FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1991 » No. 452-454
Peter Gutjahr

Habt Erbarmen mit den Pferden

Eine Anmerkung zur sozialen Frage

Ein Pferd, das muß man gut behandeln. Sonst ist es nichts wert. Genug zu fressen, eine Box, wo es sein Zuhause hat und seine private Ruh, sonst erholt es sich nicht.

Es braucht aber auch genug zu tun. Man soll ein Pferd immer ein bißchen fordern, speziell, solange es jung ist. Das ist gut für seinen Körper und bindet seine Seele an seinen Herrn, der es lobt, weils brav gewesen ist. Lob tut jeder Seele gut, und die Herausforderung stärkt den Willen. Sonst wird ein Pferd krank, gerade so wie ein Mensch. Ein Pferd ohne Arbeit ist ein Pferd ohne einen Herrn, und das ist das Schlimmste für ein Pferd. So hat es weder Sinn, noch einen Zweck mehr, was bei einem Pferd dasselbe ist. Es ist Mittel zum Zweck, und das ist sein Sinn. Ohne Verwendung ist ein Pferd sinnlos, es fühlt sich leer, krank, unbehaglich in sich selbst. Es wird depressiv und reizbar, sein natürlicher Lebenszusammenhang ist ihm verloren, so fühlt es sich, und schließlich stirbt es, weil es nichts mehr war.

Man muß Pferde gut behandeln. Fürsorglich oder sozial, wie man auch sagt. Aber doch auch wieder nicht zu gut, nicht zu sozial. Es verliert sonst die Einstellung und kommt auf Gedanken. Und Gedanken sind schlecht für ein Pferd. So ein Tier versteht ja seine eigenen Gedanken nicht. Macht sich werweißwasfür Hoffnungen und Vorstellungen. Denkt, es sei eigentlich auch ein Mensch, vielleicht sogar der bessere. Es hat ja, denkt es etwa, vier Beine, und kräftigere als ein Mensch. Und einen schönen großen Kopf mit klugen Augen im Gesicht, wogegen ein Mensch durchschnittlich ja ziemlich abstinkt.

Selten ist ein Pferd so häßlich wie ein Mensch. Aber schön ist es nur, wenn es nicht hat denken lernen müssen in seinem Leben. Ein depressives Pferd hat keine Schönheit mehr, es ist ein trauriger Anblick, und sein Gesicht gleicht mehr dem eines Menschen als dem eines Pferdes. Die ganze Haltung eines so herabgewirtschafteten Gauls erinnert an einen Gebrochenen, der auf der Brücke steht und in die braunen Fluten des Flusses starrt, sehnsüchtig, aber zu traurig, wirklich zu springen.

Das Pferd ist schön, weil es seiner Wahrheit nicht widersprechen muß. Keine innere Not, die immer Ausdruck einer Ohnmacht ist, treibt es über sich selbst hinaus. Nicht muß es sich denken, sich zusammendenken, denn nie war ein Zwiespalt da zwischen dem Pferd und seiner Existenz, wenn es richtig behandelt, gepflegt und geführt worden ist. Es ist eine Kunst, Pferde zu halten.

Man sollte Pferde nicht auf Gedanken bringen. Es ist nicht nötig, daß sie sich wissen. Es genügt, daß ein Pferd sich ahnt. Und die paar Kleinigkeiten lernt, die es zu seinem Leben braucht. Das Übrige ist angewandte Psychologie. Da muß der Mensch im allgemeinen noch zulernen.

Das Pferd ist ja von Natur her ein gutwilliges, geselliges Tier, das sich gerne anleiten läßt. Einem einmal akzeptierten Führer überläßt es sich ganz und gibt sich für ihn hin. So leistet es dem Menschen unersetzliche Dienste, und es ist dem Menschen eine Freude, die Liebe seines Pferdes zu fühlen und die Lust, mit der es ihm dient.

Die Idee der Gleichheit ist dem Pferd als einem Rudeltier geläufig und sozusagen Mutterwitz. Zugleich aber ist es bereit zu folgen und akzeptiert die Autorität des Leittiers. Das Pferd ist ein ideales Arbeitstier, wenn man es zu führen weiß. Aber wenn man ihm beibringt, es sei um sein Leben betrogen, indem es sein Bestes gibt und das Glück hat, seinen Herrn zu lieben, der es nährt und pflegt und widerliebt, ja was soll dabei herauskommen? Nichts, als daß es rebelliert. Es wird ja dazu angehalten, den Ungleichen gleich zu machen. Da aber der Herr nun einmal ein Mensch ist und kein Pferd, muß es ihn angreifen, um ihn zu töten. Schon seiner Angst wegen, die es noch vor ihm hat. Wenn das Pferd ein gesundes, starkes Pferd ist, hat es eine Ehre und einen Stolz. Es muß seinen Herrn abwerfen, wenn man seinen natürlichen, guten Unterwerfungsinstinkt untergräbt. Sein Stolz verlangt es, daß es keinem Gleichen dient. Die Idee der Gleichheit richtet die Pferde zugrunde, macht sie rebellisch und unglücklich. Es ist besser, der Mensch behält das Wissen um die Bewußtheit für sich. Es ist nicht gut für Pferde, sich zu wissen. Die Ahnung genügt. Alles andere schadet nur, dem Pferd sowohl, als auch dem Herrn. Habt Erbarmen mit den Pferden.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juli
1991
, Seite 63
Autor/inn/en:

Peter Gutjahr:

Foto: Selbstportrait, 2016
Geboren 1954 in Hard, Vorarlberg, Österreich. Lebt seit seiner Pensionierung in einem Gemeindebau in Ottakring / Wien. Vertreibt sich die Zeit mit Malen und Schreiben. Arbeitet gelegentlich an einer „AdFinitum" betitelten Sammlung von Meinungen, Kommentaren, Beobachtungen, die, da er seinen Tod wohl nicht wird dokumentieren können, irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft als vollendet der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden darf.

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