lektüre liefert den Marxismus an den akademischen Mainstream aus. Vor kurzem ist der Sammelband „Nach Marx“ erschienen mit Aufsätzen von Leuten wie Axel Honneth, der zwar kein Marx-Töter ist, aber die Ansicht vertritt, das sei alles Vergangenheit. Man könne sich von Marx einiges herausbrechen, mehr aber nicht - für ihn ist das Kapital so etwas wie ein Steinbruch. In dem Buch vertritt Honneth die These, daß die Marxsche Theoriebildung gescheitert sei. Schon Backhaus hat behauptet, daß Marx gar nicht in der Lage gewesen war, seine Theorie konsistent darzustellen und über das Stadium abgebrochener Versuche praktisch nicht hinausgekommen ist, daß man an Marx zwar anknüpfen kann, er aber im Grunde eine Wüste hinterlassen hat.

Natürlich hat Marx nicht alles gelöst, das wäre irgendwie auch banal anzunehmen, aber es gibt ja einen methodischen Grund. Wenn ich sage, daß man den Kapitalismus nicht ohne seine Geschichte verstehen kann, bedeutet dies, daß die Kapitalanalyse in gewisser Weise nie abschließbar ist. Solange es Kapitalismus gibt, muß ich theoretisch an seinen Entwicklungen arbeiten. Was heißt das eigentlich, wenn Heinrich sagt, Marx hat den Wertbegriff nicht abgeschlossen? Es ist nichts mehr zu sagen zum Kapitalismus, wir wissen alles?

SB: Wie läßt sich der Marxismus für Menschen, denen vielleicht das Abstraktionsniveau fehlt oder die Sprache zu fremd ist, fruchtbar machen? Wie ließe sich diese Theoriebildung auch in einem revolutionären Sinne praktisch machen?

KR: Als Marxistinnen und Marxisten stecken wir insofern in einer schwierigen Situation, als wir vielleicht auch eine neue Sprache benötigen, um die wir ringen müssen. Wir müssen auch an die Tatsache anknüpfen, daß die überwiegende Mehrzahl des Proletariats sich nicht als Proletariat begreift. Wie man darauf reagiert, ist eine offene Frage. Es ist ja kein Zufall, daß gewisse Theorien immer wieder versuchen, eine neue Sprache vorzuschlagen und damit einen gewissen Erfolg haben wie beispielsweise Antonio Negri mit seiner Multitude. Ich habe mich sehr genau mit seinen Schriften auseinandergesetzt und würde es so einschätzen, daß dieses Projekt wahrscheinlich gescheitert ist, aber er immerhin etwas angeboten hat. Karl Heinz Roths Multiversum der ArbeiterInnenklasse ist ein anderer Versuch, den ich auch als gescheitert ansehe. Auch der Ansatz von Guy Standing, den ich neulich nach Wien eingeladen hatte und der vertritt, daß das Prekariat eine neue Klasse sei, überzeugt nicht. Sein Begriff kommt immerhin dem entgegen, was Menschen erleben.

In dem Zusammenhang ist erstaunenswert, daß Marx im Kapital schreibt, daß der eigentliche Lohn der Stücklohn sei. Für den Fordismus kann man das sicher nicht sagen, da hat man einen Zeitlohn. Marx war sicher kein Hellseher, aber irgendwie könnte man mit dem Begriff des Stücklohns die neue Klasse der Scheinselbständigen von heute erfassen, die strenggenommen Stücklohnarbeiter sind und gewisse Ähnlichkeiten aufweisen mit den frühen Stücklohnarbeitern, die teilweise auch im Besitz von Produktionsmittel waren. Das kommt wieder in neuer Form, und das heißt, daß das Marxsche Instrumentarium wirklich geeignet ist, die modernen Entwicklungen zu erfassen.

SB: Du hast einem deiner veröffentlichten Texte am Schluß einen Liedtext von der Incredible String Band angefügt, was bei einem historischen Materialisten erst einmal seltsam anmutet, denn die Band war eher spirituell bis naturmystisch unterwegs. Mich würde interessieren, wo der Mensch in seiner Subjektivität, die gegenüber allem, was man quantifizieren und in Verhältnisse setzen kann, oftmals gar nicht auszuloten ist, im Marxismus seinen Platz hat?

KR: Man tut Marx nichts Gutes, wenn man ihn sozusagen als Theorie liest, die alles abdeckt, gewissermaßen als Universalschlüssel zum Sein. Ich werde immer älter und irgendwann muß ich mich mit dem Sterben auseinandersetzen. Das sind Dinge, die ich nicht unbedingt bei Marx nachschlage. Seine Theorie ist so stark, so elaboriert, daß man auf den Trugschluß verfallen kann, daß er alle Fragen der Welt löst.

SB: Gerade wenn man ihn als Revolutionär, als einen der Befreiung und Emanzipation gewidmeten Menschen versteht, könnten derartige Fragen doch relevant sein. Möglicherweise wird der Mensch erst durch die Revolution zum Menschen?

KR: Da bin ich vorsichtig. Was es zu überlegen gilt, ist der nächste Schritt aus dem Kapitalismus hinaus, sozusagen der Einstieg in den Ausstieg. Es geht darum, wie wir, ausgehend von den Bedingungen, hier und heute in die nächste Phase kommen.

SB: Karl, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview wurde vom „Schattenblick“ am 6. November 2015 in Hamburg-Elmsbüttel geführt.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
2016
Autor/inn/en:

Karl Reitter:

Marxistischer Autor in Wien und Mitglied der grundrisse, Redaktionsmitglied von Context XXI von Dezember 2000 bis November 2001.

Schattenblick:

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