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Benedikt von Nursia

Benedikt von Nursia bei Wikipedia

Giovanni Bellini: Benedikt von Nursia, Santa Maria Gloriosa dei Frari, 15. Jahrhundert

Benedikt von Nursia (italienisch Benedetto di Norcia; * um 480 in Nursia, heute Norcia bei Spoleto in der Provinz Perugia, im umbrischen Apennin; † 21. März 547 auf dem Monte Cassino) war ein Einsiedler, Abt und Ordensgründer. Er lebte in der Zeit des Übergangs von der Spätantike zum Frühmittelalter. Um 529 gründete er die Abtei Montecassino bei Neapel in einem Apollotempel, die als Stammkloster des Benediktinerordens (lateinisch Ordo Sancti Benedicti, OSB) gilt. Auf Benedikt geht das nach ihm benannte benediktinische Mönchtum zurück, dessen Regel – die Regula Benedicti – von ihm nach 529 (um 540) als Klosterregularium verfasst wurde. In der orthodoxen, armenischen und katholischen Kirche wird er als Heiliger verehrt, auch in der evangelischen, anglikanischen und altkatholischen Kirche gilt er als bedeutender Glaubenszeuge.

Moderne Darstellung Benedikts von Nursia

Aus der Zeit vor der Entstehung der Dialogi Gregors des Großen gibt es zwei Zeugnisse, in denen Benedikts Name dokumentiert ist. Es handelt sich zum einen um einen kleinen poetischen Lobgesang auf Benedikt und seine Gründung Montecassino in 66 Versen, den ein gewisser Poeta Marcus verfasst hat, zum anderen um ein Einleitungsgedicht zur Benediktsregel, das Benedikts Nachfolger Abt Simplicius von Montecassino in den 550/560er Jahren geschrieben hat.[1] Wichtig für die Wahrnehmung Benedikts wurde dann seine in hagiographischem Stil verfasste Lebensbeschreibung (lateinisch vita), die Papst Gregor der Große im letzten Jahrzehnt des 6. Jahrhunderts schrieb und in seine Schrift Dialogi („Dialoge“) einbaute, in der sie das gesamte zweite der vier Bücher füllt. Gregor erzählt in den Dialogi vom Leben der Heiligen in Italien; er möchte seinem Gesprächspartner, dem Diakon Petrus, zeigen, dass es auch in Italien nicht nur gute Christen, sondern auch Heilige gebe, was Petrus bezweifelt hatte. Hinsichtlich der Lebensbeschreibung Benedikts beruft sich Gregor auf die Berichte von vier Augenzeugen, die er persönlich gekannt habe und die Schüler Benedikts gewesen seien: Konstantin, der Benedikts unmittelbarer Nachfolger als Abt von Montecassino gewesen sei; Konstantins Nachfolger Simplicius; Valentinianus, der Abt des St.-Pankratius-Klosters im Lateran, in das sich die Mönche von Montecassino nach der Zerstörung ihres Klosters durch Langobarden um 580 zurückgezogen hatten; Honoratus, der zu Gregors Zeit das von Benedikt gegründete Kloster Subiaco leitete.[2]

Der Theologe Francis Clark legte 1987 eine zweibändige Untersuchung der Dialogi vor, in der er die Hypothese vertritt, das Werk sei unecht. Der Verfasser sei nicht der 604 gestorbene Papst Gregor, sondern ein Fälscher, der im späten 7. Jahrhundert gelebt habe. Vorsichtige Zustimmung fanden einige von Clarks Überlegungen unter anderem bei dem Historiker Johannes Fried, der allerdings 2004 feststellte: „Clark ist über sein Ziel hinausgeschossen“; die Dialogi seien zu Gregors Lebzeiten oder kurz danach in seiner Umgebung entstanden; es seien „literarisch gestaltete Zwiegespräche, die Gregor tatsächlich führte“.[3] Vermutlich allerdings sei Benedikt nur ein Phantom, das „Produkt einer erbaulichen Geschichte“.[4] Die Hypothese Clarks, die er 2003 in einer weiteren Untersuchung verteidigte,[5] ist in der Forschung fast einhellig abgelehnt worden; sie gilt zumeist als unhaltbar, seit sich herausgestellt hat, dass seine Arbeit schwere methodische Mängel aufweist. Auch Frieds Position, das Werk gehe zwar auf Gregor zurück, Benedikt sei aber eine erfundene Gestalt, hat sich bislang nicht durchgesetzt.

Nach heutigem Forschungsstand ist von der Echtheit der Dialogi auszugehen. Die Historizität Benedikts bleibt umstritten, gilt aber zumindest im Kern als wahrscheinlich.[6]

Via Triumphalis des hl. Benedikt – Deckenfresko der Stiftskirche Melk von Johann Michael Rottmayr (1722)
Glorie des hl. Benedikt – Hochaltarbild in der Pfarrkirche St. Peter und Paul in Villmar von Johann Georg Schamo (1762) mit Szenen aus der Vita des Heiligen.

Benedikt wurde in Nursia (italienisch Norcia) um 480 als Sohn eines reichen Landbesitzers geboren. Seine Zwillingsschwester war die später ebenfalls als Heilige verehrte Scholastika.

Nach der Schulzeit in Nursia schickten Benedikts Eltern ihren Sohn zum Studium nach Rom. Von der Sittenlosigkeit dort enttäuscht, ging er nach kurzer Zeit in die Berge nach Enfide (dem heutigen Affile). Dort lebte er mit einer Gruppe von asketisch lebenden Einsiedlern. Dann zog er sich drei Jahre lang in eine Höhle bei Subiaco östlich von Rom zurück. Über dieser Höhle wurde im 12. Jahrhundert das Kloster San Benedetto, auch Sacro Speco (ital., dt. „heilige Höhle“) genannt, gegründet.

In dieser Zeit wurden immer mehr Menschen auf Benedikt aufmerksam. Bald wurde er gebeten, dem nahe gelegenen Kloster in Vicovaro vorzustehen. Benedikt willigte ein und versuchte, das Leben in dem Kloster neu zu ordnen. Dabei stieß er auf großen Widerstand der Mönchsgemeinschaft, die sogar versucht haben soll, den ihnen unbequemen Abt mit vergiftetem Wein umzubringen.

Benedikt kehrte in das Tal von Subiaco zurück und gründete in einem Gebäude der Villa Neros das Kloster San Clemente sowie zwölf weitere kleine Klöster. Davon besteht als einziger noch erhaltener Konvent Santa Scolastica. Der Legende zufolge sollen ihn die Intrigen des neidischen Priesters Florentius von Subiaco von dort wiederum vertrieben haben. Doch steht dahinter wohl ein Konflikt mit dem Bischof von Tivoli, dem der zunehmende Einfluss Benedikts in seiner Diözese missfiel.

Benedikt zog im Jahr 529 mit einer kleinen Schar seiner Anhänger auf den 80 km südöstlich gelegenen Monte Cassino und gründete dort das Kloster, das als Mutterkloster der Benediktiner gilt. Er selbst führte dort die Gemeinschaft; für sie schrieb er auch die Regula Benedicti. Benedikt gilt daher als Begründer des organisierten klösterlichen Mönchtums im Westen.

In Monte Cassino starb Benedikt am Gründonnerstag, dem 21. März 547, während er am Altar der Klosterkirche betete – der Überlieferung nach stehend, auf seine Mönche gestützt. Seine Mitbrüder berichteten laut Gregor dem Großen, dass sie sahen, wie Engel ihn auf teppichbelegter, lichterfüllter Straße in den Himmel trugen.

Wirkung und Regel des Benedikt

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Benedikt war vom spätantiken Mönch- und Eremitentum des oströmischen Reiches inspiriert worden, insbesondere von den Gemeinschaften des Pachomios in Ägypten, der Mönchsregel von Basilius von Caesarea aus dem vierten Jahrhundert, und übertrug die grundlegenden Ideen des Mönchtums durch seine Regel in den Westen. Hauptquelle seiner Regel war die anonyme Regula Magistri („Regel des Meisters“) aus dem frühen 6. Jahrhundert, aus der er vor allem Stellen für seinen Prolog und die ersten sieben Kapiteln stark kürzte und bearbeitete. Veränderung betreffen Aspekte des Gemeinschaftslebens aus der Sicht der Gottes- und Nächstenliebe. Die Klosterregel erlangte im 9. Jahrhundert große Bedeutung. Nachdem Benedikt von Aniane im Jahr 816 von Ludwig dem Frommen zum Reichsabt im Fränkischen Reich erhoben wurde, führte dieser die Benediktsregel in allen Klöstern ein, die ihm unterstellt waren.

Für Benedikt war die Ortsbeständigkeit und Sesshaftigkeit der Mönche von großer Bedeutung – dies in einer Zeit, in der die Völkerwanderungen stattfanden. Schweigen, Gehorsam, Demut und Verzicht auf Eigentum sind Kernthemen. Das Verhältnis des Abtes zu den Mönchen sieht Benedikt zwar patriarchalisch, jedoch mit einer demokratischen Note, die die mündigen und urteilsfähigen Mönche in die Entscheidungsprozesse einbindet. Von den Mönchen wird allerdings unverzögerter Gehorsam verlangt.[7]

Obwohl er der gesellschaftlichen Elite angehörte, widmete er sich der körperlichen Arbeit und gab dies seinen Nachfolgern mit auf den Weg. Dabei ist der benediktinische Grundsatz Ora et labora („Bete und arbeite“) erst im Spätmittelalter aufgekommen.[8] Dieses Motto erscheint zwar nicht wörtlich in der Regel, trifft aber die Ausgewogenheit zwischen sinnvoller Arbeit und dem Gebet. Benedikt verbindet in seiner Regel Arbeit mit Lesung (RB 48) und gibt dem Tag eine klare Struktur.

Als kluger Hausvater wurde Benedikt auch über die Klostermauern hinaus als Friedensstifter wahrgenommen. Viele Bestimmungen seiner Regel zielen auf diesen Frieden im Verhältnis zwischen Oberen und Mitbrüdern oder zwischen den in der Gemeinschaft vertretenen Generationen ab. Daher lautet ein zweites benediktinisches Motto- und Wappenwort pax („Friede“).

Benedikt und die Benediktiner

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Die viel spätere Bezeichnung „Benediktinerorden“ resultierte aus dem Bestreben der römischen Kurie, die Benediktiner kirchenrechtlich wie einen Orden behandeln zu können. Als Antwort darauf gründeten die verschiedenen Benediktinerklöster nach und nach nationale oder anderweitig gleichinteressierte Kongregationen (z. B. die Cassinenser Kongregation, die Sublacenser, die Englische, die Kamaldulenser, die Olivetaner, die Vallombrosaner; im deutschsprachigen Raum: die Schweizerische Kongregation, die Österreichische, die Bayerische, die Beuroner, die Missionskongregation von St. Ottilien), die alle heute in der „Benediktiner-Konföderation“ repräsentiert sind. Benediktinerabteien haben jedoch kein Mutterhaussystem wie andere religiöse Orden, sondern sind autonom. Demzufolge ist die Benediktiner-Konföderation kein Generalat und ihr Abtprimas kein Generalvorsteher.

Verzückung des hl. Benedikt (Deckengemälde im Münster Zwiefalten)

Benedikt von Nursia wird in der orthodoxen, armenischen und katholischen Kirche als Heiliger verehrt. Auch der evangelischen und anglikanischen Kirche gilt er als denkwürdiger Glaubenszeuge. Schon immer wurde seine Bedeutung für das christliche Abendland betont. Zudem wird er als Patron der Schulkinder und Lehrer, der Bergleute und Höhlenforscher, der Kupferschmiede und der Sterbenden geehrt, sowie gegen Fieber, Entzündungen, Nieren- und Gallensteine, Vergiftung und Zauberei angerufen. Seit 1964 gilt er als einer der Patrone Europas.

Ab dem 11. Jahrhundert wurde der Gedenktag des heiligen Benedikt an seinem Todestag, dem 21. März, begangen. In Jahren, in welchen dieser Tag in die Karwoche fiel, wurde er auf den frühestmöglichen Tag nach Ostern verlegt. Mit der Erhebung des Festes des heiligen Benedikt in den liturgischen Kalender der Gesamtkirche wurde 1970 der Gedenktag auf den 11. Juli verlegt. An diesem Termin ist auch sein Gedenktag im Evangelischen Namenkalender der Evangelischen Kirche in Deutschland, im Kalender der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Amerika und im Kalender der anglikanischen Kirche. (Zum evangelisch-lutherischen Heiligengedenken siehe Confessio Augustana, Artikel 21.)

Die Benediktinerklöster, vor allem Monte Cassino, blieben beim ursprünglichen Termin. Dies wahrscheinlich vor allem deshalb, weil der 11. Juli in Fleury traditionell als Fest der Translation (Übertragung) der Reliquien des heiligen Benedikt (manchmal auch als sein Geburtstag natale sancti Benedicti abbatis) gefeiert wurde. Die dortige Verehrung hatte unter anderem im 8. Jahrhundert zum Wechsel des Patroziniums vom heiligen Petrus zu Benedikt geführt. Der Streit um die Reliquien zwischen Fleury und Monte Cassino führte Ende des 11. Jahrhunderts dazu, dass Leo Marsicanus in seiner Geschichte des Klosters Monte Cassino die französische Darstellung ausführlich widerlegte. Der 11. Juli galt daher für die Äbte von Monte Cassino als „verbotenes Fest“, vor allem wenn es unter dem Titel „Translatio“ gefeiert wurde (vgl. Allgemeiner Römischer Kalender).

Spätantike und frühmittelalterliche Darstellungen des Heiligen sind unbekannt; es gibt jedoch vereinzelte hochmittelalterliche Bildnisse. In Bildern und Skulpturen der italienischen Frührenaissance wird Benedikt als Abt dargestellt, seltener auch als Einsiedler.

Reliquien Benedikts befinden sich in:

Wikisource: Benedictus de Nursia – Quellen und Volltexte (Latein)
Commons: Benedikt von Nursia – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  1. Tino Licht: Die ältesten Zeugnisse zu Benedikt und dem benediktinischen Mönchtum. In: Erbe und Auftrag. 89(2013), S. 434–441.
  2. Gregor der Große: Dialogi. 2,1,2.
  3. Johannes Fried: Der Schleier der Erinnerung. München 2004, S. 345–349.
  4. Johannes Fried: Der Schleier der Erinnerung. München 2004, S. 356.
  5. Francis Clark: The „Gregorian“ Dialogues and the Origins of Benedictine Monasticism. Leiden 2003.
  6. Zweifel werden fast nur von Historikern geäußert. Die große Mehrheit der Theologen geht von der Historizität Benedikts aus; siehe dazu Joachim Wollasch: Benedikt von Nursia. Person der Geschichte oder fiktive Idealgestalt? In: Studien und Mitteilungen zur Geschichte des Benediktinerordens und seiner Zweige. Bd. 118, 2007, S. 7–30; Paul Meyvaert: The Enigma of Gregory the Great’s Dialogues. In: Journal of Ecclesiastical History. 39, 1988, S. 335–381; Adalbert de Vogüé: Grégoire le Grand et ses “Dialogues” d’après deux ouvrages récentes. In: Revue d’histoire ecclésiastique. 83, 1988, S. 281–348; Adalbert de Vogüé: Grégoire le Grand est-il l’auteur des Dialogues? In: Revue d’histoire ecclésiastique. 99, 2004, S. 158–161 (mit Angaben zu weiterer einschlägiger Kontroversliteratur). Johannes Fried hält hingegen weiterhin an der Fiktivität Benedikts fest: Christian Staas: Heiliger oder Legende? Benedikt gab es nicht. Interview mit Johannes Fried in Die Zeit. 16/2010, 15. April 2010.
  7. Günter Stemberger: 2000 Jahre Christentum. Salzburg 1980, ISBN 3-85012-092-9.
  8. Brockhaus multimedial premium. 2007, Artikel: Mönchtum im Abendland: Bete und arbeite.

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