FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1955 » No. 23
Ernst Wigforss

Sozialismus im Königreich Schweden

(ein Nachtrag zur Diskussion über die Wandlungen des Marxismus)

Ernest Wigforss, einer der maßgeblichen Theoretiker der skandinavischen Sozialdemokratie und als schwedischer Finanzminister entscheidend an der Gestaltung der Finanzpolitik dieses Landes beteiligt, hat sich vor einigen Jahren aus der aktiven Politik zurückgezogen.

Wigforss ist mit dem FORVM auf Grund unserer Diskussion über den Marxismus (Nr. 15-17) in Kontakt gekommen. Er äußert sich zu dieser Diskussion zwar ein wenig verspätet, aber, wie wir glauben, aus so viel praktischer Erfahrung und mit so viel Gewicht, daß seine Ausführungen auch unabhängig von ihrem Anlaß interessant sind.

Revision nach innen

Das Ansehen, dessen sich die schwedische Sozialdemokratie auch jenseits der Grenzen ihres Landes erfreut, verdankt sie zum Teil ihrer starken politischen Position im Lande selbst, zum Teil scheint sie in dem Rufe zu stehen, nur in sehr geringem Maße von theoretischen Vorurteilen belastet zu sein; man neigt wohl dazu, diese beiden Tatsachen in ursächliche Verbindung zu bringen.

In der Tat waren die Grundsätze des schwedischen Parteiprogramms von allem Anfang an und noch bis in die letzte Fassung von 1944 durchaus auf dem marxistischen Schema von der Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft aufgebaut. Aber was man vor fünfzig Jahren die „revisionistische“ Auslegung des Marxismus nannte, ist seither zur dominierenden geworden. So wurde die Sozialdemokratische Partei Schwedens durch ihre reformistische Taktik, deren sie sich im Bündnis mit den Liberalen bediente, vor annähernd 25 Jahren zur Regierungspartei und hat eine ökonomische und soziale Reformpolitik durchgesetzt, deren Ergebnisse und Errungenschaften man unter der Bezeichnung „Wohlfahrtsstaat“ zusammenzufassen gewohnt ist. Aus dieser Entwicklung erklärt es sich, daß die Diskussion über sozialistische oder sozialdemokratische Probleme hierzulande nicht besonders lebhaft ist und nur im geringen Grad bewußt an marxistische Theorien anknüpft. Es ist wichtig, das Wort „bewußt“ hervorzuheben, weil der Einfluß von Gedankengängen, die sehr wohl als marxistisch bezeichnet werden können, in Wahrheit viel stärker ist, als die direkten Hinweise auf Marx es vermuten lassen.

Das geringe Interesse der schwedischen Sozialdemokratie an der marxistischen Theorie hat indessen nicht verhindern können, daß von bestimmten gegnerischen Gruppen der Versuch gemacht wird, in ihrer politischen Auseinandersetzung mit den Sozialdemokraten die latente, in Schweden noch durch die unmittelbare Nachbarschaft der Sowjetunion gesteigerte Furcht vor dem Kommunismus auszunützen und ihn, den Kommunismus, als zwangsläufiges Endergebnis aller Bemühungen hinzustellen, die in irgendeiner Weise mit marxistischem Gedankengut zu tun haben. Wie mir aus der im FORVM durchgeführten Diskussion und aus anderen mitteleuropäischen Berichten hervorzugehen scheint, wird dieser Umstand, d.h. die Herkunft oder Abhängigkeit von der Marxschen Theorie, in manchen sozialdemokratischen Kreisen des europäischen Kontinents als ideologische Belastung empfunden. Nun trifft es zwar zu, daß mit dem Wort „Marxismus“ vielfach ein Mißbrauch getrieben wird, der dazu dienen soll, die sauberen Grenzen zwischen Kommunismus und demokratischem Sozialismus zu verwischen. Doch glaube ich nicht, daß die Sozialdemokratie diesem Mißbrauch dadurch steuern kann, daß sie sich von der marxistischen Theorie distanziert oder sie überhaupt verleugnet. Zudem erscheinen mir auch die taktischen Vorteile eines solchen (im Grunde demütigenden und demoralisierenden) Zurückweichens vor einer demagogischen Gegenpropaganda mehr als zweifelhaft. Unsere eigenen Erfahrungen in Schweden, die sich von den Erfahrungen anderer ehrlicher Sozialisten nicht wesentlich unterscheiden dürften, haben uns gelehrt, daß Diffamierungen dieser Art durchaus nicht davon abhängen, inwieweit eine Sozialdemokratie an der marxistischen Lehre festhält. Sie wird im allgemeinen nicht ihrer Motive, sondern ihrer Erfolge wegen bekämpft, und der demokratische Sozialist sollte sich dadurch nicht hindern lassen, an marxistische Gedankengänge — wenn er sie für haltbar und wertvoll befindet — anzuknüpfen.

Reform nach außen

Selbstverständlich müssen auch die Marxschen Beobachtungen und Theorien, wie alle anderen wissenschaftlichen Beiträge zur Analyse und Darstellung gesellschaftlicher Entwicklungen, immer wieder im Lichte neuer Erfahrung geprüft werden. Selbstverständlich bedürfen, sobald bestimmte Prognosen über die Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft als falsch erkannt wurden, auch die aus ihnen gezogenen Schlüsse einer Revision. Und damit wäre jede Spur von Religionscharakter (den man in der kommunistischen Version nicht ohne Grund zu finden glaubt) aus dem wissenschaftlichen Marxismus verschwunden.

Auch jede Spur von Sozialismus? In gewissem Sinne: ja. Das Wort Sozialismus, ähnlich wie Liberalismus und andere gleichartige Begriffe, bezeichnet vielfach nur die Tendenz einer Entwicklung, die man gutheißt, oder die Form einer Gesellschaft, nach der man strebt. Die schon erwähnte „revisionistische“ Auslegung des Marxismus hat das von Anfang an klargestellt. Wie natürlich der demokratische oder reformistische Sozialist es findet, sich vom marxistischen Grundgedanken der determinierenden ökonomischen Wirklichkeit leiten zu lassen, mag an seiner Einstellung zur Sozialisierung im eng begrenzten Sinn des Staatssozialismus beleuchtet werden. Solange angenommen werden konnte, daß in der kapitalistischen Wirtschaft ein unaufhaltsamer Prozeß der Konzentration vor sich gehen müsse, hatten auch die Zukunftsbilder der sozialistischen Gesellschaft zwangsläufig einen zentralisierenden Charakter, und als Erbe der Macht über diese konzentrierte Produktion schien zunächst nur der Staat denkbar. Als aber die Entwicklung dann neue Wege einschlug, als die alte Mittelklasse nicht ausgerottet wurde und neue mittlere Gruppen entstanden, als die Arbeitnehmer durch ihre Gewerkschaften und ihre wachsende Macht im demokratischen Staat immer stärkeren Einfluß auf die Gestaltung ihrer eigenen Lebensbedingungen ausüben konnten, war es dem demokratischen Sozialisten nicht mehr möglich, die einstige Konzeption aufrechtzuerhalten. Das bedeutete nicht, daß sie gänzlich beiseite geschoben wurde. Aber sie mußte sich — wie alles Lebendige, das lebendig bleiben will — auf die Praxis abstimmen.

Vorkapitalistische Wirtschaftsformen

Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Sozialdemokratie in der Überwindung des Utopismus die eigentliche geschichtliche Tat Marxens erblickte. Der Kern des wissenschaftlichen Sozialismus war die Einsicht, daß Gesellschaftsformen nicht willkürlich geschaffen werden können und daß die Voraussetzungen der sozialistischen Gesellschaft im Schoße der kapitalistischen Entwicklung selbst reifen. Diese Quintessenz des Marxismus ist im demokratischen Sozialismus viel stärker bewahrt worden als im Kommunismus, und daraus klärt sich auch das Verhältnis zwischen Marxismus und Demokratie. Mit Recht wendet sich Benedikt Kautsky gegen den Versuch, Marx für den Begriff der Minoritätsdiktatur verantwortlich zu machen und ihm eine totalitäre Verachtung der bürgerlichen Freiheiten anzudichten. Es war auch für die schwedischen Sozialdemokraten immer eine Selbstverständlichkeit, die Worte des Kommunistischen Manifests, die von der Revolution der überwältigenden Mehrheit sprechen, als Ausdruck einer demokratischen Auffassung zu empfinden, die mit den Marxschen Theorien von der kapitalistischen Entwicklung völlig im Einklang steht.

All dies ist nun durch die Revolutionen in vorkapitalistischen Ländern wieder problematisch geworden. Mutmaßungen darüber anzustellen, wie Marx selbst die modernen, nur auf Minoritäten gestützten Diktaturen beurteilt hätte, ist eine unfruchtbare Spielerei — zumal für demokratische Sozialisten, die es heute mit der Frage zu tun bekommen, unter welchen Bedingungen in den „unterentwickelten“ Ländern eine wirkliche politische Demokratie entstehen kann, die nach westlicher Art funktionsfähig wäre. Sie müssen vor allem untersuchen, ob demokratisch-sozialistische Ideen diesen Völkern für die nächste Zukunft viel mehr zu bieten haben werden als den Rat, eine Entwicklung der Wirtschaft gemäß der geschichtlichen Vergangenheit des Westens abzuwarten, also in kapitalistischen Formen, aus denen dann auch im Osten allmählich die Voraussetzungen für eine Umwandlung in sozialistische entstehen sollen. Unsere Praxis und unsere Erfahrungen neigen zu einer solchen Auffassung.

Wie aber wird es möglich sein, die Grenze gegen andere Auffassungen zu ziehen, die sich ebenfalls „fortschrittlich“ nennen, sich auf die gleichen grundsätzlichen Werte berufen und sich dennoch als ausgesprochene Gegner des Sozialismus erklären?

Wertgemeinschaft und Wohlfahrtsstaat

Dazu ist vorerst zu sagen, daß eine solche „Wertgemeinschaft“ bis zu einem gewissen Grade tatsächlich vorliegt. Gäbe es keine gemeinsame Basis, die bedeutet, daß man historisch zum selben Kulturkreis gehört, so würde eine Diskussion viel schwieriger, vielleicht unmöglich. Diese Gemeinsamkeit findet sich auch im Programm der schwedischen Sozialdemokratie, deren Richtlinien wie folgt definiert werden:

Sie (die Richtlinien) sind bestimmt von den äußeren Verhältnissen, den technischen und ökonomischen Bedingungen, unter welchen die Menschen jetzt leben und sich ihre Vorstellungen von einem wertvollen Leben bilden. Sie sind aber gleichzeitig ein Ausdruck des Willens zur Verwirklichung der Ideen von Menschenwert und Humanität, Freiheit und Gleichheit, Solidarität und Zusammenarbeit, die, von älteren Kulturtraditionen als Erbschaft übernommen und unter dem Einfluß neuer Erfahrungen umgeformt, dem Menschen ein freieres und reicheres Leben bereiten sollen.

Es ist offenbar, daß die Forderung nach „gleichen Rechten für Alle“ in der sozialistischen Ideenwelt einen zentralen Platz einnimmt. Das gilt nicht nur für das gleiche Recht, an allen Gütern teilzuhaben, die auf materiellem, geistigem und kulturellem Gebiet geschaffen werden, sondern auch für das Recht, aktiv an diesem Schaffungsprozeß mitzuwirken. In Schweden kann der Kampf um die Sozialreform in der Hauptsache als beendet angesehen werden, obwohl man mit der Zustimmung zum Prinzip des sozialen Lastenausgleiches noch zögert. Als letzter Schritt auf dem Weg zum heutigen Wohlfahrtsstaate mag wohl der gelten, daß der Staat die Verantwortung auf sich genommen hat, Konjunkturschwankungen entgegenzuwirken und so weit wie möglich die Vollbeschäftigung und damit auch das Recht auf Arbeit zu garantieren.

Die provisorische Utopie

Es hat sich also als durchaus möglich erwiesen, innerhalb der Grenzen einer durch sozialistischen Einfluß modifizierten kapitalistischen Wirtschaft zu bleiben und ohne gewaltsame Umwälzung genügend Raum zu schaffen, um in gemeinsamer Arbeit eine Erhöhung des allgemeinen Wohlstandes herbeizuführen. Der Wohlfahrtsstaat hat so tiefe Veränderungen in der Lage der arbeitenden Klasse bewirkt, daß die epigrammatische Formulierung: „Mit dem Proletariat wird auch der proletarische Sozialismus verschwinden“, in neuem Lichte erscheint. Daraus muß der demokratische Sozialist von heute die Konsequenzen ziehen. Der unter seiner Mitwirkung entstandene Wohlfahrtsstaat gestattet weder das einstige Festhalten an den Dogmen der marxistischen Entwicklungslehre, noch eine Rückkehr zur Methode der alten Utopisten, die auf Grund rein subjektiver Erwägungen ihre willkürlichen Zukunftsbilder entwarfen. Der heutige Sozialist weiß, daß sein Wirken nicht nur von gegebenen technischen und wirtschaftlichen Verhältnissen abhängt, sondern auch von der psychologischen Situation, die unter dem Einfluß dieser Verhältnisse entstanden ist. Aus den Richtlinien seiner Politik muß wenigstens ein Stück des Weges in die Zukunft sichtbar werden, ein konkretes Ziel, daß sich vom gegenwärtigen Zustand in genügendem Maße abhebt, um eine fruchtbare Diskussion zu ermöglichen. Man könnte dieses Ziel eine provisorische Utopie nennen. Denn ihr Urheber muß immer bereit sein, unvorhergesehenen Veränderungen Rechnung zu tragen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
November
1955
, Seite 395
Autor/inn/en:

Ernst Wigforss:

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