FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1963 » No. 115/116
Elisabeth Stengel

Mißbehagen am Mittelmaß

Wiener Kellertheater als Prüfstein

In Wien kann man den jeweils letzten Stand der dramatischen Neuheiten am besten bei den Aufführungen der Kellerbühnen registrieren. Hier erfolgte vor einigen Jahren der Einbruch des Neuen Theaters, hier wurden die ersten Stücke von Genet, Ionesco oder Beckett gespielt, bevor sie nach einer heilsamen Auslese auf die großen Bühnen gelangten. Und hier zeigt sich jetzt die Stagnation, die fast jeder Revolutionszeit folgt. Einerseits bemüht man sich redlich, politische Vergangenheit und Gegenwart in den Griff zu bekommen, anderseits hat eine kümmerliche Nachhut jetzt den Bahnbrechern des Neuen Theaters das Handwerk abgeguckt und vergißt vor lauter literarischem Eifer, daß Theater immer auch Unterhaltung sein muß.

Das Studio Experiment am Lichtenwerd brachte einen Abend mit drei Einaktern, die in mancher Hinsicht paradigmatisch sind. Bei H. C. Artmann geht es in „la cocodrilla“ um den Tod von „Meister Russelbart“ und seiner nervösen Frau. Das Material, das für dieses Stückchen aus dem Steinbruch der großen Vorbilder gewonnen wurde, ist verhältnismäßig leicht erkennbar: das todbringende Geräusch (das Schreien der Krokodile) ist aus Vians „Schmürz“ bekannt, ein Regieanweisungen aufsagender Sprecher fungiert in der oft bewährten Rolle des Desillusionisten, das selbst im avantgardistischen Theater der Franzosen unentbehrliche Dienstmädchen („Die kahle Sängerin“, „Schmürz“, „Die Zofen“) tritt in Aktion, die Handlung ist auf eine einzige Situation reduziert (siehe Beckett), und die Dialoge sind scheinbar unzusammenhängende Kompilationen (siehe Ionesco).

Wichtig ist aber nicht, woher die Bausteine stammen, sondern was der Autor damit anfängt. H. C. Artmann hat ein seltsames Labyrinth aus ihnen gebaut, dessen System (falls eines vorhanden ist) dem Zuschauer verborgen blieb und dessen einziger Reiz unvermutet aufblühende sprachliche Lyrismen waren. Für eine lebendige Theaterwirkung war das aber zuwenig, obwohl Regisseur (Joe Berger), Bühnen- und Kostümbildner (Gabriel Bauer und Ulrike List) hier rettend in die Bresche sprangen. Die phantastischen Kostüme, die Intensität der Hauptdarsteller (Hannah Tomek und Hubert Fleischmann) und die szenischen Gags gaben der Sache den Anschein, als ob es sich um ein wirkliches Theaterstück handelte.

Auch der am gleichen Abend von Hannah Tomek, Ewald Pichler und Johannes Kaiser vorzüglich gespielte Einakter „bräutigall & anonymphe“ mußte durch szenischen Aufputz erst zum Leben gebracht werden. Der junge Autor Konrad Bayer verließ sich ganz auf die Sprachkomik seiner manieristischen Wortneubildungen („lagst du quem am barfußboden“), was auf die Dauer nur halb so lustig ist, als es vielleicht beim Lesen wirkt. Beide, Artmann und Bayer, schreiben nicht in erster Linie für das Theater und für Schauspieler; ihre Szenen sind mühsam einem Grundgedanken abgerungen, der bei Konrad Bayer durchschaubar und bei H. C. Artmann undurchschaubar ist.

Jacques Audiberti dagegen ist ein Autor, der es versteht, für die Bühne zu schreiben. Sein Mikrodrama „Die Frauen des Ochsen“, das den Einakterabend im „Experiment“ eröffnete, lebt von der tragikomischen Figur eines ochsenstarken Fleischers, der dreißig Frauen im Haus hat und keine zu lieben wagt, weil er sie durch seine Kraft umbringen würde. Die an sich saftige Geschichte wird jedoch durch leicht kitschig-rührende Töne eines mißverstandenen théâtre poétique teilweise um ihre Wirkung gebracht.

Wiens Kellertheater boten jedoch nicht nur Avantgardisten, sondern auch zwei interessante Beispiele für sogenannte „Problemstücke“.

„Alle gegen Alle“ von Arthur Adamov wurde unter der geschickten Regie von Nils Kopf vom Ensemble des „Experiment“ (u.a. mit der begabten Gudrun Geier) vor der Kirche Maria am Gestade aufgeführt, die sich zusammen mit einer Treppenanlage und Häuserschlucht als ideale Szenerie bewährte, so daß man sich verwundert fragte, warum dort nicht schon längst Theater gespielt wurde. Adamov führt irgendeinen Staat unter irgendeinem totalitären Regime vor, in dem „die Flüchtlinge“ gehaßt, verfolgt, ermordet, rehabilitiert und wieder verfolgt werden. Das Stück leidet unter der Ungewißheit, wer mit den Flüchtlingen gemeint sei (die Juden? die Algerier? die Neger? eine Klasse? ein Typus?), welcher Staat hier attackiert wird (der faschistische? der kommunistische? jeder nationalistische?) und in welcher Zeit die Sache spielt. Denn solange man, wie Adamov in diesem Fall, realistische Szenen mit naturalistisch kopierter Alltagssprache schreibt, kann man einen Konflikt nicht dadurch zur Allgemeingültigkeit erheben, daß man alle aktuellen und authentischen Anhaltspunkte gewissenhaft vermeidet.

Denis F. Bernard bleibt dagegen in seinem Stück „Jeder von uns“ (Theater der Courage) eindeutig bei einem konkreten Fall und gelangt damit doch erstaunlich weit. Hier wird mit handfesten theatralischen Mitteln das Leben in einem israelischen Kibbuz dargestellt; ein junger Mann aus dieser Gemeinschaft erfährt durch eine Zeitungsnotiz, daß er als Zweijähriger von seinem Vater, dem Kommandanten eines KZ, noch im letzten Augenblick durch eine eingebrannte Nummer als Judenkind markiert und dadurch gerettet wurde. Die Konflikte, die durch diese Entdeckung entstehen, sind so überzeugend aus der Sphäre der Personen heraus entwickelt, daß peinliche Allgemeinplätze gar nicht erst aufkommen können. Überdies wurde der fast schon naturalistische Stil von allen Darstellern und vom Regisseur August Rieger so gut getroffen, daß eine durchwegs gelungene Aufführung zustande kam. Der Preis für die aktuelle Lebendigkeit dieses Stücks kann sein, daß sie von der Wirklichkeit alsbald überholt und dann unglaubhaft wird — aber solange das literarisch ambitionierte Theater keine dauerhafte Nachfolge findet, soll man sich getrost an die dramatischen Eintagsfliegen halten.

Neben so viel Bemühung um zeitgenössisches Theater gab es im Ateliertheater am Naschmarkt ein Kuriosum außer Konkurrenz: unter dem hochtrabenden Titel „Uraufführung“ wurde die „Hippodameia“, eine Tragödie des 15jährigen Anton Wildgans, im wörtlichen Sinne zum besten gegeben. Der Regisseur Veit Relin hatte es von vornherein nicht darauf abgesehen, literarische Kostbarkeiten zu entdecken, sondern er inszenierte diese Ausgrabung als das, was sie wirklich ist: ein rührend pathetisches, von dramaturgischen Regeln völlig unbelecktes Pennälerstück, das einer Kurzfassung von Schillers gesammelten Werken gleichkommt. Die parodistische Wirkung kam durch den naiven Ton der Schauspieler (u.a. Michael Gert, Christine Merthan, Magdalena Emesz, Kurt Jäger, Hannes Herret) und die pointenreichen Bühnenbilder von Jean Veenenbos von selbst zustande. Ob es jedoch sinnvoll ist, ein Stück aufzuführen, das nur lustig ist, weil es schlecht ist, erscheint bei allem patriotischen Respekt vor Anton Widgans doch eher fragwürdig.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juli
1963
, Seite 377
Autor/inn/en:

Elisabeth Stengel: Jahrgang 1938, hat in Wien ihre germanistischen Studien mit einer Dissertation über Heimito von Doderer abgeschlossen. Nachdem sie im FORVM bereits mit kleineren Beiträgen vertreten war („Doctor Doderers Wuthäuslein“, Heft IX/108; „Ein Philosoph für die Dichter“, Heft X/114; „Mißbehagen am Mittelmaß“, Heft X/115-116), wird sie unserer Redaktion nunmehr als ständige Mitarbeiterin verbunden sein.

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