FORVM » Themen » Personen

Laurent-Désiré Kabila

Laurent-Désiré Kabila bei Wikipedia

250px-Visit_of_Laurent_D%C3%A9sir%C3%A9_Kabila%2C_President_of_the_Democratic_Republic_of_Congo%2C_to_the_EC_%28cropped%29.jpg?utm_source=de.wikipedia.org&utm_campaign=parser&utm_content=thumbnail
Laurent-Désiré Kabila, 1998

Laurent-Désiré Kabila (* 27. November 1939 in Baudoinville, Belgisch-Kongo; † 18. Januar 2001 in Kinshasa) war ein kongolesischer Politiker. Von 1997 bis zu seiner Ermordung 2001 amtierte er als Präsident der Demokratischen Republik Kongo.

Laurent-Désiré Kabila wurde 1939 im Norden der Provinz Süd-Katanga, in der Hafenstadt Baudoinville (am Tanganjikasee), jetzt Moba, geboren. Allerdings scheint dies nicht zur Gänze gesichert, andere Quellen geben als Geburtsjahr das Jahr 1943 an.[1] Seine Kinder sind die Zwillinge Jaynet Kabila und Joseph Kabila.[2] Kabila gehörte der Volksgruppe der Baluba an.[3]

Parteigänger der BALUBAKAT und Anhänger Lumumbas

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Um 1959/60 studierte Kabila zeitweilig Politische Philosophie in Frankreich;[1] er war bereits seit Ende der 1950er Jahre Mitglied der Jugendorganisation der 1957 von Jason Sendwe gegründeten Partei Association Générale des Baluba du Katanga (BALUBAKAT) gewesen, einer Patrice Lumumba nahestehenden Partei, die für die Interessen des Baluba-Volkes von Katanga eintrat. Das genaue Verhältnis von Kabila zur BALUBAKAT war jedoch zwiespältig. Als im November 1960 betrunkene und von einem lokalen Rivalen aufgehetzte Anhänger der BALUBAKAT Kabilas Vater töteten,[4] griff Kabila laut Zeugenaussagen nicht ein. Später erklärte er, er hätte um sein eigenes Leben fürchten müssen, wenn er direkt eingegriffen hätte.[4]

Kurz nach der Entlassung des Kongo in die Unabhängigkeit am 30. Juni 1960 erklärte sich die Provinz Katanga unter Moïse Tschombé für unabhängig – unterstützt von Belgien und Frankreich. Deren Vertreter sahen darin ein Bollwerk gegen die ihren wirtschaftlichen Interessen zuwiderlaufende antikoloniale Politik des Premierministers Lumumba, der wenig später gestürzt und ermordet wurde. Es folgte ein Aufstand der BALUBAKAT gegen Tschombé, an dem Kabila als Militärführer teilnahm. Lumumba, der nach seiner Ermordung 1961 als nationaler Märtyrer verehrt wurde, galt als Vorbild Kabilas.[5] Ab Januar 1961 war Kabila zeitweise zuständiger Minister für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der BALUBAKAT, die temporär einen ephemeren eigenen Staat in Nord-Katanga ausgerufen hatte; das Amt hatte er wegen seiner guten Französischkenntnisse erhalten.[4]

Kabila unterstützte ferner Pierre Mulele, Bildungsminister in Lumumbas Kabinett, der einen Aufstand in der Provinz Bandundu organisierte. Diese Unterstützung, zumal Mulele einen stark maoistischen Kurs verfolgte, wird als zunehmende Entfremdung Kabilas von der BALUBAKAT und als zunehmende Radikalisierung seinerseits hin zu einer marxistisch-lumumbistischen Politik gedeutet.[6]

Kongo-Krise und Simba-Aufstand

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vom Nationalen Befreiungsrat (Conseil National de la Libération, CNL), geführt von Christophe Gbenye (Stellvertretender Vorsitzender der Partei Lumumbas, MNC), bekam Kabila im Herbst 1963 den Auftrag, im Rahmen der beginnenden Simba-Rebellion, die sich im Nachgang der Kongo-Krise ereignete, die ostkongolesische Bevölkerung im Süden der heutigen Provinz Sud-Kivu und im Nordosten Katangas zum Aufstand aufzustacheln.[6] Die Rebellen erzielten zwar 1963/64 durchaus Anfangserfolge und konnten zeitweilig große Gebiete im Osten des Kongo unter Kontrolle bringen, der Aufstand der oftmals nur mit primitiven Waffen (Speere, Macheten) ausgerüsteten Rebellen wurde aber 1964/65 weitgehend von der Zentralregierung unter Mobutu und Tschombé und mit starker ausländischer Unterstützung niedergeschlagen. Den von Kabila angeführten Simba-Rebellen wurden später schwere Kriegsverbrechen und Massaker nachgesagt, unter anderem im Raum Stanleyville, wo mehr als 20.000 Menschen, zumeist Intellektuelle und Évolués, in den Jahren 1964/65 ermordet worden sein sollen.[7][1]

In seiner Eigenschaft als Führer dieser Rebellengruppen bot Kabila 1965 dem marxistischen Revolutionär Che Guevara ein dreiviertel Jahr lang Unterschlupf. Guevara versuchte, die bereits zusammenbrechende kongolesische Revolution zu restabilisieren. Nach Guevaras Ansicht war der Kongo neben Vietnam und Lateinamerika die dritte Front eines trikontinentalen Befreiungskampfs. Kabila machte indessen wenig Eindruck auf Guevara, welcher der Meinung war, Kabila sei ein Lebemann, aber kein Revolutionär und „verstehe sich mehr aufs Trinken und die Hurerei als aufs Kämpfen“.[5]

Insgesamt wird Kabilas Führung der Aufständischen als „völlig ineffektiv“ beschrieben.[1] Gleichwohl gilt es anzumerken, dass Guevara und Kabila sich lediglich zweimal direkt trafen.[8] Die Gespräche waren letztlich ergebnislos. Beim letzten Treffen der beiden im Juli 1965 ließ Kabila verlauten, dass er wegen weiterer Beratungen noch über den Tanganjikasee übersetzen müsse, aber innerhalb von zwei Tagen zu Guevara zurückkehren würde. Kabila kehrte nicht zurück.[8] Guevara und seine kubanischen Mitstreiter verließen den Kongo im Herbst 1965. Nach der Niederlage der Rebellion und dem Abzug ihrer ausländischen Unterstützung hielt Kabila, im Gegensatz zu anderen führenden Männern, an seiner Opposition gegen das sich etablierende Regime des neuen Präsidenten Mobutu fest.

Kampf gegen Mobutu und spätere Tätigkeiten

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Dezember 1967 gründete er die marxistisch ausgerichtete Parti de la Révolution Populaire (PRP),[1] deren bewaffneter Arm – die Forces d'Autodéfense Populaire (FAP) – den Kampf gegen das Regime Mobutus in Süd-Kivu und Nord-Katanga noch bis in die 1980er Jahre fortsetzte. Kabila sah das Scheitern der bisherigen Aufstände in „sieben Irrtümer(n)“ begründet: mangelnde politische Bildung, übermäßige Abhängigkeit vom Ausland, Vernachlässigung der Bauern, Tribalismus, Mangel an Disziplin und Selbstverleugnung, fehlende Zusammenarbeit zwischen Kämpfern und Volk sowie das Fehlen einer revolutionären Partei. Im Jahr 1975 machte seine im Raum um Fizi operierende kleine Rebellengruppe kurzzeitig Schlagzeilen durch die Entführung von drei US-Studenten und einem niederländischen Dolmetscher.[1]

Im Jahr 1984 eroberte die PRP seine Heimatstadt Moba am Tanganjikasee, die aber kurze Zeit später von den Truppen Mobutus zurückerobert wurde. Ein erneuter Versuch zur Besetzung Mobas im Jahre 1985 schlug fehl. Dieser Erfolg der zaïrischen Armee veranlasste Mobutu zum Erlass einer Amnestie, die dazu führte, dass die PRP einige ihrer Mitglieder, aber auch die Unterstützung durch das Ausland verlor. Kabila verließ vorerst Zaïre und seine Spur verlor sich bis ins Jahr 1996 hinein – wenngleich es auch Hinweise darauf gibt, dass er sich bis Mitte der 1990er Jahre in Tansania aufgehalten haben und dort unter anderem in den Waffen- und Diamantenschmuggel involviert gewesen sein soll.[9]

Im November 1996 trat er, vor allem von seinen politischen Freunden in Kampala (Uganda) und Kigali (Ruanda) unterstützt sowie auf Vorschlag der Amerikaner,[10] an die Spitze der neu gegründeten Alliance des Forces Démocratiques pour la Libération du Congo (AFDL). Die AFDL, gegründet am 18. Oktober 1996 durch vier politische Parteien (darunter die PRP),[10] war ein Zweckbündnis zwischen verschiedenen Gegnern Mobutus, dessen unmittelbare Entstehung zurückging auf „den bewaffneten Aufstand der Banyamulenge-Tutsi in Süd-Kivu gegen das zaïrische Regime, das sie als Ausländer betrachtete und ab Sommer 1996 aus dem Land jagen wollte – genauso wie in den Jahren davor Banyamasisi-Tutsi in Nord-Kivu Opfer der Vertreibungen nach Ruanda geworden waren“.[11] Die AFDL und ihre Führer hatten nie daran geglaubt, dass sich eine Diktatur freiwillig in eine Demokratie wandele. Damit erklärt sich die Nicht-Teilnahme Kabilas an der zwischen 1991 und 1992 in Kinshasa stattgefundenen Nationalkonferenz zur Einleitung eines demokratischen Systems in Zaïre.

Die US-Unterstützung für Kabila als Anführer der AFDL erfolgte auch deswegen, weil Kabila, trotz seines marxistisch-lumumbistischen Hintergrundes und noch während er sich in Tansania aufgehalten hatte, den Amerikanern Abbaukonzessionen unter anderem für Kupfer, Cobalt und Uran im Süden und Osten des Kongobeckens zu günstigen Konditionen zugesichert hatte,[12] obwohl er zu diesem Zeitpunkt (1996) weder über die Abbaurechte für diese Ressourcen verfügte noch eine gewichtige politische Funktion in Zaïre innehatte.

Präsidentschaft

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach einem achtmonatigen Triumphzug durch das Land, wobei die Streitkräfte Kabilas vor allem von Kampfgruppen der Alliance Démocratique des Peuples (ADP), einer zur AFDL gehörenden militärischen Formation der Banyamulenge-Tutsi,[10] angeführt wurden, setzte die AFDL am 16. Mai 1997 dem diktatorischen Regime Mobutus ein Ende. Die Verhandlungen zum Rücktritt Mobutus wurden unter anderem von Nelson Mandela moderiert. Mobutu, der bereits schwer an Krebs erkrankt war, ging schließlich ins Exil nach Marokko, wo er noch im gleichen Jahr verstarb. Das Land bekam seitens Kabila den Namen Demokratische Republik Kongo zurück, und am 17. Mai 1997 autoproklamierte sich Kabila zum Präsidenten.[5]

250px-A%C3%A9roport_de_Mbuji-Mayi.jpg?utm_source=de.wikipedia.org&utm_campaign=parser&utm_content=thumbnail
Überreste des Personenkultes: Portrait von Kabila am Flughafen von Mbuji-Mayi (2011).

Präsident Kabila, der bei seinem Einzug in Kinshasa zunächst als Retter und Befreier gefeiert worden war, verspielte durch eine Politik, die vor allem von Improvisation, Dilettantismus und auch Korruption gezeichnet war, seine Popularität. Kabila zeigte zudem nach seiner Machtübernahme zunehmend autoritäre und teils größenwahnsinnige Züge und sagte von sich selbst, dass er „im Kongo Gott sei“.[13] Ein Jahr nach seiner Machtübernahme verbot er ferner die politischen Parteien und jegliche politische Betätigung mit der Folge, dass der durch die Souveräne Nationalkonferenz eingeleitete Demokratisierungsprozess blockiert wurde.

Der neue Machthaber, der sich in den ehemaligen Palästen Mobutus in Gbadolite einquartiert hatte, trat danach nur noch relativ selten in der Öffentlichkeit auf. Wenn er dies tat, so verließ er die Paläste nur noch in einer mehrere Kilometer langen Autokolonne, wobei diese auch aus Radpanzern und Technicals bestand.[13] Passanten auf den Straßen, die diese Kolonne versehentlich blockierten oder aufhielten, wurden von Kabilas Leibwache erschossen oder kurzerhand und ohne Warnung überfahren. Der ehemalige Stabschef Kabilas, James Kabarebe, welcher auch den Vormarsch der AFDL-Verbände koordiniert hatte, berichtete später, dass bei jeder dieser Ausfahrten Kabilas durchschnittlich mindestens vier Passanten durch diese Willkürakte getötet wurden.[13]

Am 2. August 1998 brach, nachdem Präsident Kabila die Vereinbarungen mit seinen ehemaligen Alliierten, Ruanda und Uganda, aufgekündigt hatte, im Osten des Landes der Zweite Kongokrieg aus, der sich bis in den Norden des Landes ausbreitete. Während diese Rebellion von Ruanda und Uganda unterstützt wurde, standen dem Regime in Kinshasa Angola, Simbabwe und Namibia militärisch zur Seite. Das im Juli und August 1999 unterzeichnete Friedensabkommen von Lusaka ist aufgrund des fehlenden Willens der Konfliktparteien und wegen des mangelnden Interesses der internationalen Gemeinschaft während der Regierungszeit Kabilas nicht umgesetzt worden.

Die Verschlechterung der sozio-ökonomischen Situation der Bevölkerung nahm stetig zu. Chaos, galoppierende Inflation, Auflösung des Staates, Korruption, illegale Bereicherung, Nepotismus und willkürliche Verhaftungen von Oppositionellen sind die Bilanz der über dreijährigen Regierungszeit Präsident Kabilas.

Kabila war den Traditionen Zentralafrikas stets verbunden. Er hielt ununterbrochen jahrelang einen Talisman in einer Hand, um sich vor Unheil zu schützen.

Auf Laurent Désiré Kabila wurde am 16. Januar 2001 durch Rashidi Mizele, einen seiner Leibwächter, ein Attentat verübt. Der Attentäter wurde unmittelbar darauf von anderen Leibwächtern getötet. Nach offizieller Darstellung wurde Kabila nach Simbabwe ausgeflogen und starb am 18. Januar. Die Hintergründe dieses Attentats sind bis heute nicht eindeutig geklärt. Im Januar 2003 wurde der mutmaßliche Drahtzieher Oberst Eddy Kapend, ein Cousin Kabilas, zum Tode verurteilt. 2021 wurde er aus humanitären Gründen aus dem Gefängnis entlassen.

Kabilas Sohn Joseph folgte seinem Vater im Präsidentenamt nach.

  • Guy Arnold: The A to Z of Civil Wars in Africa. Scarecrow Press/Rowman & Littlefield Publishing Group. Lanham (MD) 2008.
  • Klaas van Walraven: The Individual in African History. The Importance of Biography in African Historical Studies. Brill. Leiden 2020.
  • Arthur S. Banks, Alan J. Day: Political Handbook of the World 1998. Palgrave Macmillan. Basingstoke, Hampshire 2016.
  • Peter Scholl-Latour: Afrikanische Totenklage. Bertelsmann. München 2001, ISBN 978-3-442-15219-3 (Augenzeugenberichte)
  • Peter Scholl-Latour: Mord am großen Fluß – Ein Vierteljahrhundert afrikanische Unabhängigkeit. Deutsche Verlags-Anstalt. Stuttgart 1986.
  • Sean Rorison: Democratic Republic of the Congo. Bradt/Sawday. Chalfont St Peter 2025.
Commons: Laurent-Désiré Kabila – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  1. ↑ a b c d e f Arnold: The A to Z of Civil Wars in Africa, S. 204.
  2. ↑ Jaynet Désirée Kabila Kyungu | ICIJ Offshore Leaks Database. Abgerufen am 20. März 2023. 
  3. ↑ Scholl-Latour: Afrikanische Totenklage, S. 97.
  4. ↑ a b c van Walraven: The Individual in African History. The Importance of Biography in African Historical Studies, S. 279.
  5. ↑ a b c Bartholomäus Grill: Laurent-Désiré Kabila: Je näher sein Sieg rückt, desto weniger Menschen in Zaire wünschen ihn herbei Die Zeit, 16. Mai 1997
  6. ↑ a b van Walraven: The Individual in African History. The Importance of Biography in African Historical Studies, S. 280.
  7. ↑ Scholl-Latour: Mord am großen Fluß – Ein Vierteljahrhundert afrikanische Unabhängigkeit, S. 332.
  8. ↑ a b Rorison: Democratic Republic of the Congo, S. 165.
  9. ↑ Scholl-Latour: Afrikanische Totenklage, S. 95.
  10. ↑ a b c Banks, Day: Political Handbook of the World 1998, S. 212.
  11. ↑ taz, 9. April 1997
  12. ↑ Scholl-Latour: Afrikanische Totenklage, S. 93.
  13. ↑ a b c Scholl-Latour: Afrikanische Totenklage, S. 96.

Diese Seite weiterempfehlen

Werbung