FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1970 » No. 200/201
Friedrich Geyrhofer

Zünftlerischer Sozialismus

An Hand der Produktion der Europäischen Verlagsanstalt

In der Phase des konjunkturellen Aufschwungs nach 1895 etablierte sich die Sozialdemokratie innerhalb des Obrigkeitsstaates als eine proletarische Subkultur mit einer im Zeitalter der „Weltanschauungen“ unentbehrlichen Integrationsideologie, die folgerichtig den Bedürfnissen der Organisation untergeordnet wurde.

Der Revisionismus war keinesfalls der ruchlose Verrat an den heiligen Grundsätzen der Revolution, wie er in den Sprachschatz der innerkommunistischen Polemik eingegangen ist. Ein Studium der zeitgenössischen Dokumente und Quellen würde offenbaren, daß die Revisionisten im Detail oft kritischer dachten als die Orthodoxen vom Schlage eines Bebel oder Kautsky. Wenn die fundamentale Unwahrheit des Austromarxismus in der Anstrengung lag, den Gegensatz zu Marx möglichst zu verschleiern, so lag das Verdienst des Revisionismus in der Offenheit, mit der er diesen Gegensatz aussprach und der Orthodoxie opponierte.

Es waren revisionistische Theoretiker, welche die rechtgläubigen Marxisten zur Lektüre des zweiten und dritten Bandes des „Kapitals“ bewogen haben. In der Revisionismusdebatte stellte sich die Frage nach der methodischen Bedeutung der Dialektik, eine Frage, die einst den jungen Marx zum Bruch mit den Linkshegelianern geführt hatte und die Georg Lukács 1921 definitiv beantwortete: „Nicht die Vorherrschaft der ökonomischen Geschichtserklärung unterscheidet entscheidend den Marxismus von der bürgerlichen Wissenschaft, sondern der Gesichtspunkt der Totalität.“ [1]

In der Einheit von Theorie und Praxis gerät unvermeidlich die Theorie ins Hintertreffen, weil sie ihren Namen allein dann verdient, wenn sie Kritik der gesellschaftlichen Totalität übt, Praxis aber in allen ihren aktuellen Formen bisher immer bloß partikulär blieb. Dies hat Adornos Haltung zur studentischen Opposition motiviert. Die Spontaneitätstheorie der Rosa Luxemburg und Lenins Konzeption einer revolutionären Elite — beide von Lukács in „Geschichte und Klassenbewußtsein“ virtuos miteinander verbunden — scheiterten gleichermaßen an der Totalität; die Spontaneitätstheorie an der Indolenz der Massen, die nicht über die bürgerliche Demokratie hinausdrängten, die revolutionäre Elite an der Notwendigkeit, die Revolution in einem Lande durchzuführen. Der Sozialismus ist an seinen Organisationen gescheitert. Unter dem Druck der organisatorischen Praxis kehrte die Sozialdemokratie zu eben jenem Proudhonismus zurück, dessen kritische Widerlegung das praktische Motiv der Marxschen Theorie, zumal der Arbeitswertlehre, gewesen war. Die Produktionssphäre blieb im Verteilungssozialismus als Naturbasis einer Politik unberührt, die sich auf Veränderungen innerhalb der Distributionssphäre beschränkte. Der ökonomische Ausdruck der gesellschaftlichen Totalität, das Gesetz der tendenziell sinkenden Profitrate, wurde von den Theoretikern der II. Internationale frühzeitig eliminiert. [2]

Die verleugnete Totalität hat unterdessen den Sozialismus verschluckt. Die Arbeiterorganisationen sind dank ihrer ganzen Tradition an den Nationalstaat als Entscheidungszentrum der ökonomischen Strategie fixiert: eine Politik, die mit dem Verlust der wirtschaftlichen Souveränität immer ohnmächtiger wird. Das Kapital bewegt sich — aus der Logik des Marktes, keinesfalls aus besonderer Weitsicht — auf einer überstaatlichen Ebene, unterhalb derer reiche Länder auf den hilflosen Status von Neokolonien hinuntergedrückt werden; das Schicksal der britischen Labour-Regierung illustriert dies.

Dieser strategischen Verschiebung ist der Sozialismus aller Spielarten nicht länger gewachsen: Vermutlich übernimmt er im späten Kapitalismus die gleiche Rolle, welche die Zünfte im frühen Kapitalismus gespielt haben. Henri Pirenne hat darauf aufmerksam gemacht, daß die Wirtschaftspolitik der Städte vom 13. bis zum 16. Jahrhundert von einer starr defensiven Haltung gegenüber den negativen Folgen des zeitgenössischen Handelskapitals beherrscht wurde — mit dem Resultat, daß sich das Kapital auf die interlokale Ebene verschob, die Ausbildung von Territorialstaaten förderte und von dieser Position aus den Zunftprotektionismus der einzelnen Städte aufzehrte. [3] Die Genesis des Kapitalismus bildet keinen geradlinig verlaufenden Prozeß, sie wurde faktisch von antikapitalistischen Reaktionen vorwärtsgeschoben. Sowenig die Gewerkschaften und Arbeiterparteien der industriellen Länder gegen den atlantischen Kapitalmarkt auszurichten imstande sind, sosehr bleiben die diversen Sozialismen der kommunistischen genauso wie der dritten Welt an die kapitalistische Totalität gebunden, die noch von ihren Feinden profitiert. [4] Umgekehrt wäre ein globaler Kapitalismus ohne sozialistische Sektoren a priori denkunmöglich; Totalität ist nicht dasselbe wie Einheit.

In dem von der Europäischen Verlagsanstalt 1968 herausgegebenen Sammelband „Kritik der politischen Ökonomie heute“, der einen guten Überblick über den aktuellen Stand der marxistischen Theorie bietet, [5] kam es zwischen zwei Vertretern der Frankfurter Schule zu einer denkwürdigen Kontroverse: Gegen ein Referat von Alfred Schmidt, das eine Marx-Interpretation als Kritik der gesellschaftlichen Totalität vortrug, hat Oskar Negt eingewandt, daß die Verfassung der gegenwärtigen Gesellschaft keine systematische Kritik à la „Das Kapital“ mehr erlaube: „Der Marxsche Begriff der Totalität war an der klassischen politischen Ökonomie orientiert, welche der Anatomie der entfaltetsten kapitalistischen Gesellschaften entsprach ... Was geschieht, wenn nicht mehr alle ökonomischen Bestimmungen von London, vom Zentrum, ausgehen, sondern wenn eine Vielfalt von Bestimmungen vorhanden ist, die den Begriff Totalität in Frage stellt? Vor allem an einem Begriff kann man das verdeutlichen, der bei Marx oft vorkommt, dem der Entfaltung. Wenn sich die Totalität nicht mehr aus Grundbestimmungen entfaltet, jetzt im Kontext der politischen Ökonomie, dann kann man nicht mit dem Begriff der Entfaltung der Wertform ... operieren, der in der Tat eine Totalität der Tauschvermittlung voraussetzt.“ [6]

Das ist ein Gedanke, den Adorno einmal in seinem Essay über Samuel Beckett ventiliert hat. Jürgen Habermas [7] hat daraus die Konsequenz gezogen, daß eine reine Kritik der politischen Ökonomie unabhängig vom Zusammenhang mit den politischen Institutionen (also dem „Überbau“) im 20. Jahrhundert notwendig falsch sei, weil die ökonomische und die staatliche Sphäre im Gegensatz zum 19. Jahrhundert sich heute fast bis zur Identität verschmolzen hätten: Eine solche These ignoriert jedoch die Tatsache, daß das Kapital auf der überstaatlichen Ebene eine neue Aktionsfreiheit gewonnen hat. In den Referaten auch marxistischer Ökonomen wurde die Arbeitswertlehre, die Herzkammer des materialistischen Begriffs von Totalität, denn auch kräftig modifiziert; Werner Hofmann zum Beispiel bezweifelte die Möglichkeit, auch unter den modernen Bedingungen noch an der im dritten Band des „Kapitals“ entwickelten Lehre von der Ableitung der Konkurrenzpreise aus den Tauschwerten festhalten zu können [8] (eine Ableitung übrigens, deren Mißverständnis Böhm-Bawerk zur Behauptung eines Widerspruchs zwischen dem dritten und dem ersten Band des „Kapitals“ verführt hat). Mit der Arbeitswertlehre, die Werner Hofmann von der Mehrwerttheorie getrennt wissen wollte, kommt aber die ganze methodische Struktur des „Kapitals“ ins Wanken. Oskar Negt hat daher eine Rekonstruktion des Marxschen Systems gerade vom Standpunkt der modernen Wissenschaftstheorie gefordert: „Wenn man heute auf die Methode und Erkenntnistheorie des Kapitals reflektiert, müßte man wohl anknüpfen an das theoretische Selbstverständnis der heutigen Zeit, selbst in seiner entfremdeten Gestalt, wie Marx an das theoretische Selbstverständnis seiner Zeit angeknüpft hat, das von denjenigen, gegen die er sich richtete, auch nicht durchschaut wurde.“ [9]

Das Programm einer materialistischen Erkenntnistheorie, wie es Jürgen Habermas in „Erkenntnis und Interesse“ ausgeführt hat, muß den Ansatz der kritischen Transzendentalphilosophie gegen Hegel für die Dialektik retten. Nur über Kant geht der Weg von Popper zu Marx. Das Buch des tschechischen Marxisten Jindrich Zeleny „Die Wissenschaftslogik und Das Kapital“, erschienen in der Europäischen Verlagsanstalt, [10] ist ein Beitrag zu der methodologischen Rekonstruktion der materialistischen Dialektik. Es erinnert an Formulierungen Adornos in der „Negativen Dialektik“, wenn Zeleny schreibt: „Die marxistische Erkenntnistheorie kehrt auf der Grundlage, die vom deutschen Idealismus durch seinen Fortschritt in der Philosophie der Identität von Denken und Sein vorbereitet worden ist, auf eine grundlegend neue Stufe zu der Auffassung des Verhältnisses von Denken und Wirklichkeit zurück, die ihre Nichtidentität und den reflexiven Charakter der Erkenntnis hervorhebt.“ [11]

Eine ausgezeichnete These, die allerdings durch das im Osten obligate Bekenntnis zu Lenins Abbildtheorie verbogen wird, welche doch nicht einmal der Argumentation Kants in der Vorrede zur Kritik der reinen Vernunft standhalten könnte. Kants Einwand gegen die Abbildtheorie (das gilt auch für ihre subtile Fassung im Neopositivismus Wittgensteins und Tarskis) besteht darin, daß in ihr das Verhältnis von Allgemeinem und Besonderem nicht analysiert, ja nicht einmal zureichend formuliert werden kann. Das Verhältnis von Allgemeinem und Besonderem aber ist der Motor aller Dialektik, zumal des zentralen Begriffs der Totalität. Zeleny schreibt richtig: „Kern der Marxschen Konzeption der Elastizität der Begriffe und der Überwindung der gedanklichen Fixierung (so bei der Kategorie Tausch) ist in letzter Instanz die neue Beziehung von Relativem und Absolutem.“ [12] Damit jedoch ist die Differenz zwischen Hegel und Marx nicht getroffen. Durch seine Bindung an das Konzept der Abbildtheorie wird Zeleny daran gehindert, die große materialistische Umkehr bei Marx nachzuvollziehen, in der die bei Hegel logisch-positiven Kategorien „Allgemeinheit“ und „Besonderheit“ ins Negative und Geschichtliche übersetzt werden. Nicht zufällig lassen sich die leninistischen Philosophen in Frankreich und in den osteuropäischen Ländern so willenlos vom Strukturalismus aufsaugen: Dieser zieht nur die idealistische Konsequenz aus Lenins pseudomaterialistischer Doktrin. Gegen ihn selbst gilt darum Zelenys Hegel-Kritik: „Die Geschichte und die der Geschichte eigene Bewegungsstruktur werden von Hegel logisiert, und diesen logisierten Strukturen wird eine primäre, überzeitliche und bevorzugte Realität zuerkannt. Die wirkliche, in der Zeit ablaufende Geschichte wird dann als Verkörperung der überzeitlichen logisierten Strukturen des Geschichtlichen aufgefaßt. Es wird damit in mystifizierter Weise ein gegenüber der traditionellen europäischen Ontologie revolutionärer protophilosophischer Gedanke ausgedrückt, wonach es nichts als den geschichtlichen Prozeß gibt.“ [13]

Zeleny arbeitet mit großem Scharfsinn das für die Marxsche Methode grundlegende Verhältnis zwischen theoretischer Konstruktion und empirischer Analyse heraus, das die Strukturalisten den Gegensatz zwischen „Synchronie“ und „Diachronie“ nennen und das bei Marx selbst das Verhältnis zwischen dialektischer Darstellung und einzelwissenschaftlicher Forschung heißt: „Die Analyse von Marx bewegt sich gleichzeitig auf zwei Ebenen, auf der Ebene der theoretischen Entwicklung (zuweilen spricht Marx von logischer Entwicklung) und auf der Ebene der wirklichen historischen Bewegung.“ [14] Allein dieses Problem hätte Zeleny an jeglicher Form der Abbildtheorie irremachen müssen; allerdings läßt sich dieses Problem nur vom Konzept des Warenfetischismus her lösen, vor dessen philosophischer Überschätzung Zeleny merkwürdig genug warnt. Das Verhältnis zwischen reiner Theorie und empirischer Geschichte (im Neukantianismus der Gegensatz zwischen nomothetischem und idiographischem Verfahren) ist der methodologische Ausdruck der geschichtlichen Dialektik von Allgemeinem und Besonderem. Dies herausgestellt zu haben ist das Verdienst von Otto Morfs Buch über „Geschichte und Dialektik in der politischen Ökonomie“, das die Europäische Verlagsanstalt 1970 neu ediert hat. [15]

Die marxistischen Theoretiker haben lange Zeit die methodologische Reflexion auch innerhalb der konventionellen Dialektik, trotz der Warnungen von Engels, sträflich vernachlässigt. Zu Recht hat sich Engels über den Typus des Marxisten beklagt, der die dialektische Form ignoriert und irgendwelche politischen Tatsachen monokausal mit irgendwelchen ökonomischen Tatsachen in Verbindung bringt, ohne daß freilich die von Engels überschätzte Kategorie der Wechselwirkung da hilfreiche Remedur bewirken könnte, wo allein der Begriff der Totalität sein Recht hat. Als Georg Lukács in „Geschichte und Klassenbewußtsein“ die Bedeutung der marxistischen Methode scharf pointierte, wurde er von den sowjetischen Theoretikern weidlich verhöhnt. [16]

Das Buch von Otto Morf rekonstruiert die Marxsche Methode aus der großen Antinomie zwischen Theorie und Geschichte: Eine Antinomie, die dem seit der Kontroverse zwischen Schmoller und Menger immer wieder aufflackernden Methodenstreit innerhalb der positivistischen Nationalökonomie zugrunde liegt. Heute regt sich innerhalb der amerikanischen Wissenschaft ein großer Widerstand gegen die Vorherrschaft der pur mathematischen Methode in den Modellen und Systemen der Neokeynesianer, ohne diesen eine rechte Alternative entgegensetzen zu können. Otto Morf beschreibt den Gegensatz zwischen historischer Schule und neoklassischer Doktrin folgendermaßen: „Theorie und Geschichte unterscheiden sich prinzipiell: die eine dadurch, daß sie allgemeine, zeitlos gültige Abläufe erfassen, das heißt, gedanklich unabhängig von den besonderen Objekten, den Prozeß, in dem sich das Wirtschaften vollzieht, verständlich machen will, die andere dadurch, daß sie besondere, historisch-konkrete Vorfälle beschreibt, das heißt, die einzelnen Objekte als singulare Phänomene zum Gegenstand ihres Verfahrens macht. Die Theorie verwirklicht sich im deduktiven, isolierenden, abstraktiven Verfahren, in Systemen, Modellen, Funktionen und Theoremen, die eine Zahl von Fällen einem allgemeinen Satz, Gesetz, einer Regel subsumieren, während die Geschichte andererseits den einzelnen Fall in seiner äußeren, nur ihn charakterisierenden Erscheinung beschreibt, das Geschehen in eine Summe induktiv gewonnener, deskriptiv-morphologisch fixierter Fälle auflöst.“ [17]

Es gehört zu den bedeutendsten Leistungen der Marxschen Theorie, daß sie dank der materialistischen Dialektik die Antinomie zwischen Theorie und Geschichte aufgelöst hat, bevor diese noch der akademischen Wissenschaft zu Bewußtsein gekommen ist; die positivistische Nationalökonomie hat sich an Marx ausgiebig gerächt, indem sie ihm interpretativ die eigene Borniertheit unterstellte. Otto Morf konstatiert, „daß der ungelöste Dualismus von Theorie und Geschichte in der Kritik am Marxschen Standort immer wieder auftritt, sei es als methodischer, inhaltlicher oder philosophischer Einwand. Die Kritik, die ihr eigenes Problem nicht gelöst hat, kann nur schwer den Weg der immanenten Kritik beschreiten und bleibt notwendigerweise sachfremd“. [18] Das gilt sogar für Hans Alberts Buch „Marktsoziologie und Entscheidungslogik“, in dem die Fundamente der positivistischen Nationalökonomie noch innerhalb des Positivismus zerlegt werden. Albert betont: „Der soziologische Charakter des ökonomischen Denkens ist in der marxistischen Tradition nie in Vergessenheit geraten, was immer man im einzelnen von den Problemlösungen halten mag, die sie hervorgebracht hat. Während man in der reinen Ökonomie großen Wert auf die formal einwandfreie Behandlung in Gleichgewichtsproblemen für ideale Situationen legte, hat der Marxismus niemals die Probleme der Entwicklung und des sozialen Wandels aus dem Auge verloren, die mit den Mitteln der Statik kaum adäquat zu behandeln sein dürfte.“ [19]

Eben diesen entscheidenden Mangel der akademischen Nationalökonomie hat Henryk Grossmann schon 1941 in dem von der Europäischen Verlagsanstalt jetzt wiederaufgelegten Buch über „Marx, die klassische Nationalökonomie und das Problem der Dynamik“ hervorgehoben. [20] In mancher Hinsicht ist Grossmanns Buch aktueller als die Arbeit von Otto Morf, der seine Argumentation leider nicht strikt philologisch an den Marxschen Text selbst gehalten, sie vielmehr mit philosophischen Exkursen belastet hat, die nunmehr durch die erkenntnistheoretischen Arbeiten von Habermas und die methodologischen Untersuchungen von Hans Albert überholt sind. Grossmanns Bedeutung innerhalb der marxistischen Tradition liegt in der strikten Unterscheidung zwischen Produktionsprozeß und Verwertungsprozeß, ohne deren Kenntnis man den analogen Unterschied zwischen Gebrauchswert und Tauschwert wohl kaum verstehen kann, „Seit ihren Anfängen war die theoretische Nationalökonomie eine Lehre vom abstrakten Tauschwert; wo sie sich mit der Produktion beschäftigte, berücksichtigte sie lediglich die Wertseite mit Übergehung des Arbeitsprozesses. Seit dem Aufkommen der Grenznutzenlehre und der mathematischen Schule wurde die Analyse des konkreten Produktionsprozesses im steigenden Maße als Bestandteil der Theorie ausgeschieden, um nur noch ihre Voraussetzung und den Rahmen zu bilden; die Analyse wandte ihre Aufmerksamkeit fast ausschließlich den Beziehungen zwischen gegebenen Marktgrößen zu. Deshalb hat sie einen statischen Charakter und war nicht imstande, die dynamischen Strukturveränderungen der Wirtschaft zu erklären. Nach beiden Richtungen hin bedeutet die Marxsche ökonomische Theorie eine prinzipielle Wendung.“ [21]

Weder Morf noch Grossmann haben bei der Abfassung ihrer Bücher die „Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie“ gekannt. Dieser sogenannte „Rohentwurf zum Kapital“ hat aber die grundlegende These ihrer Bücher, die zentrale Bedeutung der Dialektik, glänzend bestätigt. Darüber hinaus haben die „Grundrisse“ die Kenntnis der Marxschen Theorie unendlich erweitert. Roman Rosdolskys zweibändiges Werk „Zur Entstehungsgeschichte des Marxschen Kapitals“ [22] ist trotz seines bescheidenen Titels weit mehr als nur eine historische Untersuchung über die Beziehung zwischen den „Grundrissen“ und dem „Kapital“ selbst; es ist einer der besten Kommentare der Marxschen Theorie.

[1Georg Lukács, Geschichte und Klassenbewußtsein, Frühschriften 2, Luchterhand, Neuwied und Berlin 1968, p. 199.

[2Cf. Henryk Grossmann, Das Akkumulations— und Zusammenbruchsgesetz des kapitalistischen Systems, Leipzig 1939.

[3Henri Pirenne, Stages in the Social History of Capitalism, in: Class, Status and Power, second edition, ed. by Reinhard Bendix and Seymour Martin Lipset, New York 1966.

[4So rechnen die kommunistischen Länder im Handel miteinander mit Dollars und orientieren sich an den Weltmarktpreisen. Es wäre ein Irrtum anzunehmen, daß der Primat der kapitalistischen Totalität von der Hegemonie der USA logisch abhängig sei: eine Verstärkung der internationalen Position der Sowjetunion würde diese noch intensiver an die kapitalistische Totalität binden.

[5„Kritik der politischen Ökonomie heute“, Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt-Wien 1968, herausgegeben von Walter Euchner und Alfred Schmidt.

[6l. c. pp. 47/8.

[7Jürgen Habermas, Technik und Wissenschaft als Ideologie, Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt 1969, p. 75: „Politik ist nicht mehr nur ein Überbauphänomen.“

[8Kritik der politischen Ökonomie heute, 1 c., pp. 263 ff.

[9l. c. p. 48.

[10Jindrich Zeleny, Die Wissenschaftslogik und „Das Kapital“, Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt-Wien 1968, übersetzt von Peter Bollhagen.

[11l. c. pp. 13/14.

[12l. c. p. 35.

[13Zeleny, l. c. p. 193.

[14Zeleny, l. c. p. 59.

[15Otto Morf, Geschichte und Dialektik in der politischen Ökonomie, Europäische Verlagsanstalt Frankfurt-Wien 1970.

[16Georg Lukács, Geschichte und Klassenbewußtsein, l. c. p. 171.

[17Otto Morf, l. c. p. 171.

[18Otto Morf, l. c. p. 127.

[19Hans Albert, Marktsoziologie und Ertscheidungslogik, Luchterhand, Neuwied am Rhein und Berlin, 1967 p. 18.

[20Frankfurt-Wien 1970.

[21Henryk Grossmann, l. c. p. 26

[22Roman Rosdolsky, „Zur Entstehungsgeschichte des Marxschen Kapitals“, 2 Bände, Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt-Wien 1968.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
August
1970
, Seite 857
Autor/inn/en:

Friedrich Geyrhofer:

Geboren am 03.09.1943 in Wien, gestorben am 16.07.2014 ebenda, studierte Jus an der Wiener Universität, war Schriftsteller und Publizist sowie ständiger Mitarbeiter des FORVM.

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