FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1967 » No. 164-165
Manès Sperber

Geschick und Mißgeschick des Geistes in der Politik

Manès Sperber, gebürtiger Österreicher, seit dreißig Jahren in Paris ansässig, Essayist und Romancier von europäischem Ruf („Der brennende Dornbusch“, „Die verlorene Bucht“, „Die Achillesferse“, Trilogie „Wie eine Träne im Ozean“), Schüler Alfred Adlers, tief geprägt vom Erlebnis des spanischen Bürgerkrieges und der theoretischen wie praktischen Begegnung mit dem Kommunismus, ist nun wieder öfters in Wien zu hören; insbesondere auf die Studenten der Universität Wien hat er seit seinem Auftreten im „Symposion 600“ tiefgreifenden Einfluß gewonnen. Der nachfolgende Text wird in erweiterter Form in Sperbers Essayband „Zur täglichen Weltgeschichte“ enthalten sein, welcher im Herbst bei Kiepenheuer & Witsch erscheint.

Dienende Intellektuelle

Die Vielfältigkeit dessen, was man Politik nennen muß, bringt leicht und oft Verwirrung in die politische Diskussion, selbst dann, wenn ein jeglicher sich der Objektivität befleißigen und der Wahrheit dienen möchte. Angesichts so gearteter Komplexität sollte man annehmen, daß die Politik seit jeher gelehrt und gelernt worden sei und daß sie im wesentlichen von entsprechend ausgebildeten Menschen als Beruf ausgeübt werde. Wie man weiß, ist jedoch der Berufspolitiker eine relativ neue Erscheinung. In der athenischen Demokratie gab es keine Berufspolitiker, aber eine große Zahl von Männern, die von der Politik besessen waren. Die Herrscher ihrerseits und ihre Cliquen verfügten immer über geschulte Helfer, über Intellektuelle, die ihre Geheimschreiber waren, ihre diplomatischen Boten, ihre Beichtväter, wenn sie welche brauchten. Vor allem aber waren diese dienenden Intellektuellen damit beschäftigt, die Taten und Untaten ihrer Herren religiös, moralisch und juristisch zu begründen und zu verteidigen.

Gewöhnlich machten sie nicht ihre eigene Politik, sondern jene, die ihren Herren am meisten behagte. Im gleichen Geiste produzierten sie Ideologien, deren Funktion es war, zu beweisen, daß die Gegenwart die sinnvollste und allein mögliche Fortsetzung der mythisierten Vergangenheit war und daß die Zukunft nichts anderes als die Verewigung dieser Gegenwart sein könne.

Es besteht kein Zweifel, daß jedes Regime, auch das abscheulichste und verhaßteste, immer so viele dienstfertige Intellektuelle finden konnte, als es nur irgend zu brauchen glaubte: Magier und Priester, Philosophen und Poeten, Ärzte, Chemiker, Juristen und so weiter. Doch blieben diese geistigen Gehilfen stets im Schatten; sie wurden nur sichtbar und laut — so etwa wie die Hofnarren —, wenn es ihnen erlaubt oder anbefohlen war.

Rebellierende Propheten

Der erste bedeutende Bruch mit dieser Tradition erfolgte in Israel. Die Propheten, die sich ursprünglich mit der Rolle intellektueller Gefolgsmänner abgefunden hatten, machten sich gleichsam selbständig. Sie sprachen nicht im Namen des Königs, sondern im Namen Gottes, der sie geschickt hatte, gegen den König und seinen Hof, gegen die Verruchtheit der Mächtigen und Reichen und selbst gegen den charakterlosen Opportunismus der Priester. Die Propheten beriefen sich auf Gott; doch waren sie die ersten Intellektuellen, die, nur ihrem eigenen Gewissen treu, in die Politik eingriffen. Sie waren gekommen, ihre Sendung zu erfüllen; sie lehnten es ab, irgendeinem Herrn oder seinem Interesse zu dienen.

Man weiß, daß diese Männer verfolgt, daß manche von ihnen aufs grausamste umgebracht wurden. Sie liebten das Volk, aber in einer Art, in der niemand geliebt werden möchte. Sie erinnerten es immer an die Gebote, die es nicht erfüllte, und an die Bündnisbrüche gegenüber Gott. Sie forderten unerbittlich Werke der Gerechtigkeit, die das Dasein eines jeden rechtfertigen sollten. Sie waren Feinde des Alltags, Verächter der alltäglichen Seelen.

Die Stimme eines Jesaia ist in gewissem Sinne immer noch deutlich vernehmbar. Man hört sie überall, wo Menschen erwarten, daß das Gottesreich auf Erden errichtet werde; überall, wo sie für eine Zukunft kämpfen, in der alle gleich, frei und brüderlich sein sollen — denn überall da wirkt der vom Propheten Jesaia formulierte Messianismus, lockt die Verkündigung, daß die Geschichte ein Ende nehmen und die Menschheit endlich beginnen werde, sie selbst zu sein.

Utopist Plato

Nur wenige Jahrhunderte nach diesem Propheten versuchte ein anderer großer Intellektueller in die Politik einzugreifen: Plato, der Jünger des Sokrates, reiste zweimal nach Syrakus, wo er sich darum bemühte, einen Fürsten so zu erziehen, daß er ein für allemal eine weise Ordnung im Staate errichten könne. Plato glaubte, daß die Politik erst dann vernünftig sein und der Staat mit sicherer Hand gelenkt werden könne, wenn man Politik und Staat den Philosophen anvertraute. Es gelang ihm, einen Tyrannen zu einem philosophischen Schwätzer zu erziehen, doch keineswegs einen Philosophen zu einem beispielhaften Staatslenker. Der bejahrte athenische Philosoph mußte schließlich fliehen, um sein Leben zu retten. Er wurde gefangengenommen und wäre als Sklave verkauft worden, hätte man nicht ein hohes Lösegeld für ihn gezahlt. Er durfte nach Athen, zu seiner Akademie zurückkehren und seine Lehren über den philosophischen Staat vervollständigen.

Demosthenes und Münzer

Das Eingreifen von Intellektuellen in die Politik schien von Anfang an zu bedrohlichstem Mißerfolg verurteilt zu sein. Man hat zum Beispiel die Redekunst des Demosthenes gerühmt. Aber man bedenke, was er mit ihr erreicht hat. Nichts, wenn nicht gar das Gegenteil dessen, was er wollte.

Viel später, zu Beginn der Neuzeit, wurde in Münster in Westfalen der letzte religiöse Intellektuelle, der im Namen Gottes die Welt verändern und das Himmelreich auf Erden errichten wollte, zu einem schändlichen Tod gebracht.

Nach dieser Niederlage Münzers sprach die Revolution eine gottlose Sprache; sie berief sich nicht mehr auf den Willen des Weltschöpfers, sondern auf den Willen der Menschen, etwa auf Rousseaus „volonté générale“. Und sie drückte sich nicht mehr in der Sprache der Bibel aus.

Die Theorie ist fähig, die Massen zu ergreifen, sobald sie ad hominem demonstriert, und sie demonstriert ad hominem, sobald sie radikal wird. Radikal sein ist, die Sache an der Wurzel zu fassen. Die Wurzel für den Menschen ist aber der Mensch selbst ... Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, daß der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.

Das erklärte der 25jährige Karl Marx. Er war ein kritischer Anhänger Hegels und Feuerbachs, aber auch einer der vielen Söhne der großen Französischen Revolution. Diese Revolution war zunächst das Werk vieler, fast möchte man sagen: das Werk aller gewesen. Aber sehr schnell nahm sie den Charakter eines ganz ungewöhnlichen Wagnisses an, des größten geistigen Abenteuers seit dem Ende der Antike. Es war die hohe Zeit der dramatischen Geschichte. Alles spielte sich wie auf einer nach allen Seiten offenen Bühne ab; die ganze Menschheit folgte atemlos einem Spektakel, das Jahre dauerte und immer aufregender wurde: seine Hauptdarsteller waren Intellektuelle.

Die Revolution der Intellektuellen

Nicht als Geheimschreiber traten sie diesmal auf, nicht als Berater, Beichtväter, diplomatische Zwischenträger oder graue Eminenzen — sie waren sie selbst und sie sprachen für sich selbst im Namen ihres eigenen Gewissens, zugunsten der eigenen Überzeugungen. Das taten Robespierre, Camille Desmoulins, Marat, Danton, St. Just und so viele andere. In jenen Jahren hat sich die Situation der Intellektuellen in der Politik geändert; damals wurde die Frage nach der Rolle der Ideen in der Geschichte spruchreif. Das sind die Worte eines Deutschen, der 19 Jahre alt war, als die Bastille gestürmt wurde:

Solange die Sonne am Firmamente steht und die Planeten um sie herumkreisen, war das nicht gesehen worden, daß sich der Mensch auf den Kopf, das heißt, auf den Gedanken stellt und die Wirklichkeit nach diesem erbaut ... Eine erhabene Rührung hat in jener Zeit geherrscht, ein Enthusiasmus des Geistes hat die Welt durchschauert, als sei es zur wirklichen Versöhnung des Göttlichen mit der Welt nun erst gekommen.

Mit diesen merkwürdig jugendlichen Worten erinnerte der gar nicht mehr junge Hegel in seinen Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte seine Berliner Hörer an die Begeisterung, zu der die Französische Revolution fast alle großen Intellektuellen jener Zeit hingerissen hatte: Hegel selbst und seinen Freund Hölderlin, so gut wie Klopstock, Schiller, Kant und viele andere.

Bis dahin waren es gewöhnlich Kriege, Naturkatastrophen und Epidemien gewesen, die immer wieder den epischen Gang der Geschichte unterbrachen und den Alltag provisorisch abschafften. Mit der Französischen Revolution wurde die Geschichte nicht infolge eines Unglücks oder einer vom Menschenwillen unabhängigen Katastrophe dramatisch, sondern auf Grund von Ereignissen und Entscheidungen, die alle das gleiche enthielten: das Versprechen des großen, des endgültigen Glücks — für alle.

Keiner der Führer dieser Revolution hatte das 40. Lebensjahr überschritten, nur wenige von ihnen sollten es je erreichen. Das Drama wurde von jungen Intellektuellen gespielt; mit ihnen identifizierten sich die geistigen jungen Menschen überall in der Welt. Somit war die Begeisterung, von der Hegel sprach, nicht zuletzt die Widerspiegelung eines außerordentlichen, ungewöhnlich lang andauernden Erlebnisses: der Alltag schien besiegt — für immer. Die wirkliche Versöhnung des Geistigen mit der Welt schien sich unter aller Augen zu vollziehen. Das glaubten Hegel und Hölderlin; selbst der fast 70jährige Immanuel Kant widerstand der Lockung nicht, mit offenen Augen zu träumen.

Doch was geschah, entsprach immer weniger der Erwartung und dem Versprechen des Glücks. Es herrschte nicht der weltversöhnende Friede, an allen Grenzen wütete der Krieg; die wachsende Tyrannei des zusammenschrumpfenden Grüppchens von Revolutionären setzte der Freiheit ein Ende. Noch immer sprach man so, als ob die großen Hoffnungen verwirklicht würden, doch die Guillotine arbeitete rastlos, die Revolution verschlang ihre Kinder; sie beging Selbstmord.

Das Volk wurde müde, im Futurum zu konjugieren, d.h. alles im Hinblick auf das Glück zu erleiden, das einmal folgen sollte. So starben am Ende Robespierre und St. Just vollkommen vereinsamt. Die Aktion der Intellektuellen scheiterte. Scheiterte? Das ist so sicher nicht. In Wirklichkeit handelte es sich sozusagen um die erfolgreichste Niederlage, die je erlitten wurde. Seit dem Höhepunkt der Französischen Revolution ist die Hoffnung immer allgemeiner geworden, daß die Menschen sich ihrer Geschichte nicht wie einem Fatum zu unterwerfen brauchen, sondern daß sie sie selber machen, nach eigenem Willen gestalten könnten. Diese Gewißheit bedeutet den Sieg der besiegten Revolution, der seit 170 Jahren andauert.

Warum nun versagten jene jungen Intellektuellen, die während einiger Jahre alle Macht in ihren Händen vereinigten? Sie köpften einen König. Doch nicht — so erwies es sich — um den Staat zu schwächen und die einzelnen freier und unabhängiger zu machen. Nein, in unglaublicher Geschwindigkeit bauten die Jakobiner einen neuen Staat, der zentralisierter und daher weit stärker war als der des „ancien régime“. Er identifizierte sich mit der Nation und beanspruchte deshalb, das Subjekt zu sein, dessen Prädikate, die Citoyens, die Staatsbürger zu sein hatten. Das ist nicht die Ausdrucksweise eines St. Just, der eine Charta der Menschenrechte ausarbeitete; dies ist die Sprache einer Staatsphilosophie, die Hegel formulierte, nachdem er auch seine Begeisterung für Napoleon ausgelöscht und im preußischen Staat das verallgemeinernswerte Modell eines Gemeinwesens entdeckt hatte.

Die Schuld der Intellektuellen

Die Wandlung von Revolutionären, die für die Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in den Kampf ziehen und, sobald sie gesiegt haben, nicht den Menschen, sondern den Institutionen alle Macht und alle Rechte zuschanzen — diese merkwürdige Wandlung haben wir auch im 20. Jahrhundert erlebt. Ich getraue mich nicht zu sagen, daß sie unvermeidlich ist. Man kann jedoch feststellen, daß Menschen, die in die Politik gehen, um durch sie im Namen von Ideen das Gemeinwesen von Grund auf zu verändern, gar zu häufig als Tyrannen oder Tyrannenknechte ihre Laufbahn abschließen.

Gewiß ist es wahr, daß jede Revolution die Konterrevolution in sich trägt — wie der Mutterleib die Frucht — und daß diese Konterrevolution in den späten Stunden des gleichen Tages einsetzt, in dessen Morgendämmerung die Revolution gesiegt hat. Und wir könnten damit zu unserer ersten Schlußfolgerung gelangen: Die Verwandlung von Ideen in Institutionen als Folge der Verbindung der Träger dieser Ideen, d.h. der Intellektuellen, mit der Macht ist schuld an dem großen Mißgeschick, das den geistigen Menschen in der Politik immer aufs neue widerfährt: das ebenso tragische wie ironische Mißgeschick, sich selber Feind zu werden und schließlich den zahllosen Falschmeldungen der Geschichte über fundamentale Wandlungen eine neue hinzuzufügen.

Mit 23 Jahren hatte Karl Marx die Hegel’sche Staatsphilosophie abgelehnt, eben weil sie lehrte, daß der Staat nicht für die Bürger da sei, vielmehr sich selber das Ziel sein solle, dem die Bürger nur als Werkzeuge dienen. Man weiß, daß im 20. Jahrhundert mit Berufung auf den Marxismus ein Staat errichtet wurde, der absoluter war, als ihn irgendein konservativer Staatsphilosoph jemals zu definieren oder zu erhoffen gewagt hatte.

Politiker und Oppositionelle

Wir können sehr deutlich zwei Arten des Eingreifens von Intellektuellen in die Geschichte ihrer Zeit unterscheiden.

Die einen wenden sich im Namen globaler Ideen und Ideale der Politik zu. Sofern sie nicht das Glück haben, rechtzeitig besiegt zu werden, werden sie Politiker, privilegierte Diener der Macht oder gar selbst Machthaber. Damit hören sie in der Tat auf, in der Politik Intellektuelle zu sein — sie sind in erster und in letzter Linie Politiker. Als solche üben sie im besten Falle die Kunst des Möglichen aus, im schlechtesten Falle werden sie die gewalttätigen Opfer des Zwanges, dem die Mächtigen ausgesetzt sind: unter den verschiedensten Vorwänden müssen sie rastlos danach trachten, ihre Macht unausgesetzt zu mehren. Was nur Mittel hätte sein sollen, wird zum alles bestimmenden Zwecke, der die erstrebenswerten Ziele immer weiter wegrückt und schließlich in unerreichbare Ferne verbannt.

Die zweite Art des intellektuellen Aktivismus ist die grundsätzlich oppositionelle, die weder zur Machtergreifung, noch zur Teilnahme an der Macht drängt.

Als Voltaire im fast einzelgängerischen Kampfe gegen die Infamie der Institutionen sich gegen die im Namen von Glauben und Recht verübten Rechtsbeugungen erhob, deren Opfer der Chevalier de la Barre und die Familie Calas wurden, stellte er nicht eine politische Frage, ja nicht einmal die Frage nach den Grenzen der kirchlichen Macht. Er empörte sich im Namen seines eigenen Gewissens, doch war seine Haltung entweder für alle Menschen gültig und verpflichtend, oder aber sie war sinnlos.

Als Zola, etwa anderthalb Jahrhunderte später, fast gegen seinen Willen seine dichterische Arbeit unterbrach, um für einen unschuldig verurteilten französischen Offizier jüdischen Glaubens Stellung zu nehmen, wußte er sehr wohl, daß er damit die Armee, die Kirche und alle konformistischen, d.h. den Insitutionen fromm ergebenen Franzosen gegen sich aufbringen mußte. Zola wollte weder eine politische Karriere machen, noch sich in die kleinen oder großen politischen Fragen mengen. Er stand auf und wagte alles nur, weil ihm die Koexistenz mit dem Unrecht, das in seinem Vaterlande die Gerichte einem einzelnen angetan hatten, bis zur Qual unerträglich geworden war.

Jahre seines Lebens hat Emile Zola der Affaire Dreyfus gegeben; er ist verfolgt, niederträchtig geschmäht, angeklagt und zu Kerker verurteilt worden. Der Sieg Zolas ist der unanfechtbare, sinnvolle Erfolg, den Intellektuelle zu erringen berufen sind. Sie haben die Stimme zu erheben, jedesmal, wenn ein großes Unrecht — und wäre sein Opfer nur ein einzelner — die Zeitgenossen zu gleichgültigen, gewissenlosen Komplizen der Infamie zu machen droht.

Der Intellektuelle ist berufen — ja sogar verpflichtet — überall dort einzugreifen, wo es gilt, bestimmte Taten zu verhindern oder anzuklagen, und dies jedesmal, wenn moralische oder geistige Not zu einer allgemeinen Gefahr zu werden droht. Solches Verhalten hat es immer wieder gegeben. Man könnte außer Voltaire und Zola auch Anatole France nennen, Dickens, Tolstoj, Gorkij, Upton Sinclair, Romain Rolland, Karl Kraus, und viele andere, die uns zeitlich noch näher sind.

Intellektuelle als Ordnungsbestien

Nach der großen Probe aufs Exempel, das die Revolution von 1848 und die darauf folgende Konterrevolution gewesen waren, erwies sich der Erste Weltkrieg als schicksalsträchtige Prüfung, der viele europäische Intellektuelle, insbesondere auf dem Kontinent, durchaus nicht gewachsen waren. Es versagten auch manche unter jenen, die sich der Emanzipationsbewegung der Arbeiter angeschlossen und ihre Kriegsgegnerschaft unermüdlich beteuert hatten. Man hat das Manifest der 94 deutschen Intellektuellen nicht vergessen, das allerdings von manchem seiner Unterzeichner später, zu spät, bedauert und in Reue desavouiert wurde. Mitten in diesem Ersten Weltkrieg schrieb der damals 40jährige Thomas Mann:

Sind es nicht völlig gleichnishafte Beziehungen, welche Kunst und Krieg miteinander verbinden? Mir wenigstens schien von jeher, daß es der schlechteste Künstler nicht sei, der sich im Bilde des Soldaten wiedererkenne ... Wir kannten sie ja, diese Welt des Friedens ... Wimmelte sie nicht von dem Ungeziefer des Geistes wie von Maden? Gor und stank sie nicht von den Zersetzungsstoffen der Zivilisation? ... Wie hätte der Künstler, der Soldat im Künstler Gott nicht loben sollen für den Zusammenbruch einer Friedenswelt, die er so satt, so überaus satt hatte. Krieg. Es war Reinigung, Befreiung, was wir empfanden, und eine ungeheuere Hoffnung ... Deutschlands ganze Tugend und Schönheit — wir sahen es jetzt — entfaltet sich erst im Kriege.

Thomas Mann fuhr fort, sich als einen „Unpolitischen“ zu betrachten, und er sah vielleicht tatsächlich auch die folgende Stellungnahme als „unpolitisch“ an:

Ich bekenne mich tiefüberzeugt, daß das deutsche Volk die politische Demokratie niemals wird lieben können, aus dem einfachen Grund, weil es die Politik selbst nicht lieben kann, und daß der vielverschrieene ‚Obrigkeitsstaat‘ die dem deutschen Volk angemessene, zukömmliche und von ihm im Grunde gewollte Staatsform ist und bleibt.

Thomas Mann, den man als den bedeutendsten deutschen Prosaisten unserer Zeit bewundern darf, blieb dieser obrigkeitsstaatlichen Auffassung im Grunde auch später treu, selbst als er Republikaner wurde, und ganz gewiß, als er im Kampfe gegen den Nationalsozialismus, aber auch nach dem Sturze Hitlers, jenes Verständnis für den totalitären Stalinismus aufbrachte, das viele seiner Bewunderer bestürzte. In einem Brief an einen schwedischen Journalisten erläuterte Thomas Mann seine Haltung näher. Nachdem er darauf hingewiesen hatte, daß er aus der sowjetischen Besatzungszone keine schmutzigen Schmähbriefe bekomme und dort auch nicht in Schimpfartikeln angegriffen werde, wie es ihm im Westen geschehe, erklärte er:

Habe ich das allein der Drohung Buchenwalds zu danken — oder einer Volkserziehung, die, eingreifender als im Westen, Sorge trägt für den Respekt vor einer geistigen Existenz wie der meinen? Der autoritäre Volksstaat hat seine schaurigen Seiten. Die Wohltat bringt er mit sich, daß Dummheit und Frechheit, endlich einmal, darin das Maul zu halten haben.

Die gewollte oder ungewollte Naivität dieser merkwürdigen Darlegung soll aus Respekt vor dem toten Dichter unkommentiert bleiben. Jeder weiß sowieso, was man gegen sie einwenden kann. Dank diesem Zitat soll nur deutlich werden, daß, jenseits von links und rechts, dieser große Intellektuelle in Wirklichkeit sich in seinem sozusagen unpolitischen Denken stets treu geblieben ist. Er war und blieb im wesentlichen auf der Seite der wohlgeordneten Institutionen. Er war ebensowenig Kommunist wie Nationalsozialist, er war — wenn ich so sagen darf — eine „intellektuelle Ordnungsbestie“.

In diesem Zusammenhang denkt man natürlich sofort an das häufig zitierte Wort Goethes, daß ein Unrecht der Unordnung vorzuziehen ist. Nun nahm zwar Goethe mit diesem Worte zugunsten eines Verfolgten Stellung, den er so vor dem konterrevolutionären Gesindel von Mainz rettete, das ihn lynchen wollte. Aber in der Tat wurde auch Goethe, jedenfalls nach seiner italienischen Reise, eine solche „intellektuelle Ordnungsbestie“. Seine Haltung in den schweren Krisen seiner Zeit war nur selten beispielhaft.

Intellektuelle als Stalinisten

Kein Jahrhundert hat so oft und so eindringlich wie das unsere den Prozeß enthüllt, durch den Rebellen sich unter revolutionärer Flagge in Konterrevolutionäre verwandeln.

Einer der merkwürdigsten und bemerkenswertesten Fälle ist zweifellos Bert Brecht. Der Dichter offenbarte sich von Anbeginn als ein leidenschaftlich anarchistischer, nihilistischer Geist. Seine besten Gedichte, die in dem Band „Hauspostille“ veröffentlicht wurden, legen Zeugnis davon ab, ebenso wie seine ersten Theaterstücke: „Trommeln in der Nacht“, „Baal“ usw. Noch in der „Dreigroschenoper“ benutzte er John Gay’s damals genau zweihundert Jahre alte „Bettleroper“ und die Gedichte des François Villon, um seinem Publikum die nihilistische Herausforderung ins Gesicht zu schleudern.

Brecht wurde sodann Marxist, Kommunist. Er war der konsequenteste stalinistische Schriftsteller, den es je gegeben hat. Sein Lehrstück „Die Maßnahme“ war ein einziger Lobgesang auf die grenzenlose Niedertracht der GPU und, bemerkenswerterweise, auf die Moskauer Prozesse, die Stalin erst einige Jahre später inszenierte.

In diesem Lehrstück „bewies“ Brecht, daß es ein todeswürdiges Verbrechen ist, dem eigenen Gewissen zu folgen, seinen eigenen Willen zu bewahren und ohne Befehl der Moskauer Zentrale das Richtige zu tun. Denn dies war der Stalin’sche Grundsatz, den Brecht wortreich verbreitete: Ohne Befehl kann es nicht das Richtige sein.

So unglaublich es klingen mag, auch Brecht hätte bis zu einem gewissen Grade von sich sagen können, daß seine Gedanken eigentlich unpolitisch seien. Dieser weltberühmte Kommunist ist zum Beispiel nie der kommunistischen Partei beigetreten. Auf der Flucht vor der Wehrmacht, die 1940 Dänemark besetzte, wo Brecht damals wohnte, geriet er nach Finnland. So trennten ihn nur wenige Kilometer vom Vaterlande des Sozialismus, vom Lande seiner Sehnsucht. Aber er hat dieser Sehnsucht immer meisterhaft widerstanden: nicht in der so nahen Sowjetunion, sondern im sehr weiten Kalifornien suchte er ein Asyl. Die Widersprüchlichkeit seines Verhaltens hat er selber zum Teil in seinem klugen Galilei-Drama gedeutet.

Keiner der beiden genannten großen deutschen Dichter, die gar oft wegweisend die Stimme erhoben, gehörte zum Stamme der prophetischen Ideologen, denn selbst ihre zeitweilige Rebellion war konformistisch, d.h. im Einklang mit diesem oder jenem Staat, mit seinen Institutionen: mit einer Obrigkeit.

Bert Brecht ist einer der Meister der „Schieläugigen“ gewesen. Von ihm haben viele Intellektuelle gelernt, gemäß parteiisch vorgefaßten Meinungen zu entscheiden, was Recht und was Unrecht, wer Kain und wer Abel zu sein hat. Die Schieläugigen hat es natürlich immer gegeben; sie waren die devoten Ideologen der Mächtigen. Heute gibt es sie auch unter Leuten, die sich Revolutionäre nennen, aber sich auf die Seite der Folterknechte stellen, wenn deren Opfer dem andern Lager angehören, doch gegen jede Unterdrückung und die mindeste Art von Freiheitsbeschränkung entschieden auftreten, wenn sie selbst oder ihre Gesinnungsgenossen deren Opfer zu werden drohen. Das wäre nun nur eine übliche parteiische Borniertheit, wenn sich die Schieläugigen in ihren Protesten nicht auf die Ethik beriefen und solcherart Gründe, die gut wären, zu Vorwänden degradierten.

Die Schieläugigen fanden es z.B. durchaus in Ordnung, daß sich selbst Gegner des Kommunismus für den algerisch-französischen Kommunisten Henri Alegh und für die Verbreitung seines Buches einsetzen sollten, darin er die Folter anprangerte, die gegen den FLN und seine Helfer angewandt wurde. Sie fanden es dann ebenso normal, daß dieser gleiche Alegh in Ost-Berlin für das Ulbricht-Regime eintrat und kein Wort dagegen zu sagen wußte, daß Intellektuelle nur wegen ihrer abweichenden politischen Meinung in Ulbrichts Zuchthäusern saßen.

Intellektuelle als Anarchisten

Dem soll hier das Beispiel des französischen Typographen und Journalisten Louis Lecoin entgegengestellt werden:

Lecoin, als Kind bettelarmer Bauern geboren, ging mit 16 Jahren nach Paris und geriet sofort in einen Kreis von Sozialisten und Anarchisten. Drei Jahre später verbüßte er seine erste Gefängnisstrafe, wegen Agitation in einem Streik von Gemüsebauern. Während seines Militärdienstes wird er verurteilt, weil er sich weigert, gegen streikende Eisenbahner vorzugehen. Zwei Jahre später wird er wegen pazifistischer Propaganda zu 5 Jahren verurteilt. Kaum entlassen, schreibt, druckt und verbreitet er Flugzettel mit dem Titel „Erzwingen wir den Frieden“. Er bekommt neuerlich 5 Jahre, überdies 18 Monate wegen seines mutigen Auftretens vor Gericht. Nach 4 Jahren begnadigt, leitet er eine Aktion zugunsten der politischen Häftlinge, wird erneut verurteilt und beginnt seinen ersten Hungerstreik. Bald danach wird er einen zweiten durchhalten, um für Jeanne Morand, eine verhaftete Anarchistin, Gerechtigkeit zu erzwingen. Als Herausgeber der anarchistischen Zeitung „Libertaire“ wird er einer der aktivsten Führer der Befreiungskampagne für die Spanier Ascaso, Durutti und Jover. Er setzt sich mit äußerster Energie für Sacco und Vanzetti ein und ist an der Spitze der Hunderttausenden von Parisern, die 1927 für die zwei italienischen Anarchisten demonstrieren.

Als der spanische Bürgerkrieg ausbricht, gründet Louis Lecoin ein Komitee für das freie Spanien, das sich später „Solidarité Internationale antifasciste“ nennt und das übrigens auch heute noch existiert. Es ist eine der wenigen Organisationen im republikanischen Lager, die dem Stalinismus keinen Vorschub leisten und wirklich ohne Hintergedanken für die Freiheit und die Wohlfahrt des spanischen Volkes eintreten.

Während all dieser Jahre bleibt er Typograph und wird nicht Berufspolitiker.

Lecoin ist ein integraler, d.h. bedingungsloser Pazifist; dafür hat er noch später mehrere Jahre Gefängnishaft erleiden müssen. Doch erst durch seine letzte Aktion ist er in der westlichen Welt berühmt geworden. In seiner kleinen Arbeiterwohnung im 10. Bezirk von Paris unternahm der damals 74 jährige Mann einen Hungerstreik, vom 1. bis 22. Juni 1962, um von der französischen Regierung ein Gesetz zugunsten der Kriegsdienstverweigerer zu erlangen; der alte Freidenker schlug sich damit insbesondere für die christlichen Sektierer, „Zeugen Jehovas“ u.ä. Er stellte den Hungerstreik erst ein, als ihm de Gaulle ein solches Gesetz zusagte. Hier hätten wir den Fall eines Mannes, der nicht davon träumt, eine Obrigkeit gegen eine andere auszutauschen, und der keines Unrechts Komplize wird. Ist er gegen den Krieg, so verwirft er jeden Krieg; ist er gegen die Verfolgung von Unschuldigen, so tritt er für diese ein, gleichviel auf welche Ideologie sich die Verfolger berufen. Er betreibt keine doppelte Buchhaltung.

Intellektuelle als Atomgegner

Seit dem Ende des Krieges gibt es eine neue Art von gleichsam spezialisiertem Pazifismus, der besonders unter den Intellektuellen verbreitet ist. Es handelt sich um die organisierten Gegner der Kernwaffen. Manche von ihnen mögen sogar denken, daß sie erfolgreich sind, denn fraglos scheuen die beiden Weltmächte vor einem Atomkrieg entschieden zurück. Dies aber ist nicht ein Resultat von Oster- und Pfingstmärschen, sondern eine Folge der Entwicklung gigantischer Wasserstoffbomben. Diese haben jede Illusion zerstört, daß eine der beiden Mächte die andere besiegen und den eigenen Sieg überleben könnte.

Doch handelt es sich hier um eine moralische Rebellion. Und da ist die Sache natürlich durchaus ernst. Es ist recht und billig, daß Menschen, die sich berufen fühlen, die öffentliche Meinung zu bilden, ihre Stimme erheben, um zu warnen — und zwar ohne Rücksicht auf irgendeine taktische, strategische, parteiische oder weltanschauliche Opportunität.

Der geistige Führer dieser Anti-Atomisten, der imponierende Greis Lord Bertrand Russell, ist gewiß die bemerkenswerteste Erscheinung unter den einzelgängerischen Intellektuellen dieses Jahrhunderts. Er hat seine Meinungen oft geändert; daraus kann man ihm keinen Vorwurf machen. So war er nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ein entschiedener Gegner der Sowjetunion. Er brandmarkte die Stalin’schen Methoden und verlangte, daß Amerika mit der Drohung der Atombombe und, wenn nötig, durch ihre Verwendung, die Sowjetunion auf die Knie zwinge.

Dieser gleiche Bertrand Russell tritt nun für die einseitige, bedingungslose atomare Abrüstung des Westens ein. Im Oktober 1962, als Präsident Kennedy an Chruschtschow das Ultimatum wegen Kuba richtete, vertrat Lord Russell die Meinung, daß die von Kennedy erhobenen Beschuldigungen lügnerische Erfindungen wären und daß die Russen in Kuba keine Abschußrampen eingerichtet hätten. Damals betrieben er und seine Gefährten mitten in der durch die Russen ausgelösten Krise eine wilde Hetzkampagne gegen die USA — dies im Namen der Friedensliebe. Russell forderte, daß man Kennedy als Kriegsverbrecher vor ein Gericht stelle.

Auch in diesem Falle entdecken wir somit eine Schieläugigkeit, die die moralische Legitimation gewisser Anti-Atomisten zumindest fraglich macht.

Mit alledem soll nicht der Eindruck entstehen, daß die Rolle der Intellektuellen in der Politik stets zweifelhaft, geringfügig und erfolglos sei. Die nicht-intellektuellen Politiker haben, besonders in diesem Jahrhundert, gar zu häufig solche Blindheit gegenüber wichtigsten Tatsachen und Entwicklungstendenzen an den Tag gelegt; sie haben bei der Bestimmung der Ziele und in der Wahl der Mittel so oft versagt, daß man unerlaubt töricht oder ahnungslos sein müßte, um die Mißerfolge und Mißgeschicke der in die Politik geratenen oder absichtsvoll in ihr engagierten Intellektuellen als Beweis einer ihnen allein eigenen politischen Unfähigkeit anzusehen.

Intellektuelle als Ideologen

Marx und Engels betrachteten sich nicht als Ideologen, sondern als Gesellschaftswissenschaftler, als Revolutionäre, die in einer historischen Situation auftreten, in der die Ziele des utopischen Sozialismus wissenschaftlich faßbar und realisierbar werden: das Reich der Notwendigkeit stand vor seinem Ende. Der von ihnen begründete „wissenschaftliche Sozialismus“ schickte sich an, die Menschen in das Reich der Freiheit zu führen. Im Gegensatz zu Hegel waren sie entschlossen, die von den Ideologen auf den Kopf gestellte Welt ins rechte Lot zu bringen: d.h. auf die Füße zu stellen. Wenn trotzdem heute von Ideologie so viel die Rede ist, so meint man im wesentlichen damit ein totales System, das die Welt, die Menschheit, die gegenwärtige Lage, die Probleme der Zeit, die Möglichkeiten und Notwendigkeiten in allen ihren Zusammenhängen erfaßt, verständlich macht und gleichzeitig ihren Anhängern die Wegweiser zum Endziel liefert.

Wenn zum Beispiel ein so bedeutender Denker wie der französische Philosoph Jean-Paul Sartre sich zumindest politisch dem Marxismus verschrieben hat, und dies im Gegensatz zu seiner Metaphysik, so geschah dies eben, weil er in der kommunistisch präsentierten Ideologie ein politisches System zu finden glaubte, das alle Probleme zu einem einzigen zusammenfaßte und sie alle total zu lösen versprach.

Von daher mag man verstehen, warum Männer wie er oder Brecht von dem totalitären Regime angezogen statt abgestoßen waren. Beide glaubten vermuten zu dürfen, daß seine Unmenschlichkeit dem riesigen Maßstabe der menschlichen Probleme entspräche und somit die Methode liefern könnte, sofort, ein für allemal, alle sozialen Probleme der Menschheit zu lösen.

Der gigantische Schwindel der endgültigen Lösung aller Fragen steckt im Kern der Ideologie jener Massenbewegungen, deren Sieg zur Errichtung eines totalitären Regimes geführt hat. Jedem, der sich ihnen anschloß und unterwarf, ward die unangreifbare Gewißheit zuteil, daß er nunmehr alles besser verstünde als jeder, der nicht dazu gehörte, und daß er und seinesgleichen auf dem einzig möglichen Wege zur einzig wünschenswerten und unwiderruflichen Lösung wären.

Die totalitären Ideologien konnten in das politische Leben zivilisierter Nationen eindringen, weil furchtbare, zutiefst sinnlose Kriege, weil Krisen von ungeheuerlichem Tiefgang und degradierender Wirkung in zahllosen Zeitgenossen jene Verzweiflung erzeugte, die ihre eigene Überwindung nur in den illusionären, totalen Hoffnungen sucht und dafür das Opfer des Geistes, d.h. alles selbständigen Denkens bringt.

Diese Ideologien wurzeln im 19. Jahrhundert, doch erst in unserer Zeit hat man sie erprobt, hat man für sie gelebt und getötet und ist man für sie massenhaft gestorben. Sie sind gleichsam der weltliche Messianismus, eine massenmörderische Religion ohne Gott, eine amokläuferische Utopie.

Der politische Ideologe fragt nicht: „Was ist möglich? Was kann man heute, morgen mit dem geringsten Aufwand an Mitteln und Opfern erreichen?“ Er verlangt, daß sofort werde, was sein soll. Er fragt nicht nach dem Preis an Menschenleben, ihm ist kein Einsatz zu hoch.

Kompromiß statt Apokalypse

Die Politik als Kunst des Möglichen ist weder apokalyptisch noch messianisch. Sie begrenzt sich selbst in ihren Zielen und beschränkt sich in der Wahl der Mittel. Sie weiß, daß es Siege gibt, die man nicht erringen soll, weil ihr Preis ungleich höher wäre als ihr Wert, und daß ein solcher Sieg im Endeffekt so vernichtend sein würde wie eine Niederlage.

Sie weiß, daß die von so vielen Intellektuellen und Nicht-Intellektuellen, von Rebellen und ebenso von Schwätzern verachtete Kompromißlösung schwieriger Fragen gewöhnlich die beste ist, weil sie weder zu großes Bedauern bei den einen, noch gefährliche Ressentiments bei den anderen hinterläßt. Die Kunst des Möglichen ist somit weiser, menschlicher als eine von der Ideologie inspirierte Politik.

Freilich kann diese sich selbst bescheidende Politik nur dann gut und weise sein, wenn die Verhältnisse mehr oder minder normal, die Probleme nicht völlig neuartig, die Konflikte nicht extrem sind. In den Dreißigerjahren versuchten die Westmächte, gegenüber Hitler solche Politik zu treiben, und etwa 15 Jahre später machten sie den gleichen Versuch gegenüber Stalin. In beiden Fällen begingen sie katastrophale Irrtümer.

Es ist nicht wahr, daß es menschlich und weise ist, gegenüber expansiver Gewalt und maßlosem Unrecht Gleichmut zu bewahren; es ist nicht wahr, daß man das Recht hat, Augen und Ohren davor zu verschließen, daß die Regeln menschlicher Beziehungen willkürlich und gewalttätig außer Geltung gesetzt werden. Und daher haben Intellektuelle, spätestens seit Jesaia, stets eine bedeutende, unausweichliche Aufgabe zu erfüllen gehabt: Mahner und Erinnerer zu sein im Kampf gegen die Drohungen und Lockungen der Macht.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
August
1967
, Seite 578
Autor/inn/en:

Manès Sperber: Aus Österreich stammend, lebt als freier Schriftsteller und Verlagslektor in Paris. Er war zehn Jahre lang ein enger Mitarbeiter des Individualpsychologen Alfred Adler und ist ein genauer Kenner des Marxismus. Von seinen Büchern wurde vor allem „Der brennende Dornbusch“ ein internationaler Roman-Erfolg.

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