FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1988 » No. 420-422
Andreja Petrović

Vier heiße Jahreszeiten

Jugoslawische Bruchlinien

Nach einem heißen Sommer kam ein „heißer“ Herbst. Der jugoslawische November 1988 wird in Erinnerung bleiben, als der Monat der weiteren Entschleierungen der wahren Intentionen mancher Republik-/Provinzführungen und als Zeugnis der Paralysierung der föderativen Spitze, die aufgestauten Krisen auf demokratischem Wege zu managen. In Serbien, Slowenien und Kosovo haben die nationalen Bürokratien offen gezeigt, daß sie einen entscheidenden Kampf um ihre eigenen („nationalen“) Interessen und (objektiv) in Richtung auf eine fortschreitende Spaltung Jugoslawiens führen. Die nationalistischen Führungen fühlen sich stark genug, denn sie genießen die unbeschränkte Unterstützung breiter und lauter Volksmassen, womit sie jetzt dem „restlichen“ Staat deutlich zeigen (oder drohen), daß sie einen separaten Nationalkonsens repräsentieren und ihre jeweilige Region (damit auch Jugoslawien) so umgestalten können, wie sie es wünschen.

Die eindrucksvollste Manifestation dieser neuhergestellten nationalen Einheit und der engen Verbundenheit zwischen Volk und Führung wurde am 19.11. in Belgrad organisiert, als Massenkundgebung unter dem Motto „Brüderlichkeit und Einheit und Solidarität mit den verfolgten Serben in Kosovo“. Nachdem es den ganzen Sommer lang in Serbien zu unzähligen „spontanen“ Volkskundgebungen gekommen ist, von denen die aktuelle serbische Führung vorbehaltlos unterstützt wurde, mußte man nun den Höhepunkt eines wiedererwachten serbischen Nationalbewußtseins in der Hauptstadt organisieren. In Betrieben, Fabrikhallen, in Parteiorganisationen und in der gleichgeschalteten Presse wurde massive Propaganda geführt, damit die erwartete Million Teilnehmer zum Treffen kommt. Und viele kamen, die meisten freiwillig, aber nicht die 1,5 Millionen, wie es die Organisatoren behaupteten, sondern an die 5-6 Hunderttausend. Diese Masse begrüßte stürmisch den nationalen Führer, Parteichef Milošević, und vor allem seine Warnung, daß niemand, weder in Jugoslawien noch ım Ausland, die „Vereinigung“ Serbiens verhindern wird. Unklar blieb, ob Milošević bloß die Vereinigung Serbiens in Bezug auf die zwei Provinzen meinte, oder etwas anderes, denn Serben leben in großen Zahlen auch außerhalb der Mutterrepublik.

Gleichzeitig mit dem serbischen Massenaufgebot organisierten die albanischen Nationalisten große Demonstrationen in Kosovo. Diesmal gingen Arbeiter und Studenten mit jugoslawischen Fahnen und Titobildern auf die Straßen und protestierten gegen die praktisch abgeschlossenen Verfassungsänderungen und gegen die — auf Befehl Serbiens erfolgte — Absetzung der populären lokalen Parteiführer. Diese albanischen Demonstrationen überschatteten die Belgrader Kundgebung und zeigten gleichzeitig, daß die lokalen Führer der Provinz ihre alte Parole von der „Kosovo-Republik“ und die Forderung nach noch mehr Selbständigkeit gegenüber der serbischen Führung nicht aufgegeben haben, obwohl dieses Bestreben seit 1981 als Konterrevolution abgestempelt wurde.

Am nördlichen Ende des jugoslawischen Staates zeigten die Slowenen, daß sie nichts mehr lieben als ihre nationale Selbständigkeit, und einen besonderen Status erlangen möchten, weil sie sich als zivilisierter und enger mit Europa verbunden fühlen, als der „balkanische Teil“ des Landes. Dort kam es zu Demonstrationen zugunsten eines nationalen Referendums bezüglich der Verfassungsreform und zugunsten einer Amnestie für vier wegen Delikten gegen das Militärgeheimnis Verurteilte. Gleichzeitig wurde für eine „zivile“ Gesellschaft demonstriert.

So betrachtet, zeigen die Ereignisse in diesen drei Landesteilen, daß die betroffenen Nationen sich innerhalb der Föderation als ungleich, vernachlässigt, benachteiligt fühlen. Wenn diese drei Nationen unzufrieden sind, stellt sich die Frage: wie steht es mit den anderen Nationen und Minderheiten? Wann gehen die anderen auf die Straße, aber nicht als schlecht bezahlte Arbeiter, arbeitslose Akademiker usw. —, sondern in nationalgeschlossenen Reihen, mit den Parolen von „nationaler Ausbeutung“, „Verrat“ usw.?

Die Antwort könnte lauten — nicht bald, denn die nationalen Spitzen haben es bis jetzt gut verstanden, die echten sozialen und ökonomischen Forderungen zu kanalisieren, indem der Sündenbock immer eine andere Nation oder Republik gewesen ist. Alle sind unzufrieden, die meisten wissen, daß es so nicht weiter geht, aber die fälligen fundamentalen Veränderungen werden immer wieder aufgeschoben. Noch immer — oder schon wieder — ist in Jugoslawien das Problem Nummer 1: die nationale Frage, obwohl die wirtschaftliche Lage zunehmend kritisch ist.

Die Führungen befassen sich mit den eigenen Nationen — Jugoslawien, als der gemeinsame Staat, wird in zunehmendem Maße vernachlässigt. Und keine ernste Kraft im Lande zeigt das geringste Interesse an einem demokratischen Jugoslawien — es lohnt sich zur Zeit viel mehr, der allmächtige Herr im eigenen kleinen Garten zu sein.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1988
, Seite 4
Autor/inn/en:

Andreja Petrović:

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Geographie