FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1969 » No. 188/189
Roland Nitsche

Zur Genealogie des Spießers

Aus seinem eben erscheinenden Buch „Der häßliche Bürger“, Kremayr & Scheriau, Wien

Er wähnt selber Kulturmensch zu sein; ein unbegreiflicher Wahn, aus dem hervorgeht, daß er gar nicht weiß, was der Philister und was sein Gegensatz ist: weshalb wir uns nicht wundern werden, wenn er meistens es feierlich verschwört, Philister zu sein. Er fühlt sich, bei diesem Mangel jeder Selbsterkenntnis, fest überzeugt, daß seine Bildung gerade der satte Ausdruck der rechten deutschen Kultur sei; und da er überall Gebildete seiner Art und alle öffentlichen Institutionen gemäß seiner Gebildetheit und nach seinen Bedürfnissen eingerichtet findet, so trägt er auch überallhin das siegreiche Gefühl mit sich herum, der würdige Vertreter der jetzigen deutschen Kultur zu sein, und macht dementsprechend seine Forderungen und Ansprüche. Er nimmt um sich herum lauter gleiche Bedürfnisse und ähnliche Ansichten wahr; wohin er tritt, umfängt ihn auch sofort das Band einer stillschweigenden Konvention über viele Dinge. Diese imponierende Gleichartigkeit verführt ihn zu dem Glauben, daß hier Kultur walten möge.

(Friedrich Nietzsche)

So hat der Spießer immer recht, weiß stets das Wahre und kennt allein das Schöne. Nur etwas kennt er nicht: die Plage des Zweifels. Für ihn gibt es keinen Zweifel an der Vorzüglichkeit der staatlich geordneten Welt und der immer aufgeräumten guten Stube, keinen Zweifel an der Autorität und den von ihr approbierten Institutionen, keinen Zweifel an der teuflischen Boshaftigkeit jeder gesellschaftlichen Veränderung.

Der Spießer glaubt an seine Partei, den Lehrer und den Pfarrer, er glaubt an den selbsttätigen Fortschritt und seine eigene Vortrefflichkeit in der Fortschrittswelt. Er glaubt an den Schutzmann, die Sparkasse, die Mitgift und die Bilanz. Was der Spießer als seine Lebensluft braucht, ist Ruhe. Er sucht sie im Beruf, in der Ehe, im Denken, im Gemüt.

Das „Passende“ ist des Spießers Leitwert. Er schließt die passende Ehe, arbeitet im passenden Beruf, lebt in der passenden Wohnung, ist im passenden Verein, kleidet, bildet und amüsiert sich auf passende Art und läßt seine Kinder in der passenden Schule von Spießerlein zu Spießern erziehen. Für ihn denkt sein Vorgesetzter, sein Leitartikler, sein Abgeordneter.

Der Spießer lebt rein imitativ. Für ihn gibt es keine Kollision seiner Innen- und Außenwelt, er versteht es, solch eine Gefahr der Gleichgewichtsstörung zu verhindern: durch die felsenfeste Überzeugung, in ihm selbst zentriere die Welt. Was ihn nicht bewegt, habe die Welt nicht zu bewegen; und ihn bewegt nichts, denn Bewegung ist das letzte, was ihm widerfahren könnte.

Wehe dem, der an des Spießers Gleichgewicht zu rütteln versucht: durch Kritik an der vorgegebenen Ordnung, Modernismus in der Kunst, neue Impulse im Denken. Die Löwin verteidigt ihre Brut nicht wilder gegen die Feinde als der Spießer seine Lebenslüge gegen jeden, der sie so nennt. So wird der Spießer die Säule jedweder Ordnung und der Anbeter jedweder Macht, welche die Ordnung stützt.

Uniform war sein Denken, Trachten, Fühlen, Verhalten; er wurde im vorigen Jahrhundert das konservative Element des gesellschaftlichen Lebens und die Frühform des volladaptierten Massenmenschen, reif für die Massenkultur, die auf die Welt zukam.

Das stur konservative, in Spießerluft lebende Kleinbürgertum, seine Anbetung der Macht und Bejahung dessen, was „bürgerliche Ordnung“ hieß, war die soziale Basis, auf der sich die Großbourgeoisie so recht entfalten konnte.

Ihr Triumph sollte tief in die Zeit und Zukunft wirken: Denn unaufhaltsam griff der Abscheu vor einer Elite um sich, deren Adelsbriefe Zinsencoupons und Tageskurse hatten, vor einer Geldaristokratie, die auf undurchschaubare Art die Wirtschaft und damit das Schicksal jedes Menschen manipulierte.

Diese Geldbourgeoisie gebar den Antikapitalismus, eine Stimmung, die sich vom Proletariat bis weit in das Kulturbürgertum verbreitete.

Das Kapital war nicht mit bürgerlichen Namen zu nennen. Denn die Namen, unter denen es als Haute Finance auftrat, Frack und Zylinder trug und in Karossen an die Börse fuhr, waren nur der Vordergrund. Das Schicksal selbst war mächtiger als jene Menschen, die dem Kapital in den Banken und Aufsichtsräten die Kulissen schoben. Dieses Schicksal wurde als übermenschlich und gegenmenschlich empfunden, lag wie ein Mahr über dem Leben, beherrschte mit Krisen und Konjunkturen seine Ängste und Träume, Leviathan, Behemoth, Gog und Magog, niemals zu sättigen.

Dieser ziellose Antikapitalismus drang nicht zuletzt deshalb tief in das deutsche Bildungsbürgertum, weil er sich mit dem beginnenden Grauen vor der vorwärtsstürmenden Technik vermischte. Eine Stimmungslage, die sich wohl in allen Ländern bemerkbar machte, aber nirgends ausgeprägter als im deutschen Kulturbereich. Nur dort war zugleich mit der Entdeckung der Dampfkraft in England, die das technische Zeitalter einleitete, der seinem Wesen nach antitechnische Humanismus kulturtragend geworden.

In demselben historischen Augenblik, in dem die Menschheit daranging, durch eine neue Kraftquelle und die von ihr betriebenen Maschinen ihr ganzes gesellschaftliches Dasein radikal zu verändern, brachte das deutsche Bildungsideal die technische Außenwelt in den Verdacht der Inhumanität und machte die Bildung der moralischen Innenwelt zum Leitziel.

Goethe, Schiller, Kant, Fichte, Hegel, Humboldt als Lehrer dieses Humanitätsideals zogen die deutschen Bildungsbürger um 1800 von der Dingwelt ab und kehrten sie der Ideenwelt zu. Damit begründeten sie eine völlig introvertierte Wertvorstellung, die der extravertierten technischen extrem entgegengesetzt war. Diesem deutschen Humanitätsideal galt die Außenwelt nur als Instrument zur Vervollkommnung der Innenwelt und von dem Punkt an als Gefährdung, wo sie sich als Selbstzweck etablierte und den Menschen verlockte, sich im Außen zu verlieren.

Je mehr das Humanitätsideal die Wertskala des deutschen Kulturbürgers bestimmte, desto mehr distanzierte sich sein Weltbegreifen von der technischen Entwicklung. Es wäre lohnend, zu untersuchen, wie weit die Wirtschaftsfremdheit und der gefühlsmäßige „Antikapitalismus“ breiter Kreise des Bildungsbürgertums deutscher Kultur durch die Technisierung der Wirtschaft bewirkt wurden und ihre Wurzeln in der dumpfen Angst vor dieser Welt der „Zahlen und Figuren“ haben. Sehr wahrscheinlich, daß bei der Trennung des Kulturbürgers vom Wirtschaftsbürger ihre so verschiedenen Einstellungen zur Technik eine höchst maßgebliche Rolle spielten.

So dürfte es sich auch von hier aus erklären, daß nur die deutsche Sprache die Unterscheidung der Begriffe Kultur und Zivilisation vollzog, jene als Domäne des entscheidenden Innenlebens, diese als die immer etwas suspekte Sphäre der Außenwelt.

Bei dem eingezogenen, kaum auf wirtschaftlichen Fortschritt bedachten Leben des Biedermeiers, bei der fast spartanischen Schlichtheit des deutschen Kleinbürgers bis etwa 1850 waren seine Humanitätsphilosophie und seine ausschließliche Pflege des immateriellen Kulturlebens durchaus zeitgemäß und stilkonform. Als aber die industrielle Revolution mit ihrer Phasenverzögerung von rund fünfzig Jahren Mitteleuropa erreicht hatte und das Bürgertum in seiner ganzen Breite wohlstandsbewußt und fortschrittseifrig geworden war, mußte diese Antithese zweier Wertewelten, der technischen und humanistischen, zeitwidrig werden.

Die humanistische Bildung des deutschen Bürgers stützte sich auf leuchtendste geistige Leitbilder aus einer Zeit, da Humanismus noch Leidenschaft gewesen war. Zur technischen Bildung, die über ihn hereingebrochen war und von ihm bejaht werden sollte, fand er schon deshalb keine rechte innere Beziehung, weil ihre Repräsentanten keinerlei geistige Leuchtkraft ausstrahlten. Sie hatten nur die Macht über das Kapital, das der Bildungsbürger selbst nicht besaß, nicht verstand und daher nur verachtete und fürchtete. Für diesen deutschen Bildungsbürger hatte Hegel die Technik „Betrug an der Natur“ genannt und Friedrich Schlegel statuiert: „Wo Technik und Okonomie sind, da ist keine Moral.“

Die Welt, die ist da draußen wo,
mag auf dem Kopf sie stehn!
Sie intressiert uns gar nicht sehr,
und wenn sie nicht vorhanden wär,
würd’s auch noch weitergehn!“
(Otto Julius Bierbaum)

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Erstveröffentlichung im FORVM:
August
1969
, Seite 497
Autor/inn/en:

Roland Nitsche: Journalist, studierte Rechts- und Staatswissenschaften sowie Philosophie, promovierte 1930 und arbeitete bis 1933 als Advokat. Daneben war er als Journalist tätig, ging 1939 in die Emigration nach Zürich und kehrte 1945 nach Wien zurück. Er war für die österreichische Tageszeitung „Die Presse“ als Auslandskorrespondent tätig, schrieb Bücher ökonomischen sowie historischen Inhalts und fertigte Übersetzungen griechischer und lateinischer Klassiker an.

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