FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1968 » No. 171-172
Robert A. Kann

Leopold II. oder Fortschritt statt Revolution

Historische und metahistorische Betrachtungen zu Adam Wandruszkas Biographie Leopolds II.

A. Wandruszka, Leopold II., Wien—München, Herold Verlag, 2 Bände, 1963-1965.

Es gehört zu den Eigentümlichkeiten der neueren Historiographie, daß nur wenige der wichtigsten habsburgischen Herrschergestalten in völlig zureichenden Biographien behandelt werden. Am nächsten kommen diesem Ziel vermutlich die Biographie Rudolfs von Habsburg von Oswald Redlich, die Karls V. von Karl Brandi, und in ihrem erste Teil, etwa bis zum Ausgleich von 1867, auch die Franz Josefs von Josef Redlich. Die schon ihrem Umfang nach monumentalen und gewiß höchst anerkennenswerten Werke von Bucholtz über Ferdinand I. und von Arneth über Maria Theresia sind kaum Biographien im eigentlichen Sinn und wohl eher Geschichten der Regierungen mit besonderer Berücksichtigung des biographischen Gesichtspunktes. Sie werden dadurch trotz unleugbar großer Vorzüge, besonders des Arneth’schen Werkes, weder dem allgemeinen geschichtlichen noch dem biographischen Gesichtspunkt ganz gerecht. Natürlich sind sie auch in mehr als einer Hinsicht veraltet, und das gilt in vollem Maße auch für die Biographie Josefs II. des Russen Mitrofanow, verhältnismäßig noch immer die beste Bearbeitung des bedeutenden Gegenstandes.

Es mag dahingestellt bleiben ob die erwähnten Unzulänglichkeiten nur durch Überalterung, Unzulänglichkeit von Quellen oder dynastische Rücksichten erklärbar sind. Vermutlich ist eine gewisse Empathie — wenn auch ganz bestimmt keine unkritische — zwischen dem Biographen und seinem Gegenstand erforderlich. Es läßt sich jedenfalls auch die Ansicht vertreten, daß die Bedeutung einer historischen Persönlichkeit und ihre geschichtliche Rolle irgendwie kommensurabel sein müssen, um die Schöpfung eines wirklich bedeutenden biographischen Werkes zu ermöglichen. Diese beiden Umstände, Möglichkeit der Empathie und persönliche historische Bedeutung zum Unterschied von der bloß bedeutenden historischen Rolle, sind nun im Falle Ferdinands I., Maria Theresias und Josefs II. bestimmt gegeben, in dem Falle Ferdinands II., Leopolds I., Karls VI. oder Franz’ II. (I.) sind sie hingegen recht problematisch. Jedenfalls treffen aber viele Umstände, einschließlich der Möglichkeit der Empathie und der Bedeutung des Gegenstandes, doch — zunächst von der hervorragend qualifizierten Persönlichkeit des Biographen abgesehen — aufs glücklichste zusammen, um die Schaffung einer wissenschaftlich und literarisch wertvollen Biographie Leopolds II. zu ermöglichen.

Die Bedeutung Leopolds II. (1747—1792), des zweiten Sohnes Maria Theresias, als eines der fähigsten und kenntnisreichsten österreichischen Herrscher war natürlich lange vor dem Erscheinen von Professor Wandruszkas Werk bekannt. Wenn diesem Herrscher die Forschung nicht das gebührende Interesse entgegenbrachte, so ist das wohl auf die naheliegende Ansicht zurückzuführen, daß er als Kaiser (1790-1792) zu spät gekommen und zu früh gegangen sei. Auch wurde das Interesse an Leopold weitgehend durch den heißumstrittenen Glanz der Regierung des älteren Bruders, Josephs II., in den Schatten gestellt. Wandruszkas Arbeit ist aber eigentlich in erster Linie auf Leben und Tätigkeit Leopolds vor der Berufung auf den Thron abgestellt. Im Mittelpunkt steht die Regierung in der Toskana, die fast ein Vierteljahrhundert währte, deren Darstellung durch Wandruszka aber keineswegs auf lokale Angelegenheiten beschränkt ist. Während dieses ganzen Zeitraums stand Leopold — man würde heute sagen, als Konsulent — in allen Angelegenheiten der Monarchie mit Mutter und Bruder in enger Verbindung, und die Regierungstätigkeit selbst stellt wesentliche allgemeine Probleme der Aufklärung in den Vordergrund.

Insbesondere in Hinblick auf den toskanischen Lebensabschnitt hat Wandruszka eine Reihe neuer Quellen von großer Wichtigkeit aufgeschlossen. Vor allem ist ihm die Entzifferung der italienischen Geheimkurzschrift, in der die Tagebücher Leopolds abgefaßt sind, gelungen. Aber auch die Privatarchive der Nachkommen von Leopolds engsten Beratern und natürlich das Haus-, Hof- und Staatsarchiv in Wien, das Staatsarchiv in Florenz und das neuerdings nach Prag verlagerte Toskana-Archiv haben überreiches neues Material zutage gefördert. Wandruszka hat es meisterhaft zu nutzen verstanden. Wenn man von den in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen veröffentlichten Aktenstücken zur Kriegsschuldfrage und den darauf gestützten Arbeiten absieht, gibt es wenige Werke der neueren europäischen Geschichte, die so durchgreifend auf neuen Quellen aufgebaut sind.

Evolution statt Utopie

Was die Tätigkeit Leopolds als Großherzog von Toskana in vielem über die anderer aufgeklärter Herrscher seiner Zeit hinaushebt, ist das ersichtliche Ziel, vom aufgeklärten Absolutismus auf evolutionärem Weg zum konstitutionellen Verfassungsstaat zu gelangen. Beschieden war dies Leopold zwar ebensowenig wie seinem Zeitgenossen Stanislaus Poniatowski von Polen; aber was dort gleicherweise durch den Druck äußerer Mächte und innerer Zwistigkeit gescheitert ist, wurde in Toskana freilich schon im früheren Entwurfstadium verhindert. Das aber war, ungleich der rauhen Wirklichkeit des polnischen Verfassungsexperimentes, hauptsächlich einem fast zufälligen Ereignis, Leopolds Abberufung auf den Kaiserthron, zuzuschreiben.

Selbst wenn man vom Verfassungsentwurf mit seiner Gewaltenteilung und dem auf Grundbesitz und nicht ständischen Vorrechten aufgebauten Parlament ganz absieht, so bleibt noch übergenug des faktisch Verwirklichten. Leopold war kein Mann der Utopie. Vor allem zeigt dies der völlige Umbau der Wirtschaftspolitik von der Zunftordnung und dem Primat des ländlichen Großgrundbesitzes zur Gewerbefreiheit und Stärkung des landwirtschaftlichen mittleren und Kleinbesitzes und des freien Getreidehandels. Die Gemeindeautonomie in der Verwaltung, der allerdings in der Praxis wenig glückliche Übergang vom Söldnerheer zu einem Milizsystem und die Humanisierung des Strafrechtes, die weit über die josephinischen Reformen hinausging, sind hier weiters von besonderer Bedeutung. Eine große Rolle im Regierungssystem Leopolds spielten auch die kirchlichen Fragen, in denen Leopold, der jansenistischen Tendenzen nahestand, die Richtung eines gemäßigten Staatskirchentums vertrat — was gewiß weniger radikal als das Reformprogramm Josephs war, ihm aber zeitlich in wesentlichen Punkten vorausging.

Der jansenistische Zug im geistigen Bild Leopolds stimmt nicht ganz mit der Vorstellung des kühlen und klugen Pragmatikers überein, der in der bisherigen Historiographie meist als charakterlicher und politischer Gegenspieler Josephs verstanden wurde. Das ist nun durchaus nicht Wandruszkas Auffassung, der in den Brüdern — vor allem in der beiderseitig starken Gebundenheit an die Interessen der habsburgischen Länder — viel mehr die Ergänzung als den Gegensatz sieht.

Contra Mutter und Bruder

Mit der eingangs erwähnten kritischen Empathie geht Wandruszka keineswegs an den Schwächen Leopolds, der Unaufrichtigkeit, dem Hang zur Intrige, dem ständigen Mißtrauen und der Unterstützung des Geheimagenten- und polizeilichen Spitzelwesens vorüber, wie dies insbesondere, aber keineswegs ausschließlich, seit 1790 in der Behandlung der jakobinischen Bewegung in Ungarn zum Ausdruck kommt. Auch die Charakterisierung von Mutter und Geschwistern im „stato della famiglia“ von 1778, dessen Entzifferung wir Wandruszka verdanken und das er mit Recht als ein „einzigartiges Dokument“ bezeichnet, wirft in seinen Vorwürfen der Ungerechtigkeit, Sprunghaftigkeit und Ignoranz gegenüber Joseph und Bigotterie und Beschränktheit in bezug auf Maria Theresia eigentlich ein ungünstigeres Licht auf Leopold selbst als auf den Gegenstand der Kritik, die kaiserliche Familie. Man wird aber bei Leopold vieles, vor allem den Mangel an Aufrichtigkeit in den Beziehungen zu dem älteren autokratischen Bruder, mit dem Gefühl der Frustrierung seitens eines, der es besser zu wissen glaubte und wahrscheinlich auch besser wußte, entschuldigen können. Daß Leopolds scharfe, aber immer streng geheime Kritik im großen und ganzen doch nicht auf verletzter Eitelkeit beruhte, sondern von seinem Standpunkt aus gesehen sachlich verankert war, geht aus seinen umfangreichen Denkschriften, insbesondere aus den „Riflessioni sopra lo stato de la monarchia‘‘ von 1778 klar hervor. Despotismus, Korruption, eine überstrenge Kontrolle der Wirtschaft auf Grund eines Merkantilismus ältester Observanz, krasse Mängel im Unterrichtswesen, und trotz aller Staatskontrolle völlige Verwirrung im Grundsätzlichen werden hier angeprangert.

Man wird die wesentlichen Punkte dieser Kritik, die Widersprüche im Regierungssystem, keineswegs völlig durch Unstimmigkeiten zwischen Maria Theresia und dem Mitregenten Joseph erklären können, die auf dem Generationsunterschied und verschiedenen Staatsauffassungen beruhten. Leopolds Beurteilung des Bruders ist unter dessen Alleinherrschaft (1780-1790) um nichts milder geworden, obwohl seine politische Philosophie der Josephs zweifellos näher stand als jener der Mutter. Wenn aber Leopold dem älteren Bruder in Fragen der Wertung der gesellschaftlichen Ordnung, Verteilung des staatlichen Einkommens und wohl auch der persönlichen religiösen Überzeugung näher stand, so stand er ihm darum noch durchaus nicht nahe. Das bezieht sich nicht nur auf die wesentlichen Unterschiede zwischen der expansiven Außenpolitik Josephs und der konservativen Leopolds, nicht nur auf die radikalen autoritären Regierungsmethoden Josephs und die konziliant vorsichtigen Leopolds, nicht nur auf geschickte Nutzung der Tradition hier und ihre Verachtung dort. Es steht wohl noch Entscheidenderes auf dem Spiel. Der ältere Bruder, der „Schätzer‘‘ der Menschen war ein Despot, weil er aus tiefster Seele glaubte, daß nur der aufgeklärte Despotismus den Untertanen den materiellen Segen sichern, und rasch sichern konnte, den sie verdienten. Leopold war, wenn wir seine Handlungen und Schriften im Zusammenhalt betrachten, alles eher als ein Schätzer der Menschen, denen er mit ganz wenigen Ausnahmen immer äußerlich liebenswürdig, dabei aber höchst kritisch, mißtrauisch und hinsichtlich ihrer geistigen Fähigkeiten geringschätzig gegenübertrat. Sein politisches Bekenntnis zum Verfassungsstaat und zur Gewaltenteilung, wie es im „Glaubensbekenntnis“ vom Jänner 1790 zutage tritt, beruht kaum auf der Schätzung der menschlichen Fähigkeiten, sondern vielmehr auf Mitleid mit den menschlichen Unzulänglichkeiten. Ihre Unabdingbarkeit macht die Gewaltenteilung des Verfassungsstaates zur Notwendigkeit. Dadurch aber wird eine Reformpolitik ermöglicht, die mit diesen menschlichen Unzulänglichkeiten Schritt hält und ihnen nicht ungestüm vorauseilt. Daß eine derartige Politik die Katastrophen der letzten Regierungsjahre Josephs vermieden hätte, wird allgemein angenommen; ob sie aber imstande gewesen wäre, eine mächtige, über ein Jahrhundert hin anhaltende Geistesströmung wie den Josephinismus zu schaffen, ist eine Frage, die sich nicht beantworten läßt.

Damit halten wir schon bei der kurzen, nur zwei Jahre andauernden Regierungstätigkeit Leopolds als Kaiser, deren Behandlung weniger als ein Viertel von Wandruskas Gesamtdarstellung einnimmt. Zwei grundsätzliche Auffassungen sind hier hinsichtlich der Innenpolitik, die sich freilich von der äußeren nicht scharf trennen läßt, möglich. Die eine sieht in der leopoldinischen Innenpolitik vor allem die Absicht der Restitutio in integrum, die Absicht, die josephinischen Reformen auf den Stand der letzten Regierungsjahre Maria Theresias zurückzuführen und damit einer drohenden revolutionären — richtiger: häufig einer gegenrevolutionären — Situation, vor allem in den nichtdeutschen Herrschaftsgebieten zu begegnen. In diesem Zusammenhang ist vor allem die Aufhebung der josephinischen Steuer- und Urbarialregulierung in Sachen der bäuerlichen Verpflichtungen, die Aufhebung der unglücklichen Sprachengesetzgebung in Ungarn und die Milderung der extremen kirchenpolitischen Maßnahmen Josephs zu nennen. Auch die Wiederherstellung der ungarischen ständischen Verfassung sowie der in den österreichischen Niederlanden ist hier von größter Bedeutung. Daß die Wiedereinsetzung der österreichischen Herrschaft in Belgien mit Waffengewalt erfolgen mußte, entsprach gewiß ebensowenig dem Wunsch des neuen Kaisers wie die notwendige Stärkung des Ständewesens in Ungarn, das rein grundsätzlich betrachtet in völligem Widerspruch zu Leopolds verfassungsrechtlichen Ideen stand.

Trotzdem wird man sich gerne der anderen, weitergehenden Ansicht anschließen, die auch Wandruszka teilt, daß der notwendige Rückzug Leopolds in Fragen der Reformpolitik im wesentlichen rein strategisch war. Vieles spricht dafür, daß er die Reformen nicht nur chronologisch weitergeführt, sondern sie auch sachlich in vielem erweitert hätte. Leopold hat sich noch in den letzten Wochen seines Lebens intensiv mit der Frage der allgemeinen Verfassungsreform auf Grund seiner toskanischen Pläne befaßt. Er hat auch, ungleich seinen Alliierten, gegenüber der überraschend modernen polnischen Verfassung von 1791 eine vorurteilsfreie und positive Haltung eingenommen. Sehr im Gegensatz zu Joseph war aber bei Leopold niemals das Bessere des Guten Feind. Darum hat er im bescheidenen Rahmen des Möglichen die Modernisierung des böhmischen Ständewesens in Böhmen und der innerösterreichischen Verwaltung gefördert. Er hat Bedeutendes in der Verbesserung des Polizei- und Unterrichtswesens geleistet.

Ist sohin die Reformpolitik nur durch den unerwartet jähen Tod des neuen Kaisers gehemmt und bald zum großen Teil zerstört worden? Ein einziger, allerdings erheblicher Grund läßt sich gegen eine solche Auffassung vorbringen: Es ist die in der Geistes- wie in der politischen Geschichte erweisbare Tatsache, daß sich jene bedeutenden Persönlichkeiten an den Fingern einer Hand abzählen lassen, welche in die Ära der ideologischen Umwälzungen der französischen Revolution mit denselben Anschauungen eingetreten sind, mit denen sie späterhin auf die Hinrichtung des Königs, die Herrschaft des Terrors, die Gesetzgebung des Nationalkonvents, den Sturz Robespierres und die Außenpolitik des Direktoriums und des Konsulates zurückblickten. Leopolds Tod am 1. März 1792 ist all diesen Ereignissen vorausgegangen. Hätte er sich etwa, von der Perspektive des beginnenden neunzehnten Jahrhundert gesehen, vom enttäuschten Halbliberalen zum romantischen Reaktionär gewandelt? Hätte er damit Österreich auf die Bahn der letztlich außenpolitischen Kurzsichtigkeit und der weit schlimmeren innenpolitischen Ungeistigkeit des kommenden franziszäischen Regierungssystems geführt? Hätte er anderseits der Versuchung des Kurswechsels auf Grund ideologischer Enttäuschungen widerstehen und den Geist der Spätaufklärung mit dem eines frühen Liberalismus verbinden können ? Wäre dadurch der Anschluß an die westeuropäische geistige Entwicklung gewahrt und die durch Generationen anhaltende, unglückliche Spätwirkung des Vormärz vermieden worden?

Es gibt natürlich keine klare Antwort auf diese Fragen, aber Anhaltspunkte dafür sind vor allem auf außenpeolititischer Grundlage zweifellos vorhanden. Gewiß, es spricht eigentlich alles für die herrschende Ansicht, die Wandruszka auch völlig teilt, daß Leopold nach Kräften bemüht war, den europäischen Frieden zu erhalten und insbesondere die österreichische Intervention gegen Frankreich nach Möglichkeit zu vermeiden. Der Ausgleich mit Preußen im Juli 1790 sollte vorerst die Stellung Österreichs im Konzert der europäischen Mächte stärken und war noch nicht unmittelbar auf die französische Krise abgestellt. Aber selbst die Entrevue von Pillnitz mit Friedrich Wilhelm im folgenden Jahr und das definitive Bündnis mit Preußen gegenüber Frankreich im Februar 1792, kaum drei Wochen vor dem Tod des Kaisers, ist noch als eine Defensiv-Aktion anzusehen. Ihren Absichten nach kann sie der moderen Politik des „containment“ verglichen werden.

Die Frage ist aber nicht so sehr, was Leopold wollte, sondern was er tun mußte. Hätte er erkannt — und eine solche Erkenntnis war wohl selbst auf kurze Sicht hin unvermeidlich — daß die Annahme der Verfassung durch Ludwig XVI. im September 1791 die revolutionäre Entwicklung nicht verhinderte, sondern beschleunigte, so hätte er auch vermutlich bald dem Druck der Girondisten in Paris und dem der aristokratischen Emigration am Rhein weichen müssen. Denn mit verkehrten Vorzeichen arbeiteten sie wirkungsvoll auf dasselbe Ziel hin: den Krieg. Letzten Endes hätte auch das monarchische System in Österreich, wie im übrigen Europa überhaupt, die Verurteilung und Hinrichtung des Königs ohne kriegerische „Sanktion“ kaum vertragen. In einem Krieg, an dem Leopold führend beteiligt gewesen wäre, hätte freilich das geradezu irrsinnige Manifest des Herzogs von Braunschweig, welches dem Königspaar das Grab schaufeln half, kaum erlassen werden können. [*] Wie dem aber auch immer sei, sobald der Koalitionskrieg gegen Frankreich einmal begann, hätte Leopold die Entscheidung in äußeren und letztlich wohl auch inneren Fragen aus der Hand geben müssen. So ist es denn nicht unwahrscheinlich, daß die österreichische Geschichte trotz allem irgendwie in das enge Bett des franziszäischen Systems eingemündet hätte.

Hätte Leopold ...

Freilich war auch eine andere Möglichkeit gegeben, und zwar eine von durchgreifender weltgeschichtlicher Bedeutung. Hätte Leopold in seiner Vor- und Umsicht den Krieg solange verhindert, bis die Revolution in Frankreich ihren Höhepunkt überschritten hatte, dann wäre es wohl überhaupt nicht mehr zur Intervention der Mächte gekommen. Ohne diese Intervention, die entscheidend mithalf, den Radikalismus in Frankreich an die Spitze zu treiben, hätte aber ein 9. Thermidor (25. Juli 1795), der Bruch der revolutionären Linie, schon wesentlich früher und weniger gewaltsam eintreten können. Das hätte zu einer ganz neuen Konstellation in ganz Europa geführt, die dem vorsichtigen Liberalismus Leopolds freie Bahn gegeben hätte. Si non è vero, è bene trovato.

Wandruszka hätte die hier aufgerollten Fragen diskutieren können, gewiß aber nicht müssen und letztlich, von seinem Standpunkt aus gesehen, wohl auch nicht einmal sollen. Denn wenn auch der Reiz der Geschichtsforschung zum Teil in der Berechtigung metahistorischer Betrachtungen besteht, so liegt doch gerade der entscheidende Wert von Wandruszkas Arbeit in anderem: nämlich auf neuen Wegen und auf Grund neu erschlossener Quellen zu zeigen, was war und was es bedeutet. Das hat Wandruszka in seinem biographischen Meisterwerk vollauf und in geistreicher und tiefgründiger Weise getan. Die unlösbare Frage, was hätte sein können, wenn Leopold nicht zwei, sondern zwanzig Jahre regiert hätte, verleiht aber dem nüchternen Geist der Aufklärung noch einen zusätzlichen romantischen Schimmer, hinter dem sich eine Art von vierter Dimension der Problematik Leopolds abzeichnet.

[*Das Manifest des Höchstkommandierenden der Alliierten Truppen vom August 1792, ein klassisches Dokument der unpsychologischen Kriegsführung, verhieß bekanntlich die Zerstörung von Paris, falls der legal noch regierende König von Seiten der Bevölkerung bedroht oder insultiert würde.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1968
, Seite 224
Autor/inn/en:

Robert A. Kann: Gebürtiger Österreicher, Ordinarius für Geschichte, Rutgers University, lehrte zuvor an der Graduate School, Columbia University, war Research Associate, Wilson School of Public and International Affairs‚ Princeton University, sowie Mitglied des Institute for Advanced Studies, Princeton. Er schrieb die zweibändige Studie „The Multinational Empire“ (1950), ferner „Nationalism and National Reform in the Habsburg Monarchy, 1848-1918“, „The Habsburg Empire: A Study in Integration and Desintegration (deutsch: „Werden und Zerfall des Habsburgerreiches“, Styria 1962), „A Study in Austrian Intellectual History: From Late Baroque to Romanticism“ (1960; deutsch: „Kanzel und Katheder", Herder 1962).

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