FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1961 » No. 96
Alexander Lernet-Holenia

Zwischen Groß- und Kleinbürgertum

Notizen zur österreichischen Soziologie

Als der Oberst Graf Huyn, in den letzten Jahren vor dem Ersten Weltkriege, das Kommando über das in Tarnow in Galizien stehende 2. k. u. k. Ulanenregiment übernahm, spielte sich die Sache ab wie folgt:

In der Regimentskanzlei waren die Offiziere angetreten, um sich dem neuen Obersten vorzustellen. „Herr Oberst“, sagte der erste in der Reihe, „Oberstleutnant Graf Djeduszizki stellt sich gehorsamst vor.“ — „Kennen wir uns nicht schon?“ sagte der Oberst. „Wie geht es deiner Frau? Was machen deine Kinder?“ — „Herr Oberst“, sagte der nächste, „Major Baron Rumerskirch stellt sich gehorsamst vor.“ — „Ich freue mich, dich kennenzulernen“, sagte der Oberst. ‚‚Ich habe schon eine Menge von dir gehört.“ — ‚‚Herr Oberst“, sagte der dritte, ‚‚Rittmeister von Pomiankowski stellt sich gehorsamst vor.“ Und so ging das weiter, bis der Oberst an einen Offizier gelangte, welcher sprach: „Herr Oberst, Oberleutnant Scholz stellt sich gehorsamst vor.“

Der Oberst trat einen Schritt zurück und hatte Mühe, nicht auch noch einen zweiten Schritt zurückzutreten. „Wie sagten Sie, Herr Oberleutnant?“ fragte er. „Scholz?“ — „Jawohl, Scholz, Herr Oberst“, antwortete der Oberleutnant. Da faßte sich der Oberst Graf Huyn und sagte: „Na ja, Herr Oberleutnant — macht auch nichts.“

Ich weiß nicht, ob diese Geschichte wirklich wahr ist, hat es doch auch österreichisch-ungarische Regimenter gegeben — und zwar waren’s die meisten —, wo just die bürgerlichen Offiziere bei ihren adeligen Kameraden besonders beliebt waren, wie denn Österreich, zur Zeit der Monarchie, eigentlich überhaupt viel demokratischer war als jetzt, wo es eine Republik ist. Denn heutzutage ist jede richtige Republik im Grunde eine kleine Diktatur. So charakterisiert denn jene Anekdote, obwohl sie in der Armee spielt, de facto auch nicht so sehr die Zustände in der Armee selbst, sondern weit eher die österreichische Gesellschaft von damals und wohl auch die von heutzutage. Denn die sogenannte gute Gesellschaft ist in Österreich wie jede andre gute Gesellschaft auch, nur die schlechte ist ganz vorzüglich, so daß das österreichische Bürgertum auch niemals, wie etwa das deutsche oder das Schweizer Bürgertum, sehr viel davon gehabt hat, daß es sich über den Arbeiter- und Bauernstand erhoben hatte: es hat nie zur ersten Gesellschaft gehört, ja nicht einmal zur zweiten, sondern es blieb dritte, wenn nicht gar vierte Gesellschaft, und wenn zum Beispiel ein der zweiten Gesellschaft angehöriger Baron auf die Jagd ging, so unterhielt er sich, weil er glaubte, daß er eigentlich zur ersten Gesellschaft gehöre oder zum mindesten dazugehören solle, immer noch weit lieber mit einem Bauern als — sagen wir — mit dem Bürgerschuldirektor der betreffenden Ortschaft. In Deutschland war das Bürgertum schon seit der Zeit der Reichsstädte, in der Schweiz fast seit den Tagen Wilhelm Tells eine Großmacht. In Österreich ist es nie etwas dergleichen gewesen.

Ursache dieser zwiespältigen Situation des Bürgertums in Österreich war eine amtliche Überprüfung der Vornehmheit aller Leute „von Stande“ gewesen, wie man ehmals sagte. Diese Überprüfung fand etwa zur Zeit Karls des Sechsten und Maria Theresias, doch auch noch bis in die Tage des guten Kaisers Franz statt. Was man in England, doch auch in Ungarn die Gentry nennt, in Frankreich aber Haute-Bourgeoisie oder Basse-Noblesse, wurde in Österreich von kaiserlichen Beamten auf Herz und Nieren geprüft, und der Bürger, der damals nicht durchzusetzen vermochte, daß er geadelt ward wie zum Beispiel Nikolaus Lenaus Vater, der aus einem Herrn Nimbsch oder von Nimbsch auf einmal zu einem Herrn Nimbsch von Strehlenau gemacht wurde, ward ins Kleinbürgertum hinabgestoßen. Dadurch schuf man in Österreich eine grundsätzliche Opposition gegen das Herrscherhaus, das, durch seine Beamten, gerade den besten Elementen seines Volkes die soziale Gehobenheit hatte rauben lassen; und diese Reaktion war so heftig, daß sie schließlich alle Schichten des Landes, mit Ausnahme derer vom Grafen aufwärts, ergriff.

Sozialistisches Kleinbürgertum

Was Wunder also, daß wir in Österreich auch eine so extrem sozialistische Demokratie haben! Ja wir haben die Sozialdemokratie geradezu gepachtet, und selbst der überzeugteste deutsche Sozialdemokrat läßt sich mit einem richtigen österreichischen Sozialdemokraten gar nicht vergleichen. Dabei ist’s aber das merkwürdigste, daß unser Sozialismus aus dem ursprünglich vollkommen bürgerlichen Geiste der Revolution des Jahres 1848 entstanden ist, ja hiezu kommt auch noch, daß der österreichische Sozialdemokrat, zum mindesten wenn er sich nicht geradezu mit Gewalt das Gegenteil einredet, weit eher einen Kleinbürger als einen Proletarier vorstellt. Denn in welchem Sinne immer er auch — wie der schöne Ausdruck lautet — zur Wahlurne schreitet: außerhalb des streng politischen Lebens will er als Mitglied einer durchaus bürgerlichen Schicht geschätzt, geehrt und geachtet werden. Auch ist er alles eher als Atheist und geht gar nicht einmal so ungern in die Kirche. Nicht gern in die Kirche gehen in Österreich bloß die streng katholischen Bauern, die ihre Weiber und Kinder in die Messe schicken, für ihre eigene Person aber vor der Kirche stehenbleiben, Pfeifen und Zigaretten rauchen und Kuhhandel treiben.

Hingegen ist das österreichische Kleinbürgertum, welcher politischen Richtung es auch angehören mag, sozial ressentimentgeladen bis da hinaus, was wohl auch der Grund dafür ist, daß die Chancen für die Wiederherstellung der Monarchie nirgendwo so gering sind wie in Österreich. Darüber vermag auch der Umstand nicht hinwegzutäuschen, daß, wenn zum Beispiel die Musikkapelle des ehemaligen Regiments Hoch- und Deutschmeister aus irgendeinem festlichen Anlasse in ihren alten Uniformen über die Ringstraße zieht und „O du mein Österreich“ spielt, alle Welt mit Tränen der Rührung in den Augen zusammenläuft und applaudiert; und auch die Beliebtheit dieses oder jenes Erzherzogs — etwa der Erzherzöge Eugen und Hubert Salvator — fällt da nicht ins Gewicht: der Kaiser selbst, oder sagen wir besser: die Monarchie an sich ist in Österreich abgemeldet und wird wohl auch, von gelegentlichen ganz kurzen Zwischenspielen abgesehen, abgemeldet bleiben auf — wie der amtliche Ausdruck lautet — immerwährende Zeiten. Diesbezüglich hatte der Münchner „Simplizissimus“ durchaus recht, als er, kurz nach dem Ersten Weltkrieg, ein ganzseitiges Bild veröffentlichte, das er „Die Ruine Habsburg“ nannte. Da stiegen eine Menge Hofräte und Generale in Galauniformen mit Malterkübeln, Kellen und Winkelmaßen auf den Trümmern einer Burg herum, und darunter stand:

Irreparabiliter ac irrestaurabiliter.

Dieses schauerliche Latein war eine Variante auf die nicht minder absurde Devise

Indivisibiliter ac inseparabiliter

des letzten unglücklichen Kaisers, dessen Reich, kaum daß er sich den unaussprechlichen Sinnspruch durch einen seiner Hofräte hatte erwählen lassen, auch prompt in alle Winde auseinanderstob, so daß denn am Ende auch wirklich alles im Sinne jener alten Prophezeiung ausgegangen ist, die da lautete:

Schon zur Zeit Rudolfs von Habsburg ließen sich Stimmen vernehmen, welche behaupteten, die ganze Geschichte werde sich nicht lange halten. Und richtig: im Jahr 1918 war’s aus.

Das heißt: aus war’s wohl für alle, die auch nur einigermaßen konservativ dachten. Für die Nichtkonservativen aber begann ein völlig neues Leben, das in dieser unserer unmittelbaren Gegenwart recht eigentlich seinen Höhepunkt an Wohlfahrt und Behagen, an Muße und nervlicher Ausgeruhtheit der Bevölkerung, jedenfalls also an allem eher als an persönlicher Überanstrengung des einzelnen erreicht zu haben scheint. Denn das muß man dem österreichischen Kleinbürgertume, bei all seinem Sinn für Fortschritt, lassen: zu leben, mag der Rahmen, in welchem es lebt, auch noch so bescheiden sein, zu leben und sich nicht abzurackern wie die Deutschen, das versteht es; und der gelassenen Tätigkeit der ganzen Familie an den ersten fünf Tagen der Woche, dem Zusammenwirken des Familienoberhauptes und der Seinen zum Zwecke der Beschaffung von Mitteln für die Entspannung an den letzten beiden Wochentagen, dem Einklang von offizieller Arbeit mit einer kleinen Arbeitslosenunterstützung und ein wenig Schwarzarbeit folgt dann ein Weekend, in welchem alles mit Motorrädern und Second-Hand-Autos ausfliegt, so daß „die Städte öde liegen“ wie die Städte in der Bibel, welche der Zorn Gottes getroffen hat, und die Fabriken, Läden, Postämter und sonstigen Arbeitsstätten von Freitag nachmittags bis Montag morgens so hoffnungslos verrammelt sind wie die Tore von Sing-Sing; worauf man, allerhand während des Weekends erworbener Körperschäden wegen, als da sind: Sonnenbrände, durch den Skilauf verstauchte Beine, Erkältungen und dergleichen, mit der Arbeit nicht recht wiederbeginnen will — stirnrunzelnd betrachtet das Großbürgertum, betrachten die Fabriksbesitzer, Generaldirektoren und sonstigen Arbeitgeber diese Laxheit ihrer Arbeitnehmer an den Montagen. Aber auch sie, die Arbeitgeber selbst, sind ja von der Erholung während ihres Weekends, von ihren Fahrten in amerikanischen Flossenautos, von den Bädern am Lido oder im Salzkammergut und von ihren Bridgepartien als Paying-Guests in irgendwelchen Schlössern auf dem Lande ein wenig angegriffen, und da sie selber gelebt haben, und zwar nicht schlecht, so lassen sie auch ihre Leute leben, und zwar ganz gut ... ein seltsamer Stand, dieses österreichische Großbürgertum, eine erstaunliche, ja köstliche Mischung aus guter Lebensart und weniger gutem Snobismus, aus nicht ganz echtem Kleinadel und nicht ganz verfälschtem Parvenütum ...

Während nämlich das Kleinbürgertum in Österreich im großen und ganzen etwa so ist wie das Kleinbürgertum in aller Welt, nur vielleicht um eine Spur indolenter, dafür aber auch nachträgerischer, ist das österreichische Großbürgertum eine Erscheinung, derengleichen es anderswo kaum oder überhaupt nicht gibt. Denn sind die Österreicher an sich schon ein Mischvolk ersten Ranges, so sind die Großbürger in Österreich überhaupt aus den disparatesten Elementen zusammengemischt. Fast jeder von ihnen hat, neben seinen bäuerlichen und proletarischen Vorfahren, zum mindesten eine adelige, doch auch fast jeder eine jener jüdischen Großmütter, wie sie zur Hitlerzeit so berühmt geworden sind, fast jeder stammt sowohl von Tschechen und von Deutschen wie von Ungarn oder Italienern, fast jeder hat neben seinen materiellen Interessen weit mehr geistige Neigungen als irgendein Großbürger im Rheinland, fast in jedem lebt mehr Snobismus als Bürgerstolz, fast jeder möchte, daß seine Söhne und Töchter einmal in die Aristokratie einheiraten, und redet grundsätzlich nicht von seiner wirklichen Verwandtschaft, fast jeder will bei der Kavallerie gedient haben, hat aber in Wirklichkeit, weil es sicherer war, bei der Artillerie gedient, fast jeder ist liebenswürdig, mag aber die Leute, gegen die er liebenswürdig ist, umso weniger, je liebenswürdiger er gegen sie sein muß, und fast jeder hat die besten Umgangsformen, ist aber, im Innersten, so unzuverlässig wie alle andern Österreicher auch. Kurzum, in allem und jedem repräsentiert er die erste Gesellschaft, nur mit der Einschränkung, daß ihm die wirkliche erste Gesellschaft verschlossen ist wie die Gralsburg.

Regierende Bürger

Es gab einmal in Österreich, wie in den meisten andern Ländern auch, einen Jockey-Club, der aber in Wien, nach Hitlers Einzug, in einen sogenannten „Club des Wiener Rennvereins“ umgewandelt wurde. Dort hatten die Aristokratie und die Rothschilds gespeist und gespielt, dort spielten und speisten dann, während des Krieges, die Reste der Aristokratie, soweit sie nicht auf das Land verdrängt worden war, und die Reste der Industrie, soweit sie sich noch blicken lassen durfte oder nicht überhaupt hatte emigrieren müssen, dort durften auch die österreichischen, ganz unversehens deutsch gewordenen Kavallerieoffiziere speisen und spielen, soweit es ihnen gelungen war, nicht immerzu an die Front oder in deutsche Garnisonen zu müssen, und in dieser Eigenschaft habe auch ich selbst schöne Stunden auf dieser stillen Insel im stürmischen Meere des Nationalsozialismus verbracht. Unmittelbar nach dem Kriege aber hielten alle eliminierten Elemente wieder ihren Einzug in den Rennverein, und ich selbst trat wieder aus ihm aus. Nur noch von außen sehe ich mir das Palais Pallavicini an, wo er jetzt tagt; und in der Tat: es ist schön und bedeutungsvoll, etwa während der Mittagszeit über den Wiener Josefsplatz, einen der schönsten Plätze der Welt, zu gehen, sich im Palais Pallavicini die lunchenden Großbürger vorzustellen und vor dem Palais ihre wartenden, zufolge ihrer Wichtigkeit steuerlich abschreibbaren Wagen und Chauffeure zu sehen — vereinigt sich hier doch alles an Elegance und Kultur, wirtschaftlicher Geschicklichkeit und politischem Einfluß, was Österreich nur zu bieten vermag.

Denn das österreichische Großbürgertum — mag es zahlenmäßig auch noch so gering sein — regiert im Grunde den Staat ganz ebenso, ja vielleicht sogar noch etwas mehr, als die Wirtschaft auch in jedem andern Lande den Staat regiert. Das ist nun einmal so in dieser unserer geschäftlich so betonten Zeit. Die Wirtschaftskapitäne haben überall das Heft in der Hand, und alle jene, die es nicht in der Hand haben, überlassen’s ihnen gerne unter der Voraussetzung, daß ihnen dafür die entsprechenden Konzessionen, meist finanzieller und sozialer Art, gemacht werden. So kann man sich denn vorstellen, mit wie vielen solchen Konzessionen auch in Österreich, dem typischen Lande der Kompromisse, die Großbürger den Kleinbürgern die Macht abkaufen und wie das wirkliche Bürgertum, das weder groß noch klein, sondern eben bloß Bürgertum ist, der sogenannte Mittelstand, zwischen den beiden andern Bürgertümern wie zwischen Mühlsteinen zerrieben wird. Denn das Großbürgertum, welches regiert, das heißt diejenigen Männer ans Ruder bringt, die ihm passen, entschädigt das Kleinbürgertum dafür, daß dieses ihm das erlaubt, durch Zuwendung derjenigen Steuern, die das mittlere Bürgertum zahlt.

Österreichs wahres Bürgertum

Dieser Mittelstand ist das wahre Bürgertum Österreichs. Nicht etwa daß Großbürgertum oder Kleinbürgertum in Österreich wertlos wären, im Gegenteil, sie haben sogar beide, wie wir soeben gesehen haben, ganz außerordentliche Qualitäten. Doch wirklich wertvoll ist vor allem die Mittelschicht. Das heißt: wertvoll ... kulturell wertvoll, gewiß aber ob das den andern Schichten gar so wertvoll ist? Zwar wird in Österreich immerzu von Kultur geredet, doch so groß unsere Kultiviertheit auch sein mag: wirklich kultiviert ist man bei uns im Grunde nur dann, wenn man’s sozusagen trotzdem ist, ganz so wie eigentlich auch nur derjenige ein wirklicher Österreicher ist, der es trotzdem ist ... Das mag für Nichtösterreicher nicht ganz leicht verständlich sein, ja es gibt bei uns sogar einen ausdrücklich auf derlei nicht ganz leicht verständliche innere Angelegenheiten bezüglichen Slogan, der da lautet: „Was weiß ein Fremder!“ Ein echter Franzose, zum Beispiel, oder auch ein echter Engländer ist auch ein guter Engländer und ein guter Franzose — ein echter Österreicher aber ist im Grunde keinesfalls auch das, was man einen guten Österreicher nennt — ja je echter er ist, für einen umso schlechteren Österreicher halten ihn die andern Österreicher, und wenn er sie kritisiert, und das mit noch so vielem Rechte, so gehen sie nicht etwa in sich, sondern sie sagen dann bloß, er beschmutze sein eigenes Nest. Denn kritisiert darf ja bei uns, im eigentlichen Lande der Kritik, nun einmal nicht werden, insbesondere aber dann nicht, wenn die Kritisierten um ihre nicht ganz offiziellen Vorteile bangen.

Aus derlei schlechten, beziehungsweise guten, ja oft sogar sehr guten Österreichern besteht aber bei uns vor allem jene Schicht, die am wenigsten von sich hermachen darf: der Mittelstand. Es sind das zumeist die Angehörigen der sogenannten freien Berufe: Ärzte, Juristen, Professoren, ehemalige Offiziere, Künstler, Pensionisten, kurz alle, von denen sowohl die Oberschicht wie die Unterschicht sagen würde: „Was wollen denn die eigentlich bei uns?“ Allein diese Leute bewahren immer noch die einstige, jetzt verlorene Mitte. Sie bewahren sie durch ihre Gesinnung. Sie wahren sich aber auch, oder vor allem, das Recht der Kritik, ohne sich wie alle andern, um persönlicher Vorteile willen, dem lieben Gott oder dem Teufel zu verschreiben ... Ein Exponent dieses wahren Österreichertums war, vorzeiten, Franz Grillparzer. Ob es jetzt noch einen solchen Exponenten gibt, weiß man nicht, man erkennt dergleichen immer erst hinterher.

Wir wollen, indem wir Grillparzer ins Auge fassen, für einen Augenblick darüber hinwegsehen, daß er nicht nur ein Dichter, sondern auch ein Hofrat war. Er war, vermutlich, kein sehr guter Hofrat, obwohl er, sonderbarerweise, sogar im Rufe steht, das österreichische Exerzierreglement zwar nicht verfaßt, aber zum mindesten stilisiert zu haben. Allein wenngleich er auf diesem für einen Dichter etwas abwegigen Gebiet einen wahrhaft meisterhaften Stil an den Tag gelegt hatte, so war er doch — ja vielleicht war er eben deshalb wohl auch ein ebenso mäßiger Dichter wie Beamter: was er wirklich war, war ein Kritiker, auch ein Seher ersten Ranges.

Es entspricht eben der — zum mindesten relativen — österreichischen Passivität, die Dinge ruhiger und daher auch richtiger ins Auge zu fassen, als es seitens jener geschieht, die, vor lauter Geschäften, nicht wissen, wo ihnen der Kopf steht. Grillparzer hatte, als Hofrat, wahrlich Gelegenheit, sich nicht zu überanstrengen; und umso aufmerksamer vermochte er die Menschen und die Umwelt zu betrachten. Diese Fähigkeit zur — vielleicht etwas allzu untätigen — Kontemplation ist so gut wie allen echten Österreichern geblieben, dieses kühle Mit-Ansehen, wie die andern, mit dem Schweiße der Überfordertheit auf der Stirn, lauter Dinge tun, die, wie alles Tun oder zumindest allzu vieles Tun überhaupt, nicht eben zum Besten führen, dieses gelassene, ja ein wenig resignierte Betrachten des Sich-Abmühens und der allgemeinen Hetze allenthalben und überall.

Ob wir damit aber wirklich den richtigen Standpunkt einnehmen? Ob wir nicht dennoch besser daran täten, aktiv zu irren, statt passiv im Rechte zu bleiben? Die Entwicklung der Dinge in den letzten Jahrzehnten, diese ungeheuerliche Epoche der Verwandlung unserer Welt, spricht für beides. Es war schlecht, daß so viel, allzu viel geschehen ist, und es war ebenso schlecht, daß dabei allzu wenig Erwünschtes getan wurde. Das Richtige wäre wohl in der Mitte gelegen gewesen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1961
, Seite 446
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Alexander Lernet-Holenia:

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