FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1982 » No. 337/338
Friedrich Engels

... hat Polen keine raison d’être mehr

Engels aus Manchester an Marx in London

Der deutschnationale Chauvinist Friedrich Engels schrieb am 23. Mai 1851 einen Brief an den Slawenhasser Marx, in dem er nicht mehr und nicht weniger andeutet, als daß er im Falle eines Sieges der Revolution in Europa Polen mit Rußland teilen würde (Quelle: Marx/Engels, Werke, Bd. 27, S 265 ff.). »Ihr Land ausfressen« hieß das Rezept des 30jährigen Engels. Ein deutsch-russischer Pakt à la Hitler und Stalin 1939!

Engels’ Position war auch vor dem damaligen historischen Hintergrund reaktionär. Die bürgerliche Revolution in Österreich-Ungarn, an der sich die Polen beteiligten, nicht nur durch eigene Bewegungen 1848 im preußisch und österreichisch besetzten Teil, sondern auch an der Verteidigung Wiens durch General Bem und seine Polen gegen die reaktionären Truppen des Generals Windischgrätz, wurde durch eine russische Intervention 1849 in Ungarn endgültig niedergeschlagen. Auch dort kämpften Polen auf seiten der Revolutionäre.

Die Rache des Krimkrieges (1854—56) ging schief, als Engländer und Franzosen versuchten, mit Hilfe der Polen und Türken von der Krim aus Rußland niederzuwerfen. Der letzte polnische Aufstand unter Führung der privilegierten Klassen 1863 scheiterte ebenso wie der von 1830 am Ausscheren der Bauern: der Zar hatte den polnischen Adel mit der »Bauernbefreiung« von 1861 unterlaufen. Polnische Bauern oder Bourgeois kommen für Engels als Verbündete nicht in Betracht, ihnen müßte er nach gelungener Revolution territoriale Konzessionen machen. M. S.

»Wie ich eine Zigarre rauche.«
(Selbstkarikatur des jungen Engels)

Lieber Marx,

[...] Gibt es Krawall im nächsten Jahr, so ist Deutschland in einer verfluchten Lage. Frankreich, Italien und Polen sind bei seiner Zerstückelung interessiert. Mazzini hat sogar, wie Du gesehn hast, den Tschechen Rehabilitierung versprochen. Außer Ungarn hätte Deutschland nur einen möglichen Bundesgenossen, Rußland — vorausgesetzt, daß dort eine Bauernrevolution durchgeführt worden ist. Sonst kriegen wir eine guerre à mort mit unsern edlen Freunden nach allen vier Winden hin, und es ist sehr fraglich, wie diese Geschichte enden wird.

Je mehr ich über die Geschichte nachdenke, desto klarer wird es mir, daß die Polen une nation foutue sind, die nur so lange als Mittel zu brauchen sind, bis Rußland selbst in die agrarische Revolution hineingerissen ist. Von dem Moment an hat Polen absolut keine raison d’être mehr. Die Polen haben nie etwas anders in der Geschichte getan, als tapfre krakeelsüchtige Dummbheiten gespielt. Auch nicht ein einziger Moment ist anzugeben, wo Polen, selbst nur gegen Rußland, den Fortschritt mit Erfolg repräsentierte oder irgend etwas von historischer Bedeutung tat. Rußland dagegen ist wirklich progressiv gegen den Osten.

Die russische Herrschaft mit all ihrer Gemeinheit, all ihrem slawischen Schmutz, ist zivilisierend für das Schwarze und Kaspische Meer und Zentralasien, für Beschkiren und Tataren, und Rußland hat viel mehr Bildungselemente und besonders industrielle Elemente aufgenommen, als das seiner ganzen Natur nach chevaleresk-bärenhäuternde Polen. Schon daß der russische Adel fabriziert, schachert, prellt, sich korrumpieren läßt und alle möglichen christlichen und jüdischen Geschäfte macht, vom Kaiser und Fürst Demidow bis herab zum lausigsten Bojaren 14. Klasse, der nur blaharodno, wohlgeboren, ist, schon das ist ein Vorzug. Polen hat nie fremde Elemente nationalisieren können — die Deutschen der Städte sind und bleiben Deutsche. Wie Rußland Deutsche und Juden zu russifizieren versteht, davon ist jeder Deutschrusse aus zweiter Generation ein sprechendes Exempel. Selbst die Juden bekommen dort slawische Backenknochen.

Von der »Unsterblichkeit« Polens liefern Napoleons Kriege 1807 und 1812 schlagende Exempel. Unsterblich war bei den Polen bloß ihre Krakeelerei ohne allen Gegenstand. Dazu kommt, daß der größte Teil von Polen, das sog. Westrußland, d.h. Bjelostok, Grodno, Wilna, Smolensk, Minsk, Mohilew, Wolhynien und Podolien sich mit geringen Ausnahmen seit 1772 ruhig hat von den Russen beherrschen lassen, ils n’ont pas bougé, mit Ausnahme von ein paar Bürgern und Edelleuten hier und da. ¼ von Polen spricht Litauisch, ¼ Ruthenisch, ein kleiner Teil Halbrussisch, und der eigentliche polnische Teil ist zu voll ⅓ germanisiert.

Glücklicherweise haben wir in der »Neuen Rheinischen Zeitung« keine positiven Verpflichtungen gegen die Polen übernommen, als die unvermeidliche der Wiederherstellung mit suitabler Grenze — und auch die noch unter der Bedingung der agrarischen Revolution. Ich bin sicher, daß diese Revolution in Rußland eher vollständig zustande kommt als in Polen, wegen des Nationalcharakters und wegen der entwickelteren Bourgeoiselemente in Rußland. Was ist Warschau und Krakau gegen Petersburg, Moskau, Odessa pp.!

Resultat: Den Polen im Westen abnehmen, was man kann, ihre Festungen unter dem Vorwand des Schutzes mit Deutschen okkupieren, besonders Posen, sie wirtschaften lassen, sie ins Feuer schicken, ihr Land ausfressen, sie mit der Aussicht auf Riga und Odessa abspeisen, und im Fall die Russen in Bewegung zu bringen sind, sich mit diesen alliieren und die Polen zwingen nachzugeben. Jeder Zoll, den wir an der Grenze von Memel bis Krakau den Polen nachgeben, ruiniert diese ohnehin schon miserabel schwache Grenze militärisch vollständig und legt die ganze Ostseeküste bis nach Stettin bloß.

Ich bin übrigens überzeugt, daß bei dem nächsten Krawall die ganze polnische Insurrektion sich auf Posener und galizische Adlige nebst einigen Zuläufern aus dem Königreich beschränken wird, da dies so scheußlich ausgesogen ist, daß es nichts mehr kann, und daß die Prätensionen dieser Ritter, wenn sie nicht von Franzosen, Italienern, Skandinaviern pp. überstützt und durch tschechoslowakische Krawalle verstärkt werden, an der Erbärmlichkeit ihrer Leistungen scheitern werden. Eine Nation, die 20.000 bis 30.000 Mann höchstens stellt, hat nicht mitzusprechen. Und viel mehr stellt Polen gewiß nicht [...]

Dein

F. E.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Februar
1982
, Seite 37
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Friedrich Engels:

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