FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1974 » No. 247/248
Friedrich Geyrhofer

Kein kollektiver Volksgesang

Dieter Prokop: Massenkultur und Spontaneität. Zur veränderten Warenform der Massenkommunikation im Spätkapitalismus. Edition Suhrkamp, Frankfurt 1974, 226 Seiten, DM 7, öS 54,60

Das vorliegende Buch Dieter Prokops versammelt meistenteils bereits publizierte Arbeiten und Aufsätze: die Einleitungen zu den von Prokop edierten zwei Bänden der „Massenkommunikationsforschung“, Aufsätze aus der Zeitschrift „Filmkritik“, Beiträge zu Sammelbänden über Filmtheorie und Medienkonzentration und die kritische Einführung in das Jugendwerk Auguste Comtes „Plan der wissenschaftlichen Arbeiten“. Neu sind die Aufsätze zum Thema Medienreform und Gegenöffentlichkeit sowie ein kurzer, aber bemerkenswerter Essay mit dem Titel „Der perfekte Schlagerstar“.

Prokop verteidigt den Star und dessen kommerzialisierte Virtuosität. Während die linke Kulturkritik Kunst pauschal ablehnt, weil sie zur Ware geworden sei, erfaßt Prokop am Warencharakter die Rettung der Sinnlichkeit durch ihre industrielle Verarbeitung: „Die Alternative zum Star ist nicht der kollektive Volksgesang, schon gar nicht die kunstlose, nicht mit Arbeit verbundene Expression, sei es von Gefühlen, sei es von Tendenz. Sie besteht in der Entwicklung der Produktionsmittel zur Kunst“ (p. 43). Von Reklame und Propaganda unterscheidet sich Kunst, indem sie im Medium der Sinnlichkeit selbst die Warenästhetik kritisch reflektiert.

Die Argumentation Prokops führt einen Zweifrontenkrieg: sie wendet sich sowohl gegen die positivistische Apologie der Massenmedien als auch gegen ihre abstrakt-kritische Verurteilung durch gewisse Marxisten. Beide Schulen degradieren das Ästhetische zu einem vom Ernst des Lebens ablenkenden Spiel; die permanenten Kritiker der Manipulation differieren von den positivistischen Soziologen allein in der Bewertung des angeblich „Spielerischen“. Die linke Kulturkritik verachtet das Ästhetische als eine „Scheinlösung gesellschaftlicher Widersprüche“ — die marxistische Version des Platonismus. Sinnlichkeit ist suspekt, soweit sie nicht als bloßes Werkzeug einer politischen Philosophie dient. Im selben Geist hat schon der Vater des Positivismus von der Kunst die Anpreisung eines sozialen Systems verlangt, „nachdem es durch die positive Politik bestimmt worden war. Ist die Phantasie auf diese Weise in Gang gebracht, so muß sie weiterhin sich vollständig überlassen bleiben.“ (Comte im „Plan der wissenschaftlichen Arbeiten“.) Genauso sagen es heute die Liberalen unter den Repräsentanten der sozialistischen Kulturpolitik.

Gegen diese Instrumentalisierung der Sinnlichkeit hebt Prokop die systemsprengende Rolle einer entfesselten Phantasie hervor: „Produktive Spontaneität ist nicht abstrakte Weitergabe von emanzipatorischer Theorie und Kritik. Der emanzipatorische Charakter von Praxis realisiert sich nicht auf der Ebene reinen Bewußtseins“ (p. 131). Propaganda macht aus ihren Adressaten Konsumenten der Politik. Prokop versteht aber unter Demokratisierung und Politisierung der Massenmedien „das Aufgreifen und Weiterentwickeln der Erfahrungen und Wünsche der Gesellschaftsmitglieder bei Einbeziehung aller spielerischen, amüsementhaften, karnevalistischen Momente der jeweilig gegebenen Kulturen“ (p. 132). Er verspottet diejenigen Kritiker der Massenmedien, „die Brutalität und Unterhaltung schlicht durch Kunst oder Politik ersetzen wollen“ (p. 133).

In seiner „Soziologie des Films“ (1970) hat Prokop an der Entwicklung der Filmwirtschaft von der freien Konkurrenz der Anfänge bis zum gegenwärtigen weltweiten Monopol der amerikanischen Filmindustrie die Verwandlung der Sinnlichkeit in Tauschabstraktion nachgewiesen: alles lokal und sozial Spezifische wird im Interesse des Weltmarkts neutralisiert. Massenunterhaltung wird mit dem Geld vergleichbar: sie nivelliert die individuellen Bedürfnisse, indem sie diese auf den kleinsten gemeinsamen Nenner bringt. „In den Produkten der Massenkultur“, schreibt Prokop (p. 57), „spielt sich ... der Kampf zwischen den Zwängen des bestehenden Herrschaftssystems und den aufgenommenen, auf Emanzipation drängenden Wünschen ab, ein Kampf, in welchem die Wünsche ... auf subtile Weise respektiert und zugleich unterdrückt werden.“

Prokop analysiert diesen Prozeß an einem „Michael Kohlhaas“-Film, den ein prominenter deutscher Jungregisseur für die Columbia gedreht hat. Das Resultat: „die technisch arrangierte, formale Pluralität als die ultima ratio des visuellen Erlebnisses“ (pp. 54/55). Mit eben dieser Pseudo-Sinnlichkeit hat Orson Welles in „Citizen Kane“ Furore gemacht. An den amerikanischen Filmen der letzten Jahre kann Prokop eine wachsende Tendenz zu faschistischen Motiven konstatieren. Die verdrängten und verfälschten Bedürfnisse schlagen in die irrationale Aggression um.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juli
1974
, Seite 58
Autor/inn/en:

Friedrich Geyrhofer:

Geboren am 03.09.1943 in Wien, gestorben am 16.07.2014 ebenda, studierte Jus an der Wiener Universität, war Schriftsteller und Publizist sowie ständiger Mitarbeiter des FORVM.

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