FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1974 » No. 246
Heinz Gibus (Übersetzung) • Lu Hsün

Konfuzianer fressen Menschen

Tagebuch eines Irren

Diese erste Kurzgeschichte Lu Hsüns wurde im April 1918 geschrieben und erschien im April 1974 in der Zeitschrift Chinese Literature. Unser Mitarbeiter Heinz Gibus, der sie aus dem Englischen übersetzte, schreibt uns aus Hongkong: „Die Symbolik des vorliegenden Textes ist leicht zu durchschauen — Menschenfresserei als Chiffre für Unterdrückung und Ausbeutung ist trotz der Einfachheit oder gerade deswegen ein kühnes Symbol. Ist es tatsächlich so, daß eine Welt ohne Ausbeutung und Unterdrückung nur als Ausgeburt eines kranken Hirnes vorstellbar ist? Oder gilt der Glaube der alten Völker, daß der Wahnsinnige ein Abgesandter höherer Mächte sei, daß der Verrückte heilig ist und im Wahn die Wahrheit spricht?“

Lu Hsün (1881-1936) ist der einzige vorrevolutionäre Schriftsteller, der nach 1949 nicht in Frage gestellt worden ist. Er interessierte sich stark für europäische Literatur, lernte Deutsch‚ übersetzte Petöfi aus einer deutschen Reclam-Ausgabe ins Chinesische, druckte Holzschnitte von Käthe Kollwitz in seiner Zeitschrift „Der Sturm“ ab. Über Lu Hsüns Rolle in der ersten (bürgerlich-antiimperialistischen) chinesischen Kulturrevolution vom 4. Mai 1919 schrieb Mao Tse-tung in seiner Schrift „Über die neue Demokratie“: „Lu Hsün war das Haupt der Kulturrevolution in China.“ Der nachfolgende Text ist ein Beleg dafür, daß sich der Antikonfuzianismus durch alle chinesischen Revolutionen zieht.

Zwei Brüder, deren Namen ich hier nicht zu nennen brauche, waren während meiner Universitätszeit gute Freunde von mir gewesen, dann aber hatten wir nach einer Trennung von einigen Jahren mehr und mehr den Kontakt zueinander verloren. Vor einiger Zeit hörte ich zufällig, daß einer von ihnen ernsthaft erkrankt sei, und als ich einmal nach Hause zurückfuhr, unterbrach ich meine Reise, um beide wiederzusehen. Ich traf aber nur einen von ihnen an, der mir erzählte, daß es sein jüngerer Bruder war, der krank geworden war. „Ich freue mich sehr, daß du einen so weiten Weg gekommen bist, um uns zu sehen“, sagte er. „Mein Bruder ist wieder gesund geworden und weit, weit weg gegangen, um eine Stellung anzunehmen.“ Lächelnd zeigte er mir dann zwei Tagebücher seines Bruders, wobei er mir erklärte, daß aus ihnen die Art der Krankheit deutlich hervorginge und daß es absolut nichts Besonderes wäre, diese Niederschrift einem alten Freund zu zeigen. Ich nahm also eines der Tagebücher, las es durch und fand, daß sein Autor an einer Art Verfolgungswahn gelitten haben mußte. Seine Aufzeichnungen waren äußerst verwirrend und unzusammenhängend, enthielten zahllose verrückte Feststellungen. Weiters hatte er alle Zeitangaben unterlassen, so daß nur der Farbe der Tinte und der Verschiedenheit der Handschrift zu entnehmen war, daß nicht alles in einem Zug geschrieben wurde. Etliche Passagen waren jedoch einigermaßen zusammenhängend, und ich habe sie für die medizinische Forschung abgeschrieben. Ich habe keine einzige der krankhaften Feststellungen verständlicher gemacht, sondern nur die Namen geändert, obwohl es sich bei den betreffenden Personen um einfache Bauern handelt, die niemand in der Welt kennen würde. Was den Titel betrifft, so war dieser vom Autor des Tagebuches nach seiner Genesung selbst gewählt worden, und ich glaubte, ihn nicht ändern zu dürfen.

I

Der Mond scheint heute sehr hell. Ich habe das dreißig Jahre lang nie so intensiv erlebt, aber als ich ihm heute ins edle Gesicht sah, fühlte ich mich in einer ungewöhnlichen Stimmung. Mir schien, als ob ich diese dreißig Jahre in völliger Dunkelheit gelebt hätte. Ich muß nun äußerst vorsichtig sein. Warum haben Chaos Hunde mich zweimal so seltsam angesehen?

Ich habe also Grund für meine Angst.

II

Heute nacht schien kein Mond. Ich weiß, daß dies ein schlechtes Vorzeichen ist. Als ich heute morgen das Haus verließ, hatte Chao einen sehr seltsamen Blick, so als ob er Angst vor mir hätte, als ob er mich ermorden wollte. Es waren da auch noch sechs oder sieben andere Leute, die sich über mich flüsternd unterhielten, wobei sie Angst zu haben schienen, mit mir zu reden, so wie auch alle anderen, mit denen ich zusammentraf. Der mutigste unter ihnen grinste mich derart an, daß ich vom Scheitel bis zur Sohle zu zittern begann und plötzlich wußte, daß ihre Vorbereitungen beendet waren.

Ich war jedoch nicht zu sehr in Panik und setzte meinen Weg fort. Eine Gruppe Kinder, wenige Schritte vor mir, begann ebenfalls über mich zu sprechen, und ihre Blicke glichen denen von Chao, während ihre Gesichter eine geisterhaft blasse Farbe hatten. Ich wollte wissen, warum diese Kinder eine solche Abscheu mir gegenüber hatten und sich so benahmen. Ich konnte nicht anders und schrie sie an: „Sagt mir endlich ...“ — doch sie rannten davon. Ich wollte auch erfahren, welche Gefühle Chao mir gegenüber hegte, was die Leute auf der Straße gegen mich hatten. Ich konnte mich an nichts anderes erinnern als an die Tatsache, daß ich vor zwanzig Jahren einmal in den alten Geschäftsbüchern von Herrn Ku Chiu [1] herumgestöbert hatte und dieser deswegen sehr unangenehm berührt gewesen war. Obwohl Chao ihn nicht gekannt hatte, muß er davon gehört und beschlossen haben, ihn zu rächen, wozu er mit den Leuten auf der Straße gegen mich konspirierte. Aber was war dann mit den Kindern los? Zu dieser Zeit waren sie ja noch nicht einmal auf der Welt gewesen, und warum sollten sie mich so seltsam anschauen, so als ob sie Angst vor mir hätten, als ob sie mich ermorden wollten. Ich fürchte mich. Es ist alles so seltsam und beängstigend.

Ich weiß es jetzt. Sie haben das alles von ihren Eltern gehört.

III

Ich kann in der Nacht nicht schlafen. Alles braucht sorgfältige Überlegung, wenn man es verstehen will.

Alle diese Leute, von denen etliche schon von den Behörden an den Pranger gestellt und von den Adeligen ins Gesicht geschlagen worden waren, denen man die Frauen geraubt hatte oder deren Eltern von Wucherern zum Selbstmord getrieben worden waren, hatten nie so angstvoll und gleichzeitig wild dreingeschaut wie gestern.

Das ungewöhnlichste aber war eine Frau, die auf der Straße ihr Kind geschlagen und dabei ausgerufen hatte: „Kleiner Teufel. Du ärgerst mich so, daß ich dich auffressen könnte!“ Und dabei hatte sie mich die ganze Zeit angeschaut. Ich wollte davonlaufen und war außerstande, meine Panik zu verbergen. Plötzlich begannen alle Passanten mit bleichen Gesichtern und langen Zähnen schrecklich zu lachen. Der alte Chen nahm mich dann am Arm und brachte mich nach Hause.

Er brachte mich nach Hause, aber die Leute dort schienen mich nicht mehr zu kennen. Auch sie hatten denselben Blick wie die anderen. Als ich mich dann meinen Büchern widmen wollte, sperrten sie mich ein, wie man eine Ente oder ein Huhn einsperrt. Das machte meine Verwirrung vollständig.

Einige Tage vorher war ein Mann aus dem Dorf „Wolfsjunge“ gekommen, um über einige Mißlichkeiten bei der Ernte zu berichten. Er erzählte meinem älteren Bruder auch, daß in seinem Dorf ein bösartiger Mann von den Leuten erschlagen worden wäre. Man hatte ihm dann Herz und Leber aus dem Körper genommen, in Öl gebraten und beide Organe aufgegessen, um so den eigenen Mut zu steigern. Als ich den Erzähler plötzlich unterbrach, starrte er mich wortlos an, wie auch mein Bruder. Ich bemerkte, daß auch sie denselben Blick hatten wie die anderen.

Immer wenn ich daran denke, beginne ich vom Scheitel bis zur Sohle zu zittern. Sie essen Menschen und deshalb werden sie auch mich essen.

Alles, was ich in den letzten Tagen erlebt hatte, waren verborgene Vorzeichen. Ich spürte plötzlich deutlich das Gift in ihren Worten, die verborgenen Dolche in ihrem Gelächter. Ihre Zähne waren alle weiß und glänzend. Mit diesen Zähnen essen sie die Menschen. Obwohl ich nachweisbar kein schlechter Mensch geworden war, seitdem ich in Herrn Kus Geschäftsbüchern herumgestöbert hatte, glauben sie mir das nicht. Sie scheinen Geheimnisse zu haben, die ich nicht erraten kann, und wenn sie ärgerlich sind, nennen sie jeden, den sie essen wollen, einen schlechten Menschen ...

Alles braucht sorgfältige Überlegung, wenn man es verstehen will. Soviel ich mich erinnern kann, haben Menschen in früheren Zeiten ihresgleichen gegessen, doch bin ich mir nicht völlig sicher. Ich versuchte Beweise zu finden, aber mein Geschichtswissen erschien plötzlich nicht mehr chronologisch geordnet und über jede Seite schienen die Worte „Konfuzianische Tugend und Weisheit“ geschmiert worden zu sein. Da ich sowieso nicht mehr schlafen konnte, begann ich die halbe Nacht zu lesen, bis plötzlich zwischen den Zeilen Worte auftauchten und sich dann das ganze Buch mit zwei einzigen Worten füllte: „Menschen Essen!“

All diese Worte in den Büchern, die Worte des Mannes aus dem Wolfsjungendorf sehen mich mit einem rätselhaften Lächeln an. Auch ich bin ein Mensch, und alle wollen mich essen.

IV

Am Morgen verhielt ich mich für einige Zeit ganz ruhig. Der alte Chen brachte mir das Essen: viel Gemüse und gebratenen Fisch. Die Augen des Fisches waren weiß und hart und sein Maul stand offen, wie das eines Menschen, der seinesgleichen zu essen verlangt. Nach einigen Bissen konnte ich tatsächlich nicht mehr sagen, ob die schleimigen Stückchen Fisch nicht in Wirklichkeit Menschenfleisch waren, und erbrach mich im nächsten Augenblick.

Ich sagte zu Chen: „Bitte richte meinem Bruder aus, daß ich mich nicht gut fühle und im Garten spazierengehen will.“ Chen sagte nichts und ging hinaus. Doch bald kam er zurück und öffnete das Gartentor. Ich bewegte mich nicht und beobachtete, wie er sich mir gegenüber verhielt. Ich war sicher, er würde mich nicht hinausgehen lassen. Dann kam mein Bruder ins Zimmer und mit ihm ein älterer Mann. Ich sah einen mörderischen Glanz in seinen Augen, die er sofort zu Boden senkte, aus Furcht, ich könnte das bemerken.

„Es scheint dir heute recht gut zu gehen,“ sagte mein Bruder. Ich bejahte. „Ich habe hier Herrn Ho eingeladen, um dich zu untersuchen.“

„Geht in Ordnung,“ antwortete ich, obwohl ich wußte, daß dieser alte Mann die Aufgabe hatte, mich hinzurichten. Meinen Puls zu fühlen, war nur ein Vorwand, um festzustellen, ob ich schon fett genug war, wodurch er sich einen guten Happen meines Fleisches als Honorar verdienen würde. Ich spürte jedoch keine Angst. Obwohl ich kein Menschenfleisch esse, war mein Mut größer als der ihre. Ich streckte ihm meine zwei Fäuste entgegen, um zu sehen, was er tun würde. Der alte Mann nahm Platz, schloß die Augen, tat dies und tat jenes. Dann öffnete er seine huschenden Augen und sagte: „Lassen Sie sich nicht von ihrer Einbildungskraft mitreißen. Ruhen Sie sich einige Tage aus und Sie werden sich besser fühlen.“

Lassen Sie sich nicht von der Einbildungskraft mitreißen! Ruhen Sie sich ein paar Tage aus! Natürlich, wenn sie mich mästen, haben sie dann mehr zu essen ...

Mein offen zur Schau getragener Mut machte sie alle jedoch noch gieriger nach meinem Fleisch, um sich so auch meinen Mut einzuverleiben. Der alte Mann machte Anstalten zu gehen, doch bevor er das tat, sagte er zu meinem Bruder mit leiser Stimme: „Kann sofort gegessen werden!“ Mein Bruder nickte. So war auch er an dieser abscheulichen Sache beteiligt. Diese Entdeckung war ein gewaltiger Schock, obwohl ich das eigentlich erwartet hatte: Mein älterer Bruder wird also dabei sein, wenn sie mich verspeisen. Mein Bruder ist ein Konsument menschlichen Fleisches.

Ich bin der jüngere Bruder eines Essers menschlichen Fleisches! Ich, der von den anderen aufgegessen werden wird, bin der jüngere Bruder eines Essers menschlichen Fleisches.

V

Ich habe einige Tage darüber nachgedacht. Angenommen, der alte Mann war nicht mein Scharfrichter, sondern tatsächlich ein Doktor, warum sollte er nicht trotzdem auch ein Konsument von Menschenfleisch sein. Jenes Buch über Heilkräuter, das von einem seiner Kollegen und Vorgänger Li Shih-chen [2] geschrieben worden war, stellt ausdrücklich fest, daß Menschenfleisch gekocht und gegessen werden kann. Wie kann er da noch leugnen, daß er Menschen ißt.

Was meinen älteren Bruder betrifft, so hatte ich gute Gründe, ihn zu verdächtigen. Als ich noch bei ihm lernte, erzählte er mir, daß früher Leute ihre Söhne ausgetauscht hätten, um sie zu essen [3] ...

VI

Völlige Finsternis. Ich weiß nicht, ob Tag oder Nacht ist. Der Hund von Chao hat wieder zu bellen begonnen: Der Mut und die Wildheit eines Löwen, die Ängstlichkeit eines Kaninchens und die Schlauheit eines Fuchses.

VII

Ich weiß jetzt, wie sie’s anstellen werden. Sie werden mich nicht selbst töten, weil dies ja Konsequenzen haben könnte. Statt dessen werden sie überall Fallen aufstellen, um mich zu zwingen, Selbstmord zu begehen. Das Benehmen der Leute auf der Straße und das Verhalten meines älteren Bruders sind der Beweis dafür. Was sie sich am meisten wünschen, ist, daß ihr Opfer sich den Gürtel von der Hüfte reißt und sich am nächsten Baum aufhängt. So können sie sich an seinem Fleisch erfreuen, ohne des Mordes angeklagt zu werden ...

Sie essen nur Fleisch, in dem kein Leben mehr ist. Ich erinnere mich, etwas von einem Tier gelesen zu haben, das Hyäne heißt, häßlich ausschaut und sich von Aas ernährt. Selbst die stärksten Knochen werden von den Zähnen der Hyäne zermahlen. Der bloße Gedanke daran ließ meine Haare zu Berge stehen. Hyänen sind den Wölfen verwandt und gehören alle derselben Tiergattung an. Darum also hatte mich Chaos Hund so seltsam angeschaut. Es ist klar, daß auch er Mitglied der kannibalischen Verschwörung ist ...

VIII

Plötzlich kam jemand herein. Der Besucher war nur zwanzig Jahre alt und ich sah seine Gesichtszüge nicht ganz klar. Sein Gesicht lächelte freundlich, doch sein Lächeln kam nicht vom Herzen. Ich fragte ihn geradeheraus: „Ist es recht, Menschenfleisch zu essen?“

Noch immer lächelnd antwortete er: „Wenn es keine Hungersnot gibt, wie kann jemand Menschen essen!“

Ich sah sofort, daß auch er einer von ihnen war, brachte aber genug Mut auf, um meine Frage zu wiederholen: „Ist es recht?“

„Warum fragen Sie solche Sachen? Sie machen wohl gern Späße? Schauen Sie, ist heute nicht ein schönes Wetter?“

„Ja, es ist schön und der Mond scheint hell. Aber ich frage noch einmal: Ist es recht?“

Er schien verwirrt zu sein und murmelte: „Nein!“

„Nein? Warum tut ihr es dann?“

„Wovon sprechen Sie?“

„Wovon ich spreche? Im Wolfsjungendorf eßt ihr Menschen! Sie können das in jedem Buch nachlesen, es ist mit frischer roter Tinte geschrieben.“

Sein Ausdruck wechselte, er wurde grau im Gesicht. „Es kann sein“, sagte er und starrte mich an. „Es ist eben schon immer so gewesen ...“

„Ist es deswegen aber auch recht?“

„Ich weigere mich, weiter mit Ihnen zu reden. Sie sollten auf jeden Fall nicht darüber sprechen. Es ist für jeden schädlich, solche Worte in den Mund zu nehmen.“

Ich sprang auf, mit weit geöffneten Augen, aber der Mann war verschwunden. Ich war in Schweiß gebadet. Er war viel jünger als mein Bruder, aber natürlich ebenfalls in die Angelegenheit verwickelt. Er muß diese Scheußlichkeit von seinen Eltern gelernt haben und ich fürchte, daß er sie bereits seinem eigenen Sohn weitergegeben hat. Das war der Grund, daß mich die Kinder so seltsam angeschaut haben.

IX

Gierig nach Menschenfleisch, aber voller Angst, selbst gefressen zu werden, beobachten sie einander mit Argwohn.

Wie einfach und angenehm könnte das Leben sein, wenn sie sich von diesem Verlangen befreien. Sie müßten nur diesen einen Wunsch aufgeben. Doch Väter und Söhne, Ehemänner und ihre Frauen, Brüder, Freunde, Lehrer und Schüler, geschworene Feinde und selbst Fremde sind alle in diese Verschwörung verwickelt und hindern einander gegenseitig, den befreienden Schritt zu tun.

X

Früh am Morgen suchte ich meinen Bruder. Er stand vor dem Haus und schaute gen Himmel, als ich hinter ihn trat und ihn so freundlich wie möglich anredete: „Bruder, ich muß dir etwas sagen.“

„Nur zu“, sagte er, drehte sich um und nickte.

„Es ist nichts besonderes, aber mir fallen die Worte schwer. Bruder, vielleicht haben alle primitiven Stämme anfangs einmal Menschenfleisch gegessen. Später dann haben sie ihre Einstellung geändert und einige haben damit aufgehört. So schwer ihnen das gefallen sein mag, war es richtig, und das erst hat sie zu Menschen gemacht. Aber andere essen weiterhin Fleisch ...“

„In der Vorzeit kochte Yi Ya seinen Sohn, um ihn Chi und Chou [4] zum Essen vorzusetzen; das ist eine Sage. Seit der Erschaffung von Himmel und Erde durch Pan Ku [5] haben die Menschen einander buchstäblich aufgefressen, in der Zeit von Yi Ya’s Sohn bis zur Epoche Hsu Hsi-lins, und von Hsu Hsi-lin [6] bis zu dem Mann vom Wolfsjungendorf. Voriges Jahr wurde in der Stadt ein Verbrecher hingerichtet; ein Schwindsüchtiger tauchte ein Stück Brot in sein Blut und aß es.“

„Mich wollen sie jetzt essen, und natürlich kannst du, allein auf dich gestellt, nichts dagegen machen. Aber mußt du dich ihnen anschließen ? Als Menschenftesser sind sie zu allem fähig. Wenn sie mich essen, können sie genausogut auch dich essen. Mitglieder derselben Gruppe können einander verspeisen. Aber wenn ihr eure Einstellung ändert, hier und jetzt ändert, so könnte ein jeder Frieden haben.“

Zunächst lächelte mein Bruder, dann trat ein mörderischer Glanz in seine Augen, und als ich von seinem schrecklichen Geheimnis sprach, wurde er blaß. Vor unserem Haus hatte sich in der Zwischenzeit eine Menschenmenge versammelt, unter ihnen auch Chao mit seinem Hund, wobei sich alle ihre Hälse verrenkten, um in unser Haus zu schauen. Ich konnte nicht alle ihre Gesichter sehen, doch einige von ihnen schienen maskiert zu sein. Ich wußte, daß dies eine Bande von Menschenfressern war, aber ich wußte auch, daß nicht alle gleich dachten. Manche glaubten, man müsse Menschen essen, weil es eben immer schon so gewesen sei. Andere wußten, daß man eigentlich Menschen nicht essen soll, aber sie wollten es gleichzeitig wieder doch und hatten Angst, daß man ihr Geheimnis entdecken könnte.

Plötzlich verdunkelte sich das Gesicht meines Bruders: „Verschwindet alle miteinander“, schrie er: „Was soll das, einen Wahnsinnigen anzuglotzen?“

Einmal mehr erkannte ich ihre Verschlagenheit. Sie würden niemals ihre Einstellung ändern, und ihre Pläne waren festgelegt. Sie hatten mich zu einem Wahnsinnigen erklärt. Wenn ich also in absehbarer Zeit gegessen werde, soll sich niemand besonders um diese Angelegenheit kümmern, ja man würde meinen Konsumenten gegenüber sogar dankbar sein. Wenn der Mann aus dem Dorf davon gesprochen hatte, daß ein böser Mann getötet und aufgegessen worden war, so meinte er genau dieses System. Das ist ihr Trick.

Der alte Chen kam herein und war äußerst ärgerlich, doch konnte er mich nicht davon abhalten, die Meute zu warnen: „Ihr solltet euch ändern. Ändern im Grund eures Herzens“, rief ich. „Ihr solltet euch klar werden, daß in der Zukunft kein Platz für Menschenfresser mehr sein wird. Wenn ihr euch nicht ändert, werdet ihr euch alle gegenseitig auffressen.

Soviele ihr auch sein mögt, die wirklichen Menschen werden euch auslöschen, so wie Wölfe von Jägern getötet werden.“

Der alte Chen verscheuchte sie dann. Mein Bruder war verschwunden. Ich ging in mein Zimmer, wo es völlig dunkel war. Die Haken und Balken an der Decke schienen sich über meinem Kopf zu bewegen, dann wurden sie immer größer und wuchsen auf mich zu. Ihr Gewicht lastete auf mir, ich konnte mich nicht mehr bewegen. War das der Tod?

Ich bäumte mich auf und rief: „Ihr müßt euch ändern, vom Grund eures Herzens! Ihr müßt wissen, daß in der Zukunft für Menschenfresser kein Platz sein wird ...“

XI

Ich wußte nun auch, wie meine kleine Schwester gestorben war: Durch die Hand meines älteren Bruders. Meine Schwester war damals erst fünf Jahre alt gewesen. Ich kann mich noch erinnern, wie süß sie aussah. Armes Ding! Mutter weinte damals, als könnte sie nie aufhören, aber mein Bruder tröstete sie und trocknete ihre Tränen, offenbar weil er meine Schwester gegessen hatte und nun über die weinende Mutter beschämt war. Wenn er überhaupt noch Scham empfinden konnte!

Meine Schwester war also von meinem Bruder gegessen worden, und ich weiß nicht, ob meine Mutter das je entdeckt hat. Ich glaube, meine Mutter muß es geahnt haben ...

Ich erinnere mich, als ich vier oder fünf Jahre alt war, hat mir mein Bruder erzählt, daß man, wenn die Eltern krank sind, als guter Sohn sich ein Stück Fleisch herausschneiden und für sie kochen soll; Mutter hat ihm nicht widersprochen. Wenn ein Teil gegessen werden kann, dann auch das Ganze.

XII

Ich kann den Gedanken nicht ertragen. Mir ging gerade auf, daß ich durch all die Jahre an einem Ort gelebt hatte, an dem viertausend Jahre hindurch Menschenfleisch gegessen wurde.

Mein Bruder hatte zu der Zeit, als meine Schwester starb, unseren Haushalt übernommen, und er könnte ihr Fleisch in unser Essen gemischt haben!

Ich kann also, ohne es zu wissen, vom Fleisch meiner Schwester gespeist haben, und jetzt bin ich an der Reihe. Wie kann ein Mensch wie ich nach viertausend Jahren Menschenfresserei je hoffen, einem wirklichen Menschen zu begegnen ?

XIII

Vielleicht gibt es Kinder, die noch kein Menschenfleisch gegessen haben. Rettet diese Kinder ...

(2. April 1918)

[1Die Schriftcharaktere Ku Chiu bedeuten „alt‘. Hinweis auf die feudale Tradition Chinas. (Anm.d.Red. von Chinese Literature)

[2Li Shih-chen (1518-1593) war ein bekannter Natur-Pharmazeut in der Zeit der Ming-Dynastie. In seinem Kompendium medizinischer Stoffe wird Menschenfleisch nicht als Medizin geführt — das gehört zu den Wahnvorstellungen des „Irren“. (Anm.d.Red. von Chinese Literature)

[3Die alte Geschichtsdarstellung Tso Chuan berichtet, daß während einer Belagerung im Jahre -488 die Belagerten derart Hunger litten, daß sie „ihre Söhne austauschten, um sie zu essen“. (Anm.d.Red. von Chinese Literature)

[4Yi Ya, ein Favorit des Herzogs Huan von Chi im minus siebenten Jahrhundert, war ein guter Koch und ein Schmeichler. Als der Herzog erwähnte, er habe noch nie Kinderfleisch gekostet, kochte ihm Yi Ya seinen eigenen Sohn. Chieh und Chou waren Könige aus einer früheren Periode. Der Irrtum wird als Zeichen geistiger Verwirrung eingeführt. (Anm.d.Red. von Chinese Literature)

[5Mythologische Schöpfergestalt

[6Hu Hsi-lin (1873-1907) war ein Revolutionär in der letzten Phase der Ching-Dynastie. Nach einem Anschlag auf En Ming, den Statthalter der Anwei-Provinz, wurde er gefangen und getötet; die Leute des Statthalters aßen sein Herz und seine Leber. (Anm.d.Red. von Chinese Literature)

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1974
, Seite 25
Autor/inn/en:

Lu Hsün:

1881-1936, einer der bedeutendsten Literaten und Literaturwissenschaftler des neueren China. Vom bürgerlichen Nationalliberalen entwickelte er sich zum Kommunisten, unterstützte die KPCh, ohne je formell beizutreten. Er war das geistige Haupt der 1. chinesischen Kulturrevolution auf den Hochschulen 1918/19.

Heinz Gibus: H. G. ist Weißer, aber Dauerreisender in Afrika, speziell in dessen Ostteil‚ wo er zum Teil in sehr engen Kontakten mit der schwarzen Bevölkerung lebte.

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