FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1968 » Heft 173
Roland Nitsche

Geschichte, Politik und andere Unglücke

Österreich

Nicht die schlechteste Art, Völker zu unterscheiden, ist die nach der Form ihrer Reflexion auf sich selbst. Man beobachte doch nur einmal den Österreicher beim Spintisieren über Österreich, über seine vermasselte europäische Mission oder seinen inneren Kropf, über den „Schwierigen‘‘ oder den „Herrn Karl“. Im Grunde gibt es für den Österreicher nur ein einziges Welträtsel: weshalb er sich selbst so weit beim Hals heraushängt, und ob wohl die Gegenreformation oder der Proporz daran schuld sei. Wenn einer in großen Tönen von diesem Österreich spricht, ein Horneck oder Wildgans, dann fällt solch unösterreichischer Umtrieb sofort in den österreichischen Orkus des Vergessens, und mahnt einer gar, „der Österreicher hat ein Vaterland“, dann nimmt der Österreicher auch das bloß als sein Schicksal hin.

Da muaß schon ein Zuagraster, bestenfalls eine Amerikanerin kommen, um dem Österreicher das Raunzen über sich selbst zu verleiden. Sie muß kommen, um sein Erzhaus, in dessen Reich einmal die Sonne nicht unterging und das heute selbst in Osttirol Schwierigkeiten hat, boulevardreif zu machen. Dorothy Gies McGuigan heißt die Dame aus dem goldenen Westen, der dies gelang; ihr Buch erschien im Wiener Molden Verlag und heißt schlichtweg und anheimelnd „Familie Habsburg“.

Nichts, was „Die Clique‘‘, pardon die Familie Habsburg an Sensationen zu bieten hat, ist den Forschungen der Forscherin entgangen. Johanna die Wahnsinnige, Ferdinand der Gütige, der auch kein Kirchenlicht war, die Keuschheitskommission und Mayerling, die Damen Welser, Schratt, Vetsera und Chotek, allerhöchste Selbstmorde, Arterienverkalkungen, Liaisons und Walzerseligkeiten finden hier ihre getreue Chronistin. Denn, so meldet der Klappentext, die Autorin verbrachte fast zwölf Jahre in Wien, wo sie sich mit wahrer Leidenschaft in die Geschichte der Habsburger vertiefte. Das kommt von dem Fremdenverkehr, der Kapuzinergruft und den Lipizzanern.

„Sensationen aus der Intimsphäre“ und „die Fülle des verbürgten Tratsches‘‘ mit „reichlich investierter Akribie“ verspricht das Vorwort, das einen „Familienroman von Format“ ankündigt, neben dem selbst der von den Buddenbrooks verblasse. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Deutschland

Das deutsche Bohren im deutschen Problem ist von sehr anderer Art. Wo der Österreicher raunzt, philosophiert der Deutsche, wo der Österreicher spintisiert, meditiert er. Er ist Auto-Erotiker, ein Narziß, der, über den Strom der Geschichte geneigt, nichts anderes sieht als sein eigenes Bild im Wellenspiel der Zeiten. Ob Hölderlins Jünglinge zu Tale wogen, ob für Heine Nachtgedanken über Deutschland zu Weckaminen werden, immer hat der Deutsche das Grundgefühl, er müsse „Beschädigte Paradiese“ sanieren, und Klaus Harpprechts Buch (Steingrüben-Verlag Stuttgart) heißt auch so.

Ein seltsames Buch, und mit großem Genuß zu lesen. Denn gar selten ist der Publizist mit poetischer Ader, der rasende Reporter, der Zeit zu denken findet, der Chronist, der aus dem Seltenen das Typische, aus dem Gewesenen das Kommende und aus dem Strotzenden das Kranke herauszuschauen versteht. Herauszuschauen und mitzuteilen in einem Stil, der stellenweise brillant ist, und mit Bildern, die sitzen wie ein Stich mit dem Florett. Etwa, wenn er ein modernes Bürohaus einen „durchsichtigen Iglu, ein Gewächshaus für Büroklammern“ nennt. Oder wenn er über die „Legende des Widerstands‘‘ gegen Hitler referiert und diese Formulierung findet: „Die Journalisten hatten alle zwischen den Zeilen geschrieben — nur wurde damals so verdammt eng gedruckt.“ Oder, wenn er über die Bayern schreibt: „Die Bayern sind anders. Das ist eine Eigenart, die sie mit Rothaarigen, Juden, Schielenden, Schotten und Halbwaisen teilen. Sie sind anders, und eben das ist unverzeihlich.“

In so wenigen Sätzen kann man nicht mehr über Amerika sagen als in diesen: „Schuldlosigkeit und Jugend, das ist vom Puritanismus der Pilgerväter bis zur Psychoanalyse Amerikas kindhafter, paradiesischer Traum. Beides hat Amerika nicht gewonnen: Schuldlosigkeit und Jugend. Die quälende Furcht, sich schuldig zu machen, wurde im Gegenteil zu einer öffentlichen Obsession, ja zur Seuche, und der lächelnde Aufstand gegen Alter und Tod bewirkte jene permanente Pubertät, die Amerikas Handlungen in Hollywood und in der Weltpolitik so oft bestimmt — die galoppierende Güte des Sheriffs und den Kinderglauben an die Vereinten Nationen.“

Politische Psychologie praktiziert Harpprecht ebenso blendend wie nonkonformistisch in dem Kapitel „Der ideale Antisemit‘‘, in dem er vor dem verlogenen Philosemitismus warnt: „Antisemitismus ist nur solange möglich, wie es Philosemitismus gibt und umgekehrt. Beides ist Unnatur. Beides hindert uns daran, einen Juden als Menschen unter Menschen zu betrachten und zu behandeln. Wir tun damit zuletzt nur den Juden Unrecht.“

Über Außenminister Schröder weiß Harpprecht: „Dr. Schröders Hausphilosophie ist eher infanteristisch. Sie bleibt auf dem Boden. Sie genießt den Vorzug äußerster Schlichtheit: es kann an ihr fast nichts mehr falsch sein. Das geistige Risiko ist auf ein Minimum reduziert.“ Über die deutsche Politik nach Adenauer urteilt Harpprecht so: „Welche Hilflosigkeit und welcher Hochmut, die es dulden, daß wir Frankreich verlieren, uns England nicht nähern, den Amerikanern dennoch entfremden und keine Sympathien in Moskau finden. Deprimierender Ausdruck einer tiefen Ermüdung. Mangel an Prinzipien, an Ordnung, Konsequenz.“

Daß Harpprecht seine Notizen über den deutschen Zustand unter das Motto stellt „Deutschland oder die heimatlose Mitte“ hat seinen — sehr deutschen — Doppelsinn. Denn wie in diesem Land die Mitte heimatlos geworden ist („ein deutscher Zustand, der nicht mit öffentlicher Anerkennung rechnen kann“) ist es Deutschland selbst in der Welt. Ein Versuch, sein Juste-milieu, oder wie immer das in Deutschland heißen mag, zu finden, das ist dieses Buch, welches in so viel Sünde und Wirrnis, Tragik und Irrtum kritisch, ironisch, aber auch poetisch hineinleuchtet, daß auch der Österreicher, obschon mit eigenen Welträtseln befaßt, von Sympathie ergriffen wird.

Auch wenn ein Magyare nächtens an Ungarn denkt, muß das schlafvertreibend wirken. Und denkt er europäisch dazu, dann wird sich ihm die Geschichte unseres Kontinents aus einer sehr anderen Perspektive anbieten als der gewohnten.

Ungarn

Aus einer Perspektive, die das Geschehen von Budapest aus umblickt und erdeutet und damit den Horizont der Betrachtung um etliches nach dem Osten verschiebt. Fühlt solch ein Historiker Ungarn der europäischen Mitte zugehörig, dann muß sich ihm die Geschichte als ein verlorener Kampf um die Mittlerstellung Europas darstellen, die ohne Ungarn nicht zu verwirklichen ist.

Tibor Simanyi („Der Raub Europas‘‘, Europa-Verlag Wien-Frankfurt-Zürich) sieht ein ursprünglich römisches Europa, das ihm eine unteilbare Einheit ist, die vollendet wurde, als Stefan von Ungarn das römische Christentum annahm, sich damit für den Westen und gegen den Osten entschied und sein Land in die Europa Romana integrierte.

Damit war — nach Simanyi — Europa vollendet, und von hier und in dieser Sicht schreibt er dessen Geschichte. Die Türkenkriege formen die mitteleuropäische Gemeinschaft und Ungarn zur Nation. Doch am östlichen Rand Europas ringen die Völker um das nackte Leben, am westlichen Rand des geistigen Kontinents entdecken die Völker die Meere. Die erste Schicksalsverschiebung ist vollendet. „Europa erlebt einen Höhepunkt, der den Westen zum ‚Westen‘ erhebt und zugleich einen Tiefpunkt, der den Osten zum ‚Osten‘ erniedrigt.“ Es ist ein Vorspiel dessen, was sich nach dem zweiten Weltkrieg ereignen sollte, da im Westen der Wohlstand hochschnellte und im Osten das Elend des Stalinismus sich fortsetzt.

„Es zeigt sich, daß Mitteleuropa unintegrierbar ist, solange eine fremde, östliche Macht Ungarn besetzt hält — es bleibt unintegrierbar von 1541 bis 1718 und von 1945 an.“ Denn ein Jahrhundert nach Peter dem Großen ist Rußland die osteuropäische Vormacht, welcher durch Napoleons Niederlage der Weg an den Wiener Konferenztisch eröffnet wird, durch Österreichs Hilfsgesuch während des ungarischen Aufstandes der Weg nach Ungarn, durch Habsburgs politische Fehlorientierung der Weg auf den Balkan, durch den zweiten Weltkrieg der Weg in das Herz Europas.

Diese Geschichte aus der Sicht eines Ungarn, der sein Land der europäischen Mitte historisch, geistig, religiös und kulturell zugehörig fühlt, ist gerade durch ihren so ungewohnten Blickwinkel faszinierend. Und sie ist tragischeste Geschichte. Nicht nur für das ungarische Volk, sondern — so will dieses Buch dokumentieren —, für Europa, das mit Ungarn seine Mitte verloren hat und durch dessen Herz jetzt die Grenze zwischen Ost und West verläuft.

Rußland

Wieder sehr anders stellt sich die Vergangenheit dar, von Rußland aus gesehen. Swetlana Allilujewas „Zwanzig Briefe an einen Freund“, seit Monaten in der ganzen westlichen Welt im Gespräch, sind im Verlag Molden, Wien, erschienen.

Dieses Gespräch, längst vor dem Erscheinen des Buches, ja vor der Vollendung des Manuskripts begonnen, hat der Autorin oft genug Unrecht getan, das Publikum auf einen politischen Reißer vorbereitet und glauben gemacht, es habe ein Stück Enthüllungsliteratur zu erwarten.

Dieses Buch ist alles eher als das. Es ist nicht einmal ein politisches Buch im Sinne der üblichen prominenten Memoiren. Es sind Erinnerungen an das Leben eines Kindes, später einer jungen Frau in einer Familie, die gezwungen war, die Politik, die der Vater machte, zu ertragen. Denn Stalin, der Vater, war kein anderer als Stalin, der Kreml-Herr. Was immer er war, er war es ganz, nur darum ist das Buch ein politisches geworden, und der Selbstmord von Swetlanas Mutter wie die Morde an so vielen Familienfreunden reflektieren den einen und innerlich ungebrochenen, in seiner Natur stets gleichen Menschen, der Stalin hieß.

Wie er durch das Filter des Privaten in das Leben seiner Frau und Kinder politisch eingriff, wie dieses Leben stets von der Macht des Schicksals bestimmt war, die Stalinismus hieß, das ist das Thema dieser „Briefe“. Sie sind ein Document humain, das vor dem Hintergrund der politischen Karriere Stalins geschrieben ist.

Allilujewa vermeidet mit unfehlbarer Sicherheit alle Gefahren, die dieses große Thema in sich trug. Obschon ein gefühlvolles Buch, ist es weit mehr als „Frauenerinnerung“. Obwohl mit russischer Seele geschrieben, ist es denkbar nüchtern geblieben. Obschon Allilujewa ihrem Naturgefühl in breiten, oft wirklich poetischen Landschaftsschilderungen freie Bahn gibt, verläßt sie ihr Thema nie und verfremdet es weder durch hohles Pathos noch durch ödes Moralisieren.

Realistischer kann man nicht schildern, wie ein Weltherrscher zum Monomanen wird und in der Eiseskälte erstarrt, die sich in seiner von Freunden geleerten Umwelt bildet und ihn in den Frostpanzer der Menschenverachtung schmiedet. Ein Monument des Schreckens selbst noch in seinen letzten, furchtbaren Todesstunden, das war Stalin, den das Schicksal für Allilujewa zum Vater bestimmt hat. Zu einem Vater, der einmal mit dem Kinde kindisch scherzen konnte und am Ende nur noch ein Alb war, der über ihrem Leben wie über der ganzen Welt lag.

Schwer zu entscheiden, ob diese „Briefe“ mehr nach politischer, literarischer oder menschlicher Würdigung rufen. In einem leichten Anfall von Nationalstolz sei mit Befriedigung notiert, daß es ein Wiener Verlag ist, der die deutschsprachige Ausgabe herausgebracht hat.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
1968
, Seite 359
Autor/inn/en:

Roland Nitsche:

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