Zeitschriften und Zeitungen

Merkur – Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken

1947 als Monatsheft gegründet, erscheint der Merkur mittlerweile seit fast siebzig Jahren – im Januar 2016 zum 800. Mal. Hinter dieser ungewöhnlichen Langlebigkeit steht ein einfaches Konzept: Der Merkur vertritt keine weltanschauliche, politische oder auch ästhetische Agenda. Er geht davon aus, dass seine Leser sich ihr Urteil selber bilden wollen. Deshalb setzt er nicht auf vorgefasste Meinungen, sondern auf Neugier, Sachkenntnis, Widerspruchsgeist und kompromissloses Qualitätsbewusstsein.

Der Merkur ist kein akademisches Journal, auch wenn viele seiner Autoren/innen Universitätsleute sind. Er funktioniert nicht als Belangblatt einer bestimmten Generation, einer Partei, eines Milieus oder einer Interessengruppe. Er ist aber auch kein klassisches Literatur- oder Kunstmagazin und erst recht nicht potenziertes Feuilleton. Der Merkur ist eine Kulturzeitschrift. Kultur aber präsentiert sich höchst selten als friedliches Reservat gediegener Bildung und ethischer Einmütigkeit. Kultur ist das unübersichtliche, lärmende, stets umkämpfte Feld, auf dem die wesentlichen Fragen der Gegenwart, die Fragen, die ihre Ideale, Selbstbilder und Wertvorstellungen auf die Probe stellen, öffentlich formuliert und kontrovers verhandelt werden, ob sie nun Kunst, Wissenschaft, Politik, Philosophie, Wirtschaft oder Gesellschaft betreffen. Die interessantesten Positionen, die überzeugendsten Argumente, die spannendsten Thesen, die anregendsten Vorschläge und Theorieentwürfe treffen im Merkur regelmäßig aufeinander.

Das bedeutet, dass im Merkur so gut wie jedes Thema vorkommen kann, sofern es drei Voraussetzungen erfüllt: Es muss gedanklich originell, wenn auch nicht unbedingt gelehrt sein; es muss relevant sein für gebildete, aber eben nicht spezifisch orientierte Leser; es muss in essayistischer Form präsentiert werden: ohne akademische Umständlichkeit, mit sprachlicher und intellektueller Eleganz. Der letzte Punkt ist schon deshalb essentiell, weil im Merkur lange Texte die Regel sind. Der Umfang der Essays im vorderen Teil des Heftes liegt im Schnitt zwischen zehn und vierzehn Druckseiten. Selbst die kürzeren Beiträge umfassen immerhin noch um die sieben Seiten.

Die langen Textstrecken sind kein Selbstzweck, sie ergeben sich aus der Sache: Konzise Argumentationen, genaue Analysen, historische Rück- und Ausblicke, dichte Beschreibungen brauchen Raum, so wie sie einen angemessenen Rahmen brauchen. Deshalb werden Bilder im Merkur äußerst sparsam eingesetzt, deshalb ist die Heftgestaltung bewusst zurückhaltend. Mit diesem anspruchsvollen Programm wendet sich der Merkur zwangsläufig an eine anspruchsvolle Leserschaft: eine Leserschaft, die so kenntnisreich und zugleich wissbegierig ist, dass sie eine Zeitschrift, die ihr stets nur die eigenen Ansichten bestätigt, nicht ertragen würde.

Eine Zeitschrift wie der Merkur wird gestaltet durch ihre Herausgeber: Von 1947 bis 1978 waren das Hans Paeschke (1911-1991) und Joachim Moras (1902-1961), von 1979 bis 1983 Hans Schwab-Felisch (1918-1989), von 1984 bis 2012 Karl Heinz Bohrer, seit 1991 zusammen mit Kurt Scheel. Seit 2012 ist Christian Demand für den Merkur verantwortlich. Ein derart ambitioniertes Unternehmen lässt sich allerdings nur durchführen, wenn es auch eine ökonomische Basis, einen Träger gibt. Seit 1968 ist das der Ernst-Klett-Verlag (ab 1977 Klett-Cotta), der 1978 die Ernst H. Klett Stiftung Merkur errichtete und damit Existenz und Unabhängigkeit der Zeitschrift sicherte.

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