FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1992 » No. 462-464
Robert Schlesinger

Laßt kriminelle Fremde um mich sein!

oder: Wer vom Balkan ist, bestimmt Hans Dichand
Fotoportrait Dichand

Das verlogene Geschwätz von den Ausländern, die von unserem Land fernzuhalten seien, um uns die Kriminalität vom Halse zu schaffen (Fremde sind offenbar durchwegs Verbrecher, Österreicher nie) — dieses Geschwätz ist an sich unerträglich. Es aber im Zusammenhang mit jenen zu wiederholen, die auf der Flucht vor dem Krieg in Bosnien und Kroatien sind, ist eine Ungeheuerlichkeit, die „Cato“, vulgo Hans Dichand, vorbehalten blieb.

Dichand ist kein Blödian — leider, sonst könnte man ihn ignorieren. Er schreibt nicht, daß alle Flüchtlinge Verbrecher sind. Aber zur Untermauerung der Behauptung, mit den aus den Kriegsgebieten am Balkan Entronnenen kämen Kriminelle hierher, gereicht ihm ein Russe. Eine raffinierte Agitation: Der Balkan ist überall, Tschusch bleibt Tschusch, alles Schlechte kommt von Osten, und ist ein Ausländer kein Doppelmörder, dann wenigstens ein Autoknacker. Mögen solche Räuber auch schon lange bei uns leben, dienen sie Dichand doch dazu, die Gastfreundschaft gegenüber den Kriegsflüchtlingen, denen jetzt geholfen werden muß, anzugreifen — auch wieder nicht explizit, versteht sich. Allein: Die geforderte verschärfte Kontrolle gibt es nicht. Keinen Gauner, Dichand muß das wissen, erkennt man an der Physiognomie. Die Konsequenz heißt also, die Grenzen zuzusperren und allenfalls ein paar prominente Regimekritiker aus Diktaturen als Alibi-Asylanten aufzunehmen, von denen man sicher sein kann, daß sie keine silbernen Löffel stehlen.

Der verhaftete Russe hat — nehmen wir an, daß Dichand ihm nichts unterstellte — zwölf Menschenleben gefährdet. Wie viele Menschenleben versucht der Herausgeber der »Krone« zu gefährden, indem er indirekt dafür plädiert, die Opfer des Krieges am Balkan von Österreichs Grenzen zurückzuweisen? Ein Doppelmörder ist ein Krimineller, fürwahr. Was jedoch Hans Dichand ist, läßt sich im Druck schwerlich wiedergeben. Kriminell ist er jedenfalls nicht, weil — von sorgsam auszuwählenden Ausnahmen wie der „Auschwitzlüge“ abgesehen — die Äußerung auch der schändlichsten Meinung frei sein muß. Niedertracht und Charakterlosigkeit können und dürfen nicht mit den Mitteln des Strafrechts bekämpft werden. Wir lernen daraus, daß Kriminalität nicht der Übel übelstes sein muß. Ich für meinen Teil würde lieber mit einer Million kroatischer Autoknacker in einer Stadt leben als mit einem einzigen Hans Dichand.

Wir lernen außerdem, daß die wahren Probleme, wie so oft, hausgemacht sind. Dichand ist niemals eingewandert; er hat sich, — ebenso wie unzählige ihm Gleichgesinnte — via Geburt in unser schönes Land eingeschlichen. Die Geburtenkontrolle vermag dagegen ebensowenig auszurichten wie jede noch so rigorose Grenzkontrolle gegen den vereinzelten Zuzug von ausländischen Kriminellen.

Das einzige Mittel gegen Publizisten wie Dichand, das einer Demokratie würdig ist, bietet die Marktwirtschaft: Ein Blatt wie die »Kronen-Zeitung« dürfte keinen Erfolg haben. Immer öfter erweist sich, daß jeder, der Dichands Profit mehrt, daß jeder Käufer, Mitarbeiter und Inseratenkunde der »Krone« auch ein Schuft ist, trägt er doch zur Entwürdigung Österreichs bei. Wer diese Verantwortung tragen mag, trage sie; sie möge schwer auf ihm lasten.

„Gastfreundschaft“

Nur noch in Österreich werden Flüchtlinge aus den Kriegsgebieten des Balkans aufgenommen. Das übrige Europa schließt sich vor dem Zustrom dieser Menschen ab. Wir sind den blutigen Ereignissen näher und haben auch ein Herz für in Not Geratene.

Dafür müssen wir allerdings auch einen hohen Preis bezahlen, denn mit dem Flüchtlingsstrom kommen kriminelle Elemente ziemlich unkontrolliert nach Österreich. Täglich sind die Zeitungen mit Berichten über Verbrechen voll, begangen von Kriminellen, die auf diese Weise zu uns gelangen konnten. Zum Beispiel gestern: „Doppelmörder aus Rußland in Wiener Wohnung gefaßt“. Dazu heißt es: „Der Mann war bei der Gendarmerie kein Unbekannter. Schon im August 1991 hatte er in Stockerau mit einer Pistole auf eine Wohnhausanlage geschossen. Zahlreiche Fenster gingen in Brüche, zwölf Personen kamen in Lebensgefahr.“

Dennoch befand er sich weiterhin auf freiem Fuß. Warum aber hat man ihn überhaupt hereingelassen? Weil eben jedermann so gut wie ohne Kontrolle in unser Land kann. Und wenn dann ein solcher Verbrecher auch bei uns wieder kriminell wird, so behandelt man ihn mit Samthandschuhen.

Am gleichen Tag wurde auch eine Bande von kroatischen Autoräubern gefaßt, die als „Flüchtlinge“ schon seit langem bei uns lebten und von den Behörden einfach übersehen wurden. Als man sie jetzt beim nächtlichen Autoknacken erwischte und die Frage an sie stellte, warum sie ohne Aufenthaltsgenehmigung in Wien seien, antworteten sie zynisch-treuherzig: „Na, wegen der Gastfreundschaft.“

Solche „Gastfreundschaft“, die Begünstigung von Verbrechen bedeutet, sollten wir nicht gewähren ...

Cato

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juli
1992
, Seite 29
Autor/inn/en:

Robert Schlesinger: Studium der Geschichte, Universität Wien. Freier Journalist: DER STANDARD, FORVM, Wiener Journal. Sozialgeschichtliches Forschungsprojekt im Auftrag des Wissenschaftsministeriums. Eventmanager.

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