FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1988 » No. 420-422
Rainer Münz

Wohin zog die neue Zeit?

100 Jahre Sozialdemokratie & 50 Jahre „Anschluß“. Die zwei geläufig historischen Daten, in Zusammenhang reflektiert, stellen ein gegenwärtig relevantes Problem.
R. M. ist Dozent für Soziologie und Demographie, lehrt in Wien, Klagenfurt, Bamberg und Frankfurt.
Eine Ergänzung zu der schönen Ausstellung im Gasometer zu Wien.

Seit ihrer Gründung zur Jahreswende 1888/89 verfolgte die österreichische Sozialdemokratie ein klares Ziel. Ihr ging es um die Überwindung der herrschenden Produktions- und Machtverhältnisse in der Donau-Monarchie. Dennoch kam der Umsturz im November 1918 für die meisten überraschend. Er kam jedenfalls früher, als es die Theoretiker und Organisatoren der Arbeiterbewegung erwartet hatten. Die glaubten 1917/18 noch an den Fortbestand der Donaumonarchie. Viele hingen trotz politischer Gegnerschaft an Österreich-Ungarn. Der Krieg schien nicht wirklich verloren, das junge Sowjet-Rußland aber weit.

Mit der November-Revolution in Wien und in Berlin hatte die Sozialdemokratie trotz ihrer historischen Prognose, trotz aller verbalen Radikalität nicht gerechnet. Wäre es nach Renner und Kautsky gegangen, der Burgfrieden und die Monarchie hätten den Krieg überdauerrt.

Doch dann kam alles sehr plötzlich für jene, die den Zusammenbruch der herrschenden Ordnung in Wort und Schrift oft prophezeit, gar verlangt hatten. Die frühe Opposition der pazifistischen Linken, das Menetekel der Jännerstreiks von 1918, die Matrosenrevolte von Cattaro waren kaum begriffen worden. Ende jenes Jahres hieß die Losung in Wien nicht mehr „Brot und Frieden“, sondern „Demokratie, Republik, Sozialismus“. Arbeiter- und Soldatenräte bildeten sich. Als dominierende Kraft in einer schwarz-roten Koalition schlüpfte die Sozialdemokratie quasi über Nacht ins Gewand einer staatstragenden Regierungspartei. Die Nachbarn gaben sich noch radikaler: Räterepublik in Budapest, Räterepublik in München.

Auf eine andere Mechanik der Geschichte wäre die Sozialdemokratie vorbereitet gewesen: auf den Übergang zum Sozialismus im Überfluß, auf die Vergesellschaftung des industriell produzierten Reichtums. Die Revolution aus Not, aus Verbitterung, die Revolution mangels weniger dramatischer Alternativen kam indes unerwartet. Noch 1917 hatte man ökonomische Probleme der Umstellung von Kriegs- auf Friedenswirtschaft theoretisch diskutiert. Nun stand plötzlich die Sozialisierung der Produktionsmittel, zumindest der Großkonzerne zur Debatte. Manchen schien sich sogar eine revolutionäre Achse entlang der Donau anzubieten.

Die Führer der österreichischen Sozialdemokratie klammerten sich tagespolitisch freilich an das, was schon vor 1914 die Tagesordnung bestimmt hatte: Sie forderten eine Arbeitslosenunterstützung, den Acht-Stunden-Tag, die Sonntagsruhe, mehr nichtkonfessionelle Schulen und das Wahlrecht auch für Frauen. Diese Forderungen waren anschaulich, realistisch, realisierbar. Das Projekt der Sozialisierung blieb dagegen eigentümlich abstrakt, denn „Sozialisierung“ konnte Verstaatlichung bedeuten oder Selbstorganisation der Arbeiter, vielleicht auch eine syndikale Zwischenlösung. In einigen Betrieben schritten die Arbeiter zur Selbsthilfe und „sozialisierten“ auf eigene Faust, während in den Reihen der Sozialdemokratie noch diskutiert wurde, welche Betriebe und Sektoren vorrangig in Gemeinbesitz zu überführen wären. Unter Vorsitz Otto Bauers konstituierte sich die Sozialisierungskommission. Auf parlamentarischem Boden wurden dagegen nur das Betriebsrätegesetz und ein sehr vage gehaltenes Sozialisierungsprogramm beschlossen. Es blieb Makulatur. Denn weiter wagte sich die Führung der Sozialdemokratie nicht vor. Primär aus Rücksicht auf die Siegermächte der Entente, daneben aber aus Mißtrauen gegen die inländische Rätebewegung, die hinter den „wilden Sozialisierungen“ stand, schließlich wohl auch auf Grund der vorherrschenden Überzeugung, daß die Konsolidierung der Staatsmacht vordringlicher wäre als die Verstaatlichung einer nicht konsolidierten Ökonomie.

Das Setzen auf den Staat mag verblüffen: Eben noch wurde er von den Sozialdemokraten als halbfeudales Gebilde bekämpft, sein Ministerpräsident zwei Jahre davor von Friedrich Adler, dem Sohn des Parteivorsitzenden, erschossen, der Monarch aus dem Land gezwungen. Plötzlich erscheint diese Staatsmacht attraktiv; sie wird ohne vorherige Eroberung übernommen. Viktor Adlers Bonmot von den österreichischen Sozialdemokraten als „Hof-Räten der Revolution“ realisierte sich spätestens im Moment seines Todes. Schwankende und bedächtige Revolutionäre gelangten in die Position von leitenden Angestellten des Nachfolgestaates.

Im theoretischen Kalkül der Sozialdemokraten trat der Staat an die Stelle der sozialisierten Ökonomie. Der Wirtschaft wurden — unabhängig von den Besitzverhältnissen — im Nachfolgestaat kaum Wachstums- und Entfaltungschancen zugebilligt. Daraus folgte nicht zuletzt die Erwartung, nur der eben erst bürgerlich gewordene Staat unter rotem Vorsitz könnte die jüngsten Errungenschaften sozialdemokratischer Reformgesetzgebung garantieren. Tatsächlich dachten die Führer der Arbeiterbewegung an ein sozialdemokratisches Groß-Deutschland unter Einschluß der jungen Alpenrepublik. Das hieß vorläufig nicht Sozialismus, sondern klassische Demokratie mit sozialdemokratischem Führungsanspruch. Das hieß aber auch: demokratischer Zentralismus statt basisdemokratische Rätebewegung.

Die Wende kam rascher als erwartet. Die Entente widersetzte sich den großdeutschen Anschlußbewegungen. Freikorps liquidierten Bela Kuns Räterepublik und Kurt Eisners libertären Sozialismus. In Österreich kündigte sich bereits im Verkauf der Alpine-Montan AG an eine italienische Kapitalgruppe, 1919 vom damaligen Finanzminister J. A. Schumpeter forçiert, das Ende der Sozialisierungsbestrebungen an. Ein Jahr später drückten die sozialdemokratischen Abgeordneten bereits wieder die Oppositionsbank. Das bürgerlich-agrarische Lager war fürs erste konsolidiert.

Schmerzliche Ergebnisse des Friedens von St. Germain wurden als fait accompli vorläufig hingenommen, der Streit um die Anschlußfrage vertagt. Unter dem Eindruck einer 1918/19 politisch erstarkten Sozialdemokratie war auf der Gegenseite ein „Bürgerblock“ entstanden. In dieser Abwehr-Koalition fanden sich politische Gegner aus Tagen der Monarchie zusammen: Alt-Liberale, Konservative, Monarchisten, Agrarier. Bürgerliche Republikaner spielten in dieser Allianz nur eine untergeordnete Rolle.

Das lautstark verkündete Ziel der Rechts-Parteien hieß „Beseitigung des revolutionären Schuttes“. Diskreter agiert wurde bei der Rückeroberung der Kontrolle über den Staatsapparat. Polizei und Heer marschierten wieder nach rechts.

Was der österreichischen Sozialdemokratie blieb, war die bürgerlich-demokratische Verfassung, die sozialen Reformgesetze und die Macht in Wien. Diese hatte sie erst durch die Abschaffung des bis 1918 in der Reichshauptstadt geltenden Drei-Klassen-Wahlrechts errungen und mit der Trennung vom Umland Niederösterreich 1922 befestigt. Der Status quo von 1922 bedeutete eine Machtteilung zwischen Schwarz und Rot. Politisch behielt der Bürgerblock dabei ein starkes Übergewicht. Er kontrollierte die Bundesregierung. Dagegen setzte die Sozialdemokratie das Experiment des Sozialismus in einer Stadt. Im „roten Wien“ sollte modellhaft vorgeführt und erprobt werden, was die parlamentarische Linke nach Erringung der Mehrheit bundesweit verwirklichen wollte. Das „rote Wien“ war damit zugleich Schaufenster und Vorgriff, ein sozialistisches Experiment ohne „Diktatur des Proletariats“ und ohne Vergesellschaftung der Produktionsmittel.

In Wien gab es kaum Großindustrie, die per Gesetz oder durch eine gesteuerte syndikale Aktion, also „von oben“ sozialisierbar gewesen wäre. Verwaltung, Handel und Kleingewerbe dominierten — und dominieren bis heute — diese Stadt. Dennoch hielt die Wiener Sozialdemokratie im Prinzip an der Sozialisierungsidee fest. Sie entwickelte Strategien zur Sozialisierung der Reproduktion. Was in der Sowjetunion nach der Revolution als flankierende Maßnahme verstanden wurde, bildete im „roten Wien“ das tragende Element: kommunaler Wohnbau, kommunale Gesundheitsdienste, Kindergärten, Reform-Schulen, Freizeiteinrichtungen, Kulturarbeit.

Ziel dieser Kommunalpolitik war und blieb die Schaffung neuer Lebensbedingungen und Lebensformen für die städtischen Unterschichten. Konkret bedeutete dies: gemeinsames Wohnen proletarischer Kleinfamilien im Gemeindebau, gemeinsames politisches Agieren in der Parteisektion, kollektive Organisation des privaten Verbrauchs im Konsumverein, gemeinsame Erziehung der Kinder in nicht-konfessionellen Kindergärten und Schulen der Gemeinde Wien, Entprivatisierung der Hausarbeit durch Zentralwäschereien und öffentliche Küchen, kollektive Freizeitgestaltung im Sportverein, in der Wandergruppe, im Angler-, im Radfahrer-, im Briefmarkensammlerverband; gemeinsames Lesen in der städtischen Bücherei, im Buchklub, Kulturkonsum im Volkstheater, im Arbeiter-Sinfonie-Konzert, im Arbeiterheim-Kino.

Politisch-organisatorisch kompensierte diese Vergesellschaftung des Reproduktionsbereichs die Schwäche von Partei und Gewerkschaften im Kleinbetrieb. Die Wiener Arbeiter organisierten sich nicht in erster Linie am Arbeitsplatz, sondern am Wohnort, in den Sektionen, in den Vorfeldorganisationen und im Freizeitbereich. Die Gemeinde Wien konzentrierte sich auf die Entwicklung der kommunalen Infrastruktur; die Partei stellte Vereine und Organisationen, die für die Nutzung der geschaffenen Einrichtungen zu sorgen hatten. Diese Arbeitsteilung sollte nicht nur das Leben, die arbeitsfreie Zeit, die Bedürfnisse der Parteimitglieder kollektiv organisieren, sondern zugleich politisch Nicht-Deklarierte und Unentschlossene über relativ unpolitische Vorfeldorganisationen an die Partei binden: im Siedlerbund, bei den Naturfreunden, im Arbeiter-Turnverein, im Arbeiterstrandbad, im Kleintier-Züchterverband, im Verein „freie Schule“, im Bestattungsverein.

Vordergründig konstituierte die Sozialisierung der Reproduktionssphäre eine neue Alltagskultur. Dem Elend des Massenquartiers, der Kinderarbeit, der hohen Säuglingssterblichkeit setzte die Arbeiterbewegung im „roten Wien“ eine neue Wohn- und Lebenskultur entgegen. Für die Betroffenen eröffneten die kommunalen Errungenschaften der zwanziger Jahre freilich nicht nur neue Möglichkeiten der privaten Lebensgestaltung. Sie bedeuteten zugleich neue Formen der sozialen Kontrolle, ausgeübt durch Subkassiere, Fürsorgerinnen, Hauswarte, Waschmeister, Vertrauenspersonen der lokalen Konsumorganisationen, Vereinsfunktionäre etc. Die Sozialisierung der Reproduktion organisierte den Alltag der Wiener Arbeiter und Angestellten nicht nur, sie machte ihn zugleich transparent und planbar. Durchgesetzt wurde das Ideal der bürgerlichen Kleinfamilie, ihres Wohn- und Erziehungsstils auch in den wirtschaftlich bessergestellten Teilen der Arbeiterschaft.

Ökonomisch sollte die Sozialisierung des Reproduktionsbereichs realisieren, was über Lohn- und Arbeitskämpfe nicht gelang. Die kollektive Organisation von Konsum und Freizeit sollte die materiellen Lebensbedingungen der Wiener Arbeiter verbessern. Wo höhere Löhne nicht zu erreichen waren, erhöhten nichtprofitorientierte, gemeinwirtschaftliche und kommunale Einrichtungen und Leistungen den Lebensstandard. Die simple Rechnung lautete: Wer im Gemeindebau wohnt, im Konsum-Verein und bei der Stafa einkauft, in einer der Wiener Öffentlichen Küchen (WÖK) zu Mittag ißt und im Gewerkschaftsheim Urlaub macht, kann sich — bei gleichem Lohn — mehr leisten als jemand, der einem privaten Hausherrn Zins zahlt, bei Gerngroß oder Julius Meinl einkauft, im Gasthaus oder in einer Privatpension einkehrt. Entscheidend war dabei freilich nicht nur die unterschiedliche Profitmarge. Billiger konnten Güter und Dienstleistungen des gemeinwirtschaftlichen bzw. öffentlichen Sektors vor allem sein, weil sie in großem Maßstab produziert, angeboten und in Anspruch genommen wurden. Kein freier Markt, sondern eine Parteiorganisation oder eine kommunale Einrichtung organisierten die Verbraucher.

Interpretieren läßt sich die Erhöhung des Lebensstandards bei gleichbleibendem Lohnniveau nicht nur als „Bewirtschaftung“ der Reproduktion. Sie bewirkt indirekt wohl auch eine Unterstützung für die Wiener Privatwirtschaft. Was ihr an Lohndruck erspart blieb, verschaffte ihr möglicherweise einen Wettbewerbsvorteil gegenüber in- und ausländischer Konkurrenz. Hinzu kam, daß die Gemeinde Wien ihre Investitionstätigkeit nicht bloß in Eigenregie, also mittels gemeindeeigener Wirtschaftsbetriebe und parteinaher Genossenschaften oder auf der Basis von Eigenarbeit der Begünstigten entfaltete, sondern Aufträge auch an den privaten Sektor vergab. Darüber hinaus eröffnete die partielle Sozialisierung des Reproduktionsbereichs erstmals Möglichkeiten einer kollektiven Befriedigung von Massenbedürfnissen; und zwar lange bevor die Kaufkraft der Arbeiter und Angestellten individuelle und privatwirtschaftlich organisierte Formen der Befriedigung solcher Bedürfnisse gestattete. Die Sozialisierung „von unten“ nahm somit vorweg, was nach dem Zweiten Weltkrieg als privater Massenkonsum, als Massentourismus, als Massenkultur zum Kennzeichen moderner Lebensformen avançierte.

Im Unterschied zum Massenkonsum unserer Tage dominierte in den zwanziger Jahren nicht die Vorstellung, Glück ließe sich auf diesem Wege privat erwerben, planen oder gar erzwingen. Zusätzlichen Anreiz boten damals weder Werbung noch Verpackung oder Gebrauchswertillusion, sondern allenfalls das politische Pathos: Wer sein Leben im institutionellen Rahmen des „roten Wien“ organisierte, wer seine Bedürfnisse gemeinsam mit Parteifreunden und Klassengenossen befriedigte, konnte dies auch im Bewußtsein tun, dadurch zum Aufbau einer neuen, einer besseren Welt beizutragen. Partiell nahm diese neue Welt physisch Gestalt an: in Form von Schulen, Gesundheitseinrichtungen, Sportstätten, vor allem aber in Form imposanter Wohnhausanlagen. Auf bürgerlicher Seite sprach man von „roten Festungen“ oder gar von „moskowitischen Zitadellen“.

Als Vehikel der Durchsetzung neuer Lebensweisen diente nicht nur die politische Agitation. Die Sozialdemokratie setzte zugleich auf — vordergründig unpolitische — Aufklärung im klassischen Sinn. In der Tradition bürgerlicher Aufklärung ging es dabei um eine atheistisch-wissenschaftliche Weltsicht, um die Durchsetzung einer rationalen und „gesunden“ Lebenspraxis, um Licht, Luft, Sonne, Vernunft. Ziel war die Entwicklung einer sozialdemokratischen Lebenskultur, die ihre Träger außerhalb des Bestehenden organisieren sollte — symbolisch wie räumlich getrennt vom gegnerischen Lager.

Vieles von dem, was sich dabei an Lebensformen durchsetzte, war allerdings weder neu noch genuin sozialistisch. Etliches entsprach kleinbürgerlichen Mustern: die Interieurs der neuen Arbeiterwohnungen, die puristische Linie der Bildungs- und Freizeitprogramme, die Orientierung an den Inhalten hochbürgerlicher Kultur, bildender und darstellender Kunst.

Sozialdemokratischa Kulturpolitik hatte wenig im Sinn mit dem von den Kommunisten forçierten Proletkult, auch wenn sie von Malern, von Bildhauern, von Schriftstellern Realismus forderte. Nicht Anbiederung ans Proletariat war ihr Ziel, sondern dessen Heranführung an eine Hochkultur, die von ihren einstigen sozialen Trägern der Dekadenz preisgegeben schien. Schwer tat sich sozialdemokratische Kulturpolitik mit der Wiener Avantgarde, mit den Neutönern, den jungen Malern, der expressionistischen Dichtung; von Dadaismus und Futurismus gar nicht zu reden. Épater les bourgeois — die Bürger zu schockieren: Darauf zielte diese Politik gerade nicht. Denn was das traditionsbewußte Bürgertum an der Moderne nicht goutierte, mißfiel auch dem kleinbürgerlichen Geschmack der sozialdemokratischen Klientel. Gemeinsamer Nenner des Volkstheaters, der Arbeiter-Sinfonie-Konzerte und der städtischen Leihbüchereien war daher nicht die Suche nach neuen Ausdrucksformen, sondern der Kampf gegen das Monopol bürgerlicher Kreise auf den Konsum bürgerlicher Kultur. Zugleich ging es dieser Kulturpolitik um den Kampf gegen die billige Vergnügung, den Schund: Sie setzte „Rheingold“ gegen „Förster-Liesl“, Beethoven gegen die Bierhalle.

Was diese Politik unterschlug, waren spezifische Rezeptionsbedingungen der Kunst, die sie vermitteln wollte. Hochbürgerliche Kultur konnte den Arbeitern und kleinen Angestellten nur schwer als authentischer Ausdruck ihrer eigenen Lebens- und Bewußtseinslage erscheinen. Auch im Kleinbürgertum erfolgte die Assimilation klassischer Kulturgüter nur, soweit diese sich als Attribute sozialen Aufstiegs oder sozialer Anpassung eigneten. Wo dieses Motiv wegfiel, blieb das Argument, die Arbeiterbewegung hätte sich dieser Kulturgüter anzunehmen, weil es eine Traditionslinie europäischen Geistes zu retten gälte, an deren Ende die Theoretiker der Arbeiterbewegung standen — oder zu stehen glaubten. Dies verbürgte freilich nicht, daß die Arbeiter mit dieser Kultur unbedingt etwas anfangen konnten. Karl Kraus wußte, warum er gegen die Kulturpolitik der Wiener Sozialdemokratie polemisierte.

Eine andere Linie verfolgte die Wiener Volksbildung: Ihr gelang der Versuch, einem breiteren, durchaus nicht akademisch vorgebildeten Publikum neueste Erkenntnisse aus Ökonomie, Philosophie und aus naturwissenschaftlichen Disziplinen zu vermitteln. Sie wollte — im Gegensatz zu den Kulturfunktionären — das „Allerneueste“ vermitteln. Möglich wurde dieser Brückenschlag zwischen modernster Wissenschaft und proletarischem Lebenszusammenhang, weil es einem Teil der Volksbildner offenbar gelang, den Konnex zwischen deren Wissen und der materiellen Produktion exemplarisch aufzuzeigen. Diese Volksbildner insistierten sowohl auf der prinzipiellen Nachvollziehbarkeit moderner wissenschaftlicher Theorien und Resultate als auch auf deren lebenspraktischer Bedeutung. Selbst wenn das an der Volkshochschule erworbene Wissen nicht so „frei“ machte, wie die Verfechter und Propagandisten der Arbeiterbildung behauptet hatten, so durfte sich doch jeder Kursbesucher Konkretes erwarten: wenigstens, daß die nachträglich erworbenen Qualifikationen neue Chancen auf dem Arbeitsmarkt eröffneten. Solche nicht in erster Linie bildungsbürgerliche Erwartungen dürften das massive Interesse erklären, das im Wien der Zwischenkriegszeit am Bildungsangebot der Volkshochschulen herrschte. Dessen Niveau verdankte sich nicht allein der regen Nachfrage, sondern auch dem Niedergang der Universität Wien. Das Österreich der zwanziger und dreißiger Jahre bot vielen hochqualifizierten Lehrern im akademischen Bereich keinerlei Karrierechancen mehr. Die Volkshochschule wurde für sie zum Refugium — oder zur Durchgangsstation ins Exil.

Aus zeitgenössischer Perspektive konnte das „rote Wien“ als gelungenes Modell gelten, aus der Sicht seiner politischen Gegner sogar als allzu gelungenes Modell. Es wurde vom Wähler honoriert, von zehntausenden sozialdemokratischen Funktionären und Aktivisten mitgetragen, von politisch heimatlosen Liberalen mit Sympathie bedacht. Im Gegensatz zu Deutschland schlug die Begeisterung für die November-Revolution in Wien nicht in massenhafte Enttäuschung um. Sie wurde zur Initialzündung für das „Mekka des demokratischen Sozialismus“, während andere lokale Revolutionen von 1918/19 längst von Freikorps und regulären Truppen niedergeschlagen waren.

In Wien setzte die Sozialdemokratie ab 1919/20 nicht mehr auf den Umsturz der Verhältnisse, sondern auf Sozialreformen. Reformiert und umverteilt wurde dort, wo es die industrielle und gewerbliche Produktion am Standort Wien nicht unmittelbar tangierte, wo sich nur relativ geringe Widerstände regten oder wo eine klare Mehrheit der Wähler dahinterstand. Reformen erfolgten auf Kosten der Hausbesitzer, zu Lasten des Luxuskonsums. Auf symbolischer Ebene ging es immer auch gegen Adel, Kirche und Hochfinanz.

Sichtbarstes Ergebnis sozialdemokratischer Politik war der Bau von 100.000 Wohnungen. Für eine Viertelmillion Menschen bewirkte dies eine entscheidende Verbesserung der Wohnverhältnisse. Zugleich bemühte sich die Kommunalverwaltung um die Schaffung moderner Gesundheits-, Sozial- und Bildungseinrichtungen. Mindestens ebenso wichtig war ein biographisch-politischer Aspekt. Kommunale Reformen, Erziehungs- und Bauprogramme eröffneten all jenen eine klare Lebens- und Handlungsperspektive, die dieses Experiment aktiv mittrugen. Dies führte zu Wahlerfolgen en suite. Und dies ermöglichte es der Sozialdemokratie, an ihrem Reformkurs gegen mögliche Einsprüche der Entente, trotz Weltwirtschaftskrise und trotz faktischer Gegnerschaft von katholischer Kirche und konservativer Bundesregierung mehr als fünfzehn Jahre lang festzuhalten.

Zunichte gemacht wurde das Reformwerk durch den aufeinanderfolgenden Sieg zweier Faschismen, dem die Träger der Reformperspektive und deren Nutznießer relativ wenig entgegenzusetzen hatten. Die Ausschaltung des österreichischen Parlaments erfolgte 1933 im Handstreich. Bei der politischen Liquidation der Sozialdemokratie im Februar 1934 genügte zwar nicht die bloße Androhung von Gewalt, doch gingen die Kämpfe über den Rahmen einer großangelegten „Polizeiaktion“ mit einigen hundert Toten, Verletzten und standrechtlich Erschossenen nicht hinaus. Die geläufige Rede vom „Bürgerkrieg 1934“ verkennt hier nicht die Tragweite der Ereignisse, aber die Dimension. Der Anschluß an das nationalsozialistische Deutschland vollzog sich vier Jahre darauf überhaupt ohne nennenswerte Gegenwehr, sogar unter dem Beifall weiter Teile der Bevölkerung. Zu den Befürwortern des Anschlusses zählten 1938 auch etliche ehemalige sozialdemokratische Wähler und Funktionäre. Karl Renners „Ja“ zum Anschluß erfolgte keineswegs nur aus taktischen Rücksichten. Es entsprang weniger einem Kalkül oder gar einem Fauxpas, eher einer kollektiven Stimmung.

Vorzuhalten wäre den Führern der Arbeiterbewegung, daß der Sieg des Faschismus in ihrem Geschichtsbild noch weniger vorgesehen war als proletarische Revolutionen in halbfeudalen, agrarischen, vom Krieg zerstörten Ländern. Den Faschismus hatte man im „roten Wien“ zwar seit Mitte der zwanziger Jahre als politische Gefahr regelmäßig beschworen, doch vorbereitet und organisiert wurde der Widerstand in erster Linie mit rhetorischen Mitteln. Damit war die Sozialdemokratie von vornherein in der Defensive.

Die Defensive im Kampf gegen den Faschismus beruht auf dessen Fehleinschätzung. Sie ist aber auch im damals unter Sozialdemokraten vorherrschenden Geschichtsverständnis begründet. Nach außen, aber auch insgeheim, herrschte in den Reihen der Wiener Sozialdemokratie und der Arbeiterbewegung Gewißheit, daß dem Reformwerk eine objektive Tendenz des Geschichtsverlaufs entspräche. „Mit uns zieht die neue Zeit“, hieß die Parole. Damit schien der Kampf gegen die autoritäre „Lösung“ von rechts historisch bereits zugunsten der Träger dieser „neuen Zeit“ entschieden.

Warum es anders kam, ist bis heute nur rudimentär begriffen worden, obwohl sich gerade rund um das „Gedenkjahr 1988“ zahllose Deutungsversuche, Symposien, Ausstellungen, Monographien und Sammelbände mit den dreißiger Jahren — insbesondere mit dem Jahr 1938 — befaßten. Österreich ist — so scheint es — noch zu sehr mit der Verleugnung und Aufdeckung des eigenen Anteils am NS-Regime, an den Judenverfolgungen und am Zweiten Weltkrieg beschäftigt. Die Frage nach dem, was war, wird daher bei weitem häufiger gestellt als die Frage nach Ursachen und Bedingungen mangelnder Gegenwehr. In einschlägigen Darstellungen mündet die heroische Epoche des „roten Wien“ daher meist unvermittelt in den „Bürgerkrieg“ 1934 und in die Periode des autoritären Ständestaates. Danach kommt das Attentat auf Dollfuß. Schließlich kollabiert der Ständestaat, ebenfalls ohne aktive Gegenwehr, im März 1938. Hier setzen die Chronisten die große Zäsur. Das „Gedenkjahr 1988“ hat diese Periodisierung weiter aufgewertet. Der entscheidende christlich-soziale Staatsstreich von 1933 erscheint dabei oft nur als Episode; vergleichbar etwa dem Justizpalastbrand von 1927.

Erklärt werden die Niederlage der Sozialdemokratie und das Ende des „roten Wien“ ganz unterschiedlich. Linke Kritiker rücken die fehlende Rigorosität, den notorischen Pazifismus und den Attentismus führender Sozialdemokraten in den Vordergrund. Bisweilen werden diese auch des Opportunismus geziehen. SP-Parteihistoriker verweisen gerne auf die Verfassungstreue der Sozialdemokratie sowie auf die Übermacht und Entschlossenheit des bürgerlich-agrarischen Lagers. Aus großkoalitionärer — und das heißt auch: schulbuchgerechter — Sicht läßt sich von einer schuldhaften Verstrickung aller politischen Lager in die Destabilisierung der Ersten Republik reden und auf den Druck der Bundesgenossen in Rom bzw. der Nazis in Berlin hinweisen. Auf der rechten Seite des politischen Spektrums lesen wir bisweilen von bolschewistischen Tendenzen der Wiener Sozialdemokratie, denen Dollfuß und die Christlich-Sozialen — oder nach anderer Leseart: Hitler und die Nazis — rechtzeitig zuvorgekommen seien.

Die historische Analyse hätte dem gegenüber auf der Frage zu insistieren, welche konstitutiven Momente des Wiener Experiments und seines historischen Trägers, der österreichischen Sozialdemokratie, die politische Liquidation der Linken ermöglicht oder zumindest erleichtert haben. Die wohl kaum zu leugnende Entschlossenheit konservativer, bürgerlicher, agrarischer, klerikaler und nationalsozialistischer Kreise, die Liquidation des „roten Wien“ zu betreiben, kann nicht als einzige Erklärung herhalten.

Wesentlich für die Schwäche des „roten Wien“ angesichts des heraufziehenden Faschismus erscheint jedenfalls die Beschränkung der wirkungsvollsten kommunal- und parteipolitischen Maßnahmen auf den Reproduktions- und Freizeitbereich. Die weitgehende Ausklammerung des Produktionsbereichs und die Organisation der Arbeiterschaft über den Wohn- und Freizeitbereich erwiesen sich in „Friedenszeiten“ als sinnvoll, im Konfliktfall aber als entscheidender strategischer Nachteil. Sozialdemokratisch orientierte Polizisten schossen 1927 vor dem Justizpalast auf Wiener Arbeiter. Gewerkschaftlich organisierte Eisenbahner transportierten 1934 die Waffen, mit denen Partei und Schutzbund zur Kapitulation gezwungen, Gemeindebauten in Brand geschossen, Schutzbündler getötet wurden. Der Generalstreik mißlang vielleicht nicht nur deshalb, weil die Sozialdemokratie damit zu lange gezögert hatte oder insgesamt zu schwach gewesen wäre, sondern weil sie in den Betrieben über keine ausreichende Machtbasis verfügte. Von Einfluß war wohl auch, daß Betriebskämpfe in Österreich ab 1925 nur noch selten stattgefunden hatten. Streiks zur Durchsetzung politischer Reformziele hatte es überhaupt keine gegeben.

Was Historiker für die Jahre der NS-Herrschaft konstatierten, gilt auch für die Zeit vor 1938: Das Widerstandspotential blieb klein und damit politisch wirkungslos. Denn auf Verteidigung waren Exponenten und Nutznießer des „roten Wien“ meist nur verbal eingestellt. Daß es einmal darauf ankommen könnte, das Errungene aktiv, unter Einsatz der eigenen Existenz zu verteidigen, wurde vor 1933 kaum je in Erwägung gezogen. Von systematischer Vorbereitung auf aktive Gegenwehr konnte daher keine Rede sein. Solches überließen die normalen Parteimitglieder dem Schutzbund, die Schutzbündler ihrer Führung. 1934 wurden vielfach nicht einmal die vorhandenen Waffen ausgegeben. Massiven zivilen Widerstand und passive Resistenz gegen die Politik von Dollfuß und Starhemberg vermochten weder die Sozialdemokratie noch der Wiener Magistrat zu organisieren. Gleiches gilt, allerdings unter schlechteren Voraussetzungen, für das Jahr 1938 und die NS-Zeit.

Für die Résistance nach 1934 bzw. nach 1938 erwies sich die Struktur der Massenpartei als vollends ungeeignet. Diese zerfiel bald nach der erzwungenen Auflösung. Der Sozialdemokratie — und damit dem „roten Wien“ — wurde dabei nicht der Zentralismus zum Verhängnis, sondern jener Mangel, den die straffe, an der Zentrale orientierte Parteiorganisation überdeckte: Der organisierten Arbeiterbewegung fehlte eine eigenständige, zur Durchsetzung konkreter politischer Ziele befähigte Basis. Die Bewohner eines Gemeindebaus beispielsweise hatten zwar meist ein Parteilokal im Haus, sie bildeten aber weder eine geschlossene Interessengemeinschaft noch eine politisch aktionsfähige Gruppe. Wer gegen Krieg, Faschismus und Judenverfolgung Widerstand leisten wollte, blieb daher häufig auf sich selbst gestellt.

Etliche Wiener wurden nach 1938 Mitglieder der NSDAP. Diese Massenpartei war der Sozialdemokratie in ihrer antikapitalistischen Rhetorik, ihrem Hang zu Massenaufmärschen, Freizeitorganisationen, Körperkultur, Aktivismus, ihrer antiklerikalen Haltung, aber auch in ihren großdeutschen Träumen ähnlicher, als wir dies aus heutiger Sicht wahrhaben wollen. Diese Parallelen sollen den Blick für die Differenzen nicht verstellen. Die Sozialdemokratie pflegte den praktischen Pazifismus, eine altmodisch anmutende Sentimentalität gegenüber dem Erbe bürgerlicher Kultur, schließlich den Glauben an die Notwendigkeit geschichtlichen Fortschritts und an die helfende Kraft wissenschaftlicher wie staatsbürgerlicher Vernunft. All das half weder 1934 noch 1938 und danach. Im Gegenteil: Dieses Geschichtsvertrauen dürfte den Untergang des „roten Wien“ noch beschleunigt haben.

Die Sozialdemokratie kam nach 1945 wieder an die Macht. Aber ihre Politik wurde nicht mehr vom Mut zu kommunalen Experimenten bestimmt. Dennoch vermochten diverse Versatzstücke der Zwischenkriegszeit der ganz anderen, neuen Kommunalpolitik etwas Glanz zu verleihen. Später verlagerte sich der Akzent zu Klassizismus, Biedermeier, Jugendstil und Wiener Moderne um 1900. Um diese Vorgeschichte des „roten Wien“ hat sich inzwischen ein eigenständiger, höchst fremdenverkehrswirksamer Mythos etabliert, der das Wien der Jahrhundertwende wieder als faszinierende, ebenso dekadente wie innovative Metropole erscheinen läßt.

Auch das, was vom „roten Wien“ blieb, ist ein Mythos, aber keine historisch folgenreiche Erinnerung. Für die nach 1945 regierenden Sozialdemokraten hatte dies seine Vorteile. Sie bezogen aus den Errungenschaften der Zwischenkriegszeit Legitimität, ohne deshalb an Ambitionen und Kriterien jener Zeit Maß nehmen zu müssen. Ungestellt blieb praktischerweise auch die Frage, warum sich das „rote Wien“ so schnell in ein „braunes“ hatte verwandeln lassen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1988
, Seite 38
Autor/inn/en:

Rainer Münz: Direktor des Instituts für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

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