FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1967 » No. 166
Maurice Broady

Warnung vor Weltverbesserern

Soziale Theorie im architektonischen und städtebaulichen Entwurf II

Unzulänglichkeit der gängigen Theorien

Es gibt keinen Grund anzunehmen, daß die idealistischen jungen Architekten, die in den Sechzigerjahren graduieren, in irgendeiner Weise unterschiedlich denken. Die Tendenz, die ich kritisiere, hat ihre Wurzeln tief im intellektuellen Hintergrund des Architektenberufes. Wir sind alle geneigt, die ganze Welt durch unsere eigene berufliche Brille und auf diese Art verzerrt zu sehen. Der Rechtsanwalt, der täglich mit Scheidungen und Trennungen zu tun hat, scheint oft anzunehmen, daß die Familie ausschließlich durch den Zwang des Gesetzes zusammengehalten wird. Laßt einmal eine Änderung der Scheidungsgesetze zu, so scheint er zu sagen, und Moralverfall wird um sich greifen und wir alle werden mit den Ehefrauen unserer Nachbarn davonlaufen. Der Physiker neigt zu der Annahme, daß die Welt viel besser in Gang gehalten werden könne, wenn nur Wissenschaftler verantwortlich wären; der Psychologe, daß die Annahmen über das Verhalten von Ratten, die in einem Laboratoriumsversuch nützlich sind, in gleicher Weise wie allgemeine Prinzipien des menschlichen Verhaltens gültig sind. Auf dieselbe Art kann der Entwerfer leicht dazu kommen, anzunehmen, daß seine Arbeit die sozialen Zielsetzungen erreichen wird, die nicht nur sein Auftraggeber, sondern er selbst fördern möchte.

Auch hilft die Ausbildung des Architekten ihm nicht, die Denkweise des Sozialwissenschaftlers bei der Art von Problemen, an denen er interessiert ist, anders als in einer sehr oberflächlichen Weise zu verstehen. Die Soziologen werden zwar zu kurzen Vorlesungsreihen in viele Architekturschulen eingeladen, gewöhnlich erwartet man von ihnen Ergänzungen zu einem begrenzten, beruflich orientierten Zweck beizutragen, so daß es für sie schwierig ist, sich verständlich zu machen. Der Lehrgang sinkt zu einer Darlegung ab, was es mit sozialer Theorie für Bewandtnis hat, wie sie aufgebaut ist und mittels welcher Kriterien sie bewertet werden sollte. Architekturstudenten pflegen auf diese Weise einen allgemeinen Begriff davon zu haben, wie soziale Untersuchungen geführt werden, aber — selbst wenn man es ihnen sagt — erfassen sie gewöhnlich nicht einmal, daß die Untersuchung nur einen Teil der soziologischen Erörterung ausmacht, und daß sie dazu dient, bestimmte Arten von Beweisen für solche Erörterungen zu liefern. Meiner Meinung nach ist es dieses Mißverhältnis zwischen einem rigorosen Training im visuellen und einer oberflächlichen Ausbildung im sozialwissenschaftlichen Denken, das unsere Studenten dazu bringt, eine deterministische Antwort auf die komplexe Fragestellung, wie Sozialorganisation und architektonischer Entwurf interagieren, zu akzeptieren.

Das trägt bei zu der extremen, manchmal sogar besessenen Sorge um die Wirkung ihrer Arbeit auf das Leben anderer Menschen. Ein weiteres Ergebnis dieses Mißverhältnisses, das bei jeder Jury, der ich jemals auf den Hochschulen beigewohnt habe, bemerkbar ist, ist jenes, daß Studenten dazu neigen, eine Unmenge von Fakten zu sammeln, und sich dann völlig im Unklaren darüber sind, was man mit all dem tun soll, wenn man es einmal hat. Und sie versäumen regelmäßig, ihre intuitive Denkweise als Entwerfer durch zusammenhängendes und systematisches Denken zu kontrollieren. [17]

Die Oberflächlichkeit der sozialen Theorie von Architekten kann ebenso deutlich im Alltag der Planungspraxis gesehen werden. Im Laufe einer Planung, an der ich kürzlich beteiligt war, wurde das Problem erörtert, wie Geschäfte in Wohngebieten verteilt werden sollten. Zwei verschiedene Ansichten wurden vorgebracht. Auf der einen Seite wurde vorgeschlagen, daß, um die Bequemlichkeit möglichst groß zu machen, Gruppen von Geschäften so angeordnet werden sollten, daß kein Einwohner mehr als eine Viertelmeile von einem von ihnen entfernt wäre. Das hätte bedeutet, eine Gruppe mit sechstausend Quadratfuß je dreitausend Einwohner zu bauen (ein Quadratfuß = 929,3 cm2). Die alternativ vertretene Ansicht war die, daß das vordringliche Kriterium bei der Verteilung von Geschäften jenes wäre, „Brennpunkte zu schaffen, die einen Gemeinschaftsgeist innerhalb des bedienten Gebietes erzeugen“, und das, so wurde argumentiert, wird viel wirkungsvoller erzielt, wenn eine Reihe von Geschäften mit zusammen 9000 Quadratfuß je 5000 Einwohner gebaut wird.

Diese zweite Ansicht ist ein typischer Ausfluß der Nachbarschaftsidee, nämlich, daß Einrichtungen so angeordnet werden sollten, daß sie einen Gemeinschaftsgeist erzeugen. Doch der Gedanke, daß ein so kleiner Unterschied der Größe, wie es jener zwischen dreitausend und fünftausend Einwohnern ist, irgend einen wesentlichen Einfluß auf etwas so Nebuloses wie den Gemeinschaftsgeist haben könnte, ist eine schiere Spekulation, die sich als soziologische Aussage maskiert. Keine der beiden Zahlen kann in diesem Zusammenhang als gültiger angesehen werden als die andere. Wenn argumentiert wird, daß die Erfahrung von Hemel Hempstead zum Beispiel zeigt, daß eine Einheit von 5000 Einwohnern am besten ist, dann kann mit ähnlich eindrucksvoller Evidenz von nicht größerer, jedoch auch nicht geringerer Gültigkeit Crawley [18] angeführt werden, um zu zeigen, daß dort selbst in größeren Nachbarschaften, die in ihrer Einwohnerzahl von 5500 bis 7000 reichen, der Gemeinschaftsgeist so stark ist, daß er die Entwicklung eines Zugehörigkeitsgefühles zum Stadtganzen verhindert. Selbst wenn weitere Unterschiede im Grad des Gemeinschaftsgefühles in Nachbarschaften von verschiedenen Größen nachgewiesen werden könnten, wäre es noch immer zweifelhaft, ob die Größe der Nachbarschaft oder die Art, in der Einrichtungen innerhalb der Nachbarschaft verteilt sind, solche Unterschiede bedingen oder auch nur indirekt beeinflussen. Dementsprechend scheint diese Art eines „soziologischen“ Argumentes geeignet, eine These zu unterstützen, die, sollte sie sich als gültig erweisen, es aus ganz anderen Voraussetzungen wäre.

Auf den ersten Blick erscheint das Argument mit der Bequemlichkeit viel plausibler. Es hängt sich nicht an die außerordentlich enge Definition des sozialen Wohlergehens, die in der Betrachtung der Entwicklung von Gemeinschaftsgefühl als dem hervorstechenden Kriterium der Verteilung von Geschäften enthalten ist, und sucht wenigstens für den Verbraucher einen fühlbaren Nutzen zu erreichen. Doch ist es eigenartig, wie eng und konventionell die Ansicht der Entwerfer darüber ist, was für Leistungen der Verbraucher bis zum Maximum gesteigert haben möchte. Bequemlichkeit ist schließlich nur ein Aspekt der Wirtschaftlichkeit. Sie ist ein Maß der Wirtschaftlichkeit von Zeit und Entfernung. Doch es gibt auch eine Wirtschaftlichkeit des Geldbeutels. Sicherlich möchte die Hausfrau Geschäfte, die sowohl bequem gelegen als auch billig sind. Wenn die Bequemlichkeit von Geschäften innerhalb einer Viertelmeile für jedermann bedeuten würde, daß nur ein Lebensmittelhändler in einer Gruppe von Geschäften sein Auskommen findet, könnte ihn das ermutigen, Monopolpreise zu verlangen — auch wenn es ihn nicht dazu zwingt. Dieses könnte wahrscheinlich verhindert werden, wenn die Bequemlichkeit unwesentlich eingeschränkt wäre, indem der Radius, der durch ein Geschäft bedient wird, erhöht wird, so daß zwei Lebensmittelhändler miteinander konkurrieren können. Auf diese Weise hinderte der Umstand, daß er in erster Linie in Begriffen der räumlichen Entfernung dachte, den Planer daran, so realistisch über die Versorgung mit Lebensmittelgeschäften zu urteilen, daß er alle sozialen Anforderungen, denen Geschäfte entsprechen müssen, in Rechnung stellte. In solch einfacher, jedoch bedeutender Art behindert eine unzulängliche soziale Theorie das vernünftige Denken über Einkaufsprobleme.

Das Gegenargument

Um zu der Grundfrage über die Auswirkung des architektonischen Entwurfes auf die Sozialorganisation zurückzukehren: sicherlich, so wird man argumentieren, haben Häuser und deren Entwurf einen Einfluß auf das soziale Verhalten. Zweifellos besteht einige Veranlassung dazu, diese Ansicht zu unterstützen. Schließlich ist es wahrscheinlich, daß man mit den Menschen, die man trifft, soziale Kontakte entwickelt, und wen man innerhalb eines Wohngebietes trifft, das wird doch von seiner Anlage beeinflußt. Eine Anzahl von Studien über planmäßige Anlagen sowohl hier als auch in Amerika hat sicherlich die Bedeutung der Nähe in der Gestaltung sozialer Beziehungen gezeigt. [19] Ihre Schlußfolgerungen werden von Irving Rosow in dem Satz zusammengefaßt: „Die Leute suchen ihre Freunde in erster Linie unter jenen, die nebenan und aus jenen, die gegenüber wohnen.“ [20] Selbst die Anordnung einer Küchentür kann von Bedeutung sein. Wenn sie an der Seite des Hauses ist, werden die Kontakte eher mit dem seitlichen Nachbarn angebahnt, wenn sie an der Hinterfront des Hauses ist, dann mit dem hinteren Anrainer. [21]

Diese Fakten, so richtig sie sein mögen, sind zur Stützung der Ansicht verwendet worden, „daß das gesamte soziale Leben der Bewohner von der kleinsten Laune des grünsten Zeichners abhängen könnte ...“ [22] Doch diese Art von Schlußfolgerung ist kaum gerechtfertigt. Zu allererst ist die Beziehung zwischen Nähe und Freundschaft offensichtlich nicht absolut, denn Freundschaften werden mit Leuten geschlossen, die sowohl die Straße hinunter, wie auch in angrenzenden Häusern, in weit entfernten Bezirken oder in der Nähe wohnen. Obwohl Kupers Studie einer Siedlung in Coventry zeigte, daß zwischen Nachbarn in Sackgassen intensivere Interaktionen stattfinden als in langen Häuserreihen, gibt es auch Beweise dafür, daß in alten Gebieten mit Reihenhäusern Straßengruppen zusammenhängender und aktiver sein können. [23] Zweitens können die Grundzüge des Entwurfes vielleicht den nachbarlichen Umgang erleichtern, doch ist noch nicht gesagt, daß sie seine Qualität beeinflussen. Diejenigen, die sich dem architektonischen Determinismus verschreiben, scheinen stets anzunehmen, daß der Einfluß des Entwurfes segensreich sein wird. Aber Menschen können ebenso boshaft wie freundlich sein und — wie mehrere Studien der Nachbarlichkeit gezeigt haben — sie können gleichermaßen wünschen, sich gegen ihre Nachbarn zu verteidigen, wie auch jede Gelegenheit begrüßen, sie zu treffen. [24] Wie sie auf ihre räumliche Umgebung reagieren werden, hängt von viel mehr als vom objektiven Entwurf ab; und wenn die Nähe die Gelegenheit für Kontakte zwischen Nachbarn bietet, hängt es noch immer hauptsächlich von sozialen Faktoren ab, wie sich diese Kontakte entwickeln.

Das Beispiel von Basingstoke, das oben schon zitiert wurde, illustriert diesen Punkt sehr klar. Die Einwohner jener Siedlung, die am besten entworfen war, waren deshalb am wenigsten zufrieden, weil ihre Zufriedenheit nur am Rande von der architektonischen Erscheinung abhing. Allgemein gesprochen sind die Einwohner aus der Arbeiterklasse der anderen Siedlungen eingezogen, um eine bessere Wohnung zu erhalten. Sie waren deshalb sehr zufrieden, ein eigenes Heim ohne nörgelnde Schwiegereltern und habgierige Londoner Hausherren zu haben. Die Einwohner der Mittelklasse in den gut entworfenen Siedlungen hatten andererseits zumeist eine zufriedenstellende Wohnung, bevor sie nach Basingstoke übersiedelten, und waren in erster Linie zugezogen, um eine bessere Arbeit zu bekommen. Für sie war der Umstand, daß sie in einem ziemlich vernünftig und gut entworfenen Haus in der am besten angelegten Siedlung in der Stadt wohnten, eine nur ungenügende Kompensation für ihre allgemeine Enttäuschung über das soziale Leben in Basingstoke selbst.

Im Lichte solcher Beweise kann man daher nicht behaupten, daß der architektonische Entwurf das soziale Verhalten bestimmt, selbst wenn man anerkennt, daß er es beeinflussen kann. In der Tat spricht viel für die Ansicht, daß er im äußersten Fall nur einen Randeffekt auf die soziale Aktivität ausübt. Übrigens ist es außerordentlich interessant, daß Architekten, wenn sie ihre eigenen häuslichen Angelegenheiten diskutieren, ohne Ausnahme selbst dieser Meinung zu sein scheinen. Es scheint mir bemerkenswert, daß sich in den Diskussionen über die Zukunft der „Architectural Association School“ die Debatte viel weniger mit dem gegenwärigen Gebäude und seinen zahlreichen Unzulänglichkeiten befaßte als mit der Konstitution der Schule unter diesen neuen Umständen — damit also, wie sie als eine soziale Institution organisiert werden soll. Gleichermaßen befaßte sich der R.I.B.A.-Report, „The Architect and His Office“ nicht mit den gestalterischen Aspekten von Architekturbüros, sondern konzentrierte sich wieder auf die Art, in der diese Büros zu organisieren sind. Da Architekten der Architektur so wenig Aufmerksamkeit widmen, wenn ihre eigene Berufssphäre betroffen ist, ist es doch seltsam, daß sie so weitgehend mit ihr befaßt sein sollen, wenn die Angelegenheiten anderer Leute betroffen sind, und daß sie so überzeugt sind, der architektonische Entwurf habe auf diese Leute jene große Wirkung, die sie für sich selbst gern ignorieren.

Zu einer lebendigeren sozialen Theorie

Es ist somit klar, daß der architektonische Determinismus als soziale Theorie nicht ausreicht. Wohin sollen wir uns von hier aus wenden? Die Antwort ist, daß wir nun beginnen müssen, ein realistischeres Verständnis der Beziehungen zwischen architektonischem Entwurf und menschlichem Verhalten zu entwickeln; ein Verständnis also, welches sozusagen wiedergibt, was tatsächlich geschieht, nicht was wir hoffen, daß geschehen möge. Ich sage wohl überlegt „beginnen“, weil wir — zumindest in diesem Land — noch kaum begonnen haben, das Problem systematisch zu betrachten. Alles, was ich hier tun kann, ist daher, einige sehr allgemeine Bemerkungen über einige derjenigen Überlegungen zu machen, die in Rechnung gestellt werden müssen.

Heute sind Architekten und Planer nicht einfach mit Gebäuden, sondern mit der Umwelt befaßt, wie Hugh Wilson es in seiner kürzlichen Inaugurationsrede ausgedrückt hat: „Wenn sie (die Planung) mit der gesamten Umwelt befaßt ist, mit der Schaffung von Städten mit Qualität und Charakter — und mit dem Wohlergehen der Menschen, dann beanspruche ich, ein Planer zu sein.“ [25] Ich habe die Annahme kritisiert, daß die Umwelt ausschließlich durch Gebäude und durch räumliche Gestaltung geschaffen wird. Der erste Schritt zur Korrektur dieser Theorie ist, die nützliche Unterscheidung zwischen einer potentiellen und einer effektiven Umwelt einzuführen, wie sie Herbert Gans vorgeschlagen hat. [26]

Der Zweck dieser Unterscheidung ist klar genug. Die räumliche Gestalt ist nur eine potentielle Umwelt, weil sie einfach Möglichkeiten oder Stichworte für das soziale Verhalten bietet. Die effektive — oder totale — Umwelt ist das Produkt dieser räumlichen Strukturen und des Verhaltens der Menschen, die sie benützen. Letzteres wird nach deren sozialem Milieu und nach deren Lebensgewohnheiten variieren, entsprechend dem, was Soziologen in ihrer Fachsprache Sozialstruktur und Kultur nennen.

Diese Unterscheidung bedingt zwei einfache, doch wichtige Feststellungen, die nun gemacht werden müssen. Entwerfer sind sich oft nicht klar darüber, daß sie auf Gebäude und Stadtbilder mit urteilsfähigeren Augen und einem für Erscheinungsformen empfindlicheren Wahrnehmungsvermögen reagieren als es der durchschnittliche Laie tut. Ihr Fehler, diesen Punkt richtig einzuschätzen, führt zu der trügerischen Annahme, daß die Benutzer von Gebäuden auf diese so reagieren würden wie sie selbst. Es gibt sehr wesentliche Beweise, um unsere Skepsis gegenüber diesem Glauben zu rechtfertigen. Vere Hole zum Beispiel fand, daß die Bewohner einer schottischen Wohnsiedlung, die sie untersuchte, praktische Dinge wie das Fehlen befestigter Fußwege bemerkten und sich darüber beklagten, daß sie jedoch kein Wort über die häßlichen Kohlenschlackenhaufen oder das monotone Äußere ihrer Häuser verloren. In einer anderen Siedlung unterschieden sie nicht einmal bewußt zwischen einem alten und modernen Baustil. [27] Einem ähnlichen Mißverständnis unterlagen die Autoren der Untersuchung eines Glasgower Sanierungsvorhabens, die überrascht waren, wie vergleichsweise unberührt die Bewohner von Fragen des Entwurfes waren. [28] Die Reaktionen auf Smithsons „Economist“-Building [29] reichten von den feinsinnigen Kommentaren der Architekten bis zu den negativen Antworten der Belegschaftsmitglieder des „Economist“, von denen Tom Houston berichtet, daß er „mehrere unserer Leute gefragt hatte, jedoch keine Antwort auf die Frage erhielt: Regt dieser Arbeitsplatz an oder nicht?“ [30]

Ähnliche Diskrepanzen gibt es in der Art, in der man annimmt, daß Menschen auf die Stimulanz ihrer Umgebung reagieren, und wie sie wirklich darauf ansprechen. Die Entwurfs-Psychologie ist ausnehmend schlecht entwickelt. Doch das, was wir tatsächlich darüber wissen, legt uns nahe, daß wir vor dem gesunden Menschenverstand, der Psychologie des Laien, auf der Hut sein müssen. Zum Beispiel hat man angenommen, daß jedermann genau beurteilen könne, wieviel Tageslicht tatsächlich in einen Raum eintritt. Eine Untersuchung von Brian Wells vom „Department of Building Science“ der „Liverpool University“ hat jedoch gezeigt, daß „die Intensität der Überzeugung über Tageslicht und Sichtverhältnisse von den physikalischen Bedingungen unabhängig waren ... und daß die Untersuchungspersonen dazu neigten, den Anteil an Tageslicht, bei welchem sie arbeiten mußten, mit zunehmender Entfernung von den Fenstern zu überschätzen“. [31] Jede Theorie über die Beziehung zwischen Entwurf und menschlichem Verhalten muß daher den empirischen Erkenntnissen voll Rechnung tragen, die von Sozialwissenschaftlern beigestellt werden, und die die Vorstellungen des gesunden Menschenverstandes so eindeutig in Frage stellen.

Zweitens müssen wir anmerken, daß menschliche Wesen viel unabhängiger und anpassungsfähiger sind als eine deterministische Theorie glauben machen könnte. In der Tat sind zum Beispiel Architekten — insbesondere solche, die vorfabrizierte und standardisierte Wohnungen verwenden — kritisiert worden, weil sie „Leute in eine allgemeine Schablone pressen“. Die Antwort auf solche Kritik ist einfach: man gehe ins Innere jener standardisierten Räume, oder noch besser, ins Innere der noch mehr standardisierten Spinde in Kasernen und stelle fest, wie wenig die Individualität durch die Standardisierung behindert wird.

Anderseits sind die Menschen wohl weit anpassungsfähiger, als häufig angenommen wird. Cullingworth zum Beispiel fand folgendes: obwohl 54 Prozent der Einwohner einer Siedlung zur Aufnahme des Bevölkerungsüberschusses in Worsley nicht gewünscht hatten, die Stadt Salford zu verlassen, wollten nur 17 Prozent nach Salford zurückkehren, nachdem sie einige Jahre in Worsley gelebt hatten. [32] Ähnlich deutet alles darauf hin, daß zwar jede Bevölkerungsverschiebung unvermeidlich etliche persönliche Unannehmlichkeiten hervorruft, die nicht geschätzt werden, daß dies jedoch für die meisten eine begrenzte Phase ist und sie sich in der neuen Umgebung gleich gut einrichten wie in der alten. [33]

Schlußfolgerungen

Zwei hauptsächliche Schlußfolgerungen ergeben sich daraus. Zum ersten ist Architektur, wie die Begleitmusik eines Films, eine Ergänzung der menschlichen Aktivität, formt sie aber nicht. Architektur besitzt daher keinen Zauber, durch den sie die Menschheit erlösen oder die Gesellschaft verändern kann. Ihre primäre soziale Funktion ist die, es den Menschen zu erleichtern, das zu tun, was sie wünschen oder wozu sie gezwungen sind. Der Architekt erreicht dies durch den Entwurf einer räumlichen Struktur, die imstande ist, bekannten und vorhersehbaren Aktivitäten so bequem und so wirtschaftlich wie nur möglich entgegenzukommen. Doch das menschliche Verhalten ist wie eine gallertartige Masse — nicht formlos, doch schwankend und veränderlich; und da er seine Veränderungen nicht vorhersagen kann, hat der Entwerfer auch, so gut er kann, solche neuen Anforderungen, die an die Gebäude in Zukunft gestellt werden können, im voraus zu bedenken. Oder, um es vielleicht positiver auszudrücken, es steht ihm frei, in der potentiellen Umgebung, die er schafft, Anhaltspunkte zu geben oder zu suggerieren, die diesen neuen Aktivitäten als Brennpunkte dienen könnten. Er mag selbst imstande sein — wie es Mackintosh für das „Modern Movement“ tat — im Entwurf Ideen und Vorschläge hervorzubringen, die dann die Ästhetik einer Gesellschaft und auf diesem Wege ihre ganze Weltanschauung beeinflussen, doch ist selbst das weit entfernt vom architektonischen Determinismus. Und der erste Schluß ist meiner Meinung nach der, daß Architekten bescheidener und realistischer in bezug auf ihre Fähigkeiten sein sollten, die Welt durch ihre Entwürfe ändern zu können.

Der zweite Schluß ist, daß Architektur im Vergleich zu anderen Faktoren, die zur totalen Umwelt beitragen, sorgfältiger betrachtet werden sollte. Dieser Punkt bezieht sich insbesondere auf die Stadtplanung. Mir scheint, das ist auch das Leitmotiv von Jane Jacobs Kritik der amerikanischen Planungspraxis, [34] denn das Hauptanliegen ihres Buches ist es, daß Planer anstelle von Abbrüchen großer Teile der amerikanischen Städte und anstelle der Zuführung einer „Sintflut von Geld“ in massive und abstumpfende Neusiedlungen darüber nachdenken sollten, was getan werden könnte, um den Prozeß der Rehabilitation zu fördern, wie er in Vierteln wie Bostons „North End“ von den Einwohnern selbst in den Fängen unsympathischer Planungsämter und Kreditinstitute eingeleitet wurde.

Die Annahme dieses Standpunktes führt — glaube ich — zu einer Neueinschätzung der Rolle des Soziologen im Entwurfsprozeß. Gegenwärtig habe ich den Verdacht, daß Soziologie einfach als eine Untersuchungsmethode angesehen wird, gleichwertig mit „eine Umfrage machen“. Vom Soziologen wird als von „à la Geddes“ gesprochen, wie von einem spezialisierten Faktenlieferanten, der einige der Aufschlüsselungen eines „Massen“-Bedürfnisses bietet, auf welches große kommunale Bauvorhaben zugeschnitten werden müssen. Daß dies eine allzu beschränkte Anschauung ist, zeigt sich sehr klar, wenn verschiedene Gruppen von Verbrauchern verschiedene Ansichten über den Entwurf derselben Art von Bauwerken haben. Brian Wells zum Beispiel entdeckte, daß leitende Manager große, offene, und andererseits Bürovorsteher sowie Büroangestellte kleinere Räume bevorzugten: beide Gruppen konnten gute organisatorische Gründe zur Stützung ihrer Stellungnahme vorbringen. Wenn eine soziologische Untersuchung alles wäre, was benötigt wird, würde die Aufgabe des Soziologen hier enden. Jedoch muß er, wie Wells unterstreicht, weitergehen und prüfen, welche Folgen große und kleine Büroflächen für das soziale Verhalten haben und schließlich diese Analyse mit der Funktion, für die das Büro als eine soziale Organisation eingerichtet wurde, in Beziehung setzen. In diesem Sinne, schließt Wells, „werden organisatorische Fragen und solche des Managements Teil des architektonischen Entwurfsproblems“. [35] Soziologische Theorie befaßt sich genau mit diesen Fragen der sozialen Organisationen; Soziologen und Sozialpsychologen haben eine zunehmend verfeinerte Theorie und Methode zur Analyse von Organisationsstrukturen zu ihrer Verfügung. Sie könnten damit zur Erläuterung von Entwurfsaufgaben beitragen. Ihr Beitrag wäre dann wertvoll, wenn er auf einem klaren Verständnis beruht über die Interaktion von räumlicher Gestaltung, Menschen und Verwaltungsmethoden bei der Schaffung dessen, was wir mit „totaler“ oder „wirksamer“ Umgebung meinen. Wenn Übereinstimmung darin besteht, daß der Determinismus ein äußerst unzulänglicher Arbeitsbehelf für ein derartiges Verständnis ist, dann wird vielleicht der etwas kritische Grundton dieses Beitrages als ein positiver Schritt zur Entwicklung einer fruchtbareren und schöpferischeren Partnerschaft der Architektur und der Sozialwissenschaften akzeptiert werden, als sie jetzt besteht.

[17Wie Hugh Wilson kürzlich in seiner Inaugurationsrede bemerkte: „Wir alle kennen diese umfangreichen Publikationen sinnloser Fakten“, Architectural Association Journal, Feber 1965, S. 198.

[18Crawley, Trabantenstadt von London, gegründet 1947, mit — im Endausbau — 56.000 Einwohnern (1980).

Hemel Hempstead, Trabantenstadt von London, gegründet 1947, mit — im Endausbau — 80.000 Einwohnern. Vgl. R. Rosner, Neue Städte in England, München 1962 — d.Übers.

[19Für eine nützliche Bibliographie und Übersicht aller dieser Studien vergleiche die bereits zitierten Artikel von H. J. Gans und I. Rosow in „Journal of the American Institute of Planners“, Mai 1961.

[20I. Rosow, a.a.O., S. 131.

[21L. Kuper, „Blueprint for living together“, in „Living in Towns“, London 1953, und V. Hole, „Social Effects of Planned Rehousing“, „The Town Planning Review“, Juli 1959, S. 168.

[22C. Bauer, „Social Questions in Housing and Community Planning“, „Journal of Social Issues“, 1951.

[23Vgl. zum Beispiel M. Broady, „The organization of Coronation street parties“, „The Sociological Review“, Dezember 1956.

[24„Neighbourhood and Community“, Liverpool, 1954; J. M. Mogey, „Family and Neighbourhood“, Oxford 1956.

[25H. Wilson, a.a.O., S. 197; Hervorhebungen vom Verfasser.

[26H. J. Gans, „Some Notes on Physical Environment, Human Behaviour and their Relationships“, zitiert in M. Abrams, a.a.O., S. 122.

[27V. Hole, a.a.O., S. 169.

[28„The Design and Use of Central Area Dwellings“, „Housing Review“, Jänner-Feber 1961.

[29Das „Economist“-Building der Architekten Alison & Peter Smithson befindet sich in London in der Nähe von St. James’s Park. Für eine eingehende Kritik von Gordon Cullen vgl.: The Architectural Review, 137. Band, S. 114-124, Februar 1965 — d.Übers.

[30„Architectural Association Journal“, Feber 1965, S. 207.

[31„Office Building and their Design Implications“, „Building Science“, 1965, S. 66; Hervorhebungen vom Verfasser.

[32J. B. Cullingworth, „Social Implications of Overspill: the Worsley social Survey“, „The Sociological Review“, Juli 1960, S. 80, 93.

[33M. Broady, „Social Adjustment in New Communities“, „Royal Society of Health Congress“, 1962.

[34J. Jacobs, „The Death and Life of Great American Cities“, London 1964.

[35B. Wells, „A Psychological Study with Office Design Implications“, „The Architects Journal Information Library“, 1964, S. 881.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1967
, Seite 780
Autor/inn/en:

Maurice Broady: Jahrgang 1926, Senior lecturer für Soziologie an der Universität von Southampton, hat sich nach Studium und Forschungstätigkeit in Liverpool, Harvard und Glasgow neben der Wissenssoziologie besonders der Soziologie der Stadtplanung gewidmet. In seinen Arbeiten konzentriert er sich insbesondere auf die politischen Aspekte des Planungsprozesses und der Urbanisation. Er wurde als Konsulent zu einer Reihe von Stadt- und Regionalplanungen zugezogen und liest neben seiner Tätigkeit in Southampton an der „Architectural Association School“ in London. Seine Publikationen umfassen zahlreiche Artikel in wissenschaftlichen Zeitschriften: er ist Mitautor von „Social Change and Urban Development“ (Liverpool 1961) und bereitet gegenwärtig ein Buch über Soziologie und Stadtplanung vor.

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