FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1992 » No. 462-464
Sabine Zelger

Schmarotzen an Gott und der Welt

Merkwürdigkeiten des Gebrauchs eines der Namen der Gegenden im Raume in mehreren Gegenden des deutschen Sprachraums

„Machen wir es kurz und werfen nur so viele Perlen vor die Säue, wie zum Verständnis des Grundgedankens nötig ist.“ So leitet Fritz Erik Hoevels seine Gedanken zur Psychoanalyse ein, deren Kenntnis „lebenswichtig“ sei, zumindest für die »Initiative Neue Linke« (INL). Wohl aus dieser existentiellen Notwendigkeit heraus schließt der Autor sein Buch »Tabuthema. AIDS-Stop« mit dem folgenden „Gedanken eines Ketzers“: „Dazu müssen wir, d.h. die diesen Zielen verpflichteten Menschen, aber uns diszipliniert zusammenschließen und dann wachsen; wer sucht kann uns jetzt schon finden.“

Welche Schweinehirten? Welche Ziele? Welche Disziplin? Aber auch: Welche Säue?

Perlenkette 1: Zusammenhänge, Dementis und Versteckspiel

Durch Flugblätter, Infostände und Veranstaltungen im Umkreis der Wiener und Salzburger Universitäten gibt eine »Initiative Neue Linke« schon seit einigen Jahren ihre Meinung zum besten: zu AIDS und Feminismus, zum Golfkrieg und zu Salman Rushdie, zu Inquisition und zum Vierten Reich. Außerdem ruft sie zu Solidarität mit ganz bestimmten deutschen Kleingruppen und Kleinparteien auf, wirbt für Bücher, die meistens im bundesdeutschen Ahriman-Verlag erschienen sind. Leider erweisen sich ihre politischen Konzepte und Lösungsvorschläge für ein demokratisches oder linksradikales Publikum oft als indiskutabel, durch die diffamierenden Formulierungen aber auch als provokant, sodaß Flugblätter manchmal am Boden landen oder der Rahmen der Veranstaltungen immer wieder platzt: Durch Streit und Tumulte unterbrochen kann es dazu kommen, daß Diskussionen erst vor Gericht fortgesetzt werden können.

Ähnlich verlaufen Theorie und Praxis des »Bundes gegen Anpassung« (BgA), des »Bundes zur Verbreitung unerwünschter Einsichten« (BzVuE), der »Neuen Linken« in Salzburg, nach Meinung verschiedener Zeitschriften und politischer Gruppen außerdem auch des »Bundes zur Verbreitung unbequemer Ansichten«, »Gruppe für Aufklärung, Demokratie und Selbstbestimmung« oder »Verein zur AIDS-Bekämpfung«.

In den »Ketzerbriefen« Nr. 17, herausgegeben vom »Antiklerikalen Arbeitskreis der Bunten Liste Freiburg«, erfährt der Suchende, daß »Bund gegen Anpassung«, der die »Ketzerbriefe« Nr. 29 herausgab und das selbe Postfach wie der »Antiklerikale Arbeitskreis etc.« benützt, der neue Name der »Marxistisch-Reichistischen Initiative« sei, deren Gründer Fritz Erik Hoevels „seit dieser Zeit — ca. 20 Jahren —, unter Verzicht auf eine bürgerliche Karriere seinen und unseren Zielen treu geblieben ist“ (BgA). Davon würden sie immer wieder „Ableger bilden, deren Namen immer Ausdruck derselben Substanz sind“. Außerdem hätten sie die politische Partei der »Bunten Liste Freiburg« gegründet, obwohl diese laut Ahriman-Inserat aus der Freiburger »Bürgerinitiative gegen Berufsverbote« hervorgegangen sein soll. Trotzdem will sich der BgA samt Anhang organisatorisch mit dem »Antiklerikalen Arbeitskreis der Bunten Liste« nicht verbunden fühlen, obwohl er die »Bunte Liste« selbst gegründet haben will. Weil aber keine inhaltlichen Unterschiede vorzufinden sind, im Gegenteil gegenseitige Zitierfreude, viele Querverweise und das gemeinsame Postfach, werde ich in den folgenden Zeilen ihre substantiell identischen Ziele aus ihren verschiedenen Publikationen aus Deutschland und Österreich zusammentragen.

Auf einen anderen Gründer, nämlich Friedrich Liebling geht der Schweizer »Verein zur Förderung der psychologischen Menschenkenntnis« (VPM) zurück, bei dem sich jedoch ähnliche Vorgangsweisen und Lieblingsthemen vorfinden. So wird z.B. den deutschen Gruppen und dem VPM gleichermaßen vorgeworfen, insbesonders linke Vereine und Gremien unterwandern zu wollen. „Neue“ Linke unterwandern Linke, soweit die neue Revolutionspraxis, aus alt mach neu. Leute geben vor, „sie würden als Einzelpersonen und ‚unabhängig‘ auftreten und argumentieren“, werden aber irgendwann als „homogen argumentierende und vorgehende Gruppe“ empfunden, die eigene Ziele vertritt. Außerdem würden sie danach trachten, „die Mehrheitsverhältnisse in beschlußfähigen Gremien zu ihren Gunsten“ zu verändern. „Die Lieblinge waren somit durchaus in der Lage, die Politik und die Wahlen dieser Gremien entscheidend zu beeinflussen und die Arbeit massiv zu behindern.“ Solche ge- und mißglückten Unterwanderungsversuche werden beanstandet in der Schweiz an der Kantonalen Maturitätsschule für Erwachsene, um die Auseinandersetzungen um das Jugendhaus Drahtschmidli, in Fachvereinen der Universität Zürich, Verein Jugendberatung und »Verein Aids-Aufklärung Schweiz«. (s. »SFU. Lieblinge. VPM.« Hg. v. Verband der Studierenden an der Universität Zürich).

In Deutschland habe die »Marxistisch-Reichistische Initiative« die Freiburger »Bürgerinitiative gegen Berufsverbote« und die örtliche »Bunte Liste« erfolgreich, die Kieler Grünen erfolglos zu unterwandern versucht (s. »TATblatt« minus 77 u.a.), was vom BgA in den »Ketzerbriefen« erbost als „Legende“ zurückgewiesen wird. Wem also gilt es zu glauben, zu vertrauen, oder sollten wir sogar kritisch werden? Belustigen wir uns über Unterwanderungsängste oder huldigen wir nicht lieber doch allmächtigen Hoheiten? „Denn wir sagen nun einmal immer die Wahrheit — stutz nur, lieber Leser, aber versuch doch einmal, uns das Gegenteil zu beweisen — und das macht unsere Gegner verrückt, im wahrsten Sinne verrückt ...“ (BgA)

Bevor ich aber selbst mich als Gegnerin erkläre und pathologisiert am Weiterschreiben gehindert wäre, versuche ich die Ziele von Hoevels und seinen „im übrigen meistens notwendig verdeckt operierenden Mitarbeitern“ (Hoevels) ausfindig zu machen.

Perlen 2: Die wahren Ziele

Als „Teile einer vitalen Linken ..., die den Zersetzungstendenzen bzw. Dekadenzen der historischen ‚Neuen Linken‘ in den Weg tritt“, so Gründer Hoevels, treten sie ein

  • für sexuelle Freiheit gegen Ehe und Prostitution
  • für Aufklärung gegen Religion
  • für Wissenschaft gegen Obskurantismus
  • für rationale Gesamtlösungen statt irrational handwerkelnd-insuffizienter Partikularlösungen gesellschaftlicher Fragen
    (ders.)

Warum wird aber gerade diesen Überschriften der Vorwurf des Faschismus gemacht, der „hirnlosen Haß, pogromgeilen Fanatismus“ auslöse (Hoevels)? Oder entsteht „Pogromlust“ vielleicht durch die vereinzelten Perlen, die die Säue nicht verdauen können oder nicht verdauen wollen? Versuchen wir doch einmal Zielvorstellungen und Lösungsvorschläge unter Hoevels Überschriften zu reihen:

Wie würde ihr neues linkes Paradies ausschauen?

1. AIDS, die weitaus schlimmste Todesart, „die durch Mord möglich ist“ (Benutzungsanleitung für den Anti-Aids-Ausweis) wäre ausgerottet durch Zwangstests und Tätowierung, Quarantäne sei „nicht unbedingt notwendig“ (INL). Andererseits wäre Sexualität wieder Privatsache (BgA), was durch die staatlichen Anti-Aids-Maßnahmen scheinbar nicht beeinträchtigt würde.

Die Familie wäre abgeschafft, was übrıgens eine Voraussetzung für das Gelingen revolutionärer Bewegungen sei. (Hoevels)

Der Nachwuchs wäre spärlich, weil glückliche Gesellschaften niedrige Geburtenraten verzeichnen (Hoevels)‚ und Vergewaltigungen sowie unfreiwillige Schwangerschaften gäbe es fast überhaupt keine mehr, genausowenig wie verdutzte Väter. Warum?

Sexuell aktive und selbstbewußte Frauen werden niemals unfreiwillig schwanger, seit es sichere Verhütungsmittel gibt (die sehr wenigen Fälle durch Vergewaltigungen ausgenommen, aber sie werden auch seltener vergewaltigt). Die Statistik der Abtreibungen zeigt dies in aller Deutlichkeit: Puritanische und ländliche, d.h. religiös verseuchte Umgebungen sind überrepräsentiert. Für Männer gilt sicher Analoges, auch wenn mir an dieser Stelle keine Statistik bekannt ist: Sind sie sexuell selbstbewußt, so lassen sie sich nicht so schnell mit Frauen ein, deren Verhütungsmethoden zweifelhaft sind oder die gar auf Schwangerschaftsbetrug sinnen. So werden die gedemütigten, gebrochenen, unsicheren, zaghaften, verdummten Opfer erneut Opfer; ihre ersten Zerstörungen erhöhen ihr Risiko für weitere.

(Hoevels)

2. Die Welt wäre vom religiösen Glauben und von nicht aufgeklärten Gesellschaften befreit, was durch Kriege gegen außereuropäische Länder oder durch Strafverfolgung im Westen bewerkstelligt werden könnte. Denn die westeuropäischen Regierungen hätten nicht nur das Recht, „sondern auch die Pflicht, Rushdie mit allen Mitteln zu schützen. ... Dies schließt auch, falls der Iran zu offener Gewalt greift, die militärische Intervention mit ein, die wir, wie anläßlich des Falklandkrieges, befürworten, wenn sie dem Fortschritt dient — etwa durch den Sturz einer südamerikanischen Folterjunta“ (INL). Sehr erschwert werde auch „die Bildung einer rationalen und realitätsgerechten Meinung durch die religiöse Indoktrination ..., der scheußlicherweise wehrlose Kinderköpfchen hilflos ausgeliefert sind. (Die ‚Ausnutzung von Abhängigkeitsverhältnissen zwecks religiöser Indoktrination‘ sollte strafrechtlich dem ‚Dealen von Rauschgift‘ gleichgestellt werden — ansonsten sollten Religiöse natürlich ebenso unbehindert ihre Ansichten äußern können, ‚aber ohne Vorurteil oder Vorrang des Christen oder Moslems vor dem Sannyasin oder Scientologen‘ ...)“ (BgA). Weil aber jeder islamisch erzogene Mensch „fast schon zum persönlichkeitslosen Brei und späteren sozialen cruise missile zerriebenen Behämmerungsopfer“ werde (Ketzerbriefe), und was die übrigen Religionen betrifft s.o., säßen alle Pfarrer, die Mehrheit der europäischen, aber auch islamischen Eltern ... im Gefängnis. Daß mit den „sog. Sekten“ anders oder vorerst noch anders (?) verfahren werden soll, zeigt diese „Linke“ in ihrem Engagement durch zahlreiche „Gotteslästererprozesse“ und Solidaritätsaufrufe mit verfolgten Sektenanhängern (s. u.a. den Artikel des Bundesvorstandsmitgliedes der INL im forum 10.Okt.91: „Deprogrammierung“). Aber schließlich habe man derzeit nur „in kohärenten, durch gemeinsame Ziele verbundenen und über erhebliche innere Disziplin verfügenden Gruppen wie z.B. die Sannyassins“ Chancen, der mörderischen Krankheit Aids zu entgehen „und trotzdem ein erhebliches Maß an faktischer sexueller Freiheit zu bewahren; alle anderen sind hilflos“ (Hoevels).

3. Ihr „Wille zur Vernunft“, ihre „tabulose Selbsterziehung zur Wahrheit“ (INL), was immer sie darunter auch verstehen mögen, schmückt ihre Flugblätter und Bücher, in denen sie alleinigen Anspruch auf Wahrheit erheben (s.o. und u.). Ihrer Revolution wird wohl eine wissenschaftsgläubige Welt folgen, in der ein paar wenige die Wahrheit erklären, die durch die „bedingungslose Anwendung der Vernunft“ befolgt werden müßte. Eine Welt für und von Menschen, die sich durch „die Tateinheit von Intelligenz und Vorstellungskraft mit der kriminellen Energie zur Wahrheitsliebe“ auszeichnen (Ketzerbriefe). Außerdem würde uneingeschränkte Meinungsfreiheit vorherrschen, die sie „nicht etwa als ‚Freibrief zum Quasseln‘, sondern als nützliches Instrument zur ‚Ermittlung der Wahrheit‘ ansehen“ (BgA). Wir können uns selbst ausmalen, wer dann den „wissenschaftlichen“ Unterschied zwischen Meinung und Quasseln festlegt und welche Wahrheit es zu ermitteln gilt. Auf jeden Fall wird dann keiner mehr Unsinn reden. Wer es doch wagen sollte, wird vielleicht mit einer gelungenen Rache bedacht (s.u.) oder, wer kann das schon voraussehen, einer hoevelschen Psychoanalyse unterzogen.

4. Ihre Gesamtlösungen betreffen nicht bloß Aids, die Abschaffung von Familie und Religion, sie machen auch „einen wirksamen Umweltschutz“ durch Geburtenkontrolle möglich: „Fünf Milliarden sind vier zuviel! Jedenfalls, wenn sie nicht auf Sparflamme und ohne Wälder und Schmetterlinge vegetieren sollen, mit einmal Fleisch pro Woche, wenn sie Glück haben“ (BgA). Andererseits kann sich die „linke“ Welt auch nur durch eine Gesamtlösung etablieren und halten, durch Massenhinrichtungen, die z.B. in Kuba, im Gegensatz zu Nicaragua, alle Anläufe von Konterrevolutionären kläglich scheitern ließen. Schließlich könne man „auf diejenigen, denen das Denken schwerfällt, ... getrost verzichten“ (INL) und damit der Fatalität entgehen, die der Verzicht auf Rache in zweierlei Hinsicht erweise: „Zum einen wird die Gelegenheit zur numerischen Verringerung der Feinde nicht wahrgenommen, zum anderen auf die Wiedererringung der Selbstachtung der Geknechteten verzichtet“ (INL). Dabei wird auch Ästhetik oder Wohlempfinden nicht zu kurz kommen, denn „der üble Tod des Üblen ist schön — und nicht nur auf dem Theater“ (Hoevels). Hauptsache „Mord“ passiert nicht durch Aids (s.o.).

Perlenkette 3 Zur Disziplin der neuen „Linken“: opferbereit und heldenhaft. Und zu den Säuen.

„Gegen uns, die wir unter großen persönlichen und finanziellen Opfern versuchen, in einer trost- und meinungslosen Zeit der allgemeinen Dumpfheit etwas entgegenzusetzen, gegen uns muß sich der Rest der Welt nun also verteidigen.“ Dabei wäre es doch genau umgekehrt, denn „ähnlich wie gewisse jüdische Widerstandsgruppen im Warschauer Ghetto sind wir ein wenig mutiger als die mehrheitsgeilen Drecksäcke, die gegen uns mobil machen ...“ (BgA). Aber nicht nur der Mut verbinde diese aufgeklärten Gruppen mit den Juden im 3. Reich, nein auch ihr Status: Zensurmaßnahmen würden „an das Dritte Reich erinnern“, sie würden eine „Sonderbehandlung“ erfahren, sie werden Opfer einer „Vernichtungsaktion“ (BzVuE). An der Wiener Universität wären „regelrechte Pogrome angezettelt“ worden, die INL müsse vor der „pogromgeilen Meute“ geschützt werden, „durchbrechen Sie die Todeszone ...!“ (INL). ( Und tragen Sie aber bitte kein bekanntes Gesicht aus der linken Szene, sonst wird Ihnen vielleicht der Eintritt zu INL-Veranstaltungen verwehrt, mit Hilfe von INL-AktivistInnen und ihren beorderten Staatspolizisten).

Langsam wird verständlich, woraus die verschiedenen inhaltsgleichen Gruppierungen ihren Zusammenhalt gewinnen, denn „in Westdeutschland ist das Vierte Reich bereits Realität“, und in Österreich gehe es um das Gleiche „wie im westdeutschen Mutterland“, um „die Endlösung der ‚Vernunftfrage‘“ (INL). Mit aufgelockerten Vergleichen quer durch Länder und Geschichte wird an Bekanntes gern angeknüpft und Politiker oder Parteien rigoros in gut und böse eingeteilt. Hitler und Brandt seien „in der Vernichtung der Opposition so erfolgreich“, bloß heute merke es keiner mehr, weil es nur mehr so wenige Widerstandsnester gebe. Weil sich Hussein gegen die USA gewehrt habe, wird er „ein Vorbild aller aufrechten Menschen bleiben“ und ihre „uneingeschränkte Hochachtung“ genießen (INL). Ebenso vorbildlich seien KPdSU, Lenin, Trotzki oder Che Guevara.

Große Feinde, wie die Kirche, der Islam und die Sozialdemokraten, aber auch die USA, das religiös verseuchte Nicaragua oder alle Länder, „die bereitwillig den US-Stiefel lecken“ (INL), scheinen aber kaum auf Anschuldigungen und Beschimpfungen zu reagieren, nur manchmal wehrt sich die Kirche, oder Zeitungen verweigern Anzeigen. So wollten weder »Die Zeit«, »Frankfurter Allgemeine« und »Frankfurter Rundschau« noch der »Süddeutsche Verlag« und das »Konkret« für den „Anti-Aids-Ausweis“ werben, die letzten beiden genauso wenig für das Buch »Jasenovac — das jugoslawische Auschwitz und der Vatikan«, das von Vladimir Dedijer geschrieben und im Ahriman Verlag erschienen ist. Sein Herausgeber, Bunte-Liste Stadtrat und „Spezialist für ‚Gotteslästerungsprozesse‘ in der BRD“, Gottfried Niemietz bekam Schwierigkeiten mit der Kirche und wurde wegen zwei Aussprüchen selbst geklagt. Wie er gingen auch zwei von ihm verteidigte Journalisten frei, weil „die Bedrohung des öffentlichen Friedens durch eine so unbedeutende und kleine Gruppe Antiklerikaler“ nicht gesehen werden könne.

Kleine Feinde aber, rund um die linke Kleinkultur, die linke Szene, werden genauso hartnäckig diffamiert und angezeigt, nicht nur von Hoevels Leuten, sondern auch von den NachfolgerInnen Friedrich Lieblings in der Schweiz: Feministinnen („trübe Funzeln“ mit „Hausfrauengeist‘, INL), Autonome („eine Art verhinderter Faschisten“, Hoevels), Münchner marxistische Gruppen („solch abstoßender Zirkel“, ders.), Pazifisten („ungesunde Elemente einer verflossenen sog. Friedensbewegung‘“, INL), KPÖ („nach dem Verlust der Macht winselnd und ehrlos wie zuvor, nur ekelhafter“, INL) ... Aber gerade unter ihnen agieren Hoevels verpflichtete Menschen mit Flugblättern, Infoständen und Veranstaltungen, so emsig und fleißig wie die Wachturm-Posten, und kämpfen mit dem Namen ihrer Feinde und gegen sie in voller Härte. Durch ihre eng bedruckten Schriften für eine intellektuelle Nachwelt und Diffamierungen in bunten Schattierungen fühlen sich andere politisch Aktive gerade aus den Reihen der Linken provoziert und reagieren des öfteren zu emotional. Flugblätter einer »Initiative zur Abschaffung der Initiative Neue Linke« kursieren, Zeitungen warnen vor der Tarnorganisation, spötteln über den „Obskurantenstadel“. Sind sie wirklich so gefährlich? Oder sind diese Auseinandersetzungen symptomatisch für die Perspektivlosigkeit der Linken oder ihrer Krise? Gefährlich ist nicht, daß sie ihre Ziele durchsetzen könnten, weil sie viel zu kleine Gruppen sind und viel zu großkariert diffamieren, lästig sind sie. Immer wieder werden Leute von der »Neuen Linken« vor Gericht gezerrt, wo die »Volksstimme« z.B. beweisen kann, daß die INL Quarantäne von Aidskranken nicht ausschließen will oder es nicht rechtswidrig sei, dieselbige als ausländerfeindlich zu bezeichnen, eine Prozeßgeschichte, die wie so viele „eine bedenkliche Nähe zur mittelalterlichen Inquisition“ herstelle (INL). Erfolglos blieb die Verteidigung des »TATblattes«, ein österreichisches Zeitungsprojekt, das permanent ums finanzielle Überleben zu kämpfen hat. 30.000 öS Prozeßkosten sind zu bezahlen, weil u.a. im »TATblatt« Bildnisse von INL-AktivistInnen veröffentlicht wurden, mit einem „ihre Ehre beeinträchtigenden Text“ oder weil darin die Bitte zu lesen war, VerkäuferInnen um die Entfernung der Ahriman-Bücher zu ersuchen. Vor Gericht haben sich aber auch Leute zu verantworten, die INL-Flugblätter sachbeschädigt oder gesammelt haben sollen oder zwischen Veranstaltungstumulten identifiziert worden seien. Während mehrere Vorladungen noch auf sich warten lassen, wurde heuer im März ein linker Aktivist, der auf der Veranstaltung »Gleichheit statt Feminismus« von einem „neuen Linken“ beschuldigt und sofort von der Staatspolizei brutal verhaftet wurde, zu 10 Monaten unbedingt verurteilt. So gesellt sich zu Hoevels und seinen Gruppen, „d.h. einem schwachen Menschen mit einem schwachen Geheimdienst“ (Hoevels) ein starker Freund und Helfer, die Staatspolizei.

Trotzdem brauchen sie „eine ganze Menge mehr an Mitgliedern“ die sie „durch ‚Diskussion‘ und ‚Aufklärung‘ (wer kann das sonst von sich behaupten?) gewinnen wollen ...“ (BgA). Und weil sie die „alten Linken“ durch Prozesse verlieren, bei der Staatspolizei anzeigen, suchen sie sich halt, ähnlich dem veränderten Feindbildschema des Schweizer VPM (s. Eugen Sorg: »Lieblings-Geschichten.« Weltwoche V. Zürich), Freunde unter den „neuen Rechten“. In einem Flugblatt „an alle, die sich überlegen, die »Republikaner« zu wählen“ zählt der »Bund zur Verbreitung unerwünschter Einsichten vier Gemeinsamkeiten auf, nach denen es sich lohnen würde, Kontakt aufzunehmen: gemeinsame Feinde im Inland, dieselbe Sicht gegenüber den USA, die Ablehnung jedes Nationalmasochismus, jeder Erbschuldmystik und das Rückgrat. „Wieviel rationaler (also hirnfreundlicher) sind doch die Argumente eures Wortführers Schönhuber als die wieselig-wendige Verlogenheit des rötlich-grün-feministischen Komposthaufens oder die unterdrückungsfrohe Verlautbarungsphraserei des Politkartells“.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juli
1992
, Seite 57
Autor/inn/en:

Sabine Zelger:

Geboren 1966. Diplom- und Doktoratsstudium der Deutschen Philologie und Theaterwissenschaft an der Universität in Wien. Arbeit an einem FWF-Projekt über den bürokratischen Alltag in Österreich anhand einer Analyse der österreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts, sowie „(Un)Doing gender“ am Institut für Germanistik. Koordination und wissenschaftliche Tätigkeit bei „Tropen des Staates“. Lehraufträge zu den Themen Staatsfiktionen, Wirtschaft, Politische Ideologien, Literaturtheorie. Vorträge und Veröffentlichungen insbesondere zu deutschsprachiger Literatur mit Forschungsschwerpunkt auf Kommunikation, Gesellschaft und Verwaltung. Lehrbeauftragte am Institut für Germanistik der Universität Wien.

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