FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1983 » No. 352/353
Günther Nenning

Zehn Gebote für Arbeitsabschaffung

I.

Wirtschaft ist eine zu ernste Sache, um sie den Ökonomen zu überlassen. Die Ökonomen haben die Wirtschaft nur verschieden interpretiert; es kömmt aber drauf an, sie zu verändern.

II.

Wirtschaft ist heute Befassung mit Waren statt mit Menschen. Bei den Griechen hieß das „Chrematistik“, von »chremata«, unnötiges Zeug. Wie man hingegen seinen Haushalt (oikos) richtig bestellt, d.h. gemäß sittlichem Gesetz (nomos) — das hieß „Ökonomie“. Es geht darum, die von den Ökonomen abgeschaffte Ökonomie wiedereinzuführen.

III.

Die Ökonomen haben die Ökonomie so kaputtgemacht, daß sie verzeihen müssen, wenn wir lieber zum Schmied gehen statt zum Schmiedl: In den zehn Geboten steht nichts von Arbeiten; Jesus hat nicht gearbeitet; Arbeit heißt in allen Sprachen ursprünglich Leid, Not, Schmerz, (so noch mittelhochdeutsch arebeit, ähnlich englisch labour, französisch travail, slavisch roboi).

IV.

Es ist Krise, die Arbeit geht aus, wer geht mit? Die Krise ist eine Chance: zum Ausdenken und Ausprobieren neuer Formen von Arbeit, die keine mehr ist (im alten, schmerzhaften Sinn) — sondern menschenwürdiges, lustvolles, gemeinsames Schaffen und Wirken.

V.

Arbeitszeitverkürzung bis null komma Josef betreibt nicht der Fredl Dallinger, sondern die vereinigte Unternehmerschaft mit Hilfe der Budgetmilliarden.

Die Steuerzahler schaffen ihre Arbeitsplätze selber ab.

Je mehr Geld den Unternehmern vorn und hinten hineingeschoben werden, desto mehr Arbeitsplätze werden wegrationalisiert.

Was im Politikerslang „Arbeitsplatzsicherung“ heißt, heißt in Wahrheit: durch Einführung modernster Maschinerie werden tausende Arbeitsplätze gesichert und zehntausende abgeschafft.

Wer behauptet, daß auf diese Weise die 33 Millionen Arbeitslosen der westlichen Industriestaaten wieder einen Job finden, belügt uns —

— vielleicht auch sich selber.

VI.

Arbeitsplätze in der Großindustrie sind verknüpft mit körperlicher, seelischer, ökonomischer Auspowerung, Versinken im Konsumplunder, Verschwendung von Energie und Rohstoffen, Zerstörung der Natur, soweit sie nicht eh schon hin ist. Nicht denselben Wahnsinn noch einmal, sondern neue Formen der Wirtschaft, neue Formen der Arbeit. Die Krise ist noch ein Glück.

VII.

Unser verläßlichster Fachmann für Politik und Wirtschaft, Johann Nestroy, wußte: „Das hat der Fortschritt so an sich, daß er viel kleiner ist als er ausschaut.“ Jetzt steht der Fortschritt endlich still, jetzt sieht man erst, wie klein er war. Die Krise rettet uns vor kompletter Vernichtung von Natur und Seele. Vor dem Abgrund ist das einzig Vernünftige der Weg zurück. Wir müssen herunter vom Größenwahn. Wir müssen den Mut haben, zu sagen: besser leben heißt einfacher leben.

VIII.

Arbeitslosigkeit ist sinnloses Warten auf sinnlose Arbeit. Großindustrielle Arbeitsplätze werden nie mehr in ausreichender Zahl erhältlich sein, und natur- und seelenmörderisch wie sie waren, ist auch kein Schad’ drum. Mit vergleichsweise wenig Geld und in großer Zahl lassen sich neue Arbeitsplätze schaffen: in Stadt- und Landschaftserneuerung, Naturschutz, Agrikultur und sonstiger Kultur, in sonstigen kleinen und mittleren Betrieben, wo mit wenig Energie und viel Gehirnschmalz viele Menschen gemeinschaftlich Dinge herstellen oder Dienste vollbringen auf menschliche Weise und zu menschlichen Zwecken. Der größte Teil des staatlichen Budgets geht in die Zerstörung verbliebener Möglichkeiten guten Lebens. In die Förderung des Erdenkens und Ausprobierens neuer Formen von Produktion und Zusammenlebens geht kaum ein Budgetschilling.

IX.

Vollbeschäftigung heißt im Politikerslang: schwindelhafte Garantie lebenslänglich menschenwidriger Arbeit für jedermann. „Mitbestimmung“ ist ein Klavier mehr, auf dem große Machtapparate ihre Katzenmusik spielen. Die Chancen der Selbstbestimmung liegen im kleinen und mittleren Bereich genossenschaftlicher Arbeitsweise. Genau davor haben die Obrigkeiten Angst.

X.

Fast jede Gesellschaft in der Geschichte brauchte zu ihrer Entwicklung und Veränderung mehr als nur eine Wirtschaftsform. Für eine längere Übergangszeit wird es in der modernen Industriegesellschaft geben: a) Großindustrie, die immer mehr Menschen hinauswirft, indem sie sich immer mehr computerisiert; je moderner sie wird, desto unnützer wird sie für menschliche Zwecke. b) Den neuen autonomen Wirtschaftssektor, der diese Menschen aufnimmt, ihnen menschenwürdiges Wirken, gutes, einfaches Leben bietet. — Die schrumpfende Großindustrie wird noch froh sein über diese neue Wachstumsindustrie. Sie nimmt ihr Probleme ab, die sie selber nicht lösen kann, sondern immer wieder neu schafft. Die Welt neu machen können nie Fachleute, immer nur Spinner.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1983
, Seite 32
Autor/inn/en:

Günther Nenning:

Geboren 1921 in Wien, gestorben 2006 in Waidring. Studierte Sprachwissenschaften und Religionswissenschaften in Graz. Ab 1958 Mitherausgeber des FORVM, von 1965 bis 1986 dessen Herausgeber bzw. Chefredakteur. Betätigte sich als Kolumnist zahlreicher Tages- und Wochenzeitungen sowie als Moderator der ORF-Diskussionsreihe Club 2.

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