FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1991 » No. 456
Heidi Pataki

„Ich hab was läuten hören ...“

Leben auf dem Lande

Ich hab was läuten hören; und was ich hörte, war das Totenglöcklein des Tratsches. Um dessen Dämonie auf dem platten Lande darzustellen, muß ich ohne den dadaistischen Akt auskommen, ohne vorgefertigtes Material für die literarische Montage. Alles aus der Luft gegriffen!

Rücksichtslos stumm und schweigend liegt die Landschaft da. Die Natur artikuliert sich nicht. Land & Leute produzieren nichts Intellektuelles; nichts was den Nagel auf den Kopf trifft.

Noch immer (oder schon wieder) sitzt das Klischee von der Idylle des Landlebens mit seiner frischen Luft in den Lungen der Städter, zählebig und frühromantisch.

Weinviertel: das Wort klingt bukolisch. Aber es trügt. Ende der fünfziger Jahre hat hier die Kommassierung, das heißt, die Zusammenlegung der verstreut liegenden Weingärten und Äcker stattgefunden. Erbitterte Feindschaften, ewige Fehden sind daraus entstanden. Eine nicht immer unbestechliche Kommission bestimmte die jeweilige Höhe des Ablösepreises für Grund und Boden:

Es war eine Art auf den Kopf gestellter Bodenreform, die nur die Großbauern noch größer, die Kleinbauern und kleinen „Weinhauer“ ärmer gemacht hat.

Wo große Felder, da auch große Erntemaschinen. Mähdrescher, überdimensional wie Dinosaurier (obwohl sie nur kurze Zeit im Jahr im Einsatz sind, und sonst in den Scheunen vor sich hin rosten) sind überdimensional auch im Preis: über eine Million pro Stück. Ein neuer Traktor fällig? Bitte sehr! Noch eine Million! Den ahnungslosen Bauern wurden die Maschinen eingeredet, natürlich auf Kredit, in bequemen Raten zahlbar. Aber dazu reicht ja ein ganzes Leben nicht aus.

Ich hörte, wie ein Verkäufer von Erntemaschinen als Lockmittel für seinen Millionenbrocken ein winziges Transistor-Radio anpries — als Draufgabe, gratis.

Bis über die Mütze verschuldet, suchen die Bauern aus dem Boden herauszuholen, was nur möglich ist. Die Folge? Nicht nur die Zerstörung des Bodens, sondern auch des Bewußtseins. Die Bauern sind zu Sklaven des Bank-Kapitals geworden. Abgeschnitten von ihren oft trotzigen Traditionen, sind sie in einem monströsen gesellschaftlichen Vakuum gelandet: Links die »Kronen Zeitung«, rechts das Vorabendprogramm im Fernsehen, in der Mitte vielleicht noch ein bißchen Pfarrer und Kirchgang. Aber das kommt auch schon ab. Die kleinen Ortschaften sind nicht mehr „besetzt“, sozusagen. Sonntags hetzt ein Pfarrer mit seinem Auto daher, klappert die Gotteshäuslein der Reihe nach ab, immer geistesabwesend und in großer Eile.

Spricht man die älteren Leute zum Beispiel auf bestimmte alte Orts- oder Flurnamen an, so reagieren sie unwillig und gereizt. Davon wollen sie nichts mehr hören, nichts mehr wissen. Wenn ihr Grund den Bauern im Grunde gar nicht mehr gehört, die Bank ihre Hände schon auf allem draufhat — wenn also die Kuh hin ist, soll’s Kalbl auch hin sein ...

Es ist dieses Klima des Verlustes, der Verbitterung und des Hasses, in dem der tödliche ländliche Tratsch gedeiht.

Während der Klatsch der urbanen Gesellschaft eher einen überflüssigen Luxus darstellt, ist der Tratsch auf dem Lande gleichzeitig die einzig mögliche Form des Diskurses und der Kreativität. (Wie gesagt — der Natur kann man Früchte, aber kein einziges Wort entreißen!)

Der Tratsch ist auch die allein bekannte und tradierte Form, um den Gefühlen freien Lauf zu lassen; vor allem der tiefempfundenen Neigung, dem anderen zu schaden.

Rachsucht, Neid und Eifersucht, diese tragenden Säulen jeder Sozietät, können sich, bei den großen ländlichen Distanzen mit ihren wenigen Berührungspunkten, nie direkt, von Angesicht zu Angesicht, von Grimasse zu Grimasse entfalten, sondern nur indirekt, auf Umwegen.

Der Tratsch ist der soziale Kitt & Kleister. Er überwindet die furchterregende räumliche Trennung der sonst völlig isoliert voneinander Lebenden. Wie man sich überhaupt als Großstädter diese dichte Ansammlung von menschlichen Tragödien bei so weit auseinanderliegenden Häusern, diese Kompaktheit an Wahnsinn, Zerstörung und Selbstzerstörung kaum denken kann.

Ich bin schon so weit, zu sagen: Sogenannte „gute Menschen“ gibt’s, wenn überhaupt, nur in der Großstadt!

Die innere Struktur der Dörfer wird bestimmt durch Todfeindschaften. Diese gehen fast immer auf einen Tratsch zurück, ob der nun schon länger zurückliegt, oder eher frisch ist; ob aus einem realen Anlaß heraus, oder aus einem imaginären.

Nach außen ruhig und friedlich, liegen etwa die Häuser da, in einer sanften Mulde, beschattet von den Akazien der Böschung ... Doch in Wahrheit werden sie durchschnitten und zerteilt von den Mäandern des Hasses.

Das heißt: Haus A ist spinnefeind mit Haus C und Todfeind von Haus E (mit Todfeinden wird kein Wort gewechselt, und man grüßt sich nicht.)

Haus B ist verfeindet mit Haus C und Haus E.

Haus C haßt Haus B und Haus D.

Von Haus D (dadrin wohnt eine uralte Frau) weiß man nicht so recht, mit wem sie — außer mit Haus C — sonst noch verfeindet ist, weil sie sich kaum mehr heraustraut ...

Dagegen stehen Haus E und Haus C in bestem Einvernehmen.

Die Mäander des Hasses sind jedoch beweglich. Die Fronten des Tratsches sind verschiebbar. Auf einmal kann es vorkommen — man weiß nicht, wie, über Nacht — daß nun Haus A mit Haus B kein Wort mehr redet, sondern sich über dessen Grundstück hinweg lauthals mit Haus C unterhält.

Wahrscheinlich (man kann es nur vermuten) hat Haus B mit dem Immer-noch-Todfeind Haus E irgendwas zu schaffen gehabt; und das ist jetzt die Strafe dafür.

Sofort formiert sich das gesamte Muster der Feindschaften neu, der Alptraum verlagert sich. Bloß die hilflose alte Frau aus Haus D kann die allgemeine Umverteilung von Freund & Feind nicht mitmachen.

Übrigens: Viele Märchenfiguren trifft man auf dem Lande so nach und nach. Giftzwerge, Waldschratten ... Die Dämonen des Agrarischen begegnen einem leibhaftig, als Ausgeburten dieser kollektiven Neurose, die man „das Landleben“ nennt.

Bestimmte Märchen können also nur, entgegen der üblichen Meinung, die Transfigurationen des Realen ins Phantastische gewesen sein. Doch zurück zum Tratsch: Der Begriff „Tratschn“ wird immer nur weiblich verwendet, obwohl natürlich auch genügend viele jüngere und ältere Männer weidliche Tratsch-Tanten sind.

„Die Obertratschn“, oder die „größte Tratschn vom Weinviertel“ — dieser Titel wurde meiner Nachbarin drei Häuser weiter (Haus E im Haß-Schema) verliehen. Es ist die Lintschi, eine Wittfrau, Mitte der Fünfzig, stets von ihrem großen schwarzen zottigen Hund begleitet. Wo immer dieses schwarze Tier auftaucht (und es taucht immer irgendwo auf), beginnt jeder, im Geiste oder real, den Kopf einzuziehen.

Lintschi auf dem Fahrrad, die Pedale tretend ... Die Selbstmorde zweier junger Mädchen vor Jahren soll sie mit ihrem Getratsch verursacht haben. Es ging (wie könnte es anders sein) um geheime Liebschaften, illegale Schwangerschaften, verfeindete Familien. Gerüchte werden ausgestreut, Tatsachen verdreht oder bekräftigt; ein Blick, ein Wort zum richtigen Zeitpunkt — und schon hängen die Armen mit dem Strick an einer Weide, zerschmettern sich von einem Felsen des Steinbruchs.

Das Infame dabei ist, daß die Lintschi weiter in dem Ruf steht, sie habe es immer gut gemeint. Die furchtbare Realität, die etwas derart Abstraktes wie ein Wort, ein Satz, ein Gerede nach sich ziehen kann, ist dem ländlichen Bewußtsein, das sich ja immer nur mit Konkretem beschäftigt, sich nur zu Materie in Beziehung setzt, unverständlich.

Die Lintschi, dieser Würgeengel des Weinviertels, hätte auch die sprichwörtliche Rasende Reporterin werden können. Nur, als Tochter des einstigen Dorftrommlers und Gemeindestierhalters (der, gemeinsam mit dem Abdecker und dem Totengräber, die Kaste der Paria in der ländlichen sozialen Hierarchie bildete) hat sie’s halt wirklich nicht werden können.

Wenn ich zum Beispiel einmal alle heilige Zeiten die Haustür aufmache, um den Postkasten zu entleeren (trotz oder wegen meines Aufklebers „Reklame unerwünscht!“ ist er vollgepfropft mit Prospekten) — wenn ich also etwa einmal in fünf Tagen vors Haus trete, so kann ich Gift darauf nehmen: die Lintschi fährt in diesem Augenblick mit dem Rad, in genau dieser Sekunde, vorbei. Ich reiße die Tür auf, es ist heiß, im Flur herrscht dämmriges Licht, draußen der grelle Sonnenglast, und ich bin, sagen wir, mit Pullover, Shorts und Socken bekleidet; wobei aber der Pullover so lang ist, daß die Shorts durch ihn verdeckt werden, so daß es vielleicht so aussieht, als hätte ich nur einen Pullover und Socken an und sonst nichts ... Ach! Was für ein durchbohrender Blick von der Lintschi trifft mich in diesem Moment!

Wobei ja zu bedenken ist, daß ein Rad, auch wenn man aufhört, in die Pedale zu treten, doch immer noch rollt und sich fortbewegt, die Lintschi aber gezwungen ist, ihren Kopf so lange in einen rechten Winkel zur Straße zu drehn, um mich mit ihrem Blick zu durchbohren, daß ich bereits für ihr Leben fürchte ... Aber es geht immer glimpflich ab.

Wie ja überhaupt die langsamfahrenden Vehikel, Rad und Traktor, mit Lenkern, weiblichen wie männlichen, besetzt sind, die diese merkwürdige Kunst vollendet beherrschen: Ein Volk mit starr nach links oder rechts gedrehten Köpfen, wie auf den Friesen der alten Ägypter.

Jeder Tratsch ist etwas Inszeniertes; und der Tratsch verläuft in Zyklen. Unabdingbar und das Wesen seiner Bestimmung ist es, daß er wieder zu seinem Ausgangspunkt zurückkehrt. Am Ende muß der Tratsch sein schuldloses Opfer wieder erreichen und treffen. Andersherum gesagt: Das Objekt des Tratsches muß vom Tratsch, der über es im Umlauf ist, erfahren — sonst wäre der Tratsch sinnlos. Das Objekt muß verletzt, irritiert, beschämt, gedemütigt, im besten Fall zerstört werden. So lauten die Spielregeln.

(Im Unterschied übrigens zum bloßen „Ausstallieren“, das als harmlosere Variante auch als reines l’art pour l’art betrieben werden kann.)

Was aber tun, wenn die Neue mit den Anrainern weder die Schweine hütet, noch vor Zeiten die achtklassige Volksschule besucht hat und auch in keinem der Hinterhöfe ein- und ausgeht? Wo setzt der vernichtende Hebel an? Wie erreicht der Tratsch sein Opfer? Ein genialer Trick kommt da ins Spiel — die Akustik, oder die Echo-Technik.

Ich kann der Einfachheit halber gleich mit meinen eigenen Ohren mitanhören, was über mich getratscht wird: Die sogenannte Verständigung der Leute untereinander erfolgt oft über große Distanzen hinweg. Sagen wir: vom Schuppen hinüber zum dritten Keller oben auf der Böschung. Oder vom Erdäpfelfeld zum schräg gegenüber liegenden Holzplatz.

Die Tonlage der Rufenden steigt mit der Entfernung höher und höher (da hört sich’s besser): ein Keifen, ein Quieken, ein schrilles Kreischen. Meist muß auch noch die Kreissäge und der Ö3-Sport aus dem Lieferwagen übertönt werden.

Am Anfang glaubt man ja, die Leute streiten sich — aber nein! Dabei wäre es so einfach, auf den Äckern, Wiesen, Böschungen näher aufeinander zuzugehn, und dann erst zu tratschen. Oder gilt das als unschicklich?

Die Lintschi, eine Meisterin der hohen Tonlage, braucht natürlich ihren gut eingespielten und geübten Widerpart. Den hat sie in der Person des alten Johann (von Haus C des Haß-Schemas) gefunden. Ein ideales Paar! Nah genug an meiner Grenze, und doch in sicherer Entfernung; dazu eine einmalige Akustik samt Echo ...

Der Johann ist auf seine Art auch bereits Legende. Er hatte es zwar immer mehr mit dem „Ruacheln“ — in der Nachkriegszeit soll er sich extra Schuhe angefertigt haben mit verkehrt angenagelten Sohlen, um in Lehm oder Schnee bei seinen Beutezügen die Spuren zu verwischen. Ein Indianer des Weinviertels! Aber diesen entehrenden Tratsch hat er dann damit beantwortet, daß er die Deckeln von leeren Austria-3-Zigarettenschachteln an die Bäume am Straßenrand klebte, wie Leimringe, versehen mit dem Namen des Urhebers dieses Tratschs und dem Begriff „Drecksaul“. Der Johann, überzeugter Nichtraucher, soll dann listigerweise von Haus zu Haus gewandert sein und die Leute auf die Leimringe aufmerksam gemacht haben, verbunden mit der Frage: Ja, wer könnt denn des da hinpickt habn?

Es fällt mir auf, daß ich von den Verbrechern der Häuser straßauf, straßab weiß, ohne daß meine eigenen Verbrechen bekannt sind; bis auf das bißchen Nackt-Spazierengehen tagsüber im Sommer auf der Straße. Da sammle ich gerne die Gegenstände auf, die immer wieder vor meiner Tür liegen!

Eine einzelne verschwitzte Einlegesohle aus Filz, aus einem vorbeifahrenden Auto geschleudert ... Eine zerquetschte Blindschleiche auf den Stufen ... Verfaulte Kartoffeln ... und ein schmutziges, halbzerfetztes Pin-up-Photo aus der »Kronen Zeitung«.

H. P., FORVM-Autorin seit immer, ist neuerdings auch Präsidentin der »Grazer Autorenversammlung«. Wir gratulieren. -Red

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1991
, Seite 26
Autor/inn/en:

Heidi Pataki:

Studierte Zeitungswissenschaft und Kunstgeschichte an der Universität Wien; Gedichtband „schlagzeilen“, Suhrkamp 1968; Literaturkritik Hessischer Rundfunk u.a. ORF Studio Steiermark (Essays über jugoslawische Literatur „Über die Grenzen“); Übersetzungen aus dem Serbokroatischen, Englischen. Von 1970 bis 1980 Redaktionsmitglied des FORVM. Sie gehörte 1973 zu den Gründungsinitator/inn/en der Grazer Autorinnen/Autorenversammlung, ab 1991 war sie deren Präsidentin.

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