FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1992 » No. 462-464
Werner Dutz

Volkscharakter und Politik

Eine geopolitische Deutung der österreichischen Seele

Hast Du vom Kahlenberg das Land Dir rings beseh’n,
So wirst Du, was ich schrieb und was ich bin, verstehn!

Franz Grillparzer

Die Psychologie der österreichischen Seele steht im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Grillparzers Zweizeiler beleuchtet die geopolitischen Ursachen des österreichischen Psychotraumas.

Geographie

Europa wird von zwei S-förmigen Gebirgszügen beherrscht: Der Appenin setzt sich über die Seealpen in den Alpenhauptkamm fort. Der Leopoldsberg ist der letzte Ausläufer der Alpen. In Bratislava beginnt mit den Karpaten das zweite Bergsystem. Es setzt sich über das Transsylvanische Gebirge und den Balkan bis zum Schwarzen Meer fort.

Vom Leopoldsberg sieht man an einem klaren Tag im Rundblick den Alpenhauptkamm mit dem Schneeberg, das Donautal und Marchfeld, die kleinen Karpaten und das Leithagebirge vor der ungarischen Tiefebene. Hier kreuzen sich die Heeresstraßen Europas, das Donautal und die Passage durch die mährische Pforte in die ungarische Tiefebene. Vor der Regulierung der Donau konnte man die vielverzweigten Donauarme leicht überqueren.

Carnuntum, Vindobona und die anderen römischen Stützpunkte lagen am flutsicheren Südufer. Die Bedeutung dieses Raumes läßt sich daran erkennen, daß hier 8 römische Kaiser, darunter Mark Aurel, Septimus Severus, Diokletian und Valentinus 1., die Verteidigung des Limes gegen die Barbaren persönlich führten.

Viele Völker kamen durch: Hier spielt die Nibelungensage; Hunnen, Awaren und Magyaren kamen aus dem Osten, Germanen und Slaven aus dem Norden, Römer aus dem Süden. Napoleon eroberte Wien, die Deutschen und Russen besetzten die Stadt im 20. Jahrhundert.

Nur die Türken blieben zweimal vor Wien hängen, weil die islamische Kultur nördlich des 42. Breitegrads aus mehreren Gründen unannehmbar ist. Mein Sohn, der mit 8 Jahren ein islamisches Land verließ, in den USA in eine katholische Schule kam und das erstemal in eine Kirche geführt wurde, faßte nachher den Unterschied zwischen christlichem und islamischen Ritual lapidar zusammen: Viel mehr Singen, viel weniger Turnen!

Die weiteren Unterschiede in der Religionsausübung sind jedoch schwerwiegend: Während des Monats Ramadhan müssen alle Moslems von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang fasten. Der Fastenmonat fällt wegen des Mondkalenders jedes 32. Jahr in den Hochsommer. Kein Eskimo kann sich zum Islam bekehren, weil er das einmonmatige Fasten zur Zeit der Mitternachtsonne nicht aushalten würde. In Wien ist im Juni der Tag so lang, daß das Fasten untragbar wird, im Dezember ist der Tag so kurz, daß der spirituelle Inhalt des Rituals entwertet wird. Die türkische Besatzung hätte den Heurigen abgeschafft, da sowohl Wein als auch Schweinefleisch verboten sind. Die Drohung, daß die Wiener gleichzeitig (!) vier Frauen heiraten müßten und dadurch automatisch vier Schwiegermütter bekämen, muß auf die Wiener abschreckend gewirkt haben. Es ist daher kein Wunder, daß man gegen die Türken wirklich heldenmütig kämpfte. Die Ausnahme bestätigt allemal die Regel!

Optionen und Abwehrmechanismen:

Die Einwohner eines Landes, das wegen seiner geographischen Lage früher oder später erobert werden muß, stehen vor folgender Wahl:

  1. Sie kämpfen und werden erschlagen.
  2. Sie behalten ihre Eigenständigkeit, wandern aus und leben als Minderheit unter Fremden. Das bittere Brot der permanenten Emigration wird mit Unterdrückung, Massakern und immer neuer Flucht bezahlt.
  3. Sie akzeptieren den Eroberer wie er ist und „arrangieren“ sich mit ihm.

Volkscharakter

1. Die Wiener und Ostösterreicher

Den Wienern war immer die Heimat wichtiger als ihre nationale Eigenständigkeit; sie tolerierten fremde Besatzungen. Dies erfordert, daß man den Eroberer lobt, ihm dient, ihm vorgaukelt, ihn zu lieben, ohne ihn wirklich zu schätzen. Man benimmt sich wie bei Hof: Man ist vor allem „höflich“. Man lügt sich, dem Herrscher und der Umwelt vor, in der besten aller Welten zu leben. Man überbietet sich bei Liebedienereien im Kampf um die Gunst des Herrschers. Die schäbigsten Methoden werden verwendet, um einen Konkurrenten auszustechen.

Die Schule lehrt das System auch heute noch: Völkerball wird nur in den Nachfolgestaaten der Monarchie gespielt. Es lehrt Zusammenarbeit mit dem Ziel, die Besten so rasch wie möglich abzuschießen. Diese verlassen das „System“ = das Spielfeld, dürfen sich aber von den beiden Seitenlinien und vor allem von hinten rächen. Sieger ist, wer übrigbleibt. Dieses Spiel wird im Berufsleben auf anderer Ebene fortgesetzt. Gerade wegen der erzwungenen Unehrlichkeit haßt man das System, den Herrscher und letztlich sich selbst. Unter der Oberfläche schwelt Mißtrauen, Unsicherheit und Angst, die zu latenter Feindseligkeit und Verdrossenheit führen. Man ist „angefressen“, wie es in Wien heißt, ein Ausdruck, der die Flucht in das nervöse Essen beschreibt. Die Situation führt zu psychischen Störungen, die sich in Aktionsunfähigkeit ausdrücken. Die Psychologen Freud und Adler waren eine Wiener wissenschaftliche Notwendigkeit.

Die Wiener haben Regierungen immer als einen unvermeidlichen Fremdkörper betrachtet. Man ist ihnen gegenüber nur zu dem verpflichtet, was sich nicht vermeiden läßt. Steuerhinterziehung ist kein ehrenrühriges Delikt. Man sucht kurzfristig nur den eigenen Vorteil, denn morgen kann alles anders sein. In diesem System erwartet jeder, daß er für eine Leistung auch dann zahlen muß, wenn sie im Preis inbegriffen ist. Nur ignorante Ausländer betrachten diese persönliche Leistungsgebühr, ohne die nichts machbar ist, als eine Form der Korruption. Warum heißt der Begriff „Trinkgeld“ und nicht Dienstleistungsgebühr? Weil der Wiener über die Situation so unglücklich ist, daß er das Geld dazu verwendet, seine Sorgen im Alkohol zu ertränken. Der stille Zecher konsumiert allein und investiert in einen Rausch, den ihm niemand mehr wegnehmen kann. Diese weinerlich berauschte Stille grenzt den Wiener vom Deutschen ab, der sich zur Lustigkeit zwingt, grölt und randaliert. Als Angehöriger des Volkes der Dichter und Denker denkt er nicht einmal, wenn er betrunken ist, sondern haut laut auf die Pauke.

Die Kärntner haben sich den begabten Sohn eines Gauredners und Neffen eines Ariseurs geholt, der die Kunst der Hetze als Volksbelustigung gekonnt ausübt. Die Hetz ist das Schimpfen auf die „oben“ und das Zentrum. Diese Stimmungsmache entspricht dem gängigen Vorurteil und wird politisch honoriert. Wenn Wiener an Regierungsämter Anliegen haben, sind sie mit einer Mehrheit von Ministern und Beamten aus allen Bundesländern konfrontiert. Für die Menschen in den Ländern ist die Staatsführung ein Fremdkörper in Wien, für die Wiener besteht sie aus „Gscherten“, die nicht wissen, wo’s lang geht! Die Hetz geht in beide Richtungen, der bessere Demagoge gewinnt.

Knapp unter der friedlichen und liebenswürdigen Oberfläche schwelt die Katastrophe. Der aufgestaute Haß entlädt sich in Pogromen, sobald sich eine Gelegenheit bietet. Gesellige Lustigkeit ist eine Hetz: Das Vergnügen besteht darin, arme Kreaturen zu hetzen, zu quälen und sich über ihre Leiden zu belustigen. Das makabre Erinnerungsstück ist der ewig die Straße waschende Jude des Hrdlicka-Denkmals. Die höhnenden und belustigten Wiener (Grazer, Linzer, Klagenfurter etc.), die 1938 diese Hetz als Organisatoren, Treiber und Zuschauer genossen haben, hat der Künstler ausgelassen. Er weiß, wie weit er gehen darf.

Es ist kein Zufall, daß ein österreichischer Provinzler den in Wien aufgestauten und erlernten Haß mit der artfremden Methode der deutschen Gründlichkeit in das größte Pogrom aller Zeiten umsetzte. Er führte bei der größten Vorstellung der Götterdämmerung aller Zeiten Regie, die mit dem Brand Berlins und dem Einsturz seiner Walhalla-Reichskanzlei endete. Die oben geschilderten Umstände hemmen die Entwicklung der Literatur. Die Beschreibung bestehender Zustände wird als Märchen getarnt (Raimund). Hofnarren (Nestroy, Kraus, Bernhard) dürfen Sozialkritik in Possen verpacken. Zeitkritische Poesie voll lustiger Bitterkeit wird hinter Mundartdichtung versteckt, ist für Außenstehende völlig unverständlich und wird daher toleriert. Ernste Literatur (Grillparzer) schreibt der Dichter für sich und seine Schublade. Vielleicht wird sie lange nach seinem Tod aus dem Nachlaß veröffentlicht. Den Charakter der Bevölkerung darf der Autor nicht schildern, es wäre Nestbeschmutzung und Publikumsbeschimpfung zugleich. Selbst die wissenschaftliche Aufarbeitung wurde als „Schweinerei“ empfunden, siehe Freud und Psychoanalyse.

Musik hingegen blüht und gedeiht: Für Musik kann man weder eingesperrt noch verfolgt werden. In Musik kann man ungestört schwelgen, Frustration austoben, sich über andere belustigen und sich trösten, mit einem Wort, die Seele reinigen. Die Oper entspricht dem Wiener Charakter am besten: Im Theater redet einer nach dem anderen. Die Oper kommt dem Leben viel näher. In der Oper singen alle gleichzeitig, niemand versteht, was gesagt wird und keiner hört dem anderen zu. Zwei singen: „Ach ich liebe Dich so sehr!“ Ein Duett! Gleichzeitig singt ein Dritter: „Die Eifersucht bringt mich um, ich erwürg’ den Kerl!“ Ein Terzett. Kompliziertere Beziehungen erfordern Sextette, Oktette und Chorgesang. Regierende, Nebenbuhler etz., werden mit den verschiedensten Methoden, wie z.B. Mord, Unfall und Krankheit entfernt. Liebe ist entweder fragwürdig und tragisch, besonders beliebt sind Paarungen von Bruder und Schwester, die einander nicht kennen. Oder die Liebe ist unglücklich und führt zu einem fürchterlichen Ende. Sie kann auch „lustig“ sein, im Sinn: Jeder betrügt jeden. Höfisches Leben wird dargestellt, wie man es kennt: Harmonisch auf allen Ebenen!

Die Volks- = Heurigenmusik ist traurig, von morbiden und negativistischen Texten getragen, die anraten, nur von einem Tag zum nächsten zu leben. Man freut sich, daß das Leben nicht noch schlechter ist. Beißender Witz, zynischer Pragmatismus, verborgene Bosheiten, deren Bitterkeit erst viel später auffällt, nachdem der Zuckerguß der höflichen Floskeln verflogen ist, bestimmen Umgangsformen und Humor.

Wien ist weiblich. Die runden Formen des Barock prägen das Stadtbild. Die Österreicher bestimmen ihr Geschick nicht, sie erleiden es. Es fällt ihnen dauernd alles auf den Kopf und fährt ihnen zwischen den Beinen direkt in die Seele. Sie leben täglich in Angst vor der nächsten politischen und geistigen Vergewaltigung und genießen sie aktiv, wenn sie eintritt. Daß sie die Unabwendbarkeit des Schicksals vorausgesehen haben, erfüllt sie zusätzlich mit masochistischer Wonne.

Alles geschieht auf der Grundlage einer reichen und spezifischen Kultur, die einzig dem Selbstschutz dient und die man nur schätzt, wenn man sie verloren hat. Das Volksfest am Belvedere, bei dem Figl nach der Unterschrift des Staatsvertrags den spontan erschienenen Österreichern mitteilte: „Österreich ist frei“, war eine historische Anomalität, Ausdruck eines einmaligen österreichischen Patriotismus, der der Neuauflage der Anschlußpolitiker anläßlich der kommenden EG-Abstimmung Ungemach bereitet.

An der Grundthematik und der Grundstimmung hat sich augenscheinlich nichts geändert. Die Variationen zum Thema sind etwas anders: Über kulturelle Dinge hinaus (siehe die Peymann-Verlängerung!) kann man sich einen, auf gesundem Selbstbewußtsein beruhenden, Nationalstolz nicht leisten. Die nächste katastrophale Eroberung ist durch die geographische Lage unvermeidlich und kommt bestimmt. Reformen haben daher keinen Sinn, die neuen Eroberer, diesmal die internationalen Konzerne unter deutscher Führung, die überhaupt keinen wirtschaftlichen Grund für alpine Industrie-Standorte haben, werden Änderungen auf ihre eigene Art durchsetzen. Dann wird in Wien wieder alles stimmen, man wird sich arrangieren und das Leben im Kaffeehaus gestalten, als ob einen das alles nichts anginge.

Die Ostösterreicher schauen dem Ausverkauf des Landes mit Desinteresse zu. Sie lesen hauptsächlich Zeitungen in ausländischem Besitz, bei denen nicht einmal das Horoskop stimmt und deren Journalisten in voreiliger Diensteifrigkeit die Interessen des Eigentümers vertreten: Nieder mit der Republik, vorwärts unter die Fremdherrschaft. Die Justiz setzt in fremdem Interesse die Konkurrenzunfähigkeit der eigenen Industrie durch. Das ist seit langem vertraut. Die Heurigensänger wissen es: „Es wird a Wein sein und mir wern nimmer sein!“ Seit Tschernobil ist nicht einmal das so sicher. Was bedeutet EG für den Wiener? Eben EG = Eigentlich Garnichts.

2. Die Älpler

reagieren anders. Die geopolitische Realität prägt auch den Volkscharakter der Bewohner der Alpentäler und ist naturgemäß von dem der Ostösterreicher völlig verschieden: Kein Heerführer kann daran denken, mit einer Armee die Schweizer Pässe zu überschreiten. Die Passage durch enge Täler und über hohe Pässe, die Schwierigkeiten der Versorgung aus dem Land, der auf 3 bis 4 Sommermonate beschränkte Zeitrahmen der garantierten Schneefreiheit machen größere militärische Operationen äußerst mühsam.

Die Schweizer hatten es leicht, frei zu bleiben. Eine kleine Gruppe kann sich in den Alpen gefahrlos militaristisch gebärden, sie haben den geographischen Vorteil auf ihrer Seite. Man könnte natürlich in separatistischen Bürgerkriegen untergehen. Dies wurde durch Lokalregierung, demokratischen Umgang und Verläßlichkeit in Gutem und Bösem verhindert und dient dem Rest Europas gerade jetzt als Beispiel.

Tirol ist nicht ganz so glücklich, denn irgendwo muß ein aus dem Westen Deutschlands kommender Eroberer über die Alpen, wenn er den Umweg über Wien als zu zeitaufwendig und potentiell korrumpierend verwirft. Eine Armee, die bei Kufstein oder Scharnitz in Tirol eindringt, um den Brenner zu überschreiten, muß entweder nach 10 Tagen in Verona sein, oder sie verhungert. Es ist sinnlos, auf dem Marsch durch die Berge mit der Bevölkerung zu kämpfen. Der Durchmarsch kann nur mit großen Verlusten für beide Seiten erzwungen werden. Das Land selbst ist auf die Dauer gegen den Willen der Bevölkerung nicht zu halten.

Es liegt im Interesse der Tiroler, ihre Freiheit mit den geringsten Verlusten an Menschen und dem größten kommerziellen Nutzen zu erhalten. Die logische Konsequenz ist bezahlte Gastlichkeit und die Alpenmaut. Heute feiert diese Tradition Wiederkehr: Im Fremdenverkehr und in der ökologisch begründeten Einschränkung des Transits, zur Durchsetzung erhöhter Investitionen und/oder Gebühren.

Das Symbol der Tiroler Mentalität, der Gegenpol zum Heurigen, sind die Schützenkapellen. Ursprünglich dienten sie nicht der Unterhaltung der Touristen bei Tiroler Abenden und dem Trachtenaufmarsch. Man zeigte den durchziehenden Fremden, daß man bewaffnet war und unangenehm sein konnte. Gleichzeitig wollte man den Durchzug mit Marschmusik beschleunigen. Die Kapellen werden von Marketenderinnen begleitet, die früher alle von Reisenden und Soldaten gewünschten Dienste anboten — Alkohol und Zärtlichkeit. Es wird behauptet, daß der Name „Marketenderin“ aus dem Englischen kommt und berufsbeschreibend war: „To market tenderness“. Selbst wenn die sprachliche Ableitung nicht stimmt, paßt sie! Die Soldaten mußten daher nicht die an der Straße liegenden Dörfer plündern, die Seitentäler erobern oder auf den Berg klettern, um ihren Leidenschaften zu fröhnen. Dort blieb Tirol frei und katholisch. Abweichungen von der moralischen Norm gab es nur im Rahmen der Eigenständigkeit.

Heute hat sich die Form, aber nicht die Substanz geändert: Der Tourismus wurde industrialisiert. Das Einkommen aus dem Fremdenverkehr ist hervorragend. Die seit dem 2. Weltkrieg voll entwickelte Skisaison füllt die Kassen. Die Besucher erhalten gegen Bezahlung, was sie sich wünschen. Das Familienleben der Tiroler bleibt von den Turbulenzen des dauernden Ein- und Auszuges der Touristen unberührt. Kein Fremder hat Zugang zu echten Tiroler Familien. Alles, was die Tiroler wollen, ist ein Tunnel von Scharnstein nach Salurn für den Transitverkehr. Man könnte sich auch einen Kompromiß bis Bozen vorstellen. Für PKW will man eine Übernachtungsmaut mit Konsumzwang. Unter diesen Umständen kann man ruhig der EG beitreten und die Schützenkapellen bei Touristenfesten aufmarschieren lassen. Das „grüne“ Argument, daß Österreich im Interesse aller Europäer die Kosten der Unabhängigkeit tragen soll, um die Natur mit strengen Umweltauflagen schützen zu können, hat etwas für sich.

Ledige sucht Anschluß

Österreich liegt plötzlich wieder im Zentrum Europas und muß sich außenpolitisch umstellen. Die ungelöste Nationalitätenfrage ist wieder aktuell und kann nur auf dem Boden der ethnischen Eigenständigkeit und dem Respekt vor der Vielfalt anderer Kulturen gelöst werden. Der Weg bis dorthin ist lang, beschwerlich und, wie sich zeigt, blutig. Bestehende Grenzen sind real, aber sinnlos. Der Zusammenbruch der Ost-Diktaturen hat ein Vakuum hinterlassen. Diktaturen frieren den Status quo ein. Neue Ideen können erst viel später Fuß fassen. Kein Land kann demokratisch sein, solange das regierende Volk eine Minderheit im Staat ist, weil es die anderen Volksgruppen mit Gewalt unterdrücken muß. Das gilt für die Serben und Kroaten genauso wie für die Rumänen. Das gilt aber auch für Europa im Ganzen. Ruhe und Ordnung kann nicht immer durch die UNO, sondern nur durch eine europäische Fremdenlegion nach französischem Muster aufrechterhalten werden.

Die Lösung für Europa liegt in einer echten Gemeinschaft ohne Grenzen, in der den ethnischen Gruppen kulturelle Autonomie gewährt wird, in Kleinstaaten, die der Landkarte des 18. Jahrhunderts näher kommen als der heutigen. Der sogenannte Nationalismus ist Streben nach der demokratischen Mitbestimmung in überschaubaren, logischen Einheiten und zeigt sich zunehmend in den Wahlergebnissen und lokalen Unruhen in fast allen Ländern.

Das gilt auch für Deutschland. Trotz der sogenannten Integration in die Europäische Gemeinschaft besteht nicht nur der politische Wille, sondern auch die ökonomische und Bevölkerungsmasse zur Dominanz. Hitler konnte den Krieg erst beginnen, als er glaubte, durch den Anschluß Österreichs und des Sudetenlandes die kritische Masse an deutschem Kanonenfutter erreicht zu haben, die einen Sieg ermöglichen könnte. Ob bei den gegebenen wirtschaftlichen und sozialen Unterschieden eine rasche Umwandlung in einen gemeinsamen Markt besser ist als ein langsames Zusammenwachsen, läßt sich bezweifeln. Die rasche Vereinigung von Ost- und Westdeutschland hat mehr Probleme geschaffen, als sie gelöst hat. In Deutschland regen sich wieder Stimmen, die Österreich nicht — wie bei uns propagiert — in eine europäische Einheit eingliedern, sondern es in einem neuen Anschluß an Deuschland angliedern wollen, mit dem Ziel, eine deutschsprachige Dominanz über die anderen Mitglieder zu erreichen.

Europa kann nur frei und demokratisch existieren, wenn es keine Nationen mit Vorrang gibt. Eine deutsche Bundesregierung ist in einem europäischen Bundesstaat genau so fehl am Platz wie ein „United Kingdom in a United Europe“. Die immer größer werdende Arroganz seit der Wiederherstellung des „einig deutschen Vaterlands“ führte zu einem Aufblühen längst überwunden geglaubten Verhaltens. Sie ist wegen des großen Gewichts Deutschlands in Europa ein Störfaktor bei der Errichtung einer echten europäischen Gemeinschaft. Hier gehen die Völker Jugoslawiens, wie grotesk dies auch klingen mag, trotz aller Kämpfe und Krämpfe durch den Zerfall in kleinere Strukturen einen langfristig konstruktiveren Weg in die europäische Union als Deutschland mit der Vereinigung. Ich kann mir gut vorstellen, daß die dänische Abstimmung völlig anders ausgegangen wäre, wenn der Nachbar Scheswig-Holstein wäre und nicht Groß-Deutschland. Für die Iren ist der Anschluß an die EG auch national ersterbenswert, ihr Nachbar ist nun einmal der Erzfeind England, welchen es zu balancieren gilt.

Jede Aktion, die die geopolitischen Interessen der österreichischen Stämme mißachtet, wird früher oder später unterlaufen werden. Hiezu gehört die EG-Kampagne, die von den Ereignissen überrollt worden ist und nur in einem neuen ökologisch-ökonomischen Zusammenhang gesehen werden kann. Die Finanz- und Konzernmacht Westeuropas hat Österreich wenig zu bieten. Kein Großkonzern kann sich einen industriellen Standort in Österreich leisten. Auch in der Monarchie war der Schwerpunkt der Industrie in Nordböhmen und Schlesien. Österreich hat daher von der EG-Industrie nichts zu erwarten. Es kann jedoch den Staaten des Ostblocks aus eigener Erfahrung helfen. Ein EG-Anschluß Österreichs ist daher erst zu einem Zeitpunkt sinnvoll, zu dem auch alle Staaten Osteuropas Mitglieder werden.

Die Unsicherheit der Regierung wegen der kommenden Volksabstimmung über den neuen Anschluß ist tief und groß. Man greift zu einem Mittel, das sonst nur von Diktaturen verwendet wird: Unter dem Deckmantel der Volksaufklärung wird die EG-Propaganda zur Auflösung der Eigenständigkeit auf Staatskosten finanziert! Die Sozialdemokratie von 1992 steht mit ihrer Wahlempfehlung für einen Anschluß genau dort, wo sie 1932 war und wo einige ihrer Führer noch 1938 gestanden sind.

Die kurze Euphorie des „Österreich ist frei“, das der ehemalige KZ Häftling Figl vom Balkon des Belvedere verkündete, sitzt den Österreichern immer noch in den Gliedern. Genau so, wie das Wort Waldheims von der Pflichterfüllung (gegenüber einer fremden Macht) die Österreicher tief gespalten hat, wird das zu erwartende Ergebnis der EG-Abstimmung diese Kluft vertiefen. Der Instinkt der Österreicher steht unter den gegenwärtigen Umständen auf NEIN, die durch Propaganda aufoktroyierte Meinung verlangt ein JA. Die Volksneurose kann weiterblühen.

Die groteske Eile, mit der man die Neutralität aufgeben will, weil man ja von der kollektiven Sicherheit Europas geschützt wird, weswegen man eine neue Generation schwedischer Kampflugzeuge kaufen muß, um die Draken zu ersetzen, ist kaum zu be„Griffen“, außer man denkt an die privaten Nebenleistungen jedes Großeinkaufs. Denken wir ernstlich daran, unter der Führung unseres geliebten Wiener Bürgermeisters mit klingendem Spiel für Franz Ferdinand zu rächen und in Sarajevo einzumarschieren? Man kann nur zu dem Schluß kommen, daß die österreichische Elite jeglichen gesunden Menschenverstand verloren hat. Die Politiker werben nicht um das Volk, sie treiben es in die Apathie der Wahlentsagung.

Das Jahr des neuen Anschlusses wissen wir nicht, man versucht ihn über die Bühne zu bringen, bevor wir nachdenken können. Der Tag des Anschlusses wird aber wohl wieder ein Schicksalstag, ein 13. März sein. Ein Teil von uns wird wieder auf den Heldenplatz jubeln gehen, wie einst im März, um — wie es Schuschnigg in seiner Radioansprache ausdrückte — „zum Abschied ein deutsches Wort“ zu sprechen. Der andere Teil, auf den man sich heute bei der Bewältigung des Unbewältigbaren gar zu gerne beruft, wird zu Hause das Land Österreich zum letzten Mal, weinend und auch wieder mit Schuschniggs „Gott schütze Österreich!“ überirdischen Kräften anvertrauen. Der Österreicher hat nicht gelernt, sein Land durch persönlichen Einsatz selbst zu schützen und zu erhalten, weil es seiner Kultur nicht entspricht.

Anscheinend kann man seiner Geschichte nicht entkommen, die letzten Endes genauso wie der Volkscharakter von den geographischen Gegebenheiten bestimmt wird. Die Österreicher wollen vergewaltigt und unterdrückt werden, die Unabhängigkeit ist ihnen genau so suspekt wie ledige Kinder. Die Entwicklung des Patriotismus seit 1945 ist ein untypisches Phänomen, das der Dampfwalze des neuen EG verbrämten Anschlusses kaum wird standhalten können.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juli
1992
, Seite 15
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Werner Dutz:

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